{"id":10450,"date":"2014-12-24T13:41:19","date_gmt":"2014-12-24T12:41:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=10450"},"modified":"2015-01-15T19:35:54","modified_gmt":"2015-01-15T18:35:54","slug":"interview-mit-dem-antifaschistischen-gefangenen-joel-in-schweden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/interview-mit-dem-antifaschistischen-gefangenen-joel-in-schweden","title":{"rendered":"Interview mit dem antifaschistischen Gefangenen Joel in Schweden"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Free-Joel.jpg\" rel=\"lightbox[10450]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-10468\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Free-Joel-230x250.jpg\" alt=\"Free Joel\" width=\"200\" height=\"217\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Free-Joel-230x250.jpg 230w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Free-Joel-553x600.jpg 553w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Free-Joel.jpg 605w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Dieses Interview erschien zun\u00e4chst auf Englisch auf der Website <a href=\"http:\/\/kersplebedeb.com\/posts\/interview-with-an-antifascist-prisoner-in-sweden\/\" target=\"_blank\">www.kersplebedeb.com<\/a>. <\/em><\/p>\n<div>\n<p><span class=\"dropcap\">J<\/span>oel wurde im Juli 2014 wegen Mordversuchs, Landfriedensbruchs und Versto\u00dfes gegen das Waffengesetz zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe von f\u00fcnfeinhalb Jahren verurteilt. Zu der Verurteilung kam es in Zusammenhang mit der kollektiven Abwehr eines Nazi-Angriffs auf eine antifaschistische Kundgebung in Stockholm. Das Interview wurde im Herbst 2014 gef\u00fchrt. Die Fu\u00dfnoten wurden zur Erkl\u00e4rung hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<p><em>Du wurdest in Zusammenhang mit einer antifaschistischen Kundgebung im Dezember 2013 in K\u00e4rrtorp, einem Vorort von Stockholm, verurteilt. Kannst du erz\u00e4hlen, was an dem Tag passiert ist?<\/em><\/p>\n<p>In den Wochen vor der Kundgebung war es in K\u00e4rrtorp und in benachbarten Vororten zu reger neonazistischer T\u00e4tigkeit gekommen. Die Schwedische Widerstandsbewegung (Svenska motst\u00e5ndsr\u00f6relsen, SMR) versuchte, sich dort zu etablieren. Das fing mit \u00fcblichen Nazi-Sachen an wie dem Sprayen von Hakenkreuzen auf die W\u00e4nde des lokalen Gymnasiums und setzte sich mit physischen Angriffen auf Menschen fort, die nicht ins nazistische Weltbild passen \u2013 dabei wurden auch Messer verwendet.<br \/>\nIch bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass es das Netzwerk Linie 17 bereits vor der Kundgebung gab. In jedem Fall war es diese Initiative, die zur Kundgebung aufrief. ((Das Netzwerk Linie 17 (N\u00e4tverket Linje 17) ist ein Netzwerk lokaler Stadtteilgruppen entlang des s\u00fcdlichen Teils der Stockholmer U-Bahn-Linie 17.)) Es gab Hinweise darauf, dass Nazis eventuell auftauchen w\u00fcrden, um die Kundgebung zu st\u00f6ren, aber als ich mich am Morgen\u00a0 umh\u00f6rte, sah es so aus, als w\u00fcrde alles ruhig verlaufen. Da sp\u00e4ter am Abend noch ein Soli-Fest f\u00fcr einen inhaftierten Antifaschisten geplant war, wollte ich nur kurz in K\u00e4rrtorp vorbeischauen, um dann in die Stadt zu fahren und bei den Vorbereitungen f\u00fcr das Fest zu helfen. Ich fuhr also mit ein paar Freunden zur Kundgebung, wo wir etwa zehn Minuten versp\u00e4tet ankamen.<br \/>\nNur knapp f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter kamen die Nazis. ((Es handelte sich um etwa 30 SMR-Mitglieder.)) Wir sahen sie aus etwa 150 Metern Entfernung. Chaos brach aus. Wir waren nicht vorbereitet und \u00fcber den ganzen Platz verteilt. Wir hatten auch nur wenig, mit dem wir uns verteidigen konnten. Die Nazis begannen, jede Menge Flaschen auf uns zu werfen. Dass viele Kinder und Pension\u00e4re auf dem Platz waren, schien f\u00fcr sie keine Rolle zu spielen. Sie nahmen schnell einen betr\u00e4chtlichen Teil des Platzes ein, w\u00e4hrend wir uns zur\u00fcckzogen.