{"id":10779,"date":"2015-01-23T15:07:04","date_gmt":"2015-01-23T14:07:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=10779"},"modified":"2015-01-23T15:08:54","modified_gmt":"2015-01-23T14:08:54","slug":"er-hatte-das-pech-sich-in-eine-fbi-agentin-zu-verlieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/er-hatte-das-pech-sich-in-eine-fbi-agentin-zu-verlieben","title":{"rendered":"Er hatte das Pech, sich in eine FBI-Agentin zu verlieben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Eric-McDavid.jpg\" rel=\"lightbox[10779]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-10783\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Eric-McDavid-250x166.jpg\" alt=\"Eric McDavid\" width=\"201\" height=\"134\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Eric-McDavid-250x166.jpg 250w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Eric-McDavid-600x399.jpg 600w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Eric-McDavid.jpg 960w\" sizes=\"(max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a><span class=\"dropcap\">D<\/span>er Fall von Eric McDavid sollte auch hierzulande Anlass sein, die Rolle der Geheimdienste bei der Kriminalisierung kritischer zu betrachten<\/p>\n<p>Fast 10 Jahre war <a class=\"extern\" href=\"http:\/\/supporteric.org\/\" target=\"_blank\">Eric McDavid<\/a> inhaftiert. Als er k\u00fcrzlich aus dem Gef\u00e4ngnis von Sacramento <a class=\"extern\" href=\"http:\/\/supporteric.org\/updates.htm#ericisfree\" target=\"_blank\">entlassen<\/a> wurde, strahlte er \u00fcber das Gesicht. Denn eigentlich war der \u00d6koanarchist im Jahr 2008 zu einer Freiheitsstrafe von 19 Jahren und 7 Monate verurteilt worden.<\/p>\n<p>Vorgeworfen wurde ihm eine \u00f6koterroristische Verschw\u00f6rung. Konkret soll er Attentate gegen Handymasten, Forschungseinrichtungen und Staud\u00e4mme geplant haben. Dabei handelt es sich um Objekte, die bei einer gr\u00f6\u00dferen <a class=\"extern\" href=\"http:\/\/earth-liberation-front.com\/\" target=\"_blank\">\u00f6koanarchistischen Szene<\/a> in der Kritik stehen. Bomben hatte McDavid nie gelegt. Seine Verurteilung basiert im Wesentlichen auf Briefen, die er mit seiner vermeintlichen Freundin gewechselt hatte, die in Wirklichkeit eine FBI-Agentin war und f\u00fcr ihren Job 65.000 US-Dollar bekam.<\/p>\n<p>Doch die 17-j\u00e4hrige Frau, die im Anarcholook in der US-Szene auftauchte, war nicht nur eine stille Beobachterin. Sie muss es verstanden haben, idealistische junge Menschen, die sich gegen Ungerechtigkeiten engagieren und die sich abseits von Gro\u00dfdemonstrationen engagieren wollten, zu motivieren. Sie organisierte eine \u00f6koanarchistische Gruppe. Die Autos, mit denen sie die weit entfernt wohnenden Menschen zusammenbrachte, waren vom FBI verwanzt. Wenn die drei jungen Menschen Zweifel an der Aktion hatten, war es die FBI-Agentin, die sie antrieb. Eric McDavid erpresste sie regelrecht damit, dass erst die revolution\u00e4ren Aufgaben erf\u00fcllt werden m\u00fcssten, bevor eine romantische Beziehung infrage komme.<\/p>\n<p>Dazu kam es nie. Denn nachdem die FBI-Agentin die Materialien zum Bombenbau geliefert hatte, lie\u00df sie das Trio auffliegen. Schlie\u00dflich war nun Gefahr im Verzuge. F\u00fcr die jungen Aktivisten war es ein doppelter Schock. Eine angebliche Genossin entpuppte sich als FBI-Agentin, die alle ihre Schritte mit dem Geheimdienst abgestimmt hatte. Auch die Liebesbriefe zwischen ihr und McDavid wanderten zum Geheimdienst. Zudem drohten ihnen nun langj\u00e4hrige Haftstrafen. Daher erkl\u00e4rten sich zwei der Angeklagten schuldig im Sinne der Anklage und belasteten McDavid, der ein Schuldgest\u00e4ndnis ablehnte. Daf\u00fcr wurde ihm die fast 20j\u00e4hrige Haftstrafe aufgebrummt, w\u00e4hrend seine Gruppenmitglieder geringe Gef\u00e4ngnisstrafen bekamen.<\/p>\n<p>Eine kleine Gruppe hatte die Forderung nach der Freilassung von McDavid nie aufgegeben. Eine seiner Freundinnen sorgte auch f\u00fcr seine Freilassung. Sie bem\u00fchte sich beharrlich um die zur\u00fcckgehaltenen FBI-Dokumente, darunter die Liebesbriefe, die sich die FBI-Agentin und McDavid schrieben. W\u00e4hrend des Verfahrens hatte das FBI gegen\u00fcber seinem Anwalt bestritten, dass es diese Briefe \u00fcberhaupt gibt. Nun wurde offensichtlich, in welcher Weise das FBI die angebliche Terrorgruppe \u00fcberhaupt erst geschaffen hat. Es scheint vor allem darum gegangen sein, kritische Menschen zu kriminalisieren.