{"id":2019,"date":"2010-03-11T16:55:09","date_gmt":"2010-03-11T15:55:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=2019"},"modified":"2013-01-17T00:04:24","modified_gmt":"2013-01-16T23:04:24","slug":"thomas-meyer-falk-knast-und-renitenz-%e2%80%93-drei-beispiele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-knast-und-renitenz-%e2%80%93-drei-beispiele","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Knast und Renitenz \u2013 drei Beispiele"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[2019]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" alt=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Wer in einem Gef\u00e4ngnis sitzt, hat mitnichten ein solch s\u00fc\u00dfes Leben, wie es beispielsweise BILD immer wieder gerne zeichnet. Vielmehr sind Gefangene zahlreichen Pressionen ausgesetzt; heutzutage eher psychischer, denn physischer Natur. Das hei\u00dft, die k\u00f6rperliche Misshandlung ist die Ausnahme, daf\u00fcr empfinden Gefangene vielfach Handlungen der Anstaltsmitarbeiter\/innen als psychische Gewalt.<\/p>\n<p>Wohlgemerkt, hier geht es um die Wahrnehmung auf Seiten der Insassen\/innen, ob eine solche Misshandlung von den auf Seiten der Anstalten handelnden Personen beabsichtigt ist, vermag ich nicht zu beurteilen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nInhaftierte nehmen es schon als allt\u00e4glich hin, dass die Anstalten in Schrifts\u00e4tzen (sei es im Rahmen von gerichtlichen Klagen oder die Entlassung auf Bew\u00e4hrung betreffend) einem advocatus diaboli (= Anwalt des Teufels) gleich, die tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen negativen Seiten des Betreffenden hervorheben. Pro soziales Engagement wird wahlweise gar nicht erw\u00e4hnt, oder aber negativ konnotiert: Engagiert sich ein Gefangener ehrenamtlich (z.B. im Sportbereich der Anstalt), f\u00e4llt dies gerne mal unter den Tisch, oder wenn es denn erw\u00e4hnt wird, dann mit der Wertung, der Betreffende wolle wohl durch solchen Einsatz eine subkulturelle Machtposition erringen, oder sich selbst darstellen.<\/p>\n<p><em>Alles Gauner \u2013 oder was?<\/em><\/p>\n<p>Ein Gefangener, der auf Mitgefangene, die \u00fcber keine Angeh\u00f6rigen verf\u00fcgen, die ihnen Geld zuwenden, hat Gelder einzahlen lassen, um dann den hierdurch erm\u00f6glichten Einkauf von Lebensmitteln zu teilen, liest in einer Stellungnahme der JVA Bruchsal an das Landgericht Karlsruhe \u2013 im Rahmen eines Verfahrens \u00fcber seine vorzeitige Entlassung &#8211; :<br \/>\n\u201eKleine Gaunereien werden gelegentlich sichtbar, z.B. hat er Kontakt mit Gefangenen, die keine Angeh\u00f6rigen haben und mit denen er \u2013 br\u00fcderlich teilend \u2013 versucht, zus\u00e4tzliche Einzahlungen f\u00fcr Weihnachtspakete zu organisieren\u201c.<\/p>\n<p>Immerhin, das \u201ebr\u00fcderlich teilend\u201c wird noch erw\u00e4hnt, aber durch die vorangegangene Wendung der \u201ekleinen Gaunerei\u201c, in die N\u00e4he kriminellen Tuns ger\u00fcckt. In was f\u00fcr einer Absicht wohl?<\/p>\n<p><em>Ver\u00e4nderter Blickwinkel<\/em><\/p>\n<p>Oder Uwe K., lange Jahre in Haft, vermochten ihn, einen wahren K\u00fcnstler, auch noch so massive Disziplinarversuche der JVA nicht dazu zu bewegen, von seinem Lebensinhalt, dem T\u00e4towieren zu lassen. F\u00fcr die JVA Bruchsal stellte dieses beharrliche Vorgehen ein schwerwiegendes Indiz f\u00fcr k\u00fcnftiges kriminelles Verhalten dar (nach der simplifizierenden Logik: Wer sich nicht an die Knasthausordnung h\u00e4lt, wird auch Gesetze nicht achten und deshalb Verbrechen begehen). Dem Landgericht Karlsruhe war diese Anstaltslogik allzu simpel und sie entlie\u00df den Gefangenen in Freiheit. Sie tat das, was auch das JVA-Personal h\u00e4tte tun k\u00f6nnen, sie ver\u00e4nderte den Blickwinkel: \u201eDass der Verurteilte ein hohes Verantwortungsbewusstsein gegen\u00fcber der k\u00f6rperlichen Unversehrtheit seiner Mitmenschen hat, hat sich (paradoxerweise) gerade auch in seinen zahlreichen verbotenen T\u00e4towierungen (&#8230;) gezeigt. (Der Verurteilte) verstand es, sich eine Ausr\u00fcstung zu konstruieren, die beim T\u00e4towieren das Verletzungsrisiko gering h\u00e4lt (und) er habe stets auf Hygiene und die Desinfektion von Ger\u00e4ten und Kunden\u201c geachtet.