{"id":10833,"date":"2015-02-01T21:27:23","date_gmt":"2015-02-01T20:27:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=10833"},"modified":"2015-02-01T22:27:22","modified_gmt":"2015-02-01T21:27:22","slug":"von-ferguson-lernen-die-polizei-und-die-rolle-der-linken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/von-ferguson-lernen-die-polizei-und-die-rolle-der-linken","title":{"rendered":"Von Ferguson lernen&#8230; Die Polizei und die Rolle der Linken"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ferguson-Riot-Police-Car.jpg\" rel=\"lightbox[10833]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright size-medium wp-image-10834\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ferguson-Riot-Police-Car-250x167.jpg\" alt=\"Ferguson Riot Police Car\" width=\"250\" height=\"167\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ferguson-Riot-Police-Car-250x167.jpg 250w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ferguson-Riot-Police-Car-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Ferguson-Riot-Police-Car.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>von Peter Gelderloos, ver\u00f6ffentlicht auf <a href=\"http:\/\/www.counterpunch.org\/2014\/12\/09\/the-nature-of-police-the-role-of-the-left\/\" target=\"_blank\">Counterpunch<\/a> am 9.12.2014, in deutsch auf <a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/aktuell\/a099_von_ferguson_lernen.html\" target=\"_blank\">www.wildcat-www.de<\/a><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><span class=\"dropcap\">E<\/span>in junger Schwarzer wurde get\u00f6tet; viele Menschen, die danach mutig genug waren, auf die Stra\u00dfe zu gehen, wurden verletzt und festgenommen; und die einzigen wirklichen Konsequenzen f\u00fcr die Polizei werden aus Ver\u00e4nderungen bestehen, die ihre Effektivit\u00e4t bei der Kontrolle von Nachrichten und Menschenmengen steigern sollen, wenn sie das n\u00e4chste Mal jemanden umbringt. Denn das ist, inmitten der ganzen albernen Kontroversen, eine Tatsache: Die Polizei wird t\u00f6ten, immer und immer wieder. Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viele ihrer Ziele werden junge Farbige sein und Transsexuelle, aber sie haben auch schon \u00c4ltere umgebracht, wie etwa John T. Williams, Bernard Monroe und John Adams, und auch Wei\u00dfe. Die Rechte hat sich auf einige F\u00e4lle von wei\u00dfen Jugendlichen gest\u00fcrzt, die von Bullen get\u00f6tet wurden, wie Dillon Taylor oder Joseph Jennings, um damit zu belegen, die Polizei sei nicht rassistisch, und die Frage auszublenden, wen es normalerweise trifft.<\/p>\n<p>Im Wesentlichen wollen die rechten \u00bbExperten\u00ab damit sagen, dass die Bullen alle Arten von Leuten umlegen, also gibt es kein Problem. Die Tatsache, dass sie so ein Argument bringen k\u00f6nnen und einem gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung immer noch glaubw\u00fcrdig erscheinen, zeigt, wie normal die Rolle der Polizei in unserer Gesellschaft ist. Dieses von der Rechten manipulativ vorgebrachte Argument bedeutet in Wirklichkeit, dass die Polizei f\u00fcr jeden eine Gefahr bedeutet, der keinen Anzug tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>In einer ernsthaften Debatte w\u00e4re es allerdings schwierig zu leugnen, dass die Polizei eine rassistische Institution schlechthin ist. Sie bringt junge Schwarze, Latinos und \u00bbIndianer\u00ab weit \u00f6fter um als wei\u00dfe Jugendliche, und die Einrichtung selbst entstammt den Patrouillen zur Ergreifung fl\u00fcchtiger Sklaven im S\u00fcden bzw. zur Kontrolle von Einwanderern in die St\u00e4dte des Nordens, wie dies in Kristian Williams&#8217; bahnbrechendem Buch <i>Our Enemies in Blue<\/i> meisterhaft