Broschüre zu No Tav im Rahmen der Veranstaltung in Berlin erschienen

This entry was posted Tuesday, 17 April, 2012 at 8:23 am

No TAV - Gegen diesen Zug - Broschüre - CoverAnlässlich der am 21. April in Berlin stattfindenden Veranstaltung über die im Nordwesten Italiens stattfindenden Proteste und Aktionen gegen den Bau einer Bahnlinie für einen Hochgeschwindigkeitszug (TAV) ist eine Broschüre erschienen, in welcher eine Vielzahl von Texte und Gedanken zu finden sind. Die Broschüre ist als pdf zum download verfügbar und am Samstag in gedruckter Form.

21. April – 18 Uhr – SFE im Mehringhof (Gneisenaustr. 2a, Berlin-X’berg)

Auszüge aus der Broschüre

Im Gedächtnis der Menschen verflechten sich die Erinnerungen, die Geschichten, die Mythen, vor allem wenn diese wieder zum Leben erweckt und zur Sprache kommen und die Museen und Regale, in denen sie verbannt wurden, verlassen, weil sie nun durch das Feuer der Kämpfe neu entzündet worden. Der Widerstand der PartisanInnen lebt erneut, heute im NO TAV…

Einleitung

“Die Revolution findet nicht durch eine einzige Erschütterung, ein Erdbeben statt, sondern durch eine Unendlichkeit von Zuckungen und Wellenbewegungen, die oft über Jahren andauern.”
Paolo Schicchi, itl. Anarchist, 1865 – 1950

Über die Grenzen hinaus

Diese Broschüre entstand aus dem Gedanken, Kämpfe, die in verschiedensten Teilen dieser Erde stattfinden, für viel mehr Menschen zugänglich zu machen, als nur denen, die direkt in sie involviert sind.
Ein wesentlicher Gedanke der anarchistischen Bewegung ist es, über die Grenzen der Länder, in denen wir leben und agieren, hinaus zuschauen.
Durch den Austausch mit anderen Verbündeten, etwa über Kampferfahrungen, können wir Inspirationen für unsere alltägliche Konfrontation mit der kapitalistischen Gegenwart gewinnen und uns diese zu Nutze machen. Eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Realitäten kann uns dabei helfen, strategische und taktischen Überlegungen weiter zu entwickeln, indem wir den Blick über unseren Tellerrand wagen und uns mit Ideen und Praxen konfrontieren, die unsere kämpferische Kreativität stimulieren.
Wenn wir Texte, seien es theoretische Beiträge oder Berichte über konkrete Aktionen aus anderen Ländern veröffentlichen, dann deswegen, um Diskussionen in Relation zu unseren Angriffen gegen das Bestehende voranzutreiben und diese mit anderen potenziellen MitstreiterInnen teilen zu können. Es ist kein reines Verlangen nach Dokumentation, sondern die Ideen und das Lebensgefühl mit zunehmen, welches sich in den Texten artikuliert.
Außerdem stellen wir fest, dass einige Fragen, mit denen sich Menschen anderswo beschäftigen, gar nicht so unterschiedlich sind zu denen, über die wir uns den Kopf zerbrechen.

Eine Frage der Souveränität

Die Region Piedmont, in welcher der italienische Staat seit Jahren versucht die Hochgeschwindigkeitsverbindung TAV zu realisieren ist reich an widerständischer Tradition. Diese reicht von den Aktionen der PartisanInnen im Zweiten Weltkrieg über die Kämpfe der 60er und 70er Jahre. Auch die permanente Präsenz von AnarchistInnen seit einem Jahrhundert ist ein wichtiger Teil dieser Historie.

