{"id":153,"date":"2008-03-20T18:11:37","date_gmt":"2008-03-20T17:11:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.abc-berlin.net\/?p=153"},"modified":"2014-12-26T23:12:24","modified_gmt":"2014-12-26T22:12:24","slug":"solidaritaet-ist-eine-waffe-unterstuetzt-natalja-solidarity-is-a-weapon-support-natalja","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/solidaritaet-ist-eine-waffe-unterstuetzt-natalja-solidarity-is-a-weapon-support-natalja","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t ist eine Waffe &#8211; Unterst\u00fctzt Natalja!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Solidarit\u00e4t ist eine Waffe!<\/strong><\/p>\n<p>Am Samstag, dem 09. Februar wurde Natalja w\u00e4hrend der Demonstration gegen die j\u00e4hrliche NATO-Sicherheitskonferenz in M\u00fcnchen verhaftet. Ihr wird vorgeworfen sich gewaltt\u00e4tig Polizeimassnahmen widersetzt zu haben. Gegen sie wurde ein Haftbefehl erlassen und sie befindet sich seit dem in M\u00fcnchen hinter Gittern. Natalja wurde schon w\u00e4hrend des G8-Gipfels im letzten Sommer in Deutschland verhaftet und zu zehn Monaten Haft verurteilt. Au\u00dferdem hat sie ein drittes Verfahren, da sie bei der letztj\u00e4hrigen Demonstration zum 1. Mai festgenommen wurde. So wie es aussieht wird sie eine l\u00e4ngere Zeit im Knast verbringen m\u00fcssen. Am 30. April wird sie ihren Prozess im M\u00fcnchen haben.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAusz\u00fcge aus einem Brief, den sie aus dem Knast heraus schrieb:<\/p>\n<p><em>Ich ging nach M\u00fcnchen, um an den Protesten gegen die Nato Kriegs Konferenz (offiziel Sicherheitskonferenz genannt), welche j\u00e4hrlich im Februar stattfindet, teilzunehmen. Dies ist ein Treffen von politischen F\u00fchrern, Milit\u00e4rrepr\u00e4sentanten und Mitgliedern der Milit\u00e4rlobby, welche alle der Einladung der Quandt Stiftung folgen. Die Quandt-Familie ist der Hauptanteilseigner der BMW Gesellschaft, welche Kraftfahrzeuge aber auch Milit\u00e4rausr\u00fcstung, wie Fahrzeuge und Waffen, herstellt. (Die Wurzeln f\u00fcr deren Wohlstand und Einfluss sind die chemische Industrie \u2013 einschlie\u00dflich die Ausbeutung von Gefangenen der Konzentrationslager w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs).<\/p>\n<p>Trotz des \u201eprivaten\u201c\/\u201ekommerziellen\u201c Hintergrundes der Konferenz genie\u00dfen die M\u00e4nner und Frauen \u201edie Ehre\u201c den Status als offizielle G\u00e4ste der Bundesrepublik Deutschland. Die deutsche Armee (Bundeswehr) ist verantwortlich f\u00fcr den Schauplatz\u2026<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>Zuallererst muss ich sagen, dass ich mich f\u00fcr mein eigenes passiven Verhaltens sch\u00e4me: Ich bin konfrontiert mit einer k\u00fcnstlichen Umgebung, die gebaut worden ist um Menschen zu kontrollieren und sie zwingt sich an eine Lebensweise anzupassen, die eingefroren zu sein scheint. Das Gef\u00e4ngnis ist eine komplizierte Struktur von Einsch\u00fcchterung, Leere, Erniedrigung und Druck.<\/p>\n<p>Ich lerne \u00fcber die pers\u00f6nliche Situation und die Probleme den anderen Insassen und erhalte ein Gef\u00fchl der Trag\u00f6dien der sogenannten \u201eillegalen MigrantInnen\u201c, ein Gef\u00fchl daf\u00fcr was es bedeutet auf die Abschiebung hinter Gittern zu warten, dies ist, was viele Frauen hier tun, warten auf ihre Abschiebung, dabei sind sie isoliert und hilflos\u2026<\/p>\n<p>So ist meine Situation. &#8211; Und meine Reaktion? Ich reagiere nicht. Ich agiere nicht. Ich bin nur &#8211; und bleibe ich selbst. Aber die einzige Sache, die ich mache ist warten auf das die Zeit abl\u00e4uft und versuchen die Sachen nicht zu nahe kommen zu lassen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich begann die Gefangenschaft mit einer Art Schock, der langsam verschwindet. Er wird ersetzt durch einen Zustand der dauerhaften Betr\u00fcbnis, die ist jedoch, eher im Hintergrund und wird mit einer starken Schicht M\u00fcdigkeit, Langeweile und Ersch\u00f6pfung bedeckt.<\/p>\n<p>Im Augenblick bin ich in einer Zelle im 3. Stock und habe die Zelle f\u00fcr mich. Ich bin froh dar\u00fcber. Allein zu sein f\u00fcr 22 Stunden pro Tag ist ein richtiges Problem. &#8211; Aber keine Zeit f\u00fcr sich selber zu haben, keine f\u00fcnf Minuten f\u00fcr sich selber zu sein innerhalb der Monate w\u00e4re sogar ein gr\u00f6\u00dferes Problem f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Der Tag f\u00e4ngt um 6 Uhr morgens an (um 7 Uhr am Wochenende). Dann schalten die Schlie\u00dfer das Licht an. (Es gibt keine Elektrizit\u00e4t innerhalb der Zellen). Die T\u00fcr bleibt verschlossen, aber wir erhalten Hei\u00dfwasser oder \u201eKaffee\u201c durch eine \u00d6ffnung in der T\u00fcr, die danach wieder geschlossen wird. Um viertel vor acht wird die T\u00fcr entriegelt und die Gefangenen erhalten saubere Unterw\u00e4sche. Wir m\u00fcssen die benutzte Unterw\u00e4sche zur\u00fcckgeben\u2026, also m\u00fcssen wir einen Bademantel f\u00fcr diese Prozedur tragen.