{"id":2502,"date":"2010-08-30T19:31:15","date_gmt":"2010-08-30T18:31:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=2502"},"modified":"2014-12-26T23:01:30","modified_gmt":"2014-12-26T22:01:30","slug":"thomas-meyer-falk-tote-sind-immer-im-recht-%e2%80%93-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-tote-sind-immer-im-recht-%e2%80%93-eine-rezension","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Tote sind immer im Recht \u2013 eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[2502]\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" title=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" \/><\/a> Am 27. Dezember 2008, zwischen 11 Uhr und 11.40 Uhr starb im Justizvollzugskrankenhaus Heinrich Pommerenke nach fast 50 Jahren Gef\u00e4ngnis. Kein Gefangener sa\u00df bislang derart lange ununterbrochen in Haft (auch wenn es aktuell mehrere Inhaftierte gibt, die 40, 45 und mehr Jahre, wie man im Gef\u00e4ngnisjargon sagt, \u201eauf dem Buckel haben\u201c).<\/p>\n<p>Was machte ihn so gef\u00e4hrlich in den Augen der Justiz? Er wurde am 22. Oktober 1960 in Freiburg wegen vierfachen Mordes, siebenfachen Mordversuchs, 25-facher versuchter und zweifach vollendeter Vergewaltigung und anderer Delikte mehr zu sechs Mal lebenslang plus 15 Jahren verurteilt. In den Jahren nach seiner Verhaftung und Verurteilung gaben Eltern ihren Kindern die Drohung auf den Weg, sie m\u00f6gen p\u00fcnktlich nach Hause kommen, \u201esonst holt Dich der Pommerenke\u201c. Das personifizierte Grauen, ein Monster, der Teufel in Menschengestalt; das wurde er gehei\u00dfen und noch mehr.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nSeit Mitte August 2010 liegt eine Art Kriminalbiografie \u00fcber Heinrich Pommerenke vor. Geschrieben von dem 1971 in Karlsruhe geborenen Thomas Alexander Staisch \u2013 damals sa\u00df Pommerenke schon 12 Jahre im Gef\u00e4ngnis.<br \/>\nAuf 342 Seiten breitet Staisch ein Sittengem\u00e4lde der sp\u00e4ten f\u00fcnfziger Jahre aus, in dessen Klima Heinrich P. seine Morde, Vergewaltigungen und \u00dcberf\u00e4lle beging. Den T\u00f6tungsdelikten r\u00e4umt der Autor breiten Raum ein, verharmlost, bagatellisiert nichts. Aber auch wenn er Pommerenke immer und immer wieder Monster, den Teufel in Menschengestalt und anderes mehr nennt, so wird deutlich sp\u00fcrbar, dass er hier das Stilmittel der \u00dcbertreibung einsetzt, um gerade den menschlichen Kern Pommerenkes und auch die ihm widerfahrene Verletzung seiner W\u00fcrde, seines Menschseins heraus zu arbeiten.<\/p>\n<p>In einer literarisch anmutenden Weise schreibt Thomas A. Staisch \u00fcber das Leben Pommerenkes vor und in der Haft, zitiert viele Quellen: Ob Akten aus dem Staatsarchiv, Anstaltsbeamte, Freunde (ja, auch die hatte Heinrich P. bis zu seinem Tod) und insbesondere den ehemaligen Gef\u00e4ngnispfarrer vom Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg.<\/p>\n<p>Wer etwas \u00fcber die Perfidie erfahren m\u00f6chte, mit der im Gef\u00e4ngnis mit Inhaftierten umgegangen wird, der kann exemplarisch an Pommerenkes 50 Gef\u00e4ngnisjahren alle Spielarten erleben: K\u00f6rperliche, wie seelische Misshandlung, heimliches Beibringen von Psychopharmaka und den Versuch der Vernichtung durch Haft; selbst ein ehemaliger Gef\u00e4ngnisdirektor, der Pommerenke und dessen Fall kennt, wird zitiert mit der Analyse: Hier wird ein Exempel statuiert, ein \u201eVernichten\u201c, eine Todesstrafe ohne Fallbeil (a.a.O., S. 32).<\/p>\n<p>So kann man das Buch durchaus auch als Streitschrift f\u00fcr eine Abschaffung der lebenslangen Freiheitsstrafe lesen und sie gewinnt seine Bedeutung gerade dadurch, dass nichts ungesagt bleibt, nichts verschwiegen wird von dem, was Heinrich Pommerenke vor \u00fcber 50 Jahren getan hat.<\/p>\n<p>In einer Zeit, in der hysterisch, aufgeregt und mit viel Gesp\u00fcr f\u00fcr den Volkszorn (bspw. FOCUS vom 16.08.2010, der Titel lautete: \u201eIst unser Staat zu feige? Der Skandal um die Freilassung von 100 Sex-Verbrechern\u201c) \u00fcber die Freilassung von \u2013 angeblich &#8211; \u201egef\u00e4hrlichen\u201c Menschen aus dem Gef\u00e4ngnis diskutiert wird, kann Staischs Buch einen wertvollen Beitrag leisten zu einem fundierten Einblick in den Alltag deutscher Strafvollzugswirklichkeit, ohne sich dabei dem Vorwurf von interessierter Seite aussetzen zu m\u00fcssen, er sei allzu solidarisch mit dem\/den Gefangenen. <\/p>\n<p><em>Bibliografische Angaben:<br \/>\nThomas Alexander STAISCH<br \/>\n\u201eHeinrich Pommerenke, Frauenm\u00f6rder \u2013 Ein versch\u00fcttetes Leben\u201c<br \/>\nerschienen 2010 im Verlag Kl\u00f6pfer &#038; Meyer<br \/>\nISBN 978-3-940086-88-4, 344 Seiten, Preis: 22,&#8211; Euro <\/em><\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\" target=\"blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27. 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