{"id":10689,"date":"2015-01-09T08:35:24","date_gmt":"2015-01-09T07:35:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=10689"},"modified":"2015-01-09T15:13:15","modified_gmt":"2015-01-09T14:13:15","slug":"homosexualitaet-im-knast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/homosexualitaet-im-knast","title":{"rendered":"Homosexualit\u00e4t im Knast"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/prison.jpg\" rel=\"lightbox[10689]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-9181\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/prison-300x150.jpg\" alt=\"prison\" width=\"300\" height=\"150\" \/><\/a><span class=\"dropcap\">I<\/span>n letzter Zeit wurde ich immer \u00f6fter gefragt, wie mit Homosexualit\u00e4t im Knast umgegangen wird, gerade im streng katholischen Bayern und ich m\u00f6chte \u00fcber ein paar F\u00e4lle erz\u00e4hlen, in der Hoffnung, dass auch solche Menschen Geh\u00f6r finden und dass dar\u00fcber berichtet wird.<\/p>\n<p>Gerade im Langstrafen-Knast in Bayern ist ein Mensch mit der Neigung zur Homosexualit\u00e4t schweren Repressalien ausgesetzt, die soweit gehen, dass sie aus Schutz vor anderen Gefangenen in Isolationshaft verlegt werden. So beobachtete ich in meiner langj\u00e4hrigen Haftzeit, dass immer wieder Menschen durch Mitgefangenen schweren Misshandlungen ausgesetzt sind. Ich m\u00f6chte daher nur ein Beispiel von vielen berichten.<\/p>\n<p>Micha, der in der Justizvollzugsanstalt Amberg eine mehrj\u00e4hrige Haftstrafe wegen Betrug verb\u00fc\u00dfte, 55 Jahre alt war und dessen Neigung nur dadurch bekannt wurde, weil er in seinem Haftraum mehrere Fotografien und Poster von m\u00e4nnlichen Models h\u00e4ngen hatte, was unter den Mitgefangenen sofort zu Misstrauen f\u00fchrte. Anfangs wurde er immer sehr nett behandelt. Er alberte mit den Gefangenen herum und war immer hilfsbereit. Da er Nichtraucher war, hatte er beim monatlichen Einkauf immer den ein oder anderen Euro \u00fcbrig, machte kleine Geschenke an die engsten Freunde, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kamen viele Gefangene und lie\u00dfen sich das eine oder andere vom Einkauf mitbringen und nutzten die Gutm\u00fctigkeit auch oft aus. Bis zu dem Tag, als ein Mitgefangener ihn fragte, was es mit den Fotografien auf sich hat und Micha offen erkl\u00e4rte, dass er homosexuell ist. Ab diesem Tag fingen die Probleme an. Da Micha Hausarbeiter war, also verantwortlich f\u00fcr die Sauberkeit auf der Station und die t\u00e4gliche Essensausgabe zu Mittag und Abend, kam er automatisch mit allen Gefangenen in Kontakt. Er wurde vor den Bediensteten beleidigt, bespuckt und mit k\u00f6rperlicher Gewalt bedroht.<\/p>\n<p>Die Beamten reagierten kaum und sahen zum gr\u00f6\u00dften Teil nur zu, wie Micha eingesch\u00fcchtert und mit \u00c4u\u00dferungen wie &#8220;Du Schwuchtel&#8221; und &#8220;Arschficker&#8221; betitelt wurde. Die Gefangenen weigerten sich, von ihm das Essen entgegen zu nehmen und schlugen Micha einfach mit der flachen Hand ins Gesicht und er wurde offen bespuckt. Micha wurde Tage sp\u00e4ter in Isolationshaft genommen, getrennt von allen anderen Inhaftierten. Dort verbrachte er seine restliche Haftzeit von noch \u00fcber einem Jahr bis zur Endstrafe.