{"id":3094,"date":"2011-01-30T14:19:06","date_gmt":"2011-01-30T13:19:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=3094"},"modified":"2014-12-19T20:04:29","modified_gmt":"2014-12-19T19:04:29","slug":"christian-klar-zur-rosa-luxemburg-konferenz-und-inge-viett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/christian-klar-zur-rosa-luxemburg-konferenz-und-inge-viett","title":{"rendered":"Christian Klar: Zur Rosa-Luxemburg-Konferenz und Inge Viett"},"content":{"rendered":"<p><em><span class=\"dropcap\">E<\/span>in Beitrag von Christian Klar \u00fcber Inge Viett und die uns\u00e4gliche Geschichtsaufarbeitung seitens ehemaliger K\u00e4mpferInnen der Stadtguerilla Rote Armee Fraktion. Dazu noch ein Text von Klaus Viehmann vom August 1997. Inge Viett hat im Februar 2011 auf diesen Text mit einer <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/inge-viett-antwort-auf-christian-klars-papier\" target=\"_blank\">Antwort<\/a> reagiert.<\/em><\/p>\n<p><strong>Zur Rosa-Luxemburg-Konferenz und Inge Viett<\/strong><\/p>\n<p>In Europa entwickeln sich schubweise \u00f6konomische Krisen und erfassen in ihren Auswirkungen die Massen. Soziale Proteste wachsen an, au\u00dferordentlich wie in Griechenland, Frankreich und Spanien. Seit der internationalen Finanzkrise 2008 ist auch in der breiten \u00f6ffentlichen Diskussion die Gesellschaftsordnung des Kapitalismus nicht mehr der unhinterfragbare Rahmen. Mit den Widerspr\u00fcchen in dieser Dimension ger\u00e4t ganz nat\u00fcrlich die Notwendigkeit der Organisierung von Massenprotesten und deren politischer und strategischer F\u00fchrung in den Blickpunkt.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDer Zeitpunkt hat sogar etwas historisches, weil die Krisenentwicklung T\u00fcren \u00f6ffnen und ihr Ergebnis vorwiegend von den subjektiven F\u00e4higkeiten der unterdr\u00fcckten Klassen abh\u00e4ngen wird. Also von ihrem Bewusstsein \u00fcber die Lage und von ihrem Organisationsgrad. Die oben k\u00f6nnen schon lange nichts mehr, und wenn die unten auch nicht mehr wollen, kommt die Reife zu gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Mit den M\u00f6glichkeiten des historischen Moments und mit den Anforderungen an das Niveau von politischer F\u00fchrung, kommen aber auch die Lasten in den Sinn, die es dabei abzuwerfen gilt. Beispielsweise die vielen Formen des institutionalisierten Klassenkampfs in Europa, die Organisationsformen des Revisionismus, seine Ideologien und sein etabliertes Personal, aber auch die Rucks\u00e4cke, die das linksradikale Kleinstgruppenwesen herausgebildet hat, samt seiner informellen H\u00e4uptlinge der Autonomie, die sich darin eingerichtet haben, falsche Propheten und Gurus.<\/p>\n<p>Die Rosa-Luxemburg-Konferenz ist j\u00e4hrlich die gr\u00f6\u00dfte Plattform der deutschen Linken, auf der die politischen Fragen der Zeit diskutiert werden. Hier sagte \u00fcber die Reife der Zeit dieses Jahr G\u00e1sp\u00e1r Mikl\u00f3s Tam\u00e1s, ungarischer Philosoph und Politiker, in Bezug auf die entwickelten kapitalistischen L\u00e4nder: \u201eEs ist zu sp\u00e4t, die b\u00fcrgerliche Demokratie zusammen mit b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften retten zu wollen.\u201c Hier lie\u00df sich aber auch eine Veteranin der deutschen Stadtguerilla, Inge Viett, auf das Podium einladen, wo sie die Gelegenheit ergriff, eine Kompetenz f\u00fcr die L\u00f6sung der gro\u00dfen Fragen der revolution\u00e4ren Organisation zu behaupten. Sie trug auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz ihre Vorstellungen vor.