{"id":3180,"date":"2011-02-12T04:15:21","date_gmt":"2011-02-12T03:15:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=3180"},"modified":"2014-12-19T20:05:17","modified_gmt":"2014-12-19T19:05:17","slug":"inge-viett-antwort-auf-christian-klars-papier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/inge-viett-antwort-auf-christian-klars-papier","title":{"rendered":"Inge Viett: Antwort auf Christian Klars Papier"},"content":{"rendered":"<p><em><span class=\"dropcap\">E<\/span>ine Antwort von Inge Viett auf den Text von <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/christian-klar-zur-rosa-luxemburg-konferenz-und-inge-viett\">Christian Klar \u00fcber Inge Viett<\/a> und die uns\u00e4gliche Geschichtsaufarbeitung seitens ehemaliger K\u00e4mpferInnen der Stadtguerilla Rote Armee Fraktion.<\/em><\/p>\n<p><strong>Antwort auf Christian Klars Papier<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eWenn das Ger\u00fccht umgeht, ich h\u00e4tte im Kreml das Tafelsilber gestohlen, dann wird etwas deutlich: Ich habe einen Dissens mit Lenin.\u201c <\/em>Alexandra Kollontai<\/p>\n<p>In wiederkehrenden Schleifen wird seit meiner Haftentlassung eine politische Diffamierung von links gegen mich in Gang gesetzt, jetzt mal wieder durch Christian Klar, mit dem ich eine kurze Zeit in der RAF hatte.<\/p>\n<p>Der Beitrag von Christian ist eine Denunziation. Er f\u00fcgt Richtigkeiten, Falschheiten und eigene\u00a0\u2013 ziemlich geh\u00e4ssige\u00a0\u2013 Interpretationen zu einer psychologischen Komposition: \u201eDie Frau mit den vielen Gesichtern\u201c.<\/p>\n<p>Aus haupts\u00e4chlich zwei Gr\u00fcnden \u00e4u\u00dfere ich mich dazu jetzt noch <strong>einmal <\/strong>\u00f6ffentlich zu den Grundlagen, die f\u00fcr diese Diffamierungen hergenommen werden.<\/p>\n<p>Erstens: Die Talsohle der weltweiten Niederlage mit der nachfolgenden Regression kommunistischer Inhalte und Perspektiven ist durchschritten. Eine neue Generation steht angesichts der Zuspitzung kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse erneut vor den Fragen nach Methoden revolution\u00e4rer Theorie und Praxis. Die ersten Schritte sind bereits sichtbar und die Forderungen an uns und der Reflektion unserer Geschichte, dienen dem Nachdenken \u00fcber Ankn\u00fcpfungspunkte, die geeignet w\u00e4ren den revolution\u00e4ren Prozess zu beleben, ohne die strategischen Vers\u00e4umnisse und vermeidbaren Fehler unserer Periode zu wiederholen. Es geht dieser aktiven politischen Generation nicht um die moralische Beurteilung unserer K\u00e4mpfe und nicht um Ikonen. Sie ist viel weiter.<\/p>\n<p>Der Repressionsapparat bem\u00fcht sich mit immer ausdifferenzierteren Strategien den kommenden Widerstand politisch, polizeilich, juristisch und technisch in den Griff zu kriegen und zu vernichten. Das ist nicht neu, aber seit die BRD an vielen imperialistischen Fronten Krieg f\u00fchrt, und die soziale Lage proletarischer Schichten sich im freien Fall befindet, ist der gesellschaftliche Konsens mit dem kriegf\u00fchrenden Staat so labil, dass Pr\u00e4ventivstrategien gegen den potentiellen und den realen Widerstand h\u00f6chste Priorit\u00e4t haben. Ausforschung, \u00dcberwachung, Verfolgung und Zugriff auf organisierte Strukturen und AktivistInnen, die ihre Politik nicht