Blanqui oder der staatliche Aufstand

This entry was posted Sunday, 8 July, 2012 at 11:05 am

Louis Auguste Blanqui (1805-1881Louis Auguste Blanqui (1805-1881) hat uns höchstens einen Slogan und ein Buch hinterlassen. Ersteres, Ni Dieu, Ni Maître (Weder Gott noch Meister), wurde auch der Name einer Zeitschrift, die er im November 1880, einige Monate vor seinem Tod, gründete. Letzteres ist das faszinierende L’eternité à travers les astres, méditiations sur l’existence de mondes parallèles et le retour éternel (Die Ewigkeit durch die Sterne, Ansichten über das Bestehen von parallelen Welten und die ewige Wiederkehr). Ein Schlachtruf und ein philosophisches Werk über Astronomie: das ist alles wofür Blanqui es verdient, erinnert zu werden. Den Rest schmeißen wir mit viel Freude auf den Müllhaufen der Geschichte, von seinen anderen Zeitschriften (wie La Partie est en Danger) bis zu seiner avantgardistischen und autoritären Politik.

Nicht jeder teilt diese Sicht. In letzter Zeit gibt es sogar einige, die sich abmühen, um seinen Namen, der für die Vergessenheit bestimmt zu sein schien, wieder auszugraben. Seine Wiederentdeckung wurde von Subversiven einer autoritären Couleur gestartet, die nachdrücklicher, weniger steif und gewandt im Trend der Zeit sind. Angesichts des immer heftigeren Zusammenstürzens dieser Gesellschaft, angesichts des fortwährenden Aufloderns der Brandherde der Krawalle, werden sie einsehen, dass es wahrscheinlicher (und auch wünschenswerter) ist, dass sich ein Aufstand hervortut, als ein Wahlsieg der Linksextremen (die sich dann übrigens in einer zu verwaltenden und lösenden Situation wieder finden würden, aus der es keine schmerzlosen Auswege gibt). Um also von diesem Standpunkt auszugehen, würden sie Gefahr laufen, den Anarchistenbauerntrampeln freies Spiel zu geben, den einzigen, die die aufständische Perspektive niemals über Bord geworfen haben, auch nicht in den grausten Jahren der sozialen Befriedung. Die linken Vorväter der sozialen Kritik, die so genannten „Klassiker“, konnten keine nennenswerte Hilfe sein, da diese schon vor langer Zeit ihren Glanz verloren hatten. Nachdem sie mehr als ein Jahrhundert auf ihren Altären gestanden sind, nachdem ihr Gedankengut wie ein strahlender Feuerturm im Zentrum eines revolutionären Wirbelwinds stand, der mit dem beschämendsten aller Schiffbrüche beendet wurde, bieten ihre Namen keine Garantie mehr. Viel schlimmer noch, sie verursachen wirklich allergische Abstoßreaktionen. Blanqui, der vergessene Blanqui, der größte Vertreter des autoritären Insurrektionalismus besitzt also alle Charakteristiken um ein alternativer, origineller und charismatischer historischer Bezug zu sein, den kommenden Zeiten gewachsen.