<br \/>\nEine meiner st\u00e4rksten Erinnerungen von dem Tag betrifft eine Polizistin, die zun\u00e4chst zwischen uns und den Nazis stand und dann pl\u00f6tzlich wegrannte. Als ich sp\u00e4ter den Polizeibericht las, verstand ich, dass sie aufgrund all der geworfenen Flaschen ihren Helm holen wollte, aber just in dem Moment hie\u00df das f\u00fcr mich, dass es jetzt wirklich gef\u00e4hrlich werden w\u00fcrde. Und damit meine ich lebensgef\u00e4hrlich. Alle wissen, wie schnell SMR-Mitglieder zu ihren Messern greifen. ((W\u00e4hrend des SMR-Angriffs befand sich nur eine Handvoll Polizeibedienstete vor Ort.))<br \/>\nNach der ersten Verwirrung gelang es, uns zu sammeln und einen Gegenangriff zu starten. Wir schafften es, ein weiteres Vordringen der Nazis zu verhindern, aber das reichte f\u00fcr uns nicht. Es bildete sich eine Art Frontlinie. Die Polizei hatte v\u00f6llig den \u00dcberblick verloren und schlug auf uns mindestens so hart ein wie auf die Nazis. Alles war immer noch recht chaotisch, aber wir waren jetzt wenigstens besser koordiniert. Gerade als wir im Begriff waren, die Nazis zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, sah ich einen von ihnen mit gezogenem Messer. Ich bewegte mich auf ihn zu, verlor ihn aber aus den Augen. Es war deutlich, dass sich die Nazis nicht geschlagen gaben, sondern versuchten, verlorenen Boden wieder gutzumachen. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen und da sah ich wieder einen Nazi mit einem Messer. W\u00e4re in der Situation einer von uns zu Boden gegangen, h\u00e4tte es \u00fcbel f\u00fcr ihn ausgesehen. So kam es zu den Messerstichen gegen den Nazi, der am weitesten vorne stand.<br \/>\nInzwischen waren mehr Leute, die dem Angriff zun\u00e4chst ausgewichen waren, auf den Platz zur\u00fcckgekehrt. Sie halfen dabei, die Nazis abzudr\u00e4ngen \u2013 zuerst auf den Busbahnhof und dann an ein paar H\u00e4usern vorbei in den Wald. Polizeiverst\u00e4rkung kam erst, als wir schon am Busbahnhof waren. Ich selbst ging nicht weiter als bis dorthin, weil ich mich am Knie verletzt hatte. Die Polizei bildete im Wald einen Kordon um die Nazis, um sie zu sch\u00fctzen. ((Die Polizei nahm 28 SMR-Mitglieder fest. Bisher wurden 16 von ihnen angeklagt und sieben von ihnen verurteilt. Die H\u00f6chststrafe liegt bei acht Monaten Gef\u00e4ngnis f\u00fcr Landfriedensbruch.)) Ich wartete auf dem Platz, bis alle meine Freunde zur\u00fcck waren. Dann fuhr ich, wie geplant, in die Stadt, um bei den Vorbereitungen f\u00fcr das Fest zu helfen.<\/p>\n<p><em>Du sagtest, dass es f\u00fcr euch nicht ausreichte, die Nazis aufzuhalten. Was meinst du damit?<\/em><\/p>\n<p>Die Nazis kamen, um uns anzugreifen, und nicht, um eine Gegendemonstration abzuhalten, wie sie behaupten. W\u00e4re es nach ihnen gegangen, h\u00e4tten sie uns alle vom Platz gejagt und dabei am besten noch einige schwer verletzt. Es ging ihnen nicht nur darum, Menschen daran zu hindern, gegen sie Stellung zu beziehen, sondern die Aktion sollte auch der Propaganda dienen. Die Nazis wollten sich des Widerstands der Stra\u00dfe entledigen, um in diesem Teil Stockholms ungest\u00f6rt rekrutieren zu k\u00f6nnen, und das auf eine Weise, die zus\u00e4tzlich f\u00fcr Propagandazwecke nutzbar war. Wer das nicht begreift, will die Realit\u00e4t nicht wahrhaben. Das funktioniert nicht nur in K\u00e4rrtorp so, sondern \u00fcberall. Wenn wir nicht auf der Stra\u00dfe k\u00e4mpfen, wo dann? Gut, ich will hier nicht zu weit ausholen, aber es ist wirklich wichtig zu betonen, dass es nicht ausreichte, die Nazis einfach aufzuhalten, sondern es musste deutlich werden, dass sie in K\u00e4rrtorp keinen Fu\u00df auf den Boden bekommen.