von der b\u00fcrgerlichen Legalit\u00e4t bestimmen lassen, konfrontiert GenossInnen bereits bei kleinen Grenz\u00fcberschreitungen mit dem ganzen Repressionsarsenal: Verhaftungen, Verh\u00f6re, Isolation, Knast, Prozesse&#8230;<\/p>\n<p>Der Abwehrkampf gegen den Repressionsapparat ist ein Feld auf dem wir existenzielle Erfahrungen gemacht haben, sowohl in unserer Geschichte als kollektiv Aufst\u00e4ndische, als auch in unserer individuellen Geschichte. Diese weiterzugeben ohne Heldenromantik mit moralischen Hierarchien und Schuldzuweisungen geh\u00f6rt auch zu unserer Verantwortung. Zu vermitteln, in welchen Situationen es zu Br\u00fcchen und Einbr\u00fcchen kommen kann und wie diese auch wieder zu \u00fcberwinden sind.<\/p>\n<p>Zweitens: Von diesem politischen Mobbing gegen mich, sind auch immer mal wieder GenossInnen betroffen, mit denen ich eine politische Praxis habe, die also sowas wie \u201eSippenhaft\u201c erfahren. Das ist ekelhaft. Und worum geht es?<\/p>\n<p>Zuerst die Fakten:<\/p>\n<p>Ich bin 1990 in der DDR verhaftet worden, als ehemalige bewaffnete Aktivistin der Bewegung 2. Juni und der RAF. In dem Prozess gegen mich (Anklage: versuchter Mord an einem Polizisten und Beteiligung am Anschlag gegen den Nato General Haig) habe ich Einlassungen gemacht zu Beziehungen zwischen der RAF und der DDR-Staatssicherheit. Dabei ging es um die Frage, wann wir in der DDR eine milit\u00e4rische Ausbildung gemacht haben. Dass wir und wie wir die Ausbildung dort gemacht hatten war bereits von den verantwortlichen Offizieren \u00f6ffentlich im Neuen Deutschland und in deren Vernehmungen beim BKA\u00a0 ausf\u00fchrlich geschildert worden. Meine Einlassung allerdings hat es der Bundesanwaltschaft erm\u00f6glicht, eine Anklage wegen: Unterst\u00fctzung einer \u201eterroristischen Vereinigung\u201c gegen die vier Offiziere zu konstruieren und diese in U-Haft zu nehmen. Das Konstrukt lie\u00df sich juristisch nicht aufrecht erhalten und die Offiziere wurden nach sechs Monaten U-Haft entlassen. Auf Grund dieser Einlassungen wurde mir teilweise die Kronzeugenregelung zugewiesen, was ich allerdings erst bei der Urteilsverk\u00fcndung erfuhr. Christian Klar sagt in seinem Beitrag, meine Anw\u00e4lte h\u00e4tten die Kronzeugenregelung beantragt. Das ist falsch, weil sie das ohne meine Zustimmung niemals gemacht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Die objektive Situation 1990 und meine subjektive Lage: Es spielt eine Rolle, in welcher politisch-gesellschaftlichen Situation der Prozess\u00a0 gegen mich gef\u00fchrt wurde. Die epochale Niederlage hat sich nicht abstrakt vollzogen, sie hat Einfluss auf mich genommen, auch wenn ich mich vehement dagegen gewehrt habe.<\/p>\n<p>Ich habe bis zu meiner Verhaftung 1990 acht Jahre in der DDR gelebt. Und bin eingefahren, als die Konterrevolution die gesellschaftliche Atmosph\u00e4re bis hinein in die radikale Linke in der BRD bestimmte. Aus allen linken Ecken kamen leise und laute Distanzierungen zum Kommunismus, zur revolution\u00e4ren Geschichte im Allgemeinen und zur DDR im Besonderen. Nirgendwo war eine Verteidigungslinie sichtbar. Nur Desorientierung, Abtauchen, Erschrecken oder Kriegsgeschrei (Zweiter Golf-Krieg). Das waren die Wirkungen des ununterbrochenen Siegesjubels der bourgeoisen Elite, der t\u00e4glichen Denunziation, Verachtung\u00a0 und Verleumdung der DDR und des Sozialismus generell.