<\/p>\n<p>Mit den Vorschl\u00e4gen stehen aber auch die Personen, die sie vortragen, zur Diskussion. Der einzige Zweck von revolution\u00e4ren Strategien ist es, der Emanzipation der Unterdr\u00fcckten zu dienen. Zu deren Realit\u00e4t geh\u00f6rt das Betrogenwerden durch das einschl\u00e4gige Personal der politischen Klasse, und zu ihrem \u00dcberleben und zu ihren gl\u00fccklichen Instinkten geh\u00f6rt der Anspruch auf Integrit\u00e4t derjenigen, die Strategien raus aus dem Leben in Unterdr\u00fcckung vorschlagen: ist die Motivation die Hingabe an politische Ziele, oder geht es darum, eine Rolle zu spielen.<\/p>\n<p>Das Selbstbild, das Inge Viett nach Ihrer Entlassung aus der Haft, beg\u00fcnstigt durch die Konjunkturen eines linken Marktes, Masche f\u00fcr Masche gestrickt hat, ist falsch. Die Rechnung sollten nicht irgendwann die Dienste der Herrschenden, wenn es ihnen g\u00fcnstig erscheint, lachend pr\u00e4sentieren. Die kritikf\u00e4higen Zeitgenossen der heutigen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr revolution\u00e4re Ver\u00e4nderungen m\u00fcssen sich solcher Widerspr\u00fcche rechtzeitig annehmen. F\u00fcr diejenigen, die die Geschichte von Inge Viett einschlie\u00dflich ihres Verhaltens in der Illegalit\u00e4t, in der Haftzeit und vor Gericht verfolgt haben, erscheint die Unbescheidenheit, mit der sie Vertrauen erwartet, nicht nur unangebracht, sondern sie muss wachsam machen. Anfang 1997 ist Inge Viett nach sechseinhalb Jahren Haft frei gekommen. Diese ph\u00e4nomenal kurze Haftzeit hatte sie durch einen Kronzeugenrabatt erreicht f\u00fcr ihre Aussagen gegen\u00fcber dem BKA und vor Gericht. Den Kronzeugenstatus hatte ihr eigener Verteidiger beantragt. Zuletzt stellte Der Spiegel vom 2.8.2010 Viett in folgenden Kontext: \u201eZwar hat (im Verlauf der RAF-Geschichte) ein gutes Dutzend Ex-Terroristen ausgesagt, doch bis auf Peter-J\u00fcrgen Boock und Inge Viett handelte es sich dabei um untergeordnete Figuren.\u201c Akten, Gerichtsurteil, Inge Vietts B\u00fccher und ihre Auftritte in unterschiedlichen linken Scenen zeigen eine Frau mit vielen, wandelbaren Gesichtern. Diese Dinge sind alle einfach zu recherchieren. Aber mancher Langweilerverein legt sich, anstatt sich zu \u00e4ndern, lieber eine Ikone zu, die eine Ausstrahlung von Outlaw und Kampf verspricht. Solche Nachfrage scheint im linken Markt so gro\u00df zu sein, dass schon fr\u00fchere \u00f6ffentliche Beitr\u00e4ge aus der Linken, die einen Diskussionsbedarf angemeldet haben, einfach weggebissen oder unter der Rubrik \u201ealte Geschichten\u201c abgetan wurden.<\/p>\n<p>Aber niemand will auf einem \u201eschwachen Moment\u201c oder Zusammenbruch in der Haft rumreiten. Es geht um den Charakter des Deals mit dem Gericht, der durchdacht und alles andere als eine \u201eSchw\u00e4che\u201c war. In ihm offenbart sich eine Person mit langer politischer Geschichte und Erfahrung, die aber gegen\u00fcber der Bedeutung von revolution\u00e4rer Hingabe und politischen \u00dcberzeugungen skrupellos ist. Ausgehend davon, den Knast abk\u00fcrzen und danach unbedingt wieder eine Rolle in der Linken spielen zu wollen, hatte Inge Viett die Idee entwickelt, nicht \u00fcber Beteiligungen von anderen Mitgliedern der illegalen Organisationen an Aktionen zu berichten, sondern \u201enur\u201c MfS-Offiziere zu belasten.