<\/p>\n<p><strong>Hunderte weitere Menschen wurden unter \u00e4hnlichen Umst\u00e4nden verurteilt<\/strong><\/p>\n<p>Nach McDavids Freilassung erinnerte die Freundin in einem <a class=\"extern\" href=\"http:\/\/supporteric.org\/updates.htm#ericisfree\" target=\"_blank\">Brief<\/a> daran, dass nach dem 9.11. zahlreiche Menschen auf \u00e4hnliche Weise zu langj\u00e4hrigen Haftstrafen verurteilt wurden.<\/p>\n<blockquote><p>We are anxious to celebrate! But we also must remember that Eric&#8217;s case is just one among many &#8211; and it is by no means the most egregious. Since 9\/11 the state has engaged in political prosecutions of hundreds of people in this country &#8211; the majority of them from Muslim communities &#8211; for their religious and political affiliations. And our comrades continue to be targeted and arrested for daring to dream. We are overjoyed that Eric is coming home. But we also know that we must never rest until all are free.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese S\u00e4tze sind sicher in einer Zeit nicht popul\u00e4r, wo nach den dschihadistischen Anschl\u00e4gen in gro\u00dfen Teilen der \u00d6ffentlichkeit die Devise gilt, der Staat m\u00fcsse H\u00e4rte zeigen. Doch damit wird unterschlagen, dass oft junge Menschen in eine Falle gelockt und \u00fcber Jahre weggesperrt werden.<\/p>\n<p>Das aktuelle Beispiel ist wenige Tage alt. Der 20j\u00e4hrige Christopher Lee Cornell, der sich auf Twitter als Sympathisant des &#8220;Islamischen Staats&#8221; dargestellt hatte, hatte im Internet einen FBI-Agenten, der sich als Gesinnungsfreund ausgab, von einem geplanten Anschlag <a class=\"extern\" href=\"http:\/\/www.washingtonpost.com\/world\/national-security\/ohio-man-arrested-in-alleged-plot-to-attack-capitol\/2015\/01\/14\/044e9ca8-9c36-11e4-96cc-e858eba91ced_story.html\" target=\"_blank\">berichtet<\/a>, hei\u00dft es in den <a class=\"extern\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2015-01\/usa-anschlag-kapitol-vereitelt\" target=\"_blank\">Meldungen<\/a>, die oft kaum kritisch hinterfragt werden. Festgenommen wurde er, nachdem er sich eine Schusswaffe und Munition gekauft hatte.<\/p>\n<p>Der Fall McDavid macht misstrauisch. Was genau hat der junge Mann gesagt und welche Rolle spielte der FBI-Mann? Hat der ihn vielleicht erst auf die Bomben und wie er sie beschaffen kann, hingewiesen? Das geht aus der <a class=\"extern\" title=\"PDF\" href=\"https:\/\/s3.amazonaws.com\/s3.documentcloud.org\/documents\/1502448\/criminal-complaint-for-islamic-state-sympathizer.pdf\" target=\"_blank\">Anklage<\/a> nicht n\u00e4her hervor. Schlie\u00dflich ist es f\u00fcr eine Verurteilung n\u00f6tig, dass der Beschuldigte mehr als nur vage Bekundungen, einen Anschlag zu planen, \u00e4u\u00dfert. Wenn dann ein vermeintlicher Freund im Internet auftritt, mit angeblichen Kontakten angibt und weitere Details beisteuert, wird aus solchen vagen Pl\u00e4nen schnell die konkrete Vorbereitung eines Anschlags, was f\u00fcr eine langj\u00e4hrige Verurteilung n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p>Nach diesem <a class=\"extern\" href=\"http:\/\/www.washingtonpost.com\/national\/details-on-fbi-sting-operations-since-2001-terror-attacks\/2015\/01\/15\/bff79b52-9cfa-11e4-86a3-1b56f64925f6_story.html\" target=\"_blank\">Muster<\/a> sind in den letzten Jahren zahlreiche Verurteilungen junger Islamisten abgelaufen (<a class=\"intern\" href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/42\/42333\/\" target=\"_blank\">Das FBI als Terrorhelfer<\/a>, <a class=\"intern\" href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/37\/37645\/\" target=\"_blank\">Wie man einen Terroristen macht<\/a>). Meist suchten sie Kontakt im Internet und stie\u00dfen auf Gesinnungsfreunde, die sich als FBI-Agenten entpuppten. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man einwenden, hier sei Schlimmeres verhindern wurden. Was w\u00e4re gewesen, wenn diese jungen Islamisten im Internet nicht auf Geheimdienstler, sondern auf tats\u00e4chliche Gesinnungsfreunde gesto\u00dfen w\u00e4ren?