dokumentiert ist. Dar\u00fcber hinaus entstand das System der Strafjustiz, zu dem die Polizei geh\u00f6rt, indem sie den Gef\u00e4ngnisindustriekomplex sowohl beliefert als auch verteidigt, direkt dem 13. Verfassungszusatz, in welchem die Sklaverei im Falle der Verurteilung zu einer Gef\u00e4ngnisstrafen best\u00e4tigt wird. Was beleuchtet, wie die sich entwickelnde \u00d6konomie der USA die Sklavenwirtschaft auf den Plantagen hinter sich lassen konnte, zuerst durch die Kombination von Halbp\u00e4chtertum und <i>chain gangs<\/i> [Str\u00e4flingskolonnen in Ketten beim Au\u00dfeneinsatz], und neuerdings eines prek\u00e4ren Arbeitsmarktes au\u00dfen mit boomenden Gef\u00e4ngnisindustrien drinnen.<\/p>\n<p>Die Polizei geht uns also alle an, wenn auch nicht alle gleich. Wer nicht reich ist, kann Opfer der Polizeigewalt werden, und wer f\u00fcr eine freiere, gerechtere Welt k\u00e4mpft, tritt direkt ins Fadenkreuz der Bullen. W\u00e4hrend der Oscar Grand-Riots in Oakland und der John T. Williams-Proteste in Seattle denunzierten viele Journalisten, und in deren Folge Sprecher der Liberalen [progressive], die Wei\u00dfen, die aus Wut \u00fcber die Polizeimorde auf die Stra\u00dfen gingen. Mit heimlichem Rassismus schrieben sie \u00bbwei\u00dfen Anarchisten\u00ab die Rolle der R\u00e4delsf\u00fchrer des Chaos zu, wodurch sie die farbigen Anarchisten gleicherma\u00dfen ohne Stimme lie\u00dfen wie die vielen jungen Farbigen ohne sichtbare Ideologie, die beim Erobern der Stra\u00dfen sowie beim Kampf gegen die Polizei oft die Vorreiter waren. Wenn Rassismus und Polizeigewalt wirklich ein Problem f\u00fcr sie war, h\u00e4tten sie dann nicht die jungen Farbigen als die Vork\u00e4mpfer dargestellt \u2013 jedenfalls eher als diese geistlosen Pr\u00fcgelknaben von \u00bbwei\u00dfen Anarchisten\u00ab \u2013 statt ihre Teilnahme komplett auszublenden? Und statt die vergleichsweise wenigen Wei\u00dfen zu diskreditieren, die auf die Stra\u00dfe gingen, h\u00e4tten sie ihre Kritik nicht an all die Wei\u00dfen richten m\u00fcssen, die zuhause geblieben waren?<\/p>\n<p>Mit den Protesten nach der Nichtzulassung eines Verfahrens gegen Darren Wilson haben sich jedoch einige Dynamiken zu ver\u00e4ndern begonnen. Zwar hatten sich die Reaktionen auf die T\u00f6tung von Oscar Grant tats\u00e4chlich auf andere Teile der Westk\u00fcste ausgeweitet, und es war nicht gelungen, sie als ein Thema darzustellen, das lediglich Schwarze betraf. Doch die Antwort auf die offizielle Verk\u00fcndung, dass die Regierung den Mord an Michael Brown guthie\u00df, verbreitete sich viel weiter \u00fcber das Land und umfasste Menschen aller Rassen.<\/p>\n<p>Und das ist gut so: Mehr Menschen nehmen das Problem Polizei ernst; sie erkennen, dass sie etwas tun m\u00fcssen; und sie versuchen herauszufinden, mit welchen machbaren Aktionen sie etwas ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Die Umst\u00e4nde, die diesen notwendigen Schritt nach vorn herbeif\u00fchrten, sind tragisch; aber sie kommen f\u00fcr alle, die auch nur das geringste Geschichtsbewusstsein haben, keineswegs \u00fcberraschend. Morde durch die Polizei und die bedingungslose Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Bullen seitens der Regierung sind ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft. Und das wird noch eine Weile so bleiben.<\/p>\n<p>Logischerweise wollen die Leute diskutieren: Was tun? Das ist jedoch eine Debatte, die Mainstream- und progressive Journalisten, Protestorganisationen und linke Repr\u00e4sentanten geflissentlich vermieden haben. Was weniger eine Verschw\u00f6rung des Mundtotmachens war als eine der Bosheiten und Marginalisierung gegen alle, die ihre unausgesprochenen Grunds\u00e4tze infrage stellen.