Marx, der die Lehnstühle im British Museum warm gehalten hat, um zu erklären, was der Mehrwert oder die formelle Akkumulation des Kapitals ist, oder Lenin, der im Zentralkomitee beschäftigt damit war den Triumph der Parteibürokratie vorzubereiten, also bitte, seien wir uns ehrlich, davon wird man doch nicht mehr entfesselt. Blanqui jedoch, großer Gott, was für ein Mann! Zuallererst löst sein Leben – als Protagonist von vielen aufständischen Versuchen und mit seinem Beinamen l’Enfermé, da er mehr als 33 Jahre innerhalb der Mauern eines der französischen kaiserlichen Gefängnisse verbracht hat – einen derartig bedingungslosen Respekt aus, dass jede eventuelle Kritik, die nicht schon in Stille verstummt ist, doch zumindest etwas vorsichtiger wird. Und dann gibt es noch seine überwältigende Militanz, seine unaufhörliche Agitation und seinen inbrünstigen Aktivismus… und das ganze zusammen mit einer einfachen und unverzüglichen Sprache, die ein kommunistisches Gedankengut ausdrückt, hartnäckig gegen den kalten marxistischen Ökonomismus. Darin verbirgt sich seine heutige Anziehungskraft. Beim Mangel an kritischem Zurückblicken dieser Zeiten, in denen die Augen nur scharf sehen um Allianzen zu bilden, kann Blanqui nahezu durch jeden geschätzt werden: sowohl durch die Antiautoritären, geil auf die Aktion, als auch durch die Autoritären, besorgt um die Disziplin. Blanqui könnte die perfekte Synthese zwischen zwei Geisteshaltungen sein, die im Lauf der Geschichte die revolutionäre Bewegung geformt und geteilt haben. Seinerzeit wurde er von den Gelehrten des wissenschaftlichen Sozialismus ein Bisschen von oben herab behandelt (welche seine guten Absichten erkannten, ihm jedoch letztendlich die gleichen Fehler vorwarfen, die sie auch Bakunin zuschrieben) und von den Feinden jeder Autorität entschieden bekämpft, heute – im vollkommenen Untergang der Bedeutung – hat er alle Karten in der Hand um Revanche zu nehmen.

Denn Blanqui ist nicht nur ein permanenter und feuriger Agitator (jetzt werden die Libertären ohnmächtig vor lauter Emotion), er ist auch ein permanenter und berechnender Führer (und jetzt brechen die Waisen des Staatskommunismus in Applaus aus). Er vereinigt den Mut der Barrikaden mit dem Märtyrertum des Gefängnisses, das Auge verirrt sich im Durchforschen des Sternenzelts. Er formuliert keine großartigen theoretischen Pläne, komplizierten Ausarbeitungen, die unverdaubar sind für den eingeengten Magen von heute, er gibt Anweisungen für den Aufmarsch. Er täuscht keine tiefgehenden Gedanken vor, die unmittelbaren Reflexe reichen aus. Er ist die perfekte revolutionäre Ikone, um heute auf den Markt gebracht zu werden, heutzutage, wo die komplizierten Systeme, über die man sich den Kopf zerbrechen muss, nicht mehr willkommen sind. Heute will man intensive, konsumierbare Emotionen. Und Blanqui langweilt nicht mit abstrakten Diskursen, er ist ein praktischer Mensch, direkt, jemand, dem man zuhören kann, von dem jeder etwas lernen kann und einer dem man vertrauen kann. Deshalb wurde er wieder ausgegraben. Denn unter den vielen Reinkarnationen der revolutionären Diktatur ist er der einzige, der möglicherweise als faszinierender Abenteurer durchgehen kann, anstatt sofort als dreckige Machtfigur entlarvt zu werden. Mit eineinhalb Jahrhunderten Verspätung angelt sich Blaunqui jeden. Hätte er ein Profil auf Facebook, würde es eine Welle an „Gefällt mir“ geben.

Seine Neuaufwertung wird auch durch seine Aktionstaktitk verlockender gemacht. Hast Du in letzter Zeit gesehen, wie die Arbeiterklasse die Bourgeoisie terrorisiert oder eher ein Lächeln auf den Gesichtern der Industriebosse? Hast Du gemerkt wie das Proletariat für seine eigene Emanzipation kämpft, oder eher wie es der Polizei die Hitzköpfe ausliefert? Hast Du Straßen erschüttern gehört durch die aufständigen Massen, die auf den Palast zustürmen, oder hast Du eher Massen an Hooligans gesehen die zum Stadion rennen. Hast Du die Ausgebeuteten gesehen wie sie sich für die radikale Sozialkritik begeistern, oder eher für die nächste Folge einer Reality-Show. In seinen Memoiren erinnert sich Bartolomeo Vanzetti an die nächtlichen Stunden die er mit Büchern verbrachte, Stunden die er bewusst nicht für die Erholung der Strapazen seiner Arbeit in Betracht zog. Er war ein Arbeiter, aber er widmete seine freie Zeit dem Studium: um zu verstehen, um zu wissen, um kein Teil der Maschine des Kapitals mehr zu sein (oder der Dialektik irgendeines Intellektuellen). Heutzutage haben die dunklen Augenringe der Arbeiter eine ganz andere Ursache. Wer am laufenden sozialen Krieg teilnehmen will, muss deshalb diese Offensichtlichkeit berücksichtigen: der Masse ist die Revolution scheißegal.