<\/p>\n<p>Als universeller Hebel zur Delegitimierung der DDR und Diskreditierung all ihrer Funktionstr\u00e4gerInnen, sowie aller Kr\u00e4fte, die einen positiven Bezug zum Sozialismus hatten, wurde die Diabolisierung der DDR-Staatssicherheit eingesetzt. Die Wirkungen zeigten sich nicht nur in Distanzierungen, auch in \u00dcberlaufen (auf allen Seiten) in Konfusion, Depression, Schuldbekenntnissen, Verrat. Das war mir alles sehr bewusst in meiner Zelle und Informationen, die da hinein gesp\u00fclt wurden\u00a0\u2013 \u00f6ffentliche und private\u00a0\u2013 l\u00f6sten auch bei mir wechselnde Zust\u00e4nde von ma\u00dfloser Wut, Ohnmacht, Depression und v\u00f6llige Ratlosigkeit aus in Hinblick, wie ich meinen Prozess f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Ich hab von 1972 bis 1982 bewaffnet f\u00fcr eine revolution\u00e4re Umw\u00e4lzung der kapitalistischen Gesellschaft gek\u00e4mpft. Nach zehn Jahren Guerillakampf bin ich in die DDR gegangen. Der Guerillakampf als Strategie in der BRD war politisch und strategisch in die Sackgasse geraten. Die letzten zwei Jahre war ich in der RAF. Die allgemeine Abwesenheit einer kollektiven Bewusstheit der noch Aktiven \u00fcber die politische Sackgasse in der wir steckten, habe ich als ganz individuelles \u201eFertig sein\u201c verstanden, ohne mir das eingestehen zu k\u00f6nnen. Dies machte eine konstruktive Kommunikation und Aktion mit der Gruppe unm\u00f6glich. Zum Gl\u00fcck war meine Illegalit\u00e4t mehr und erfreulicher, als die zwei Jahre bei der RAF.<\/p>\n<p>1990 war ich also konkret politisch nicht mehr mit dem bewaffneten Kampf verbunden. In den acht Jahren gesellschaftlicher DDR-Realit\u00e4t, hatte sich mein Blick auf revolution\u00e4re Geschichte, K\u00e4mpfe und Strategien ver\u00e4ndert. Die Ausschlie\u00dflichkeit, die wir dem bewaffneten Kampf als revolution\u00e4re\u00a0 Strategie gegeben hatten, hatte sich relativiert. Der milit\u00e4rische Kampf als politisches Mittel ist eine taktische Frage, die dem Verh\u00e4ltnis der Klassenkr\u00e4fte unterworfen ist. Dennoch war ich grunds\u00e4tzlich im Einverst\u00e4ndnis mit dieser Geschichte, unbenommen aller Fehler und Schw\u00e4chen. Einen politischen Prozess, wie ich ihn w\u00e4hrend meiner aktiven Zeit h\u00e4tte f\u00fchren k\u00f6nnen, aber war mir auf dem jetzigen Hintergrund nicht m\u00f6glich. Auch deshalb nicht, weil ich in der BRD keinen realen politischen Background mehr hatte. Kein Kollektiv das mich h\u00e4tte unterst\u00fctzen k\u00f6nnen dabei. Die antiimperialistische Szene, f\u00fcr die der bewaffnete Kampf und die RAF noch ein Thema war, war wegen dem Zerfall der RAF-Gefangenen als Kollektiv, in uns\u00e4gliche Auseinandersetzungen verwickelt und l\u00f6ste sich nach und nach auf. Ich habe allgemein viel pers\u00f6nliche Solidarit\u00e4t bekommen, aber politisch war nur Verwirrung.