<\/p>\n<p>Diese Grunds\u00e4tze sind ganz einfach: jegliche Reaktion muss friedlich sein, und das einzige vorstellbare Ziel ist eine schrittweise Reform. In dieser willk\u00fcrlich definierten Arena d\u00fcrfen wir dann zanken, welche Details wir wollen, von Bullenkameras [gemeint sind Kameras, die die Bullen bei ihren Eins\u00e4tzen tragen m\u00fcssen, damit ihr Verhalten dokumentiert wird] bis hin zu B\u00fcrgeraussch\u00fcssen zur Kontrolle der Polizei, aber wir d\u00fcrfen nie Ansichten hegen, die diese Grenzen \u00fcberschreiten. Wer einen weiteren Blickwinkel w\u00e4hlt, um zu verstehen, woher Polizeigewalt kommt und welche Rolle diese in unserer Gesellschaft spielt, wird ignoriert. Als Journalist oder Akademiker setzt man so seine Karriere aufs Spiel und wird schnell von den zynischen Ellbogentypen abgeh\u00e4ngt, die diese andauernde Trag\u00f6die mit ihren banalen und kurzsichtigen Bemerkungen decken. Wer tats\u00e4chlich andere Arten von Aktionen und Ver\u00e4nderungen zu erkunden versucht, wird als \u00bbSchl\u00e4ger\u00ab, \u00bbkriminell\u00ab und \u00bbAgitator\u00ab denunziert. FOX [wichtigster rechter Fernsehsender] wie NPR [National Public Radio; eine Vereinigung Freier Radios, eher liberal] werden f\u00fcr sie dieselben Begriffe benutzen, Polizei und Protestf\u00fchrer werden sich vereinen, um sie zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>So funktioniert in der Demokratie die freie Meinungs\u00e4u\u00dferung. Leg die Begriffe der Debatte fest, lenk die Massen ab durch hei\u00dfe Polemiken zwischen zwei akzeptablen \u00bbGegens\u00e4tzen\u00ab, die sich so nahe sind, dass sie sich beinahe ber\u00fchren, ermutige sie zur Teilnahme und ignoriere oder kriminalisiere alle, die eine unabh\u00e4ngige Position wagen. Besonders bei einer, die die fundamentalen Grunds\u00e4tze infrage stellt, die beide Seiten der offiziellen Debatte als nat\u00fcrlich hinstellen und immer wieder bekr\u00e4ftigen. Noam Chomsky war einer der nicht wenigen Dissidenten, die diese Dynamik w\u00e4hrend des Vietnamkriegs enth\u00fcllten und zeigten, dass die Positionen von Falken und Tauben in den Mediendebatten \u00fcbereinstimmten. Heute folgen die Medien denselben Regeln. In jener fr\u00fcheren Krise lautete der fundamentale Grundsatz, dass die USA das Recht haben, ihre Macht aufrechtzuerhalten, auf milit\u00e4rische Weise oder anders, und zwar auf dem gesamten Planeten. In der gegenw\u00e4rtigen Krise ist das Dogma, das nicht hinterfragt werden darf, dass die Polizei eine Daseinsberechtigung habe, dass die Polizei als Institution ein geeignetes Instrument sei, um uns zu sch\u00fctzen und uns zu dienen, und deswegen seien sie eine legitime Erscheinung auf unseren Stra\u00dfen und in unseren Stadtteilen.<\/p>\n<p>In dieser Debatte behaupten die Rechten, die Polizei arbeite doch gut, w\u00e4hrend die Linke behauptet, es br\u00e4uchte Ver\u00e4nderungen, damit man sie dazu bringe, besser zu arbeiten. Beide sind sich einig, die Rolle der Polizei aufrechtzuerhalten und reale Menschen \u2013 Kieze, Gemeinschaften und all die Einzelnen, die die Polizei beeintr\u00e4chtigt \u2013 davon abzuhalten, in den Konflikten, die uns angehen, zu Akteuren zu werden. \u00c4hnlich h\u00f6ren wir oft Linke behaupten, \u00bbdie Gef\u00e4ngnisse funktionieren nicht\u00ab, womit sie zeigen, dass sie gar nicht wissen wollen, wozu Gef\u00e4ngnisse \u00fcberhaupt da sind.<\/p>\n<p>Leider ist die Rechte, bei all ihren Verdrehungen und Manipulationen, da ehrlicher. Polizei und Gef\u00e4ngnisse funktionieren prima. Wie es beabsichtigt ist, arbeiten sie gegen uns.