Aber das ist wahrlich kein Problem mehr, und weißt Du warum? Weil die Massen Blanqui scheißegal waren. Er brauchte sie nicht, ihm genügte eine scharfsinnige, handlungsfähige, unverschämte Elite, die bereitstand um einen gut kalibrierten Schlag im passenden Moment auszuführen. Die Massen würden sich, so wie gewöhnlich, schon an die vollendeten Tatsachen anpassen. Auch direkt inmitten der heutigen kapitalistischen Verfremdung gibt es also noch jemanden, der uns erneut Hoffnung gibt.

Die Leninisten sind überholt, die es noch immer nicht eingesehen haben, dass es sich nicht mehr auszahlt die große Partei zu bilden, die es schafft die Ausgebeuteten zu führen. Auch die Anarchisten sind überholt, denn die sind derartig dumm, dass sie nicht einsehen, dass es kein Bewusstsein mehr unter den Ausgebeuteten zu verbreiten gibt, um zu vermeiden, dass sie in die Hände der Parteien fallen. Was sich auszahlt ist, was sein kann, in anderen Worten, eine handvoll eingeschworener Subversiver, die im Stande sind die richtige Strategie auszuarbeiten und anzuwenden. Ein schneller Eingriff und die soziale Frage ist gelöst! Man muss zugeben – Blanqui ist der richtige Mann, zur richtigen Zeit wiederentdeckt, durch Menschen, die nichts anderes als richtig sein können.

Derartig richtig, dass sie gut aufpassen, um das Gedankengut von Blanqui in seiner Substanz in Betracht zu ziehen, ein Gedankengut, das in vielen Aspekten abscheulich ist. Und das wissen sie. Seine imaginären Freunde sind sich dem derartig bewusst, dass sie sich darauf reduzieren, die Kraft, den Stil, das Gefühl, die Entschlossenheit auf sich wirken zu lassen (zweifelsohne bewundernswerte Qualitäten, die jedoch nicht viel über die Person aussagen, die sie hat: Napoléon, Mussolini oder Bin Laden könnten sich auch damit rühmen). Seine realen Freunde jedoch, wie der Kommunarde Casimir Bouis (der übrigens sein Verleger war), zweifelten nicht am Ansehen von Blanqui: „er ist der kompletteste Staatsmann, besessen von der Revolution.“ Die blanquistische Kraft, der blanquistische Stil, das blanquistische Gefühl, die blanquistische Entschlossenheit – alles steht im Dienst eines sehr genauen politischen Projekts: die Eroberung der Macht. Und sogar sein erstaunliches Buch über Astronomie oder sein sehr treffender Slogan, könnten das niemals verschleiern.