<\/p>\n<p>Die Offiziere der Staatssicherheit redeten mit ihren ehemaligen Gegnern, dem BKA und dem BND, wie mit ehemalig verfeindeten Br\u00fcdern, die jetzt aber wieder vereint sind und sich doch nichts vorzuwerfen h\u00e4tten. Ja, eigentlich h\u00e4tten sie mit der Demobilisierung und Einb\u00fcrgerung ehemaliger \u201eTerroristInnen\u201c, der BRD nur einen Gefallen tun wollen. Ihr naives Angebot zur Fraternisierung wurde vom Sieger allerdings recht ver\u00e4chtlich zur\u00fcckgewiesen. Ich habe die Offiziere der Staatssicherheit als Genossen gekannt und gesch\u00e4tzt. Ihr schwindendes Klassenbewusstsein aber nach ihrer \u201eEntmachtung\u201c und im Angesicht des Gegners, hat mich ziemlich ersch\u00fcttert. Aber das ist nicht der Grund, warum ich Einlassungen zu ihnen gemacht habe, und ich habe sie auch nie und nirgendwo diffamiert, weder pers\u00f6nlich noch politisch. Der Grund ist allein mein eigener Einbruch, meine eigene Schw\u00e4che, der zeitweilige Verlust meiner Orientierung im Freund-Feind-Verh\u00e4ltnis. Der Boden, auf dem meine Geschichte verlaufen ist, auf dem ich meine revolution\u00e4ren Ideen, meine politische und gesellschaftliche Praxis, mein Leben entwickelt hatte, war pl\u00f6tzlich komplett vom kapitalistischen Schleim besetzt, selbst meine pers\u00f6nlichen Beziehungen. Ich fand immer wieder Orientierung, wenn ich mir die historische revolution\u00e4re Geschichte bewusst machte und dass die gegenw\u00e4rtige Niederlage zwar ungeheuer schwer ist, aber doch nur ein Abschnitt in einem Prozess ist, der noch lange nicht entschieden ist. Das hat mir prinzipiell St\u00e4rke gegeben, aber mich nicht vor Schw\u00e4chephasen gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Wie ich im Prozess und in der \u00d6ffentlichkeit mit der Situation umgehen sollte war mir sehr unklar. Ich entschloss mich den Prozess juristisch zu f\u00fchren, meine Geschichte, meine GenossInnen und den Kommunismus als meine gesellschaftsphilosophische Grundlage nicht zu verraten, und meine pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t zu verteidigen. Ich habe keinen Moment vergessen, dass mein Prozess dennoch in erster Linie ein politischer Prozess ist. Es ging der Bundesanwaltschaft und der triumphierenden Medien\u00f6ffentlichkeit um die ideologische Vernichtung der Geschichte des revolution\u00e4ren Aufbruchs der siebziger Jahre. Die in der DDR festgenommenen ehemaligen RAF-Leute hatten sich ergeben und kollaboriert, manche sich zu \u00f6ffentlichen Werkzeugen der Abrechnung machen lassen. Die Mordanklage gegen mich haben meine Anw\u00e4lte juristisch auseinandergenommen. Dazu habe ich eine schriftliche Darstellung der Situation in Paris abgegeben. Das war somit ein schriftliches Gest\u00e4ndnis, in dem ich die Verantwortung f\u00fcr den Schuss, aber nicht f\u00fcr die Mordabsicht \u00fcbernommen hatte. Mit dem schriftlichen Gest\u00e4ndnis habe ich niemanden au\u00dfer mich selbst belastet.<\/p>\n<p>Sollte \u00fcber Verrat und \u201eReue\u201c Ehemaliger mit der Geschichte der Stadtguerilla kriminalistisch und ideologisch abgerechnet werden, so sollte \u00fcber die Diabolisierung und Kriminalisierung der Staatssicherheit, die DDR und die um Sozialismus ringende Gesellschaft denunziert und delegitimiert werden. Auch das war mir von Anfang an bewusst und trotzdem hab ich mich mit den BKA-Bullen zu einem Gespr\u00e4ch \u201e\u00fcber die DDR\u201c eingelassen. Und nat\u00fcrlich, sie haben einen intelligenten, einen respektvollen, h\u00f6flichen jungen Mann geschickt, mit dem es sich diskutieren lie\u00df, der nicht geistig