<\/p>\n<p>Auf der Linken finden wir eine tragische Mischung aus unbewusstem Zynismus und hoffnungsloser Naivit\u00e4t. Kein Mensch kann ernsthaft behaupten, dass auch nur eine der von ihnen vorgeschlagenen Reformen irgendetwas wirklich verbessern wird. Und tats\u00e4chlich sind die meisten bereits ausprobiert worden. Rassenbezogenes Sensibilit\u00e4tstraining hilft den Bullen nur dabei, ihren Rassismus besser zu verbergen. Und ganz sicher kratzt es nicht an den Hierarchien, die dahinter stecken und die die Arbeit der Polizei sch\u00fctzen soll. Zivile Aufsicht kann allerh\u00f6chstens dazu f\u00fchren, dass ein paar \u00bbfaule \u00c4pfel\u00ab zum R\u00fccktritt gezwungen werden, und selbst dieses Ma\u00df an Einfluss wurde nur selten erreicht. Wie auch immer: B\u00fcrokratien haben schon immer gewusst, wie man einzelne Angeh\u00f6rige austauschbar macht, um die \u00fcbergeordnete Machtstruktur zu sch\u00fctzen, und keine Regierung der Welt hat je Kontrollaussch\u00fcssen mehr Macht gegeben als den Institutionen, die sie beaufsichtigen sollen. Zumindest nicht, wenn diese Institutionen f\u00fcr das geschmeidige Funktionieren der Herrschaft lebenswichtig sind.<\/p>\n<p>Was Kameras angeht, w\u00fcrden diese nur die Macht der Polizei vergr\u00f6\u00dfern, indem sie das Eindringen staatlicher \u00dcberwachung in unsere Lebens noch verst\u00e4rken. Die Morde an Eric Garner und Oscar Grant waren auf Band, und nichts hat sich ge\u00e4ndert. Fakt ist, dass die meisten von Bullen ausge\u00fcbten Morde v\u00f6llig legal sind. Ist das eine \u00dcberraschung? Die, die von der Gewalt der Polizei profitieren, sind diejenigen, die die Gesetze schreiben oder die Wahl der Gesetzgeber organisieren. Die einzigen wirklichen Opfer von Bullenkameras w\u00e4ren Leute, die sich daf\u00fcr entscheiden, sich gegen die Bullen zu wehren, eine Handlung, die, und sei sie auch noch so gerechtfertigt, niemals legal ist. Tr\u00fcgen die Bullen Kameras, w\u00fcrden alle, die die Hand gegen sie erheben, aufgenommen. Aber die Reformer denken nicht an Selbstverteidigung, oder?<\/p>\n<p>Und das ist genau der Knackpunkt. Die Frage der Selbstverteidigung gegen die Polizei ist eine, die wir nicht erw\u00e4gen sollen, nur ist sie die einzige, die Sinn ergibt. Die Polizei ist nicht dazu da, die Gesellschaft vor allgemeinem Kannibalismus und Chaos zu sch\u00fctzen wie in einer paranoiden Batman-Phantasie. Sie existiert, um die Habenden vor den Habenichtsen zu sch\u00fctzen, um das staatliche Gewaltmonopol aufrechtzuerhalten und um unsere verk\u00fcmmerte F\u00e4higkeit zur Konfliktl\u00f6sung auszugleichen, ein weiteres der vielen Hoheitsrechte, die der Staat von uns gestohlen hat (ob wir nicht dazu in der Lage sind, bei unseren Nachbarn an die T\u00fcr zu klopfen, wenn sie ihre Musik zu laut spielen, oder uns auf ein breiteres Netzwerk an Familien- und Gemeinschaftsbindungen zu st\u00fctzen, um mit Missbrauch in einer Beziehung einen Umgang zu finden).<\/p>\n<p>Die Polizei hat zu allen, die nicht versuchen oder nicht dazu in der Lage sind, es bis in die h\u00f6chsten Schichten der Gesellschaft zu schaffen, ein antagonistische Verh\u00e4ltnis. Wir k\u00f6nnen dieses Verh\u00e4ltnis ignorieren. Was wir aber nicht k\u00f6nnen, ist, dieses Verh\u00e4ltnis wegzureformieren. Und deshalb ist es notwendig, \u00fcber Selbstverteidigung gegen die Polizei zu reden.<\/p>\n<p>Wir haben es hier jedoch nicht mit einer offenen Debatte zu tun zwischen zwei gleichwertigen Positionen, Reformieren oder Zur\u00fcckschlagen. Zu allererst, weil sich die Reformer durchweg an all den herrschenden Institutionen beteiligen \u2013 einschlie\u00dflich der blutigen H\u00e4nde der Polizei, gegen die sie sich angeblich stellen \u2013 um alle, die sich daf\u00fcr entscheiden, gegen die Polizei zur\u00fcckzuschlagen, zum Schweigen zu bringen, an den Rand zu dr\u00e4ngen, zu kriminalisieren und zu verteufeln. An dieser Debatte beteiligen sie sich nicht, denn sie nur verlieren k\u00f6nnten. Stattdessen benutzen sie die ganzen L\u00fcgen und Verdrehungen und die allgemeine Ged\u00e4chtnislosigkeit, die von den Medien genau zu dem Zweck aufrechterhalten werden, diese Debatte zu vermeiden.