{"id":1338,"date":"2009-11-02T13:55:51","date_gmt":"2009-11-02T12:55:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=1338"},"modified":"2014-12-26T23:04:27","modified_gmt":"2014-12-26T22:04:27","slug":"thomas-meyer-falk-neoliberalismus-im-knastsystem-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-neoliberalismus-im-knastsystem-eine-rezension","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Neoliberalismus im Knastsystem &#8211; eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" title=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" \/>Dieses Jahr erschien in deutscher \u00dcbersetzung das erstmals 2004 in Frankreich publizierte Buch &#8220;Bestrafen der Armen &#8211; Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit&#8221; des in Paris und in den USA lehrenden Professors Loic Wacquant.<\/p>\n<p>Die knapp 360 Seiten starke Analyse der straffixierten Wende in der Strafrechtspolitik geh\u00f6rt in jeden B\u00fccherschrank eines an kritischer Auseinandersetzung mit Strafvollzug, Knastpolitik und Strafrechtsversch\u00e4rfungen interessierten Menschen.<\/p>\n<p>Schon im Vorwort bringt der Autor es auf den Punkt, wenn er das &#8220;Law-and-Order-Karussell&#8221; anklagt, f\u00fcr die Kriminalit\u00e4t das zu sein, was die Pornografie f\u00fcr die Liebesbeziehung sei, n\u00e4mlich &#8220;ein die Realit\u00e4t bis zur Groteske entstellender Zerrspiegel, der das delinquente Verhalten aus dem Geflecht der sozialen Beziehungen (&#8230;) k\u00fcnstlich herauszupft, seine Ursachen und Bedeutungen bewusst ignoriert&#8221; um dabei der Kriminalit\u00e4tsfurcht ebenso Nahrung zu geben, wie von ihr zu leben (a.a.O., S.13-15).<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIn 10 Kapiteln unterzieht Wacquant im Speziellen die Politik in den USA und Frankreich einer ebenso scharfen wie treffenden Analyse, was &#8220;Elend des Wohlfahrtstaats&#8221; und &#8220;Gr\u00f6\u00dfe des Strafrechtsstaats&#8221;, wie zwei Teil-\u00dcberschriften lauten, angehen. Das Elend und Ende des Wohlfahrtstaats ist nach Ansicht des Buchautors eng verkn\u00fcpft mit der Hyperinflation der Anzahl der Gef\u00e4ngnisinsassen und der Strafrechtshysterie. Auf S. 117 weist Wacquant exemplarisch nach, wie im Rahmen einer Wohlfahrts-&#8220;Reform&#8221; 1996 in den USA im vorhergehenden politischen Diskurs, wie auch im Gesetzestext selbst, beispielsweise &#8220;allein erziehende arme M\u00fctter in aggressiver Form nicht als bed\u00fcrftig, sondern als deviant charakterisiert, als eine Problemgruppe, deren Integrit\u00e4t (&#8230;) suspekt ist und deren angebliches Arbeitsvermeidungsverhalten dringend der Korrektur durch Ausschluss, Zwang und moralischen Druck bedarf&#8221; diffamiert wurden. Also mit Techniken unter Druck gesetzt wurden, die &#8220;typisch f\u00fcr die Verbrechensbek\u00e4mpfung sind.&#8221;<\/p>\n<p>Erkl\u00e4rte Absicht des Autors ist es (a.a.O., S.18f) die &#8220;ver\u00e4nderten Aktivit\u00e4ten der Polizei, der Gerichte und insbesondere der Gef\u00e4ngnisse&#8221; aufzudecken, die &#8220;speziell auf das Management der `Problemgruppen` ausgerichtet sind, die in den unteren Regionen des sozialen und st\u00e4dtischen Raums hausen&#8221;.<\/p>\n<p>Loic Wacquant will die Aufmerksamkeit der LeserInnen seiner Studie &#8220;auf den Zusammenschluss von Sanktionen im Strafrechts- und Kontrolle im Sozialhilfebreich zu einem einzigen Apparat der kulturellen Vereinnahmung und Verhaltenskontrolle von marginalen Populationen&#8221; lenken.<\/p>\n<p>Viele Zahlen lassen sich dem Buch entnehmen; auch wenn keine ganz aktuellen Werte vorliegen, so schm\u00e4lert dies nicht ansatzweise die Kraft der Aussagen Wacquants.