<\/p>\n<p>Zwischen viertel vor zehn und viertel vor elf k\u00f6nnen wir eine Stunde an der Luft verbringen. Der Hof ist in der Mitte des Gef\u00e4ngnisses, damit wir nur W\u00e4nde und Gitter und \u201eein St\u00fcck des Himmels\u201c und etwas gr\u00fcnen Gras und einen netten Baum sehen k\u00f6nnen. Ungl\u00fccklicherweise m\u00fcssen wir die ganze Zeit im Schatten gehen, weil das Sonnenlicht keinen Weg in den Hof findet. Ich denke, dass dies ein wenig wie eine H\u00f6hle ist.<\/p>\n<p>Gegen 11 Uhr erh\u00e4lt jede ihr Mittagessen. Ich warte immer ungeduldig bis viertel nach drei am Nachmittag, weil dann die T\u00fcr wieder ge\u00f6ffnet ist &#8211; und bleibt f\u00fcr eine Stunde lang ge\u00f6ffnet: du kannst zur \u201en\u00e4chsten T\u00fcr\u201c gehen und deine \u201eNachbarInnen besuchen\u201c. Du hast die Zeit, den M\u00fclleimer zu leeren oder um um weiteres Toilettenpapier zu bitten\u2026<\/p>\n<p>Gefangene k\u00f6nnen nichts selbstst\u00e4ndig organisieren. Wenn es etwas gibt, das organisiert werden muss oder wenn sie ein wichtiges Anliegen haben m\u00fcssen sie ein spezielles Formular ausf\u00fcllen. &#8211; Selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen sie erst um dieses Formular bitten\u2026 in unserem Fall ist die einzigste Gelegenheit dazu in dieser Stunde wenn die Zellen ge\u00f6ffnet sind.<\/p>\n<p>Bevor unsere T\u00fcren nach 60 Minuten wieder verschlossen werden, bekommen wir Kr\u00e4utertee und Nahrungsmittel f\u00fcr das Abendbrot und das Fr\u00fchst\u00fcck am n\u00e4chsten Morgen. Um 10 Uhr am Abend f\u00e4ngt die Nacht an und die W\u00e4chter schalten das Licht aus.<\/p>\n<p>Dreimal in der Woche d\u00fcrfen wir duschen, dies ist eine weitere M\u00f6glichkeit f\u00fcr kleine Gespr\u00e4che, weil wir vor dem Raum in dem die Duschen sind anstehen m\u00fcssen. (Am Samstag und am Sonntag ist die Struktur des Tages zu der w\u00e4hrend des Restes der Woche ein wenig unterschiedlich).<\/p>\n<p>Diese ziemlich abstrakte und formale Beschreibung ist selbstverst\u00e4ndlich oberfl\u00e4chlich, aber m\u00f6glicherweise gibt sie einen Eindruck\u2026<\/p>\n<p>Es ist schwer etwas \u00fcber soziales Leben hier drinnen zu sagen im allgemeinen. Die \u201eGemeinschaft\u201c der eingesperrten Frauen ist voll von Kontrasten und Widerspr\u00fcchen und jede der Insassen erf\u00e4hrt die Sozialstruktur auf ihre Weise &#8211; abh\u00e4ngig von der jeweiligen einzelnen Situation und Perspektive.<br \/>\nEs gibt eine Art starke Solidarit\u00e4t unter den Frauen, sowie Mobbing.<br \/>\nEs gibt taktische B\u00fcndnisse sowie reale Freundschaft.<\/p>\n<p>Jede ist auf gewisse Weise einsam. Fast alle Frauen verstecken die meisten ihrer Gef\u00fchle &#8211; und sehnen sich danach verstanden zu werden. Es gibt eine Menge Sozialdruck, Vort\u00e4uschen stark zu sein und Gef\u00fchle f\u00fcr sich selbst zu behalten; niemand m\u00f6chte an ihre eigene tiefe Traurigkeit erinnert werden und ihre eigene Sorgen (z.B. \u00fcber ihre Kinder, die jetzt von ihrer Mutter getrennt werden). Aber dies alles bedeutet NICHT auf Abstand bleiben zu einander. Die Frauen geben sich gegenseitig viel W\u00e4rme, Sympathie, Mitgef\u00fchl und Ermutigung. Wie au\u00dferhalb der Gef\u00e4ngnismauern sind materielle Bed\u00fcrfnisse und Hierarchien basierend auf unterschiedlichen \u201eWohlstand\u201c wichtige Faktoren.<\/p>\n<p>Und letztendlich sehnt sich jede nach jeder interessanten Sache, irgendwelche Nachrichten oder eine Person, die verspricht ein Spritzer Farbe im Grau des Alltagslebens hinter Gittern zu sein.<\/p>\n<p>[\u2026]<\/em><\/p>\n<p>Schreibt Natalja:<\/p>\n<p>Justizvollzuganstalt M\u00fcnchen<br \/>\nFrauenanstalt<br \/>\nNatalja Liebich<br \/>\nAm Neudeck 10<br \/>\n81541 M\u00fcnchen<br \/>\nDeutschland<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solidarit\u00e4t ist eine Waffe! Am Samstag, dem 09. Februar wurde Natalja w\u00e4hrend der Demonstration gegen die j\u00e4hrliche NATO-Sicherheitskonferenz in M\u00fcnchen verhaftet. Ihr wird vorgeworfen sich gewaltt\u00e4tig Polizeimassnahmen widersetzt zu haben. 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