Wer weiß warum diese anständigen Menschen, die Lobeshymnen auf einen Verschwörer aus der Vergangenheit, einem Mann der Barrikaden, einem Verfolgten, einer einflussreichen Person der Bewegung anstimmen wollen, nicht an Bakunin gedacht haben? Denn wenn man den Namen Bakunins hört, erinnert man sich an den Dämon der Revolte, ein Synonym für absolute Freiheit, während Blanqui eher ein Synonym der Diktatur ist. Bakunin wollte „die Anarchie“, Blanqui kündigte die „geregelte Anarchie“ an (ist dieses Adjektiv nicht entzückend?). Bakunin sprach von „der Entfesslung der bösen Leidenschaften“, Blanqui schrieb vor, dass „kein einziges militärisches Manöver stattfinden vor dem Befehl des führenden Kommandanten dürfe, dass die Barrikaden nur auf jenen Plätzen errichtet werden dürfen, die dieser angibt (jener selbsterkorene, führende Kommandant war, ça va sans dire, natürlich er selbst). Bakunin suchte unter den Verschwörern jemanden, „der vollkommen davon überzeugt war, dass die Kommst der Freiheit unvereinbar mit der Existenz von Staaten sei. Darum musste er die Zerstörung aller Staaten wollen, zusammen mit allen religiösen, politischen und sozialen Einrichtungen, wie die offiziellen Kirchen, die permanenten Armeen, die Ministerien, die Universitäten, die Banken, die aristokratischen und bourgeoisen Monopole. Dies hat zum Ziel, es zuzulassen, dass auf deren Ruinen endlich eine freie Gesellschaft entstehen kann, die nicht länger von oben nach unten, vom Zentrum zur Peripherie organisiert wird, durch eine gezwungene Einheit, sondern ausgehend von freien Individuen, der freien Assoziation und der autonomen Kommune, von unten nach oben und von der Peripherie zum Zentrum organisiert wird, durch die freie Föderation.“ Blanqui suchte jemanden, der auf die Frage ob „das Volk sich unmittelbar nach der Revolution selbst regieren könne?“ antworten würde: „Nachdem der soziale Staat korrupt ist, brauchen wir heldenhafte Heilmittel um zu einem gesunden Staat zu kommen: das Volk wird für eine bestimmte Zeit eine revolutionäre Macht benötigen.“ Jemand der vielleicht seine unmittelbaren Anordnungen durchführen kann, wie „den Austausch jedes vertriebenen Chefs durch ein (staatliches) Monopol… Zusammenführung aller Liegenschaften und beweglicher Güter der Kirchen, Gemeinschaften und Kongregationen beider Geschlechter und die ihrer Strohmänner… Reorganisation des Personals der Bürokratie… Ersatz aller direkten oder indirekten Beiträge durch eine direkte, progressive Steuer auf alle Erbschaften und Einkommen… Regierung: Pariser Diktatur.“

Im Lauf des 19. Jahrhunderts waren Bakunin und Blanqui nicht nur zwei Revolutionäre unter vielen anderen, ihre Namen haben so viel Ruhm bekommen, da sie die Verkörperung zweier unterschiedlicher und gegensätzlicher Ideen darstellen, weil sie vor der ganzen Welt zwei mögliche Richtungen des Aufstands vertraten: den anarchistische Aufstand gegen den Staat und den autoritären Aufstand zugunsten eines neuen Staates (erst republikanisch, später sozialistisch und letztendlich kommunistisch).

Auch heute bedeutet sich dem einen oder dem anderen näher zu fühlen, eine ziemlich eindeutige Wahl. Für Blanqui ist der Staat ein treibendes Instrument der sozialen Transformation, nachdem „das Volk nicht aus der Hörigkeit heraustreten kann, außer mithilfe des Impulses der großen Gesellschaft des Staates und man muss Mut haben um das Gegenteil zu behaupten. Der Staat hat in der Tat keine andere legitime Aufgabe als diese.“ In seiner Kritik an den proudhonistischen Ideen behauptete er, dass egal welche Theorie, die das Proletariat befreien wolle, ohne Zuflucht zu nehmen bei der Autorität des Staates, für ihn ein Hirngespinst sei; schlimmer noch, es handle sich „in etwa“ um einen Verrat. Nicht dass er so naiv war um Illusionen zu hegen. Er war ganz einfach davon überzeugt, dass „obwohl jede Macht von Natur aus unterdrückend ist“, der Versuch, es ohne Staat zu tun oder sich regelrecht gegen ihn zu wenden, das selbe ist wie „die Proletarier davon zu überzeugen, dass es einfach sei um, mit gefesselten Armen und Beinen zu laufen.“