<\/p>\n<p>Dieser Einwand kann nicht einfach beiseite gewischt werden. Denn tats\u00e4chlich handelt es sich bei den Menschen, die im Internet Kontakte suchen, oft schon um Islamisten. Doch der Zweck heiligt auch hier nicht die Mittel. Man muss mit der Gegenfrage antworten, was geschehen w\u00e4re, wenn die jungen Islamisten im Internet auf vermeintliche Gesinnungsfreunde gesto\u00dfen w\u00e4ren, die aber kein Interesse haben, sie \u00fcber Jahre wegzusperren, sondern die den Zweifel an in ihnen wachrufen wollen? Schlie\u00dflich handelt sich bei jungen Menschen, die im Internet nach Unterst\u00fctzung f\u00fcr einen Anschlag suchen, nicht um ideologisch gefestigte Menschen, die eine Gruppe hinter sich haben.<\/p>\n<p>Wenn dann der Geheimdienst den jungen Menschen \u00fcberhaupt erst die Mittel an die Hand gibt, die sie zu einer terroristischen Gefahr machen w\u00fcrden, wenn sie nicht verhaftet werden, handelt es sich endg\u00fcltig nicht mehr um Gefahr im Verzug, sondern um eine Radikalisierung, die vom FBI orchestriert und dann kontrolliert an die Justiz \u00fcbergeben wird. Gerade in einer Zeit, in der die Gefahr vor islamistischen Anschl\u00e4gen durchaus real und keineswegs von Geheimdiensten erfunden wurde, ist es wichtig, auch f\u00fcr die Einhaltung der Menschenrechte der Beschuldigten einzutreten. Das gilt in den USA genau so wie in allen anderen Teilen der Welt. In den letzten Tagen war immer wieder die Rede davon, dass vermeintliche Islamisten festgenommen wurden, wesentlich geringer ist die \u00f6ffentliche Resonanz, wenn sie wie jetzt in Belgien wieder freigelassen werden mussten, weil die Beschuldigungen so schwerwiegend nicht sind.<\/p>\n<p><strong>Erinnerungen an den Agenten Mark Kennedy<\/strong><\/p>\n<p>Der Fall McDavid h\u00e4tte durchaus auch in Deutschland passieren k\u00f6nnten. Er erinnert an den britischen Agenten Mark Kennedy, der auch in Deutschland in linken Zusammenh\u00e4ngen aktiv war (<a class=\"intern\" href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/33\/33938\/\" target=\"_blank\">Grenz\u00fcberschreitende Spitzel<\/a>). Auch er hat vor allem globalisierungskritische und \u00f6koanarchistische Strukturen infiltriert und ist dabei gezielt in Absprache mit den Geheimdiensten eine Liaison mit Aktivistinnen eingegangen. Mehrere der betroffenen Frauen f\u00fchren seit Jahren eine juristische Auseinandersetzung mit den verantwortlichen Geheimdiensten.<\/p>\n<p>Bis heute ist nicht klar, ob es je zu einer Anklage kommt, weil die Geheimdienste alles tun, um einen \u00f6ffentlichen Prozess zu verhindern. Eine der betroffenen Frauen hat k\u00fcrzlich in einen <a class=\"extern\" href=\"http:\/\/www.taz.de\/%21152839\/\" target=\"_blank\">Interview<\/a> ihre Beweggr\u00fcnde f\u00fcr die juristischen Schritte erkl\u00e4rt und kritisiert auch die Berichterstattung der meisten Medien:<\/p>\n<blockquote><p>Vom ersten Tag an waren Journalisten hei\u00df auf diese Geschichte. Das Problem ist: Es geht nicht um den Sex, es ist keine James-Bond-Story. Es geht um etwas ganz anderes: Mein Leben wurde zum Gegenstand einer staatlichen Invasion. So viel von dem, was ich lebte, stellte sich als L\u00fcge heraus. Es ist irreal. All die Jahre verschwinden, alles verschwindet. Der Blick auf dein Leben ver\u00e4ndert sich komplett. Es ist schwer, wieder Vertrauen aufzubauen.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcber ihren vermeintlichen Geliebten, den sie als Mark Stone kennenlernte, schreibt die Frau:<\/p>\n<blockquote><p>Diese Figur gibt es nicht. Mark Stone war keine Person. Er wurde erfunden. Er bekam P\u00e4sse und einen F\u00fchrerschein, hatte Befehle, reagierte auf Anweisungen. Seine Chefs haben operative Entscheidungen \u00fcber mein Leben gef\u00fchrt. Sie haben entschieden, ob wir zusammen zu Abend essen. Er war keine Person, er war das Werkzeug.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese eindr\u00fccklichen Worte bekommen durch den Fall McDavid noch eine zus\u00e4tzliche Best\u00e4tigung. Es ist auch ein Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, gerade in Zeiten der weltweiten Verunsicherung nicht in scheinbar kurzen Prozessen, harten Strafen und der Staatsgewalt die L\u00f6sung von Problemen zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>von Peter Nowak, \u00fcbernommen von <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/43\/43896\/1.html\" target=\"_blank\">www.heise.de<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast 10 Jahre war Eric McDavid inhaftiert. Als er k\u00fcrzlich aus dem Gef\u00e4ngnis von Sacramento entlassen wurde, strahlte er \u00fcber das Gesicht. 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