<\/p>\n<p>Im Laufe der Geschichte der RAF gab es verschiedentlich auch Kontakte zu Offiziellen in der DDR, die zu Beginn der 80er Jahre vor allem der Unterbringung und Legalisierung von einigen ehemaligen RAF-Mitgliedern in der DDR dienten. In geringem Umfang hatte die Beziehung auch eine technische Seite. Bezug darauf nehmend datierte Inge Viett eine Schie\u00df\u00fcbung der RAF auf dem Gebiet der DDR verf\u00e4lschend so, dass eine Anschuldigung der westdeutschen Justiz gegen DDR-Offizielle erm\u00f6glicht wurde, sie h\u00e4tten Aktionen der RAF unterst\u00fctzt.* Damit passte sie ihre Aussage an die Bed\u00fcrfnisse des westdeutschen Staates zur Kriminalisierung der DDR an und lieferte dem Staatsschutz zugleich ein gew\u00fcnschtes ideologisches Highlight gegen die RAF-Geschichte. Inge Vietts Aussagen waren eine k\u00fchle Rechnung auf den traditionellen Antikommunismus der westdeutschen Linken, der eine einzige politische Trag\u00f6die ist, Viett aber n\u00fctzlich schien, weil das Hinh\u00e4ngen von \u201eStasi-Leuten\u201c ihr von der West-Linken mit Sicherheit verziehen werden w\u00fcrde. Gleichzeitig arbeitete sie schon an der Formulierung ihrer pers\u00f6nlichen positiven Erfahrungen in der DDR.<\/p>\n<p>Im Urteil vom OLG-Koblenz vom 26. 8. 1992, rechtskr\u00e4ftig seit dem 3. Mai 1993: Das Gericht spricht von Aussagen Vietts schon am 14. und 25. Januar 1991. Weitere Aussagen dann in der Hauptverhandlung. Sie nennt Namen sowohl von RAF-Leuten als auch von MfS-Offizieren. Auf Grundlage ihrer Aussagen wird im M\u00e4rz 1991 Haftbefehl gegen 7 ehemalige MfS-Leute erlassen. Besonders w\u00fcrdigt das Gericht das propagandistische Gewicht ihrer Aussagen f\u00fcr die vermutete \u201eVerunsicherung\u201c der RAF-Gefangenen und der Illegalen.<\/p>\n<p>So viele Gesichter einer einzigen Person. Vor Gericht Kronzeugin und Fehler und Irrtum des bewaffneten Kampfs verk\u00fcnden. F\u00fcr die Werbung f\u00fcr ihre B\u00fccher das Talkshow-Gesicht nach ihrer Entlassung. F\u00fcr die DKP und die Ost-Linke das Feiern der DDR, das Fehlen einer Massenbasis f\u00fcr den bewaffneten Kampf einger\u00e4umt und den Kommunismus im Munde. F\u00fcr die linksradikale Scene der Auftritt als die Unbeugsame, die nie abgeschworen hat.<\/p>\n<p>Wieso ist das nicht eine Geschichte von vorgestern? Auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz sind die L\u00e4ufe der Geschichte besprochen worden, von denen viele in die Barbarei zeigen. Und auch von Alternativen ist gesprochen worden. Der Prolet ist vielleicht resigniert, immer noch gehorsam und hat sich viel zu lange f\u00fcr dumm verkaufen lassen. Aber seine Frage nach der Integrit\u00e4t von Leuten, die eine revolution\u00e4re Perspektive vorstellen, ist richtig, weil diese Frage direkt verkn\u00fcpft ist mit der F\u00e4higkeit zur \u00dcberwindung der alten Ordnung. In der heutigen Welt der \u00f6ffentlichen Meinung und Politikmacherei sind Rolle und Image eher normal, eben der \u201egrundnormale Betrug\u201c, den Inge Viett gerne gei\u00dfelt und doch selbst als zweite Haut tr\u00e4gt. Aber in einer Perspektive, in der Menschen, und viele Junge darunter, ihren Weg und einen Weg zum Kampf f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen suchen, ist eine ungekl\u00e4rte Motivation ein Sprengsatz. Ein Arrangieren damit w\u00e4re unverantwortlich.