Und wer die Auferstehung von l’Enfermé als Interesse an der Praktik des Aufstandes kaschieren will, als technische Notwendigkeit ohne gemeinschaftliche Perspektiven, lügt, nur allzu gut wissend, dass er lügt (mit Ausnahme selbstverständlich der lächerlichen, libertären Trotteln, die es nicht wert sind ein Wort über sie zu verlieren). Denn Blanqui suchte tatsächlich nach einer Übereinkunft „auf dem Kernpunkt, ich meine auf der Ebene praktischen Mittel, die in letzter Konsequenz die Revolution sind,“ er selbst allerdings versteckte nicht die Beziehung, welche die Aktion mit dem Denken verbindet: „Die praktischen Mittel jedoch, werden abgeleitet aus den Prinzipien und sind abhängig vom Ermessen der Menschen und von den Dingen.“ Einer seiner berühmtesten Texte, Instructions pour une prise d’armes, der auch nach den Situationisten, weiterhin viele junge, intellektuelle Generalsanwärter der neuen Roten Armee faszinierte, ist nicht nur ein Handbuch für Aufständische. Es ist kein Zufall, dass der Text bereits 1931 in der Zeitschrift Critique Social publiziert wurde, nicht so sehr angezogen durch seine „anachronistische, strikt ‚militärische’ Seite“, sondern um den „Wert dieses wichtigen Beitrags zur Kritik an den anarchistischen Aufständen“ zu unterstreichen. Tatsächlich sind diese Instructions eine unaufhörliche Apologie der Notwendigkeit einer Autorität, die im Stande dazu ist einer Freiheit ein Ende zu bereiten, die als kontraproduktiv angesehen wird. Sie sind das empörte Geschrei eines Mannes der Ordnung, der so viel Unordnung erblickt – „kleine Banden laufen hier und dort herum, entwaffnen die Wächterkorps, nehmen den Musketieren Waffen und Schießpulver ab. Alles passiert ohne Abstimmungen, ohne Führung, nach individueller Phantasie.“ Der Text ist eine Anklage gegen „den Mangel einer Volkstaktik, die unumstößliche Ursache der Katastrophen. Kein einziges allgemeines Kommando, also überhaupt keine Führung… Die Soldaten tun vor allem was ihnen ihr Kopf sagt.“

Zusammengefasst: Wenn der Aufstand trotz des Muts und des Enthusiasmus derjeniger, die daran teilnehmen, fehlschlägt, dann aufgrund eines „Mangels an Organisation. Ohne Organisation gibt es keine Chance auf Erfolg.“ Das wird auch stimmen, aber wie erlangt man dann diese Organisation, diese Koordination, diese Übereinstimmung unter den Aufständischen? Durch die horizontale Verbreitung eines Bewusstseins, einer Aufmerksamkeit, einer Intelligenz über die Notwendigkeiten des Moments (libertäre Hypothese), die ihm bereits vorausgeht und so umfangreich wie möglich ist, oder durch die vertikale Einführung eines Kommandos, das die Gehorsamkeit aller fordert und durch das alle bis zu diesem Moment in Unwissenheit gehalten werden (autoritäre Hypothese)? Blanqui gibt natürlich seine Anweisungen dazu: „Eine militärische Organisation ist für unsere Partei keine kleine Frage, vor allem wenn man diese auf dem Schlachtfeld improvisieren muss. Es setzt ein leitendes Kommando voraus und bis zu einem gewissen Punkt auch die gewöhnlichen Reihen von Offiziellen aller Ränge.“ Mit dem Ziel den „wüsten Krawalle der zehntausenden isolierten Menschen, die zufällig handeln, in einem Durcheinander, ohne einen einheitlichen Gedanken, jeder in seiner Ecke und nach seiner eigenen Phantasie“ ein Ende zu bereiten. Blanqui erschöpft sich nicht mit dem Auftischen seines Rezepts: „Es muss immer wieder wiederholt werden: das conditio sine qua non des Sieges ist die Organisation, das Gesamte, die Ordnung und die Disziplin. Es ist schwer vorstellbar, dass die Truppen einem organisierten Aufstand, der mit dem gesamten Apparat einer Regierungskraft handelt, lange Widerstand leisten werden.“ Das ist die blanquistische Praxis des Aufstands: eine Organisation, die ihrem Feind gegenüber erbarmungslos ist, die es jedoch weiß in ihrem Inneren Ordnung und Disziplin auszuführen, nach dem Model eines Apparats der Regierungskraft.