<\/p>\n<p><em>Du sagtest auch, dass alle wissen, wie schnell SMR-Mitglieder zu ihren Messern greifen. Kannst du daf\u00fcr ein paar Beispiele nennen?<\/em><\/p>\n<p>Die Messerstechereien von SMR-Mitgliedern sind gut dokumentiert. Ungef\u00e4hr ein Jahr vor der Attacke in K\u00e4rrtorp wurde ein junger Mann bei einem Streit mit SMR-Mitgliedern in Vallentuna, au\u00dferhalb Stockholms, erstochen. Nur wenige Tage vor der K\u00e4rrtorp-Attacke verletzten einige der Leute, die bei dieser dabei waren, ganz in der N\u00e4he einen Mann schwer. Zudem hatte mindestens einer der M\u00f6rder des Gewerkschaftsaktivisten Bj\u00f6rn S\u00f6derberg SMR-Verbindungen. ((Joakim Karlsson wurde am 21. September 2012 in Vallentuna ermordet. Fidel Ogu wurde am 7. Dezember 2013 in H\u00f6kar\u00e4ngen schwer verletzt. Bj\u00f6rn S\u00f6derberg wurde am 12. Oktober 1999 vor seiner Wohnung in S\u00e4tra im S\u00fcden Stockholms ermordet.)) Die Beispiele lie\u00dfen sich fortsetzen, aber dies sollte f\u00fcrs Erste reichen. SMR versucht, auf Menschen \u2013 vor allem junge \u2013\u00a0 mit Revolutionsromantik Eindruck zu machen. Ihr Gemeinschaftsgef\u00fchl beruht eher auf Gewalt als auf Ideologie.<\/p>\n<p><em>Wann wurdest du verhaftet?<\/em><\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter. Ich war gerade dabei, meinen Sohn von der Schule abzuholen.<\/p>\n<p><em>Es scheint, als w\u00e4rst du seit langem in der antifaschistischen Bewegung engagiert. Kannst du davon erz\u00e4hlen?<\/em><\/p>\n<p>Ich wuchs w\u00e4hrend der 1980er und 90er Jahre in Link\u00f6ping auf. In ganz Europa waren die Nazis zu jener Zeit am Vormarsch. In Schweden trieb der &#8220;Lasermann&#8221; sein Unwesen und Ultima Thule f\u00fchrte die Hitparade an. ((Vom August 1991 bis zum Januar 1992 ver\u00fcbte der &#8220;Lasermann&#8221; John Ausonius eine Reihe von Anschl\u00e4gen auf Menschen, die er als &#8220;Einwanderer&#8221; auffasste (Ausonius verwendete anfangs ein Gewehr mit Laser-Zielvorrichtung, daher der Name); eine Person, der iranische Student Jimmy Ranjbar, starb, zehn weitere wurden schwer verletzt. Ultima Thule war eine popul\u00e4re schwedische Rockband mit Verbindungen zur Neonazi-Szene.)) Auch an Link\u00f6ping ging diese Welle nicht vorbei. Im Gegenteil. Link\u00f6ping war ein Zentrum der Produktion extrem rechter Musik und mehrere F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten der verschiedenen Nazi-Organisationen, die es damals in Schweden gab, lebten in der Stadt oder in ihrer N\u00e4he.<br \/>\nDa ich in Chile geboren wurde, erlebte ich den Alltagsrassismus, der die schwedische Gesellschaft immer noch pr\u00e4gt, selbst. Als ich klein war, wurde ich von Nazis physisch angegriffen. Als ich \u00e4lter wurde, begann ich, mich zu verteidigen und zur\u00fcckzuschlagen. Ich merkte, dass das vieles erleichterte.<br \/>\nMit 13 begann ich, auf Hardcore-Konzerte zu gehen. Die Hardcore-Szene war damals viel politischer als heute. 1995 traf ich bei einem Konzert einen Freund, der fragte, ob ich mit ihm nach D\u00e4nemark kommen wolle, um an der Demonstration gegen den Hess-Marsch teilzunehmen. Da brauchte er nicht zweimal fragen!<br \/>\nDiese Reise sollte gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr mich haben. Vorher war mir nicht klar, dass es eine richtige antifaschistische Bewegung gab. Aber in D\u00e4nemark war alles gro\u00dfartig organisiert. Es waren jede Menge Leute aus allen Altersgruppen bei der Demonstration, und das \u00e4nderte sich auch nicht, als es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam, weil wir versuchten, in die N\u00e4he der Nazis zu gelangen. So wurde ich gewisserma\u00dfen in den Antifaschismus eingeweiht. Es dauerte eine Weile, bis ich mich selbst organisierte, aber ich wusste jetzt, dass ich Antifaschist war.