{"id":332,"date":"2009-03-10T22:24:03","date_gmt":"2009-03-10T20:24:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=332"},"modified":"2011-07-15T09:13:59","modified_gmt":"2011-07-15T07:13:59","slug":"ein-warmer-sommer-der-revolte-belgien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/ein-warmer-sommer-der-revolte-belgien","title":{"rendered":"Ein warmer Sommer&#8230;der Revolte (Belgien)"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend der Gro\u00dfteil der Leute versucht seinen Urlaub zu genie\u00dfen sind die Temperaturen innerhalb der Zellen der belgischen Demokratie noch nicht runter gegangen. Zwei Jahre lang haben die Gefangenen nun die Routine der Einsperrmaschinerie durch kollektive wie auch individuelle Revolten, Besetzungen und Ausbr\u00fcche gest\u00f6rt und gebrochen&#8230;Die letzten Ereignisse sprechen nochmal f\u00fcr sich selbst.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAnfang Juli bricht in einem Abschiebeknast in Steenokkerzeel, einem Lager, wo der Staat die, die unerw\u00fcnscht sind abschiebt, eine Revolte aus. F\u00fcnf aufst\u00e4ndige Insassen werden von der Special Intervention Squads (Sondereinheiten) in andere Lager deportiert.<br \/>\nMitte Juli klettern zwei Gefangene auf das Dach des Abschiebeknasts in Merksplas um gegen die Verh\u00e4ltnisse in diesem Zentrum zu protestieren. W\u00e4hrenddessen revoltieren zwei Abteilungen dieses Knasts. Das Einschreiten der Polizei schl\u00e4gt beide Revolten nieder.<\/p>\n<p>Am gleichen Tag brennt ein Gefangener in Tunhouts seine Zelle nieder wodurch der ganze Korridor besch\u00e4digt wird. F\u00fcnf Tage sp\u00e4ter nehmen zwei junge Gefangene einen Schlie\u00dfer als Geisel im Knast von Leuvens. Sie fordern ihre Freilassung. Nachdem sie ihn freigelassen haben verbarrikadieren sie sich in der B\u00fccherei und legen ein Feuer. Ein Einsatz der Special Intervention Squad bringt die Sache zu ende. Beide werden in einen anderen Knast in Leuven verlegt und kommen in Iso-Haft.<\/p>\n<p>Am letzten Tag im Juli verweigern sich in Merksplas Gefangene zur\u00fcck in ihre Zellen zu gehen. Einige von ihnen tragen Messer und Latten mit sich und verbarrikadieren sich in einer Abteilung. Sie zerst\u00f6ren die Knasteinrichtung und z\u00fcnden eine Barrikade an. Durch den entstehenden Rauch wird die ganze Abteilung besch\u00e4digt. Die Special Intervention Squads schaffen es nachts zusammen mit Rioteinheiten wieder f\u00fcr Ordnung zu sorgen.<\/p>\n<p>Konfrontiert mit solch befreiender Gewalt bleibt der Staat ziemlich ruhig, w\u00e4hrend er gleichzeitig zul\u00e4sst, dass seine Lakaien eine erneute Indoktrinationswelle beginnen. Obwohl die Kraft der Verfremdung und Ausbeutung unsere intellektuellen F\u00e4higkeiten d\u00e4mpft reichen wenige Fragen um zu erkl\u00e4ren, worum es geht.<\/p>\n<p><strong>Wer sind die Kidnapper?<\/strong><\/p>\n<p>Alle Schlagzeilen in den Zeitungen echauffieren sich dar\u00fcber, dass Schlie\u00dfer als Geiseln genommen wurden wenn \u00fcber die beiden Gefangenen aus Leuven berichtet wird. Aber was macht denn ein Knast au\u00dfer permanent tausende von Menschen im Auftrag des Staates als Geiseln zu nehmen?<br \/>\nWer sind die Richter_innen, au\u00dfer die Geiselnehmer_innen, die blutiges Geld f\u00fcr ihre T\u00e4tigkeit erhalten?<\/p>\n<p>Die Forderung des gr\u00f6\u00dften Geiselnehmers, des Stattes, an die Geiseln und an die \u00fcbrige Bev\u00f6lkerung ist sehr einfach: Akzeptiert eure Rolle innerhalb des Systems. Akzeptiert, dass ihr immer arbeiten gehen m\u00fcsst, um die reichen noch reicher werden zu lassen. Akzeptiert, dass Elend und Unterwerfung euer Schicksal ist. Akzeptiert, dass es im Leben Sieger_innen und Verlierer_innen gibt. Die Sieger_innen sind hierbei jene, die vom Gesetz und der Polizei besch\u00fctzt werden und auf unseren Schultern ihr Geld verdienen. Die Verlierer_innen sind diejenigen, die das System st\u00e4ndig versucht zu zwingen eine solche Welt zu akzeptieren. Und Verlierer_innen werden wir auch bleiben. Solange wir nicht anfangen aufzustehen und zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Wie jede_r Gefangene_r genau wei\u00df ist der einzige Weg den Kopf oben zu behalten und du selbst zu bleiben der, die Auseinandersetzung innerhalb der grauen Mauern der Demokratie mit den Knastautorit\u00e4ten aufzunehmen. Mit den tausend-und-ein Mitteln, die uns die Revolte bereit stellt.