<\/p>\n<p>Zweitens sind die Reformer Parasiten. Ohne die, die zur\u00fcckschlagen, w\u00fcrden sie nicht existieren. Ohne die Stra\u00dfenk\u00e4mpfer h\u00e4tte niemand au\u00dferhalb der jeweiligen Communities je von Oscar Grant oder Michael Brown geh\u00f6rt. Die j\u00fcngsten landesweiten Proteste waren nur m\u00f6glich, weil die Leute im August in Ferguson zehn Tage lang Feuer legten, pl\u00fcnderten, Steine und Mollies warfen und auf die Bullen schossen.<\/p>\n<p>W\u00fcrden die Reformer es ernst meinen, w\u00fcrden sie denen danken, die auf die Stra\u00dfen gingen, weil sie dem Land das Problem bewusst gemacht haben. Dann w\u00fcrden sie mit Respekt die gew\u00e4hlten Taktiken und Ziele diskutieren und mit Blick auf die Geschichte darlegen, warum friedliche Mittel und reformistische Ziele besser geeignet seien, eine tats\u00e4chliche Ver\u00e4nderung zu bewirken. Aber nichts k\u00f6nnte weiter entfernt sein von ihrer aktuellen Vorgehensweise. Von parasit\u00e4ren Ber\u00fchmtheiten wie Jesse Jackson bis zu einer Buchstabensuppe von NGOs, die Linken fliegen ein, setzen sich an die Spitze von etwas, was sie nicht begonnen haben, und arbeiten Hand in Hand mit der Polizei, um die Lage zu beruhigen. Diese professionellen Aktivisten haben kein eigenes Programm, sie sind lediglich professionelle Brandbek\u00e4mpfer. Und im Fall von Ferguson sind sie das wertvollste Werkzeug der Regierung. Denn es waren nicht die Polizei oder gar die Nationalgarde, die es schafften, die Riots zu beenden, sondern diese professionellen Aktivisten.<\/p>\n<p>Ihr Zynismus geht \u00fcber das parasit\u00e4re, verr\u00e4terische Verh\u00e4ltnis hinaus, das sie zu denen haben, die wirklich etwas riskieren im Kampf darum, die Polizei aus ihren Vierteln zu vertreiben, und \u00fcber ihre rassistische Darstellung der farbigen A nwohner an der Frontlinie des Kampfs entweder als \u00bbSchl\u00e4ger\u00ab oder als ahnungslose Schachfiguren von au\u00dfen stammender Agitatoren. Sie gehen sogar so weit, die Familien der von der Polizei Ermordeten zu benutzen. Tats\u00e4chlich scheint das an dieser Stelle Teil ihres Drehbuchs zu sein.<\/p>\n<p>Wenn die Familie zu einem friedlichen Protest aufruft, wie die Familien von John T. Williams und Michael Brown, dann machen sie daraus ein Gesetz und marginalisieren alle, die k\u00e4mpferischer reagieren wollen, und stellen sie dar als b\u00f6swillige, herzlose Agitatoren ohne Respekt vor den Opfern, die die Trag\u00f6die ausn\u00fctzen, um Chaos zu stiften. Doch die Familien sind nicht die einzigen, die ein Recht haben, auf Polizeimorde zu antworten. Wie viele von uns h\u00e4tten gerne, dass ihre Eltern ihre Grabinschrift verfassen? Wie viele von uns vertrauen darauf, dass unsere Freunde eher als unsere Familie wissen, was wir wollen w\u00fcrden, wenn uns jemand umgebracht hat? Auch wenn Freundschaft keine gesetzlich anerkannte Beziehung ist, so sind doch die Freunde eines Opfers auch direkt betroffen, und sie sollten dabei mitreden d\u00fcrfen, was die angemessene Antwort sein k\u00f6nnte. Und tats\u00e4chlich haben Freunde und Gleichaltrige in vielen der Anti-Polizei-Riots der letzten Jahre eine wichtige Rolle gespielt, auch wenn ihre Beteiligung seitens der Medien und Pazifisten gleicherma\u00dfen gro\u00dfteils ausgeblendet wurde.