<\/p>\n<p>Ein anderer Fall war ebenfalls mit einen Homosexuellen, der t\u00e4glich mit dem Wissen der Beamten geschlagen und misshandelt wurde. So musste dieser Putzarbeiten in den Haftr\u00e4umen der anderen Inhaftierten verrichten und durfte fast seinen ganzen monatlichen Einkauf abgeben. Seine Blessuren im Gesicht und am K\u00f6rper waren offen zu sehen. Durch die st\u00e4ndigen Misshandlungen versuchte er sich bereits mehrfach das Leben<br \/>\nzu nehmen und wurde von Tag zu Tag depressiver.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Erz\u00e4hlungen gegen\u00fcber anderen Genossen wurde ich gefragt, warum sich die Gefangenen nicht an das Dienstpersonal wenden oder die Vorf\u00e4lle ihren Angeh\u00f6rigen berichten. Wenn die Anstaltsleitung und der jeweilige Stations-Beamte \u00fcberhaupt gewillt ist zu helfen, stehen sie meist selbst machtlos den Misshandlungen gegen\u00fcber. In der Regel ist es aber so, dass Bedienstete wegsehen und die Sache den Gefangenen \u00fcberlassen. Der Beamte m\u00f6chte seine Schicht so ruhig, wie es nur geht, verbringen und sitzt meist nur in seinem B\u00fcro, liest Zeitung oder sitzt mit seinem Privat-PC am Schreibtisch.<\/p>\n<p>Wenn ein betroffener Gefangener sich an die Anstaltsleitung wendet, die eigentlich verpflichtet ist, der Sache sofort nachzugehen und dies auch in der Regel tut, wird der Gefangene sofort in Schutzhaft genommen. Jedoch ist keine Schutzhaft und Isolierung hundertprozentig sicher. Selbst eine Verlegung in eine Schwester-Anstalt sch\u00fctzt denjenigen nicht, da hier sofort Mitgefangene informiert werden und das Spiel von vorne los geht.<\/p>\n<p>Viele Gefangene haben auch ein Schamgef\u00fchl, dies ihren Angeh\u00f6rigen, ob beim Besuch oder im Brief, zu berichten. Wohl auch deswegen, weil auch Vollzugsbeamte gegen\u00fcber anderen Gefangenen gerne aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen plaudern und Informationen an andere zukommen lassen. Die Konsequenzen w\u00e4ren noch weit schlimmer, w\u00fcrde sich der Mensch anderen anvertrauen.<\/p>\n<p>Ich lernte zum Beispiel einen lieben Menschen in Amberg auf meiner Station kennen, der homosexuell war und auch sonst von seiner Statur und seinem Auftreten keine Chance gehabt h\u00e4tte, sich zu wehren. Dieser Mensch wurde \u00fcber die Zeit hinweg ein toller Weggef\u00e4hrte f\u00fcr mich und ich<br \/>\nunterhielt mich offen vor allen anderen Gefangenen mit ihm. Nat\u00fcrlich kamen der ein oder andere zu mir und sagten, was ich denn mit der Schwuchtel m\u00f6chte und so manche mieden auch mich. Da ich jedoch einen gewissen Ruf hatte was Schl\u00e4gereien betrifft und auch sonst wegen meinem Kampf gegen das System, hatte man sehr gro\u00dfen Respekt vor mir, so dass man meinen Weggef\u00e4hrten in Ruhe lie\u00df.<\/p>\n<p>Dieser Mensch hatte allerdings sehr gro\u00dfe Angst, dass wenn ich nicht mehr da bin, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, er wieder das Opfer wird und wieder so behandelt wird, wie bevor wir uns kennenlernten. Er kam zum Beispiel zu mir in die Zelle, brachte t\u00e4glich kleine Geschenke zu mir oder wollte immer mein Geschirr im Waschbecken absp\u00fclen, oder meine private Sportkleidung im Eimer waschen. Selbst meinen Haftraum wollte er wischen. Alles nur, weil er Angst hatte, dass ich ihn fallen lassen k\u00f6nnte. Selbst Beamte sahen mich dumm an oder verdrehten die Augen, weil ich mich mit \u201ediesen\u201c abgegeben habe. Dieser Gefangene ist auch nie in den t\u00e4glichen Hofgang gegangen, immer aus Angst vor Beschimpfungen und so weiter. Nat\u00fcrlich versuchte ich ihm jedes mal zu erkl\u00e4ren, dass er sich keine Sorgen machen muss und doch bitte die st\u00e4ndigen Geschenke vom Einkauf und Putzarbeit lassen soll.