Soviel Kasernengestank erweckt bei uns nur Grauen und Verachtung. Auch würde dort eine rote oder schwarz-rote Fahne wehen, die Kaserne wird immer ein Ort der Verpflichtung und der Verrohung bleiben. Der Aufstand, der, statt sich in freien Zügen in Freiheit entwickelt, die stramme Haltung der Autorität annimmt, ist schon von vornherein verloren, ist nichts anderes als das Vorzimmer des Putschs. Glücklicherweise kann man dieser unheimlichen Möglichkeit zum Trotz immer auf den berauschenden Genuss der Revolte vertrauen, die, einmal entfesselt, im Stande ist jedes Kalkül dieser Bettelstrategen über den Haufen zu werfen.

Maurice Dommanget, der Blanqui ein ganzes Leben an Zuwendung gewidmet hatte, berichtete über die Stimmung, die während des aufständischen Versuchs in Paris vom 12. Mai 1839, herrschte: „Blanqui versuchte Anordnungen zu geben, die Desertionen zu verhindern, die ‚Masse zu organisieren’, was eine schwierige Aufgabe war, fast niemand kannte ihn. Alle schrien. Alle wollten befehlen. Niemand wollte gehorchen. Es gab damals einen ziemlich lebendigen und symptomatischen Streit zwischen Barbès und Blanqui, der bis dahin noch von niemandem bemerkt worden war. Barbès beschuldigte Blanqui alle ziehen gelassen zu haben. Blanqui beschuldigte Barbès, dass er mit seiner Trägheit alle entmutigt hatte und den Fortzug der Feigen und der Verräter verursacht hatte.“ Als der Aufstand ausbrach, als die Normalität plötzlich aufhörte die menschlichen Möglichkeiten einzubremsen, als alle befehlen wollten, da niemand gehorchen wollte, verloren die sogenannten Chefs jeglichen Einfluss, mühten sie sich sinnlos ab, um Anweisungen zu geben und begannen letztendlich untereinander zu streiten. Das Durcheinander der Leidenschaften ist immer das beste und wirksamste Mittel gegen die Ordnung der Politik und wird es auch immer bleiben.

Vielleicht kann man den Abgrund, der die autoritäre Vorstellung der insurrektionellen Aktion von der antiautoritären Vorstellung trennt, am besten erkennen indem man sie in der gleichen Zeit und im gleichen historischen Kontext miteinander konfrontiert. Nichts kann in dieser Hinsicht lehrreicher sein als ein Vergleich zwischen Blanqui und Joseph Déjaque, dem französischen Anarchisten, der verbannt wurde nachdem er an den Tagen im Jahr 1848 teilgenommen hatte. Was ist das organisatorische Modell, das von Blanqui vorgeschlagen wird? Eine pyramidale, eine streng hierarchische Struktur, wie die seiner Société des Saisons, die dem insurrektionellen Versuchs vom Mai 1939 vorausging: ihr erstes Element war die Woche, die aus sechs Mitgliedern bestand und einem Sonntag untergeordnet war; vier Wochen formten einen Monat, der unter dem Befehl eines Juli stand; drei Monate formten eine Saison, die durch einen Frühling geleitet wurde; vier Saisonen formten ein Jahr, das durch einen revolutionären Agenten kommandiert wurde; und diese revolutionären Agenten formten zusammen ein geheimes Exekutivkomitee, das den anderen Mitgliedern nicht bekannt war und dessen Generalissimus niemand anderer sein konnte als Blanqui. Im entscheidenden Moment, als endlich der Aufstand ausgerufen wurde, verbreitete das Komitee der Société des Saisons einen Aufruf an das Volk, in dem es mitteilte, dass „die vorläufige Regierung militärische Führer gewählt hat, um die Kämpfe zu leiten; diese Führer kommen aus euren Rängen, folge ihnen! Sie werden euch zum Sieg führen. Es wurden gewählt: Auguste Blanqui, führender Kommandant…“ Dass auch die daraufhin folgenden Erfahrungen, keine Änderung seiner Ansichten zuließen, zeigt, neben seinen schon zitierten Instructions pur une prise d’armes aus dem Jahr 1868, seine Société Républicaine Centrale aus dem Jahr 1848, genauso wie die Phalange und ihre klandestinen Gefechtsgruppen 1870. Zu keinem einzigen Zeitpunkt in seinem Leben hörte Blanqui auf sich gegen die an der Macht stehende Regierung zu verschwören, jedoch immer in einer militärischen, hierarchischen und zentralisierenden Weise, immer mit dem Ziel ein comité des salut public an der Spitze des Staates zu installieren.