plump war, sondern kritisch, aufgeschlossen usw. Ich war die ersten Monate nach der Verhaftung in Isolation, und dann bis zur Verurteilung in Einzelhaft. Manchmal f\u00fchlte ich mich unanfechtbar und allem gewachsen, manchmal isoliert und dem Apparat v\u00f6llig ausgeliefert. Meine Selbsteinsch\u00e4tzung hatte sich verschoben in der st\u00e4ndigen notgedrungenen Besch\u00e4ftigung mit meiner eigenen Lage: So eine Diskussion mit dem jungen BKAler, die habe ich doch allemal im Griff und kann vielleicht auch was Neues erfahren und komme aus der Zelle raus und kann denen meine Haltung klarmachen usw. Aus diesen \u201eDiskussionen\u201c sind Einlassungen geworden zu meiner Rolle bei der Verbindung zur DDR und zur milit\u00e4rischen Ausbildung in der DDR. Warum aber gerade meine Best\u00e4tigung so entscheidend war, wurde mir erst nach der bereits am n\u00e4chsten Tag erfolgten Verhaftung der Offiziere klar: Der Zeitpunkt der Ausbildung war strittig. War sie nach dem Anschlag auf den Nato-General Kr\u00f6sen oder davor. Mit meiner Aussage war es dem BKA m\u00f6glich, den Haftbefehl wegen \u201eUnterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung\u201c gegen die Offiziere der Staatssicherheit zu erwirken. Er konnte nicht aufrechterhalten werden, aber das hat mich keineswegs von meiner Schuld an der Verhaftung entlastet. Auch nicht die eigene Zusammenarbeit der MFS-Offiziere mit dem ehemaligen Gegner.<\/p>\n<p>Ich habe zu keiner Zeit\u00a0\u2013 wie es mir verschiedentlich unterstellt wird\u00a0\u2013 mit der Bundesanwaltschaft\u00a0 oder dem Gericht oder dem BKA einen \u201eDeal\u201c mit dieser Aussage gemacht, auch nicht meine Anw\u00e4lte, wie es Christian Klar in seinem Beitrag behauptet. Was gelaufen ist, konnten alle jederzeit im Prozess verfolgen. Das ich kein lebensl\u00e4nglich sondern 13 Jahre bekommen habe, war eine gute \u00dcberraschung. Dass das Urteil mit einer Teilregelung des Kronzeugen-Paragraphen f\u00fcr die Einlassungen zum MfS begr\u00fcndet wurde, war die b\u00f6se \u00dcberraschung.<\/p>\n<p>Zu meiner Prozessf\u00fchrung, meinem Buch, das ich im Knast geschrieben habe, und zu meinem Verhalten nach meiner Entlassung, hat es bereits vor einigen Jahren ein langes\u00a0 Papier von dem Genossen Klaus Viehmann gegeben, der sich in meinem Buch verunglimpft fand. Dieses Papier ist eine vernichtende Polemik gegen mich. Das unw\u00fcrdige an dieser Polemik ist, dass Kritikw\u00fcrdiges nicht von Unterstellungen, Diffamierungen und verletztem Stolz des Genossen unterscheidbar gemacht wird. Dass es im Hass geschrieben ist. Seine groben und subtilen Unterstellungen ranken sich um folgende Punkte: Ich h\u00e4tte das Buch sozusagen unter den Augen der Bundesanwaltschaft geschrieben, und darum musste ich die RAF schlecht machen und mich im Knast angepasst verhalten, um eine Zweidrittelentlassung zu kriegen. Die Bundesanwaltschaft hat bis zuletzt gegen meine Entlassung gearbeitet. Sie hat das Buch erst nach der Ver\u00f6ffentlichung gesehen. Ich war als einzige politische Gefangene im Gruppenvollzug, da soll es mir nicht m\u00f6glich sein, ein Manuskript vor Zellenrazzien zu sch\u00fctzen? Meine Manuskripte sind nicht in die H\u00e4nde der BAW gekommen. Wie angepasst ich im Knast war, l\u00e4sst sich an meiner