<\/p>\n<p>Und da h\u00f6rt es noch nicht auf. Nachbarn und Zeugen werden bei einem Polizeimord ebenfalls traumatisiert. Auch sie haben ein unleugbares Bed\u00fcrfnis, zu antworten, die Wut rauszulassen und die Kontrolle \u00fcber ihre Umgebung wiederzuerlangen, eine Kontrolle, die das Latschen in einem friedlichen Protestzug, flankiert von Bullen, nicht geben kann. Und wenn wir es nicht mit einem isolierten Mord zu tun haben, sondern mit einem systemischen Problem, wie es bei T\u00f6tungen durch die Polizei der Fall ist, dann sind alle betroffen, und alle haben ein Bed\u00fcrfnis zu antworten.<\/p>\n<p>Es sollte nicht n\u00f6tig sein darzulegen, dass das uns alle angeht. Doch der befriedende, l\u00e4hmende Diskurs der Reformer zerst\u00f6rt besonders die Solidarit\u00e4t. Statt uns alle zu ermutigen, einen Angriff auf jemand anderen als Angriff auf uns selbst anzusehen, sollen wir uns alle im Hintergrund dessen halten, \u00bbwas die Familie w\u00fcnscht\u00ab. Das Ma\u00df an Heuchelei macht w\u00fctend, wenn man sich klar macht, dass sich die Frieden predigenden professionellen Aktivisten einen Schei\u00df um die Familie von Michael Brown oder den anderen k\u00fcmmern, die von den Bullen ermordet wurden. Familienmitglieder sind nur Schachfiguren in ihrer Agenda.<\/p>\n<p>Als der Teenager Jesus \u00bbChuy\u00ab Huerta aus Durham vor einem Jahr auf dem R\u00fccksitz eines Streifenwagens erschossen wurde, wies seine Familie die hohlen Vers\u00f6hnungsgesten des Police Departments zur\u00fcck, und sie denunzierten die Leute nicht, die aus Wut \u00fcber den Mord mit den Bullen k\u00e4mpften. Es ist kein Zufall, dass die \u00f6rtlichen Linken pl\u00f6tzlich dar\u00fcber schwiegen, was die Familie wollte. Und als nach der Nichtzulassung der Klage Michael Browns Stiefvater Louis Head eine Menschenmenge aufforderte: \u00bbFackelt diese Schei\u00dfe ab!\u00ab, wieviele Reformer beschlossen denn da, ihm zu folgen? Stattdessen \u00fcberboten sie sich dabei zu beweisen, er h\u00e4tte es nicht so gemeint, und verbreiteten eine Entschuldigung, die er etwa eine Woche darauf \u00e4u\u00dferte. Seine Vers\u00f6hnlichkeit wurde wom\u00f6glich durch die Tatsache gef\u00f6rdert, dass Head ein Strafverfahren drohte und er bereits in den Medien f\u00fcr eine Reaktion verteufelt worden war, die zumindest in Ferguson f\u00fcr Tausende von Menschen gesunden Menschenverstand darstellte.<\/p>\n<p>Das ist ein gutes Beispiel f\u00fcr Ansichten, die wir nicht haben d\u00fcrfen, und wie Rechtssystem, Medien und Linke zusammenarbeiten, um solche Ansichten zu bestrafen und auszuradieren. Es war ein Triumph f\u00fcr dieses Triumvirat der gesellschaftlichen Kontrolle, dass die meisten der landesweiten Proteste zahme, legale Aktionen waren, die den Zorn der Leute erfolgreich abflauen lie\u00dfen. Doch die Feuer, Riots und Autobahnblockaden von Oakland bis Boston deuten darauf hin, dass diese Kontrolle endlich nicht mehr so recht greift. Damit sie g\u00e4nzlich entf\u00e4llt, m\u00fcssen wir die wahre Rolle von Rechtssystem und Medien verstehen und die Heuchelei der Linken umfassend begreifen.<\/p>\n<p>Es ist ein alarmierender, doch historischer Moment, wenn die Rechte wahrhaftiger spricht als die Linke. W\u00e4hrend die Reformer \u00fcber faule \u00c4pfel und Sensibilit\u00e4tstraining redeten, trafen Bullen in Missouri den Nagel auf den Kopf, als sie damit begannen, Armb\u00e4nder zu verteilen, auf denen stand: \u00bbWir sind alle Darren Wilson.