Déjaque hingegen wies in den Anmerkungen zu La Question Révolutionnaire (1854) auf die Möglichkeit und die dringende Notwendigkeit hin, um zum Angriff überzugehen, über geheime sociétés hinaus, welche zum Formen kleiner autonomer Gruppen anspornten: „Dass jeder Revolutionär unter denjenigen, auf die er glaubt sich vollkommen verlassen zu können, ein oder zwei Proletarier so wie er selbst auswählt. Und, dass sie in Gruppen von drei oder vier, ohne Bindungen untereinander und separat funktionierend, damit die Entdeckung einer der Gruppen nicht zur Verhaftung aller anderen führt, mit einem gemeinschaftlichen Ziel agieren: die Zerstörung der alten Gesellschaft.“ Zugleich erinnerte er auf den Seiten seiner Zeitung Le Libertaire (1858) daran, wie, dank des Zusammentreffens zwischen Subversiven und gefährlichen Klassen, „der soziale Krieg tägliche und universelle Proportionen annimmt… Wir ergänzen einander, wir Plebs der Arbeitsstätte, mit einem neuen Element, dem Plebs der Gefängnisse… Jeder von uns kann weiterhin auf seine eigene Weise rebellieren.“ Dort wo Blanqui das Volk „einlud“, um eine manövrierbare, eingerahmte, disziplinierte und gehorsame Masse, unter dem Befehl, der selbsterklärten Chefs zu bleiben, wendete sich Déjaque an jedes proletarische Individuum, um dieses zu befreienden Aktionen anzuspornen, auf Basis des eigenen Vermögens und der eigenen Fähigkeit und zusammen mit den Komplizen mit der größten Affinität. Es überrascht darum auch nicht, dass derselbe Déjaque das diktatorische Streben von Blanqui bereits gebrandmarkt hatte: „Die Regierungsautorität, die Diktatur, ob sie sich nun Kaiserreich oder Republik nennt, Thron oder Sitz, Retter der Ordnung oder Wohlfahrtsausschuss; ob sie nun heute unter dem Namen Bonaparte oder morgen unter dem Namen Blanqui besteht; ob sie nun aus Ham oder Belle-Ile kommt; ob sie nun als Wappen einen Adler oder einen ausgestopften Löwen hat… ist nichts anderes als die Vergewaltigung der Freiheit durch die korrupte Virilität, durch die Syphilitiker.“

Auch hier ist es nicht gleichgültig sich mit dem einen oder dem anderen verwandt zu fühlen und stellt dies eine eindeutige Wahl dar.

Es gibt noch einen anderen Aspekt von Blanqui, der es für ein gieriges, aufmerksames Auge scheinbar die Mühe wert war um ihn wieder auszugraben – sein Opportunismus. Blanqui stellte ein gewisses Desinteresse für theoretische Fragen und eine starke Anhänglichkeit an gewöhnliche, materielle Probleme des Aufstands zur Schau, er ist der Pionier von einer Tendenz, die auch heute noch in subversiven Kreisen in Mode ist: der Taktikmus (ein gedankenloses Anwenden von Manövern und Hilfsmitteln um von anderen zu bekommen, was man will) im Namen der Taktik (Technik der Anwendung und das Manövrieren von militärischen Mitteln). Seine Kenner sind es gewöhnt, den Term „Eklektizismus“ zu verwenden, um seine gewandten und selbstsüchtigen Sprünge zwischen verschiedenen Positionen zu beschreiben. Seine Vorstellung des Aufstands als Resultat eines strategischen Schachzugs, und nicht als soziale Gegebenheit, brachte ihn zu dem Schluss, dass der Zweck alle Mittel heiligt. Für ihn zählte nicht die Art und Weise, sondern das Resultat, mit anderen Worten, die effektive Eroberung der politischen Macht. Deshalb versuchte er 1848, trotz seiner Vorliebe für Verschwörungen, eine demokratische Bewegung zu leiten, die für eine Teilnahme an den Wahlen war. Wie sein Kamerad Edouard Vaillant, der am Kongress der Ersten Internationalen im September 1871 in London sein Sprecher war, uns ins Gedächtnis ruft: „Das Werk der Revolution war die Zerstörung der Hindernisse, die ihr den Weg versperrten: ihre erste Aufgabe war es ‚die Bourgeoisie zu entwaffnen und das Proletariat zu bewaffnen, das Proletariat mit allen Kräften der eroberten, politischen Macht zu bewaffnen, die dem Feind abgenommen wurden. Mit diesem Ziel mussten die Revolutionäre gegen die Macht in den Kampf ziehen, auf ganzer Linie gegen sie aufmarschieren: Agitation, Aktion, Parlament usw… Die Revolutionäre schließen sich nicht in das ‚Modelgefängnis’ irgendeines Dogmatismus ein. Sie haben keinerlei Vorurteile.“