<\/p>\n<p><em>War die antifaschistische Bewegung in D\u00e4nemark besser organisiert als in Schweden? Hat sich das ge\u00e4ndert?<\/em><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie gut die antifaschistische Bewegung zu jener Zeit in anderen Teilen Schwedens organisiert war. Ich wei\u00df nur, dass es in Link\u00f6ping keine Organisierung gab, oder zumindest merkte man davon nichts. Ende der 90er Jahre begann sich jedoch auch in Link\u00f6ping eine au\u00dferparlamentarische Linke zu entwickeln.<br \/>\nIch will hier nicht auf Einzelheiten eingehen, was meine eigene Organisierung betrifft, aber in der Bewegung tat sich bald eine ganze Menge. Die Recherche, die Rekrutierung, der Aufbau der Infrastruktur \u2013 \u00fcberall wurden Fortschritte gemacht. Auf einer Ebene verpassten wir aber den Anschluss, n\u00e4mlich auf der taktischen. W\u00e4hrend die Nazis erfolgreich mit neuen Organisationsmodellen und Politikformen experimentierten, blieben wir alten Ideen verhaftet.<\/p>\n<p><em>Wie sieht es heute mit der extremen Rechten in Schweden aus? Stellt sie eine gro\u00dfe Gefahr dar?<\/em><\/p>\n<p>Das kommt auf die Definition des Begriffs &#8220;extreme Rechte&#8221; an. Die Schwedendemokraten sind mittlerweile die drittgr\u00f6\u00dfte Partei des Landes. ((Bei der Parlamentswahl 2014 erhielten die Schwedendemokraten (Sverigedemokraterna) 12.86% der Stimmen.)) Das muss wohl als Gefahr betrachtet werden. Im Allgemeinen entspricht die politische Entwicklung der des \u00fcbrigen Europas. Extrem rechte Parteien sind auf dem Vormarsch.<br \/>\nWas nazistische Organisationen betrifft, so ist das Risiko, dass sie ins Parlament einziehen, gering. ((Die Partei der Schweden (Svenskarnas parti), die vor wenigen Jahren noch Nationalsozialistische Front (Nationalsocialistisk front) hie\u00df, nahm auch an den Parlamentswahlen 2014 teil; sie erhielt 0.07% der Stimmen.)) Aber Nazis werden immer eine physische Gefahr f\u00fcr alle diejenigen darstellen, die Widerstand gegen sie leisten. Sobald sie in Ruhe gelassen werden, werden sie st\u00e4rker. Wenn wir uns die letzten zehn Jahre anschauen, dann ist es offensichtlich, dass die Nazis in den St\u00e4dten, in denen sie auf harten Widerstand gesto\u00dfen sind, ihre Aktivit\u00e4ten einstellen mussten. Wer diesen Zusammenhang nicht sieht, hat ganz einfach keine Ahnung.<br \/>\nAntifaschistische Arbeit ist oft m\u00fchselig und manchmal mag sie zwecklos erscheinen, aber wenn wir eine Stadt wie \u00d6rebro als Beispiel nehmen, dann waren Nazis dort bis vor wenigen Jahren sehr aktiv und heute sind sie praktisch verschwunden. Andere St\u00e4dte, wo militanter Stra\u00dfenwiderstand deutliche Resultate gebracht hat, sind Link\u00f6ping und G\u00f6teborg. In Stockholm ist es aus verschiedenen Gr\u00fcnden schwierig, gro\u00dfe Erfolge zu erzielen, aber selbst dort sind die Nazis einige Male in die Defensive gedr\u00e4ngt worden.<\/p>\n<p><em>International gilt Schweden immer noch als offenes und liberales Land. Wie passt das mit den extrem rechten Str\u00f6mungen zusammen, die du beschreibst?<\/em><\/p>\n<p>Ich denke, dass es in der Regel schlicht unter den Teppich gekehrt wird, wenn Nazis vom Wort zur Tat schreiten und Banken ausrauben oder Migranten umbringen. Und wenn das nicht funktioniert \u2013 wie im Fall von Malexander ((Am 28. Mai 1999 wurden in dem kleinen s\u00fcdschwedischen Ort Malexander zwei Polizisten von Neonazis erschossen; die Polizisten waren den Neonazis nach einem Bankraub gefolgt.)) oder K\u00e4rrtorp \u2013, dann inszenieren die Politiker einen aus emp\u00f6rten Verurteilungen und Distanzierungen bestehenden Medienzirkus. So ergibt sich ein Bild, in dem Nazis entweder keine Rolle spielen oder die Politiker das Problem im Griff haben.<\/p>\n<p><em>Wie sieht es mit den Perspektiven f\u00fcr die Linke in Schweden aus?