<\/p>\n<p>Christian Klar, Januar 2011<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Im Jahr der Schweine<\/strong><br \/>\n<em>Klaus Viehmann \u00fcber Memoiren von RAF-AussteigerInnen<\/em><\/p>\n<p>1997 droht die Best\u00e4tigung des b\u00f6sen Witzes, da\u00df Geschichtsschreibung die Summe der L\u00fcgen ist, auf die sich die Leute nach 20 Jahren geeinigt haben. Zu 20- oder 30j\u00e4hrigen Jubil\u00e4en gibt es Fernsehfilme, Talk-Shows, neue B\u00fccher oder Zeitschriftenbeilagen voller Terror und Guerillageschichtchen: Wichtig, wichtig pr\u00e4sentiert von einer kruden Mischung aus Bundesanw\u00e4lten, Spiegel, BKA-Journalisten und ehemaligen, ganz ehemaligen und besonders ehemaligen Stadtguerillamitgliedern. Gegen dieses Schmier- und Quatschkartell auf dem Medienmarkt anstinken zu wollen ist aussichtslos. Die b\u00fcrgerlichen Medien wollen Distanzierungen h\u00f6ren. Wer dem nicht nachkommt, wird totgeschwiegen oder verleumdet; so geht es auch den immer noch im Knast sitzenden Gefangenen. Ein Buch wie Rossana Rossandas und Mario Morettis Brigate Rosse, das als politisch reflektierendes Streitgespr\u00e4ch den Anspr\u00fcchen einer linken Geschichtsschreibung gen\u00fcgt, lesen in der BRD vielleicht zweitausend Leute. Die staatliche Geschichtsvariante \u00e1 la Todesspiel (bezahlte Ghostwriter: die KronzeugInnen Peter J\u00fcrgen Boock und Silke Meier-Witt) sehen Millionen.<\/p>\n<p>Die Situation s\u00e4he bei einer aktuell st\u00e4rkeren (militanten) Linken und wom\u00f6glich bewaffneter Praxis anders aus, aber in diesen Tagen Ende der 90er Jahre, in denen der bewaffnete Kampf der 70er Jahre nicht mehr existiert und in denen wenige an revolution\u00e4ren Absichten festhalten oder neu zu ihnen finden, wird eine Kritik dieses &#8220;Herbst&#8221;-Schwulstes kein Massenpublikum finden. Frappierend ist allerdings, da\u00df manche Inszenierungen auch von Linken einfach akzeptiert werden. Insbesondere AussteigerInnen-Memoiren, die mit linkem Restanspruch daherkommen, erfahren eine gro\u00dfe Verbreitung und positive Rezensionen.<\/p>\n<p>Peng! Peng! Tratsch bis zum Schu\u00df<\/p>\n<p>Was macht den Reiz solcher Memoiren aus? Wieso finden politische Beschreibungen, Dokumente und Debatten viel weniger Interesse als ein personalisiertes Panoptikum des bewaffneten Kampfes? Eigentlich wissen ja alle, da\u00df in Autobiographien gelogen, unterschlagen und verdreht wird &#8211; also was verf\u00fchrt selbst bewu\u00dfte Linke dazu, offensichtlichen Zerrbildern Glauben zu schenken? Liegt es nur daran, da\u00df Memoiren einen Einblick in die intime Sph\u00e4re einer verborgenen Welt bieten, einer fremden, aber durch Sensationsberichte interessant gemachten Welt?<\/p>\n<p>Es ist ja auch bequemer, im Wartezimmer das Goldene Blatt \u00fcber K\u00f6niginnen und F\u00fcrsten zu lesen als eine historisch-kritische Untersuchung des Feudalismus und seiner heutigen Wurmforts\u00e4tze. Der Unterschied im Wahrheits- und Lehrgehalt ist allgemein bekannt. Aber das eine ist leicht zu schm\u00f6kern, das andere m\u00fchselige Erkenntnis-Arbeit. Der Szenetratsch fesselt, weil man\/frau &#8220;informiert&#8221; wird, ohne nachdenken zu m\u00fcssen&#8230; Genau so funktionieren die &#8220;Insider-Berichte&#8221; aus der Stadtguerilla: Schillernde Figuren, Schurken und Lichtgestalten statt politischer Hintergr\u00fcnde und Diskussionen; Zeilen voller Liebe und Ressentiments statt Fairne\u00df und Differenzierung. Literarisch oft unter aller Sau, \u00f6ffnet sich f\u00fcr die LeserInnen ein Schl\u00fcsselloch mit Blick auf MP-Salven, dunkle Verliese und das Liebesleben in der Illegalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Um Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse zu vermeiden: Es gibt gute Beispiele f\u00fcr subjektive politische Berichte oder Romane. Die Testimonios der Tupamara\/os verbinden z.B. pers\u00f6nliches Erleben in allen Widerspr\u00fcchen mit politischer Bewu\u00dftheit und andauernder Feindschaft gegen\u00fcber dem herrschenden System. Sie zeigen Bereitschaft zu Selbstkritik mit Fairne\u00df gegen\u00fcber ehemaligen Weggef\u00e4hrtInnen. Die Romane von Nanni Balestrini \u00fcber die italienische Bewegung der 70er und 80er Jahre vermitteln mehr als ganze Jahrg\u00e4nge alter Zeitungen. Von Peter Weiss&#8217; \u00c4sthetik des Widerstands ganz zu schweigen&#8230;<\/p>\n<p>Das ist aber nicht das, was der kapitalistische Markt will. Der sucht den Kick, Beziehungstratsch, tolle Typen, sogar mal starke Frauen, und will die Einsicht h\u00f6ren, da\u00df es alles nichts gebracht hat, da\u00df der bewaffnete Kampf ein Fehler war und niemand noch einmal auf die Idee kommen soll, das anders zu sehen. F\u00fcr andauernde Systemfeindschaft und unspektakul\u00e4re Ehrlichkeit wird nicht gezahlt.<\/p>\n<p>Eitelkeit im Wahrheitsministerium<\/p>\n<p>In der parteikommunistischen Geschichtsschreibung sind je nach politischer Lage Personen und politische Positionen verschwunden, und die Bedeutung anderer hat zugenommen. Der Unterschied zu AussteigerInnen-Memoiren: Da fehlen bestimmte Personen und Positionen schon in der ersten Auflage, und die AutorInnen sind sofort ganz wichtig.<\/p>\n<p>Es ist Eitelkeit, die darauf dr\u00e4ngt, pers\u00f6nliche Erlebnisse in m\u00f6glichst hoher Auflage gedruckt sehen zu wollen: Die eigene Person steht als HeldIn im Vordergrund, das alte Kollektiv ist nur noch Staffage. AussteigerInnen schreiben allein. Sie wollen ihre Version der Story gar nicht diskutieren, denn eine kollektive Geschichtsschreibung lie\u00dfe ihnen nicht genug Raum zum faktenlosen Fabulieren. Nur so k\u00f6nnen alte Freund- und Gegnerschaften nach heutigem Nutzen, Eigeninteresse und Gutd\u00fcnken auf- und abgerechnet werden. Durch die Verwendung von Deck-, Klar- und Falschnamen entsteht eine Grauzone, in der Unterstellungen, Auslassungen und Diffamierungen besonders gut m\u00f6glich sind. F\u00fcr identische Personen lassen sich auch mehrere Namen verwenden, dann k\u00f6nnen Verleumdung und Verdienste ganz ungeniert verteilt werden.<\/p>\n<p>Der Gewinn wird allerdings keinesfalls verteilt: Die ehemals kollektiv gemachte antikapitalistische Geschichte wird zu gewinnbringenden Buchver\u00f6ffentlichungen, Talk-Show-Auftritten und Lesungen. Die alten GenossInnen werden nicht mal gefragt, ob das Geld nicht irgendwohin gespendet werden sollte. Die Linke ist ohnehin nicht besonders gefragt, denn nur das b\u00fcrgerliche Publikum sorgt f\u00fcr hohe Auflagen und Einschaltquoten. Ein Vorabdruck im Spiegel oder ein Auftritt im TV bringt mehr Geld und befriedigt die Eitelkeit besser als ein Bericht im freien Radio oder linke Diskussionsveranstaltungen, bei denen man\/frau nicht vom Podium herab schwadronieren kann.<\/p>\n<p>Eine auf dem Markt erfolgreiche Aussteigerstory mu\u00df die Distanzierung von der alten Politik sorgf\u00e4ltig dosieren: Nicht ganz so weit, wie es gegen\u00fcber Polizei und Justiz n\u00f6tig war, um weniger Knast zu kriegen, sondern genau so weit, da\u00df die Erinnerungen einerseits noch als Insiderbericht durchgehen, andererseits aber als Bericht eines\/r &#8220;inzwischen vern\u00fcnftig Gewordenen&#8221; konsumiert werden k\u00f6nnen. Konsumierbarkeit und Eitelkeit vereinigen sich trefflich, denn beide wollen nicht die politische Geschichte erkennen, sondern die\/den AutorIn in Zwangslagen (&#8220;tragischeR HeldIn&#8221;) und schwerer innerer Zerrissenheit (&#8220;Liebe oder Guerilla&#8221;) genie\u00dfen. Das Publikum darf mitschwelgen, und weil das in hoher Auflage geschieht, wird auch der Bauch des\/der AutorIn gepinselt.