Dieser Mangel an „Vorurteilen“ – die zu jener Zeit, jenseits jeder Betrachtung ethnischer Kohärenz, Intuitionen waren, die durch ein Minimum an Intelligenz gegeben waren – führte Blanqui zu teilweise peinlichen Resultaten. 1879, einige Jahre nachdem er gepoltert hatte, dass „den unseligen Ansehen der Versammlungen mit Entscheidungsrecht eine Ende bereitet werden müsse“, versuchte er, ohne Erfolg, als Abgeordneter in Lyon gewählt zu werden. Um dieses lobenswerte insurrektionelle Projekt zu vollbringen, rief er die Hilfe seines Freundes Georges Clémenceau an, damals ein radikaler republikanischer Abgeordneter, dem er schrieb: „Werde im Abgeordnetenhaus der Mann der Zukunft, der Chef der Revolution. Dort wurde es seit 1830 nicht geschafft einen zu finden. Der Zufall macht Sie zu einem, lass diese Chance nicht ungenutzt.“ Nun, wie bekannt ist, machte Clémenceau tatsächlich Karriere. Zuerst wurde er Senator, danach Innenminister und letztendlich zweimal Präsident des Rats. Durch seine blutrünstige Unterdrückung von Streiks und Revolten, die in mehreren proletarischen Blutbädern kulminierten, durch seine erbarmungslose Jagd auf Subversive jeder Couleur und Tendenz, nicht zu sprechen von seiner Kriegssucht während des Ersten Weltkriegs, eroberte er den Zunamen „erster Bulle von Frankreich.“ Es ist schwer zu sagen ob Blanqui sehr weitsichtig war, als er den zukünftigen Chef der Reaktion fragte, Chef der Revolution zu werden. Aber eigentlich ist es gar nicht so abwegig. Er hatte in Clémenceau die Fähigkeit eines politischen Führers erkannt. Er konnte jedoch nicht verstehen, dass die Macht das Grab der Revolution ist.

Deshalb haben wir keinen Grund den Kadaver dieses Generalanwärters zu huldigen. Abgesehen vielleicht vom Slogan und diesem Buch, ruft seine Erinnerung Abscheu hervor. Abscheulich wie sein Streben nach größerer Staatsmacht, sein militärischer Stil, sein Kasernengeist, die Entschlossenheit seiner Camouflagetechniken („Seine Freunde waren davon überzeugt, dass die Persönlichkeit, die in ihm dominierte, die eines General war“, schrieb sein braver Freund Dommanget). Auf dass seine Bewunderer, alte oder neue Führer der Partei des staatlichen Aufstands, sein Grab aufbrechen und voller Emotion dessen Ausdünstungen einatmen. Bei den Erdstößen heutzutage, wer weiß, ob sie nicht zusammen mit ihrem Meister verschüttet werden – die Ewigkeit durch den Schlamm.

übernommen von unruhen.org, Originaltitel: Blanqui o l’insurrezione di Statofinimondo.org – Dezember 2011