<\/p>\n<p>Um ehrlich zu sein, ich wurde ihn schon nicht mehr los. Denn wann immer auf der Station Aufschluss war, war er st\u00e4ndig in meiner N\u00e4he und ging auch nie von meiner Zellent\u00fcre weg. Interessant war aber dann auch zu beobachten, dass wenn ich nicht in der N\u00e4he war, Mitgefangene pl\u00f6tzlich zu ihm gingen und sich Dinge vom Einkauf ausliehen oder ihn bequatschten, dass er ihnen doch Tabak vom n\u00e4chsten Einkauf mitbringen soll. Da er Nichtraucher ist, hatte er nat\u00fcrlich den ein oder anderen Euro \u00fcbrig und das n\u00fctzten die Leute aus. Nat\u00fcrlich bekam er die verliehenen Sachen nie zur\u00fcck und trotzdem verschenkte er weiter. Ich versuchte immer, auf ihn einzureden, den Leuten nichts zu geben und das sie ihm nur ein sch\u00f6nes Gesicht machen, weil sie Schiss vor mir haben und weil sie ihn benutzen. Einige Giftler lie\u00dfen sich so auch ihre Drogen finanzieren, oder beglichen so ihre Schulden bei ihrem Dealer. Aber sobald er doch einmal zu jemanden \u201eNein\u201c sagte, wurde er im gleichen Zug wieder aufs \u00fcbelste beschimpft.<\/p>\n<p>Als ich selbst dann wegen einem gefundenen Handy und Aussagen von Ratten bez\u00fcglich einer vermeintlich im Besitz befindlichen Stichwaffe verlegt und in Isolationshaft genommen wurde, ist der Kontakt abgebrochen und er wurde wieder so behandelt wie vorher, mit st\u00e4ndigen Schikanen und Beleidigungen.<\/p>\n<p>Ich habe ihn dann nie wieder gesehen. Lediglich durch Berichte von anderen habe ich erfahren, was er wieder durchleben musste.<\/p>\n<p>Mir ist es ein sehr gro\u00dfes Anliegen gerade \u00fcber solche Menschen zu berichten, was sie ertragen m\u00fcssen, alles nur weil sie sich zu dem anderen Geschlecht hingezogen f\u00fchlen. Und dass ich es als notwendig ansehe, dass auch schwule Menschen von drau\u00dfen Solidarit\u00e4t und Anteilnahme erfahren sollten und dass sie nicht alleine sind. Sicher werde ich mir keine Freunde mit meinen Berichten bei anderen Gefangenen machen, aber das ist mir egal.<\/p>\n<p>Homosexualit\u00e4t im Knast &#8211; ein brisantes und heikles Thema, das wir nicht einfach so abschreiben sollten. Und diese Menschen d\u00fcrfen wir nicht vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Andreas Krebs<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzter Zeit wurde ich immer \u00f6fter gefragt, wie mit Homosexualit\u00e4t im Knast umgegangen wird, gerade im streng katholischen Bayern und ich m\u00f6chte \u00fcber ein paar F\u00e4lle erz\u00e4hlen, in der Hoffnung, dass auch solche Menschen Geh\u00f6r finden und dass dar\u00fcber berichtet wird.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":9181,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[36,9],"tags":[547,671,672,106],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10689"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10689"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10689\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10704,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10689\/revisions\/10704"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9181"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10689"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10689"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10689"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}