{"id":2622,"date":"2010-10-09T14:05:28","date_gmt":"2010-10-09T13:05:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=2622"},"modified":"2014-12-26T23:00:52","modified_gmt":"2014-12-26T22:00:52","slug":"thomas-meyer-falk-ausbildung-im-knast-keine-alternative","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-ausbildung-im-knast-keine-alternative","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Ausbildung im Knast?! Keine Alternative"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[2622]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a> An dieser Stelle m\u00f6chte ich \u00fcber das Thema Arbeit im Strafvollzug aus meiner pers\u00f6nlichen Sicht berichten.<br \/>\nPrinzipiell herrscht nach den einzelnen Strafvollzugsgesetzen des Bundes und der L\u00e4nder Arbeitszwang, versch\u00e4mt auch Arbeitspflicht genannt, f\u00fcr jene, die in Strafhaft oder in Sicherungsverwahrung sitzen. Nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichts handele es sich um zul\u00e4ssige und nicht gegen die Menschenw\u00fcrde versto\u00dfende Zwangsarbeit, da der Idee ein Resozialisierungskonzept zugrunde liege.<\/p>\n<p>Entlohnt werden die Betroffenen auf Basis des Durchschnittsverdienstes der Arbeiter und Angestellten; und zwar erhalten sie 9% dieses Durchschnittslohnes.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p><strong>Meine Situation<\/strong><\/p>\n<p>In der Zeit der Isolationshaft von 1996-2007 durfte ich erst nicht arbeiten, und als ich es dann sollte, lehnte ich dies ab, da ich dem System der Zwangsarbeit nichts abzugewinnen vermochte (und auch heute nicht abgewinnen kann). Nach Mai 2007 und Aufhebung der Einzelhaft nahm ich an zwei EDV-Kursen der IHK und einem Lehrgang der DEKRA teil.<\/p>\n<p><strong>Alternative Ausbildung?<\/strong><\/p>\n<p>Als Alternative zur Zwangsarbeit entschied ich mich dann eine Ausbildung zum Mediengestalter zu beginnen. Der entsprechende Ausbildungsbetrieb ist hervorragend ausgestattet mit neuen Apple-Rechnern und aktuellster professioneller Software.<\/p>\n<p><strong>Das Problem<\/strong><\/p>\n<p>Aber es gab und gibt mehrere Probleme. Das w\u00e4re zum einen, dass ich nach der langen Zeit in Einzelhaft mich nicht mehr dazu in der Lage sehe, mit anderen Menschen einen ganzen Tag und dies f\u00fcnf Tage in der Woche, in einem Raum zuzubringen.<\/p>\n<p>Viel gravierender ist jedoch die Tatsache, dass man dort gezwungen ist auch Auftr\u00e4ge der Justiz abzuarbeiten: Gerichte aus dem ganzen Land wollen z.B. Formulare hergestellt haben. Diese m\u00fcssen die Azubis dann auch machen. Oder die Polizeibeh\u00f6rden des Landes vergeben Auftr\u00e4ge an die JVA, so aktuell ein Bewerbungsformular f\u00fcr InteressentInnen f\u00fcr den Polizeiberuf der Bereitschaftspolizei. Es \u00fcberkommt mich ein k\u00f6rperlich sp\u00fcrbares Gef\u00fchl des Ekels, dem Apparat zuarbeiten zu sollen, der mich verhaftet, verurteilt und in den Knast gesteckt hat.<br \/>\nDie mitarbeitenden Gefangenen sind nur ein kleines R\u00e4dchen im System, aber sie erhalten es durch ihre eigene Arbeit am Laufen. Manch einer, der in der Druckerei der JVA, bzw. bei den Mediengestaltern gearbeitet hat, bekam wohl seinen Haftbefehl, Zwangsvollstreckungsurkunden und anderes auf den Zellentisch und hatte selbst am Druck oder dessen Herstellung mitgewirkt.<\/p>\n<p>Ich jedenfalls kann dies nicht mitmachen.<\/p>\n<p><strong>Die Entscheidung aufzuh\u00f6ren<\/strong><\/p>\n<p>Und so habe ich mich entschieden, trotz Mahnungen von Mitgefangenen (\u201eHey, das ist doch ein lockerer Job und wird auch noch gut bezahlt\u201c) und eines Beamten, wonach ich f\u00fcr die Arbeitsverweigerung mit Disziplinarverfahren und Taschengeldsperre rechnen m\u00fcsse und vielleicht sp\u00e4ter diese Entscheidung bereuen w\u00fcrde, die Ausbildung abzubrechen.<\/p>\n<p>Wie nun die Repressionen der Justiz aussehen werden, wei\u00df ich noch nicht; aber ich bin in der erfreulichen Position, mich nicht verbiegen zu m\u00fcssen. Mich erwartet auf absehbare Zeit keine Freilassung, was nun keineswegs erfreulich ist, aber vielfach wird Gefangenen mit Konsequenzen f\u00fcr eine vorzeitige Entlassung gedroht, sollten sie sich dem Diktat der Zwangsarbeit widersetzen. Gleiches gilt f\u00fcr Vollzugslockerungen.<\/p>\n<p><strong>Perfidie des Systems<\/strong><\/p>\n<p>Ich halte es f\u00fcr skandal\u00f6s und mich macht es w\u00fctend, wenn Gefangene an ihrer eigenen Inhaftierung mitwirken. Ob es nun jene Insassen sind, die die Zellen-Fenstergitter schwei\u00dfen, die K\u00e4figh\u00f6fe f\u00fcr \u201egef\u00e4hrliche Insassen\u201c herstellen oder die mithelfen Haftbefehle und Papiere f\u00fcr Polizeibeh\u00f6rden zu produzieren. Hierin liegt meines Erachtens auch ein st\u00fcckweit Erniedrigung: Selbsterniedrigung, aber auch seitens der Justiz gegen\u00fcber den Gefangenen. Nicht wenige Insassen jedoch sind sogar stolz auf dieses Eingebunden sein!<\/p>\n<p>Selbst im ehemaligen \u201eOstblock\u201c sind manche Staaten heute schon weiter als in Deutschland. So sind Gefangene in Moldawien nicht zur Arbeit verpflichtet, da nach dortiger Ansicht solche Zwangsarbeit gegen die Menschenw\u00fcrde versto\u00dfe (vgl. Justiznewsletter der F\u00fchrungsakademie des nieders\u00e4chs. Justizvollzugs, 23.09.2010, S.2).<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\" target=\"blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An dieser Stelle m\u00f6chte ich \u00fcber das Thema Arbeit im Strafvollzug aus meiner pers\u00f6nlichen Sicht berichten. 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