<\/p>\n<p>Eitelkeit findet ihre harte Grenze im Knast. Dort funktionieren Selbstdarstellung, Gro\u00dfm\u00e4uligkeit und Starall\u00fcren nicht, und man\/frau mu\u00df, auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen, zehn oder f\u00fcnfzehn Jahre \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Lange im Knast bleiben zu m\u00fcssen und sich dort altern zu sehen, ist f\u00fcr alle sehr schwer. Es gibt akzeptable Gr\u00fcnde, das nicht auszuhalten. Genug Gefangene sind vorzeitig freigekommen, ohne sich zu verkaufen, andere zu belasten und sich sp\u00e4ter ins Rampenlicht zu dr\u00e4ngeln. F\u00fcr die Eitlen aber ist ihr pers\u00f6nliches Schicksal wichtiger als die alte Kollektivit\u00e4t und ihre politische \u00dcberzeugung &#8211; die l\u00e4\u00dft sich ja gegebenenfalls \u00e4ndern. Im Knast suchen sie nach einem Ausweg &#8211; Hauptsache raus! &#8211; und wenn Ausbruchsversuche unm\u00f6glich sind, kommt die taktische Wende, um auf irgendeinem anderen Weg (fr\u00fcher) rauszukommen.<\/p>\n<p>Was nicht geschrieben steht&#8230;<\/p>\n<p>In der urspr\u00fcnglichen Fassung dieses Artikels, der in der Arranca! Nr.12 ver\u00f6ffentlich wurde, bin ich auf einzelne Darstellungen in Inge Vietts Buch Nie war ich furchtloser eingegangen. Es reicht, das einmal getan zu haben, zumal der Sinn darin bestand, grunds\u00e4tzliche Schemata und Verf\u00e4lschungen in AussteigerInnen-Memoiren zu belegen. Nie war ich furchtloser steht f\u00fcr ein Gehabe, mit dem die alte Stadtguerilla endg\u00fcltig abgewickelt werden soll. Und es steht beispielhaft f\u00fcr eine schlampige Geschichtsschreibung. Weil solche B\u00fccher mangels besserer kollektiver Geschichtsschreibung oft als Geschichtsbuchersatz gelesen werden, d\u00fcrfen sie nicht unwidersprochen bleiben.<\/p>\n<p>Zur Bewertung eines Buches geh\u00f6rt der Hintergrund seiner Entstehung und seiner Autorin. In Rezensionen in linken Zeitschriften, auch dem ak, war aber nicht zu erfahren, was aus Presse oder dem Urteil seit Jahren bekannt sein sollte: da\u00df Inge Viett trotz des gegenteiligen \u00f6ffentlichen Eindrucks gegen\u00fcber dem BKA Aussagen gemacht &#8211; wenn auch weniger als die anderen DDR-AussteigerInnen &#8211; und Kronzeugenrabatt bekommen hat. Wenn sie sich danach zur\u00fcckgehalten h\u00e4tte, g\u00e4be es keine besondere Notwendigkeit, ihr Verhalten \u00f6ffentlich zu machen. Aber nach so einem Buch und zahllosen Auftritten in Talk-Shows und Lesungen sind zumindest im linken Rahmen korrigierende Kritik und Informationen notwendig.<\/p>\n<p>Im Buch selbst werden die Kronzeugenregelung und die vorzeitige Entlassung mit keinem Wort beschrieben. Grundlage f\u00fcr den Kronzeugenrabatt waren belastende Aussagen \u00fcber die Zusammenarbeit von RAF und MfS Anfang der 80er Jahre, speziell eine Ausbildung, die angeblich im Vorfeld der RAF-Aktion gegen den US-General Kroesen stattfand. Die BAW erwirkte aufgrund dieser Aussagen Anfang der 90er Jahre Haftbefehle gegen vier oder f\u00fcnf ehemalige Stasi-Leute, die auch in U-Haft kamen. (Allerdings nur f\u00fcr einige Wochen oder