\u00ab<\/p>\n<p>Selbst Linke, die die Riots nicht offen verurteilten, verfielen in ein erprobtes und bew\u00e4hrtes Muster. Die einzige M\u00f6glichkeit, wie sie die Riots mundgerecht machen konnten, bestand darin, von Brutalit\u00e4t der Polizei gegen\u00fcber den Protestierenden zu reden. In Wirklichkeit war die Polizei bei den meisten Riots in Ferguson bemerkenswert zur\u00fcckhaltend. Es wurde normal f\u00fcr Protestierende, mit Handfeuerwaffen auf Polizei zu schie\u00dfen, und im November erschienen sogar Sturmgewehre auf der Bildfl\u00e4che, doch die Bullen schossen nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das ist ein wichtiger Schritt vorw\u00e4rts. Angesichts einer Polizei mit Lizenz zum T\u00f6ten beginnen die Leute, ihre Leben \u00fcber die Gesetze der Elite zu stellen. Doch f\u00fcr die Reformer, die sich nicht vorstellen k\u00f6nnen, gegen irgendeine der bestehenden Institutionen Front zu machen, ergibt das keinen Sinn. Normale Leute k\u00f6nnen f\u00fcr sie nur Opfer sein, aber niemals Handelnde. Und Kritik an der Polizei hei\u00dft f\u00fcr sie , nicht \u00fcber die Momente zu reden, in denen die Bullen tats\u00e4chlich Angst um ihr Leben haben und nicht aufgrund der v\u00f6llige n Straflosigkeit handeln. Der Mangel an strategischem Denken ist alarmierend.<\/p>\n<p>US-Regierungen sind daf\u00fcr ber\u00fcchtigt, Widerstand besonders hart und hemmungslos auszumerzen. Sie militarisieren ihre Bullen, sie verh\u00e4ngen Haftstrafen, die wesentlich l\u00e4nger ausfallen als in anderen L\u00e4ndern f\u00fcr angemessen gehalten w\u00fcrde, und sie geruhen nicht, sich f\u00fcr den Ausgleich durch Kompromisse und sozialen Frieden einzusetzen, wie es die Sozialdemokratien tun. Um ein Beispiel zu finden, das die Brutalit\u00e4t \u00fcbertrifft, mit der die US-Regierung in den 1960ern und 1970ern die Befreiungsbewegungen der Schwarzen und der Ureinwohner liquidierte, m\u00fcsste man schon im Iran suchen oder in China. Doch jetzt, in Ferguson und in vielen anderen St\u00e4dten in diesem November 2014, waren die Bullen und ihre Herren so ver\u00e4ngstigt, dass die Beh\u00f6rden, als die Leute mit den Riots und Pl\u00fcnderungen begannen, als sie Waffen zu den Protesten mitnahmen und Autobahnen stilllegten, nicht mit einem Polizei-Riot reagierten oder mittels hartem milit\u00e4rischen Durchgreifen. Ihre H\u00e4nde waren weitgehend gebunden.<\/p>\n<p>Warum? Wovor f\u00fcrchteten sie sich?<\/p>\n<p>Sicher nicht vor friedlichen Protesten oder etwas schlechter Presse.<\/p>\n<p>Eine vollst\u00e4ndigere Beantwortung dieser Frage und die Umsetzung dieser Antworten in die Praxis, das ist der zweite Schritt auf dem Weg, die Polizeigewalt ein f\u00fcr alle mal zu beenden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein junger Schwarzer wurde get\u00f6tet; viele Menschen, die danach mutig genug waren, auf die Stra\u00dfe zu gehen, wurden verletzt und festgenommen; und die einzigen wirklichen Konsequenzen f\u00fcr die Polizei werden aus Ver\u00e4nderungen bestehen, die ihre Effektivit\u00e4t bei der Kontrolle von Nachrichten und Menschenmengen steigern sollen, wenn sie das n\u00e4chste Mal jemanden umbringt.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":10834,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[32,298],"tags":[92,685,37,194,708,254,284],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10833"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10833"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10833\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10853,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10833\/revisions\/10853"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10834"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10833"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10833"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10833"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}