Charlie Bauer – Revolutionär und Gefährte im Kampf gegen Knast und Staat verstorben

This entry was posted Friday, 26 August, 2011 at 9:05 am

Charles Bauer, geboren am 24. Februar 1943 in Marseille (FR), verstarb am 7. August 2011 in Montargis (FR) im Alter von 68 Jahren. Ein Herzinfarkt riss ihn unvorhersehbar aus seinem kämpferischen Leben.Charles Bauer, geboren am 24. Februar 1943 in Marseille (FR), verstarb am 7. August 2011 in Montargis (FR) im Alter von 68 Jahren. Ein Herzinfarkt riss ihn unvorhersehbar aus seinem kämpferischen Leben.

„Ich erteile keine Lektionen, ich bin weder Vater Courage noch Rambo. So soll man mich nicht sehen. Wenn ich jemand in seinem Elend sehe, sag ich ihm: „Steh auf und mach was!“”

Er wuchs auf in der Estaque, eines der Viertel Marseilles, in denen ein besonders rauer Wind wehte. Schon früh schloss er sich einer Jugendbande an, um auf der einen Seite ein wenig Geld zum Überleben zu organisieren und auf der anderen Seite, um dem tristen Alltag zu entfliehen. Die damit verbunden Unannehmlichkeiten mit den Bullen und Justiz waren vorprogrammiert, doch sein Leben der alltäglichen Revolte begrub schnell die Logik von staatlicher Justiz und Repression.

„Unser Krieg fand auf der Straße und nicht in den Schützengräben statt. Der Krieg hat schon bald mit uns gespielt. Ein künstlicher Krieg mit richtigen Toten und Verletzten. Wir glaubten nicht an den großen Sieg, das letzte Gefecht. Unser Sieg war der Alltag, unser Kampf die Verweigerung, die Ablehnung der Zorn, die Revolte eines jeden einzelnen und der bestehenden Gruppen. Die Zeit für einen allgemeinen Aufstand war noch nicht gekommen.
Ein Bruch mit der Autorität, Bruch mit den gesellschaftlichen Bindungen….“

Die Bande brach in Modegeschäfte und Juweliere ein und überließ Teile der Beute den Leuten auf der Straße. So ging das bis 1964, in dem Jahr wo er und seine Komplizen von einer Armada von CRS-Bullen (franz. Spezialeinheit) gestellt und verhaftet wurde.
Im Untersuchungsgefängnis wurde er bestialisch gefoltert, um ihm ein Geständnis heraus zu locken, was den Schergen des Staates jedoch nicht gelang. Die Anklage lautete „Diebstahl und Einbruch“, „das Tragen von Waffen“ und „Zugehörigkeit in einer kriminellen Vereinigung“. Die folgenden 14 Jahre verbrachte er in dutzenden Knästen Frankreichs. Isolationshaft, Arreststrafen, Hochsicherheitsträkte, Misshandlung und Demütigung prägten diese Jahre ebenso wie die Rebellion, Hass, Ablehnung und zahlreiche Ausbruchsversuche.

1978 kam er auf Bewährung frei. Er zog mit seiner Freundin nach Caen, wo er anfing in einem linken Buchladen zu arbeiten. Er organisierte Veranstaltungen, publizierte Texte und organisierte sich in Komitees und in antifaschistischen Zusammenhängen. Die Theorie des Anarcho-Kommunismus, seine militante Praxis und der Hang zu einfachster „Illegalität“ führten `78 zu einem erneuten Bruch in seinem Leben. Schon oft hielt er sich aus beruflichen Gründen in Paris auf. Dort sollte er Jaques Mesrine „den Staatsfeind Nr.1“ treffen, der erst kurz zuvor aus dem Hochsicherheitstrakt ausgebrochen war.
Der Kampf gegen die Knäste, besonders gegen die Hochsicherheitsträkte verbanden beide innigst. Zusammen planten sie einen Sprengstoffanschlag auf einen dieser Spezialknäste, der jedoch nie verübt wurde, denn Mesrine wurde vorher durch auf ihn angesetzte Bullen erschossen. Ein paar Tage danach wurde auch Charlie und seine Frau verhaftet, die zusammen, während Charlie noch im Knast saß ein Kind bekamen.

Erneut stand er, unter der Anklage „die rechte Hand Mesrines“ gewesen zu sein, vor Gericht. Diese Freundschaft sollte auf das Urteil erheblichen Einfluss haben. 10 weitere Jahre, gegeiselt in der modernen Hölle des Justizapparats, durchwanderte er wieder Züchtigungen, Isolation und die Hochsicherheit. Ständiger Begleiter: sein phantastischer Widerstandsgeist, sein Zorn und seine menschliche Würde. Er nahm am Hungerstreik und an anderen Aktionen teil, um den Forderungen nach Menschlichkeit in einer unmenschlichen Umgebung Nachdruck zu verschaffen. 25 Jahre hinter Gittern, davon 9 Jahre in Isolationshaft.
Niemals ein Märtyrer, niemals Idol. Ein einfacher Mensch aus armen Verhältnissen, mit einem sensiblen Sinn für Gerechtigkeit, an dessen Leben wir durch seine Bücher und Texte dankend teilnehmen dürfen…..

„Ich habe da geschrieben, wo das Wort verboten ist, an den Orten der absoluten Isolation, in den Hochsicherheitsgefängnissen von Fresnes, Fleury, Lisieux, Mende oder anderswo. Das war gestern…
Und ich weiß, dass dieses Verbot heute andere erleben. Und morgen wird es, wenn wir nicht aufpassen, noch schlimmer werden, weil es offensichtlich immer etwas Schlimmeres als das Schlimmste gibt.
Es gibt keine konventionelle universelle Maßeinheit, um diesen oder jene Grad des Schmerzes zu bestimmen; es muss als solches denunziert werden, ob durch Gefängnis, Folter, Ausschluss, Hochsicherheitstrakt, Isolationshaft, Unterdrückung, Repression, Herrschaft, Ausbeutung usw. usf.
Es gibt ein neues Bewusstsein, dem die Kritik an der politischen Macht, wie sie außerhalb der Gefängnismauern repräsentiert und ertragen wird, eine starke soziale Bedeutung verleiht. Was die Regierung auch immer unternehmen wird und wie entschlossen sie auch immer sein mag, dieses Bewusstsein zu brechen und zu zerstören – der Kampf kann sich dadurch nur weiter radikalisieren, und sei es in den Kampfformen der Verzweiflung.
Die Spirale ist unabwendbar. Jeder – wenn nicht alle – ist dafür verantwortlich.“