Monate, da danach ein Bundesverfassungsgerichtsurteil \u00fcber die Strafbarkeit von Taten auf DDR-Boden abgewartet wurde und Inge Vietts Aussagen sp\u00e4ter f\u00fcr eine Verurteilung nicht ausreichten. Es gab u.a. auch eine gegenteilige Erkl\u00e4rung von RAF-Gefangenen zu diesem Thema). Im Urteil wird die Anwendung der Kronzeugenregelung sowohl mit diesen Haftbefehlen gegen die Stasi-Leute als auch mit einer &#8220;Verunsicherung der RAF&#8221; begr\u00fcndet, die diese evtl. &#8220;von weiteren Straftaten abhalten&#8221; k\u00f6nne. (Der genaue Wortlaut ist im Urteil des OLG Koblenz vom 26.8.92 nachlesbar).<\/p>\n<p>Da\u00df Inge Viett Vertreter des MfS belastet hat, die den RAF-AussteigerInnen in der DDR geholfen haben und f\u00fcr die sie selbst als &#8220;IM&#8221; gearbeitet hat, ist so gravierend, da\u00df diese Aussagen nicht versehentlich unterschlagen wurde. Zudem lobt Inge Viett die DDR samt MfS in ihrem Buch. Da ist was schr\u00e4g.<\/p>\n<p>Zudem wurden Anklagen wegen der Lorenz- und Palmers-Entf\u00fchrung oder der Meyer-Befreiung eingestellt, obwohl sie in anderen Prozessen zu Verurteilungen von 15 Jahren gef\u00fchrt haben. Das mag ein juristisches Detail sein, das einer Erw\u00e4hnung im Buch nicht bedarf. Da\u00df Inge Viett aber nach einer Anklage wegen eines Polizistenmords nach nur sechseinhalb Jahren Knast (von Sommer 1990 bis Fr\u00fchjahr 1997) entlassen worden ist und ihr ein Jahr vorher schon &#8220;offener Knast&#8221; mit Freig\u00e4ngen genehmigt wurde &#8211; das ist so ungew\u00f6hnlich, da\u00df es zum Verst\u00e4ndnis des Buches und seiner Autorin gesagt werden mu\u00df.<\/p>\n<p>Wer Knastverh\u00e4ltnisse kennt wei\u00df, wie man\/frau sich verhalten mu\u00df, um in den Genu\u00df solcher Verg\u00fcnstigungen zu kommen. Man\/frau mu\u00df z.B. der Arbeitspflicht nachkommen, d.h. eine mehr oder weniger schwachsinnige Arbeit f\u00fcr ca. 10 DM pro Tag machen. Man\/frau kann sich auch keine &#8220;negative Beurteilung&#8221; durch die Schlie\u00dfer erlauben. Gespr\u00e4che und Psychotests mit Knastpsychologen sind weitere Voraussetzungen f\u00fcr &#8220;Lockerungen&#8221;.<\/p>\n<p>Wenn ein Buch w\u00e4hrend der Haft unter solchen Bedingungen geschrieben und durch die Zensur an den Verlag geschickt wird, dann ist klar: Es wurde so geschrieben, da\u00df eine vorzeitige Entlassung nicht gef\u00e4hrdet wurde. Positive \u00c4u\u00dferungen zur RAF sind dann unm\u00f6glich, zumal die Verteidigungsstrategie auch auf der Behauptung beruhte, da\u00df zum Zeitpunkt des Schusses auf den franz\u00f6sischen Bullen bereits eine innere Abkehr von der RAF lief &#8211; was von Bedeutung ist, da aktiven RAF-Mitgliedern von den Gerichten generell eine &#8220;unbedingte T\u00f6tungsabsicht&#8221; unterstellt wurde\/wird: mit nachfolgendem &#8220;Lebensl\u00e4nglich&#8221; und einer Haftdauer von etwa 16 &#8211; 20 Jahren. Egal also, wie AussteigerInnen die RAF oder den bewaffneten Kampf heute wirklich sehen, sie k\u00f6nnen gar nichts anderes schreiben als Distanzierungen<\/p>\n<p>Wenn pers\u00f6nliche Diffamierungen ehemaliger Weggef\u00e4hrtInnen hinzukommen, wird das sicherlich auch als &#8220;glaubw\u00fcrdige Distanzierung&#8221; gewertet.