Nach Aussage der italienischen Regierung gab es in den letzten Jahren kaum ein Großprojekt, welches nicht mit den unterschiedlichsten Formen des Widerstands konfrontiert war. Der Kampf gegen die Mülldeponien und die Müllentsorgung in der südlichen Region Campania (bei Neapel) sind Teil davon, ebenso der Widerstand gegen den katastrophalen Wiederaufbau in der Region L’ Aquila (die 2009 durch ein heftigen Erdbeben erschüttert und zerstört wurde). Dort taten sich BewohnerInnen mit anderen Menschen, darunter auch AnarchistInnen, Autonome und andere Unzufriedene zusammen, um die Pläne der Regierung radikal in Frage zu stellen und ihnen eine klare Absage zu erteilen.
Während solcher Auseinandersetzungen besteht für den Staat immer die Gefahr, dass nicht nur ein Bauvorhaben in Frage gestellt wird, sondern dass sich darin grundsätzlichere Vorstellungen gegen Autoritäten entwickeln. Gedanken für Selbstorganisierung, Solidarität und Veränderung der Beziehungen zirkulieren unter denen, die sich in diesen Momenten des Aufbruchs finden.
Was sich am Anfang als ein regional beschränkter Kampf darstellt, kann sich plötzlich in diese Richtung entfalten und die Diskussionen beflügeln. Ein Versuch unsererseits, eine vielfältige anarchistische Intervention zu gestalten ist dann unabdingbar.

Von kreativer Intelligenz und Unberechenbarkeit

Im Susa-Tal hat sich ein solches Szenario verwirklicht. Als ein Teil der dort Lebenden anfänglich noch Formen selbstorganisierter Komitees ablehnten, waren einige anarchistische GenossInnen ein Teil derer, die das Potenzial der Situation erkannten und begannen sich auf verschiedensten Ebenen einzumischen. Durch die dauerhafte Auseinandersetzung der Beteiligten, die immer wieder die Notwendigkeit eines parteiunabhängigen, selbstorganisierten und konfrontativen Kampfes betonten und weil die BewohnerInnen des Susa-Tals für solche Ideen offen waren, wurde dieser Kampf zu dem, was er heute ist: Ein Symbol dafür, dass Widerstand möglich ist, dass die Ordnungskräfte trotz ihrer Brutalität zurück gedrängt werden können, dass ein kleines Tal den öffentlichen Diskurs über Jahre prägen kann und dass die Staatsmacht durch den entschlossenen Wille zumindest aufgehalten werden kann. Es hat uns auch gezeigt, dass Menschen, die aus unterschiedlichsten Lebensrealitäten kommen, verschiedener Meinung und bis dato zum Teil „treue StaatsbürgerInnen“ gewesen sind, innerhalb solcher Auseinandersetzungen wachsen können und das eine gegenseitige Beeinflussung möglich und fruchtbar ist.
Dies wurde auch an der Gewaltfrage deutlich. Noch nie ist es in Italien möglich gewesen – vor allem nach dem G8 Gipfel in Genua 2001 – einen Slogan zu hören, welcher nach den Krawallen des 3. Juli in Susa-Tal von einem ganzen Tal gerufen wurde, um die Freiheit der Gefangenen zu fordern und um die Angriffe auf Polizei und Carabinieri als Akte des Widerstand zu deklarieren: “Wir sind alle Black Bloc!“
Eine klare Ansage gegen die Medienhetze und die Spaltungsversuche seitens der Politik.
Nach wie vor ist das eine der größten Stärken dieser Bewegung, die sich durch das Erleben der kämpferischen Jahre entwickelt hat, denn die Erfahrungen, die man selbst erlebt sind immer überzeugender als jeglicher Art der Propaganda.
Beeindruckend ist die kreative Intelligenz der Bewegung im Susa-Tal. Im Laufe der Jahre wurden verschiedenste Formen des Kampfes erprobt um die “berühmt berüchtigte” Unberechenbarkeit zu finden. Eine Unberechenbarkeit von der wir oft nur reden und es uns selten gelingt diese umzusetzen. Eine Voraussetzung um nicht in die bekannten Reflexe zurückzufallen.