<\/p>\n<p><em>Darfs noch ein K\u00fcbel M\u00fcll sein?!<\/em><\/p>\n<p>\u00dcber Gerd T. berichtete ich schon an anderer Stelle (z.B. <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-nachrichten-aus-dem-strafvollzug-august-2009\" target=\"_blank\">Tortenringaff\u00e4re<\/a>) und es gibt nichts Gutes \u00fcber den Fortgang der Auseinandersetzung zu berichten. Der f\u00fcr ihn zust\u00e4ndige JVA-Jurist Paukner, seines Zeichens Oberregierungsrat, f\u00fchlte sich nun bem\u00fc\u00dfigt, in einem Schriftsatz an das Landgericht, &#8211; dort hat T. Klage erhoben, da man ihm aus seiner Sicht ungerechtfertigter Weise einige Frischhaltedosen aus seinem Haftraum entfernt hatte -, auf immerhin sechs Seiten ein m\u00f6glichst schlechtes Bild von Gerd T. zu zeichnen. Nun z\u00e4hlt T. zu jenem Typus Gefangener, der \u2013 nach vielen Jahren der Haft \u2013 einen merkbaren Drang zu Sauberkeit auslebt, d.h. die Zelle wird penibel sauber gehalten, alles hat seinen sorgf\u00e4ltig bestimmten Platz.<br \/>\nAlles in allem ist die Zelle, auch angesichts der vielen Haftjahre, eher karg ausgestattet.<\/p>\n<p>Dies muss man vorausschicken, um zu verstehen, wie perfide (=gemein) es ist, wenn besagter Paukner dem Gericht mitteilt, man habe die 5 (!) kleinen Frischhaltedosen und eine (!) leere Tabakdose sofort aus der Zelle des T. entfernen m\u00fcssen, bevor dieser \u201eaufgrund seiner dissozialen Pers\u00f6nlichkeitsstruktur seinen Haftraum g\u00e4nzlich zugem\u00fcllt\u201c habe.<\/p>\n<p>In vergleichbarem Stil und Wortwahl ging es \u00fcber sechs Seiten.<br \/>\nWas solls?! So wird mancher vielleicht sagen. Papier ist geduldig. Aber wer als Gefangener solche Schrifts\u00e4tze dann regelm\u00e4\u00dfig liest und immer und immer wieder richtig stellen, erkl\u00e4ren, erl\u00e4utern muss, dessen Nerven leiden.<br \/>\nEr h\u00e4tte die Wahl, was ihm, so berichtete er zumindest, durch die Blume bedeutet worden sei, seine juristische Wehrhaftigkeit einzustellen, was dann dazu f\u00fchren k\u00f6nne, dass man nicht mehr so rigoros ihm gegen\u00fcber sei.<br \/>\nSo etwas l\u00e4uft in einer totalen Institution wie dem Strafvollzug alles recht subtil. Der Beamte, der diese Andeutungen machte, w\u00fcrde, als Zeuge benannt, eine solche Aussage in Abrede stellen \u2013 und ein Insasse ist nun mal per se in Augen Dritter kein \u201eguter Zeuge\u201c.<\/p>\n<p><em>Schlusswort<\/em><\/p>\n<p>Wer heute darauf wartet, dass Gefangene blutende Platzwunden vorweisen k\u00f6nnen, um zu dokumentieren, wie es ihnen hinter den Mauern ergeht, wird meist vergeblich warten. Die Methoden heute sind klinisch, sauber, hinterlassen keine sichtbaren Spuren, alles \u201erechtsstaatlich\u201c korrekt, ordentlich!<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<\/em><br \/>\n<em> c\/o JVA \u2013 Z. 3113<\/em><br \/>\n<em> Sch\u00f6nbornstr. 32<\/em><br \/>\n<em> D-76646 Bruchsal<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/freedom-for-thomas.de\/thomas\/\" target=\"_blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"_blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer in einem Gef\u00e4ngnis sitzt, hat mitnichten ein solch s\u00fc\u00dfes Leben, wie es beispielsweise BILD immer wieder gerne zeichnet. Vielmehr sind Gefangene zahlreichen Pressionen ausgesetzt; heutzutage eher psychischer, denn physischer Natur. 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