<\/p>\n<p>Wie gesagt erzwingt der Knast beim Schreiben eine zweckgebundene Distanzierung, wenn man\/frau auf Lockerungen spekuliert. Zudem ist der Knast ein schlechter Ort, um ein Buch zu schreiben, bei dem man\/frau auf kollektive Erinnerung und Diskussion angewiesen ist. Gerade beim Thema Stadtguerilla, wo einzelne nie alles gewu\u00dft haben, ist das so. Wem ernsthaft an m\u00f6glichst guter Erinnerung und Darstellung liegt, w\u00fcrde warten und nach dem Knast alte GenossInnen befragen. Wer dennoch unter Knastbedingungen schreibt, hat anderes als gute Geschichtsschreibung im Sinn.<\/p>\n<p>Kritik an der RAF oder am bewaffneten Kampf \u00fcberhaupt haben und hatten viele, und nicht wenig davon ist berechtigt. In Aussteigerb\u00fcchern aber wird wenig politisch-wissenschaftlich reflektiert, sondern eine bereits aus nicht-politischen Gr\u00fcnden bezogene Position nachtr\u00e4glich politisch verbr\u00e4mt und legitimiert. Es werden nicht die alten politischen Auseinandersetzungen wiedergegeben, sondern die heutigen Inszenierungen davon.<\/p>\n<p>Bezeichnend ist auch, da\u00df der Vorabdruck eines Buches gemeinsam mit den Exklusivrechten an dem ersten Interview nach der Entlassung f\u00fcr ca. 50.000 DM an den Spiegel und an Spiegel-TV verkauft wurde. (Es pa\u00dft dazu, da\u00df der Spiegel der jungen Welt und der taz mit sechsstelligen Ordnungsgeldern gedroht hat, wenn sie diesen Exklusivvertrag nicht respektieren und selbst Interviews abdrucken.) Denn ein Vermarkten an ein Medium wie den Spiegel, der als das antiterroristische Hausblatt des BKA durchgehen kann, funktioniert nur, wenn es keine linksradikale Geschichtsschreibung ist &#8211; \u00fcber die kotzt der Spiegel nur ab. (Und wenn doch mal in einem Interview etwas Linksradikales im Spiegel vorkommt, dann wird sicher ein Redakteur beauftragt, einen geh\u00e4ssigen Artikel daneben zu stellen.)<\/p>\n<p>Dieses Vermarkten und Verkaufen &#8211; das ist der Kapitalismus, der zu Stadtguerillazeiten noch bek\u00e4mpft wurde und den die so hochgehaltene DDR mal \u00fcberwinden wollte. Das hat mit linker Geschichtsschreibung nichts zu tun.<\/p>\n<p>2002: Vorw\u00e4rts zum Nicht-Vergessen!<\/p>\n<p>AussteigerInnen-Memoiren finden in der Linken Raum, weil es keine bessere Geschichtsschreibung gibt. Es ist der Fehler von allen, die sich nicht distanziert haben, da\u00df sie keine umfassende Geschichte vorlegen. Sicher, es gibt Wichtigeres zu tun, und niemand, der heute noch eine linke Praxis verfolgt, will zum Aktenstaubschlucker werden. Aber es ist vermutlich besser, ein Jahr daf\u00fcr zu opfern, als auf ewig unwidersprochen diesen M\u00fcll ertragen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Bis zum 35. Jahrestag des 2. Juni 67 oder bis zum 25. Jubil\u00e4um des &#8220;deutschen Herbstes&#8221; sollte es doch klappen, oder?<\/p>\n<p>Klaus Viehmann, Ende August 1997<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Christian Klar \u00fcber Inge Viett und die uns\u00e4gliche Geschichtsaufarbeitung seitens ehemaliger K\u00e4mpferInnen der Stadtguerilla Rote Armee Fraktion. Dazu noch ein Text von Klaus Viehmann vom August 1997.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[90],"tags":[91,92,94,710,93,95],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3094"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3094"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3094\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10266,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3094\/revisions\/10266"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3094"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3094"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3094"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}