<\/em><\/p>\n<p>Ich nehme an, ihr meint die au\u00dferparlamentarische Linke. Das ist schwer f\u00fcr mich zu sagen \u2013 ich bin ja jetzt erst mal ein paar Jahre weg vom Fenster. Aber wenn es nach mir ginge, m\u00fcsste es mehr Zusammenarbeit und deutlichere gemeinsame Ziele geben.<\/p>\n<p><em>Zum Beispiel?<\/em><\/p>\n<p>Ich finde es wichtig, in den Bereichen aktiv zu sein, die uns alle treffen und vor allem die Unterklasse. Ich denke etwa an die Privatisierung der Sozialwohnungen oder die zunehmend unsicheren Anstellungsverh\u00e4ltnisse. Ich finde auch, dass es wichtig ist, sich in kleineren Projekten zu engagieren, um ab und an Siege feiern zu k\u00f6nnen. Das st\u00e4rkt die Moral und zeigt, dass sich tats\u00e4chlich etwas \u00e4ndern l\u00e4sst. Ein gutes Beispiel war die Kampagne gegen JobbJakt.<\/p>\n<p><em>Worum ging es da?<\/em><\/p>\n<p>JobbJakt ist eine Website, auf der Arbeiten angeboten werden. Vor einigen Jahren wollte man eine Funktion hinzuf\u00fcgen, die es Bewerbern erlauben sollte, sich gegenseitig in der Lohnforderung zu unterbieten. Also: irgendwer braucht einen Fliesenleger f\u00fcr sein Badezimmer, jemand bietet an, den Job f\u00fcr 150 Kronen die Stunde zu machen, dann geht der n\u00e4chste auf 100 Kronen pro Stunde runter usw. Es ist klar, dass es sich hier um Lohndumping und ein arbeiterfeindliches Projekt handelt. Wir wollten verhindern, dass solche Praktiken in Schweden Fu\u00df fassen. Und wir hatten Erfolg.<\/p>\n<p><em>Du hast mehrfach die Bedeutung der Organisierung betont. Kannst du mehr dazu sagen?<\/em><\/p>\n<p>Die Bedeutung der Organisierung versteht sich von selbst. Wenn wir zusammenarbeiten, sind wir st\u00e4rker. Wie genau das aussieht, ist sekund\u00e4r. Das kann in einer Band sein, in einer Gewerkschaft, in einer militanten Gruppe, in einer pazifistischen Gruppe, in einem Kulturhaus, in einem Sozialen Zentrum, in einem Verlag oder in einem Buchladen. Du musst auch keineswegs dein ganzes Leben der politischen Arbeit verschreiben. Aber gleichzeitig sollte die Organisierung nicht beim eigenen Projekt stehenbleiben. Wir m\u00fcssen die Vielfalt unserer Bewegung nutzen und Netzwerke aufbauen. Im Moment wirkt die au\u00dferparlamentarische Linke kaum wie eine wirkliche Bewegung.<\/p>\n<p><em>Wie sieht es f\u00fcr dich im Moment pers\u00f6nlich aus? Welche Form der Unterst\u00fctzung h\u00e4ltst du als Gefangener f\u00fcr besonders wichtig?<\/em><\/p>\n<p>Im Augenblick sitze ich in Kumla, wo ich auf eine Evaluierung warte. Kumla ist eine &#8220;Klasse-1-Haftanstalt&#8221; hier in Schweden, also ein Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis. Es ist davon auszugehen, dass ich nach meiner Evaluierung in ein anderes Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis verlegt werde. (( Joel wurde kurz nach Abschluss des Interviews in das Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis Tidaholm verlegt. F\u00fcr Updates siehe die Facebookseite &#8220;Free Joel&#8221;.))<br \/>\nUnterst\u00fctzung? Ich w\u00e4re sehr froh, wenn sich mehr Menschen engagieren und vor allem organisieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p><em>Willst du zum Abschluss noch etwas loswerden?<\/em><\/p>\n<p>Lasst mich Madball zitieren: &#8220;Times are changing for the worse \/ Gotta keep a positive outlook \/ Growing up in such violent times \/ Have some faith and you&#8217;ll get by.&#8221;<\/p>\n<p>Wer Joel Post schicken will, findet die aktuelle Adresse auf der Facebookseite &#8220;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/freejoel\" target=\"_blank\">Free Joel<\/a>&#8220;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joel wurde im Juli 2014 wegen Mordversuchs, Landfriedensbruchs und Versto\u00dfes gegen das Waffengesetz zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe von f\u00fcnfeinhalb Jahren verurteilt. 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