Korrespondenz\u00a0\u2013 zusammengefasst in meinem Buch \u201eEinspr\u00fcche\u201c\u00a0\u2013 beurteilen. Mir sind auch nicht die zwei Jahre, die ich vor meinen Ausbr\u00fcchen schon gesessen hab \u201egro\u00dfz\u00fcgig\u201c von der BAW geschenkt worden, sondern da haben zwei Anw\u00e4lte drei Jahre lang einen akribischen juristischen Krieg drum gef\u00fchrt. Das ich den aber gewinnen konnte, hat nat\u00fcrlich auch damit zu tun, dass ich nicht aus dem aktiven Kampf heraus verhaftet worden bin, den bewaffneten Kampf zwar als Teil meiner Geschichte verteidigt, aber nicht als (1990) aktuell sinnvolle Strategie propagiert habe.<\/p>\n<p>Ich habe im Knast meine Verantwortung als politische Gefangene wahrgenommen, f\u00fcr die Gefangenen, f\u00fcr mich und gegen den Apparat.<\/p>\n<p>Nach meiner Entlassung habe ich mich in vielen \u00f6ffentlichen Veranstaltungen den Fragen gestellt zu meinen Aussagen bez\u00fcglich des MfS. Was ich nicht getan habe ist, mich <strong>\u00f6ffentlich <\/strong>f\u00fcr meinen Fehler zu entschuldigen, mich aus den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen herauszuhalten und ins Private abzutauchen. Und das w\u00e4re f\u00fcr die unsichtbare Moralinstanz aus altgedienten moralisch lupenreinen Guerilla-VeteranInnen und ihrem Trabantenkreis wohl das W\u00fcnschenswerte gewesen.<\/p>\n<p>Ich habe es nicht geschafft, meinen Prozess lupenrein durchzuziehen, in einer Zeit, als alle politischen Verh\u00e4ltnisse aus dem Lot waren. Aber ich bin keine Kronzeugin gegen die revolution\u00e4re Geschichte und keine Kronzeugin gegen die DDR. Was immer auch als juristisches Konstrukt mein Urteil im Prozess begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Christian Klar nun stellt mich dar als eine skrupellose, Masche f\u00fcr Masche strickende vielgesichtige Person, die von Anfang an bis heute usw. ihre Rolle (f\u00fcr was und wen eigentlich?) spielt. Ganz abgesehen davon, was er mir da f\u00fcr eine gigantische psychologische Leistung andichtet, was ist der Grund f\u00fcr so eine ma\u00dflose Denunziation? Die Sorge um das Proletariat sagt er. Ging es nicht noch ein bisschen gr\u00f6\u00dfer mit der Weltverantwortung? Das Proletariat hat andere Sorgen, als sich die innerlinken Animosit\u00e4ten reinzuziehen. Und darum geht es: Fortsetzung alter Hoheitsanspr\u00fcche, was revolution\u00e4re Moral ist, wie sie praktiziert werden muss, wo sie beginnt und wo sie aufh\u00f6rt. Das mag die alte Garde befriedigen, das mag mich stigmatisieren, f\u00fcr die Entwicklung neuer Prozesse ist das Gift.<\/p>\n<p>Inge Viett, 9.2.2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Antwort von Inge Viett auf den Text von Christian Klar \u00fcber Inge Viett und die uns\u00e4gliche Geschichtsaufarbeitung seitens ehemaliger K\u00e4mpferInnen der Stadtguerilla Rote Armee Fraktion.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[90],"tags":[91,92,94,710,93,95],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3180"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3180"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3180\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10267,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3180\/revisions\/10267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}