<\/p>\n<p>Im Jahr 2000 standen 3% der Gesamtbev\u00f6lkerung der USA unter staatlicher \u00dcberwachung oder Kontrolle (a.a.O.; S.149); immerhin jeder 20. wei\u00dfe und jeder 10.schwarze m\u00e4nnliche Erwachsene sa\u00df entweder im Knast, oder stand unter Bew\u00e4hrungsaufsicht. Instruktiv auch die Darstellung der wirtschaftlichen Macht und des Einflusses des Gef\u00e4ngnissystems: der Strafvollzugssektor stellt den drittgr\u00f6\u00dften Arbeitgeber in den USA, noch vor Ford (371.000 Besch\u00e4ftigte), vor General Motors (646.000) oder UPS (336.000), mit ca. 708.000 Besch\u00e4ftigten (a.a.O. S.171).<br \/>\nWurden 1980 noch 50% mehr Gelder an allein erziehende arme M\u00fctter ausgegeben, als Gelder f\u00fcr Kn\u00e4ste, drehte sich 1993 dieses Verh\u00e4ltnis um; und schon 1995 wurde 2.3 mal soviel Geld f\u00fcr den Strafvollzug ausgegeben als f\u00fcr bed\u00fcrftige M\u00fctter.<br \/>\nDiese und noch viel mehr Zahlen und Fakten, gut und umfangreich belegt, lassen sich in der Studie finden. Am beklemmensten fand ich die Schilderung seines Besuchs &#8220;in der gr\u00f6\u00dften Strafkolonie der freien Welt&#8221; (a.a.O., S.161), in Los Angeles, wo 23.000 Gefangene in sieben Anstalten leben (1980 waren es noch 9.000 Menschen hinter Gittern).<\/p>\n<p>Wie weiter oben dargestellt, zielt die Studie jedoch viel weiter als in der blo\u00dfen Wiedergabe der Zahlen; vielmehr ordnet sie die Entwicklungen im Bereich Strafvollzug\/Strafverfolgung ein in die (zunehmende) Verfolgung der unteren sozialen Schichten. Ausdr\u00fccklich lehnte der Autor es jedoch ab, seinem Buch den Mythos eines &#8220;von \u00fcbel wollenden und allm\u00e4chtigen Staatsm\u00e4nnern verfolgte(n), bewusste(n) Plan zugrunde&#8221; zu legen (a.a.O. S.19). Er betont ausdr\u00fccklich, dass nichts von alledem was er beschreibt und aufdeckt &#8220;von schicksalhafter Notwendigkeit&#8221; ist, sondern stets &#8220;andere historische Wege&#8221; offen stehen, &#8220;wie schmal und wie unwahrscheinlich sie auch sein m\u00f6gen&#8221; (a.a.O. S.19)<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn ist das Gef\u00e4ngnis der heutigen Pr\u00e4gung ein Ersatzghetto, wie auch ein Mittel zur Absch\u00f6pfung von Wirtschaftskraft und zur sozialen \u00c4chtung. Scharf geht er mit den v\u00f6llig \u00fcberschie\u00dfenden gesetzlichen Entwicklungen in den USA im Umgang mit entlassenen Sexualt\u00e4tern um (a.a.O., S.219ff), wohlwissend wie emotional besetzt dieses Thema ist.<br \/>\nWas das Buch bedeutend macht, ist der system\u00fcbergreifende Ansatz Wacquants, der aufzeigt, wie der Neoliberalismus nicht nur die sozialen Sicherungssysteme und den &#8220;Wohlfahrtstaat&#8221; ergreift, sondern geradezu als integralen Bestandteil das Gef\u00e4ngniswesen ben\u00f6tigt. Deshalb schadet es auch der Studie nicht, wenn dort \u00fcberwiegend Zahlen aus den USA oder Frankreich referiert werden, denn die zentralen Entwicklungslinien in USA wie Europa sich in zu vielen Punkten.<\/p>\n<p>Alles in allem ist es eine ebenso gelungene wie wichtige Analyse, die auch dazu beitragen kann eigene Argumentationsstrukturen bei der Bek\u00e4mpfung des Gef\u00e4ngniswesens zu untermauern und zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><em>Bibliografische Angaben:<\/em><\/p>\n<p>Loic Wacquant, &#8220;Bestrafen der Armen- Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit&#8221;<br \/>\nerschienen 2009 im Verlag Barbara Budrich, ISBN 978-3-86649-188-5, Preis: 29,90 Euro. <\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/freedom-for-thomas.de\/thomas\/\" target=\"_blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"_blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Jahr erschien in deutscher \u00dcbersetzung das erstmals 2004 in Frankreich publizierte Buch &#8220;Bestrafen der Armen &#8211; Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit&#8221; des in Paris und in den USA lehrenden Professors Loic Wacquant. 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