<\/p>\n<p><strong>Wer sind die Wahnsinnigen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Rebellen, die auf das Dach des Abschiebeknasts Merksplas geklettert sind, genauso wie diejenigen, die durch das Feuer der Freiheit die Knastinfrastruktur angez\u00fcndet haben, werden als \u201cWahnsinnige\u201d dargestellt. Sind aber die \u201cWahnsinnigen\u201d nicht diejenigen, die versuchen uns eine Leben zu verkaufen, das haupts\u00e4chlich von Fernsehen und Langeweile gepr\u00e4gt ist? Sind aber die \u201cWahnsinnigen\u201d nicht diejenigen, die unsere Umwelt durch den Bau ihrer B\u00fcros, Schnellz\u00fcge, Atomanlagen\/Atomm\u00fclllager und unbewohnbare Wohnbl\u00f6cke zerst\u00f6ren? Sind aber die \u201cWahnsinnige\u201d nicht diejenigen, die uns t\u00e4glich der sch\u00e4dlichen Strahlung der Telephonmasten und wireless-internet-verbindungen oder vergiftenden Chemiefabriken aussetzen? Ihr \u201cIrrsinn\u201d ist nicht blind, sie ist rational: Der wohl durchdachte und zielgerichtete Plan mit ihren t\u00f6dlichen Projekten mehr und mehr Profit zu erwirtschaften.<\/p>\n<p><strong>Wer sind die Erpresser?<\/strong><\/p>\n<p>Das neue Zauberwort f\u00fcr die Machthabenden ist den Konflikt, der in den verschiedenen Arten von Kn\u00e4sten andauert als \u201eErpressung\u201c zu bezeichnen. Ein Konflikt, in dem sich die Rebell_innen nicht nur innerhalb der Grenzen demokratischer Gesetze bewegen. Erpressung ist Gesetze zu machen, die die gegenw\u00e4rtige Ordnung aufrecht erhalten sollen. Die Besetzung verschiedener Kr\u00e4ne in Br\u00fcssel um auf die Abschiebemaschinerie aufmerksam zu machen w\u00e4re \u201eErpressung\u201c, sagen die Politiker_innen. Soziale K\u00e4mpfe k\u00f6nnen aber nie Erpressung oder Terrorismus sein \u2013 die Erpresser_innen befinden sich wo anders. Es sind die Banker, die uns durch L\u00f6hne, die wir zum \u00dcberleben br\u00e4uchten aussaugen. Es sind die Chef_innen, die uns mit K\u00fcndigung drohen, falls wir ihre Tyrannei nicht mehr akzeptieren wollen. Es ist der Staat, der uns durch Knaststrafen erpresst, falls wir uns seinem Durst nach Herrschaft nicht beugen wollen. Die m\u00e4chtigen dieser Welt wissen ganz genau, dass solche Erpressungen von denjenigen, die sich verweigern, das weiter hinzunehmen, abgelehnt werden weil f\u00fcr sie etwas auf dem Spiel steht. In solchen Momenten finden wir die Kraft wieder, die in uns verborgen liegt; nur durch den sozialen Kampf und die Revolte werden die Erpresser dieser Welt ihren Zauber verlieren.<\/p>\n<p><strong>Wer sind die Gewaltt\u00e4tigen?<\/strong><\/p>\n<p>In Belgien sterben jedes Jahr 200 Leute an ihren Arbeitspl\u00e4tzen. Jedes Jahr sterben dutzende von Gefangenen hinter Gittern oder w\u00e4hrend ihrer Abschiebungen. Jedes Jahr werden dutzende von Leuten von Bullen erschossen, wie neulich in Charleroi. Mindestens das dritte Mal innerhalb von sechs Monaten wurde ein Autodieb von Bullen durch mehrere Sch\u00fcsse in seinen Kopf erledigt. Die t\u00e4gliche Gewalt des Staates, Herrschaft und Kapitalismus kennt keine Grenzen. Wenn sie unsere Revolte als \u201egewaltt\u00e4tig\u201c darstellen bringt uns das nur zum Lachen. Wenn sie sagen soziale K\u00e4mpfe seien \u201eTerrorismus\u201c kommen wir ihnen auf die Schliche. Wir wissen, dass das nur dazu dienen soll ihren Terrorismus \u2013 dieses System des Geldes, der Kn\u00e4ste, Polizei, Grenzen, Einsperren, Elend&#8230; &#8211; als die best m\u00f6gliche Welt darzustellen. Weit entfernt von der Illusion, dass sich die Verh\u00e4ltnisse durch Wahlen, das Betteln bei Politiker_innen, Formulieren von Forderungen und Schreiben von Petitionen \u00e4ndern werden sagen wir noch einmal, dass die sozialen K\u00e4mpfe nur dann zu unseren werden wenn wir selbst entscheiden wie wir sie ausgestalten wollen. Durch die Organisierung au\u00dferhalb von Gewerkschaften, politischen Parteien und Institutionen. Durch die Wahl, wie wir die Feinde unter Nicht-Beachtung der Kategorien \u201clegal\u201d und \u201cillegal\u201d angreifen wollen. Indem wir uns der Gewalt dieses Systems entgegen stellen setzen wir die Revolte in all ihren Erscheinungen fort. Das ist der Grund, warum wir mit Freude erf\u00fcllt sind wenn Gefangene ihre Zellen niederbrennen, ihre Gitter durchs\u00e4gen und versuchen zu fliehen und sich weigern \u201edanke Chef\u201c zur Uniform zu sagen, die Tag f\u00fcr Tag ihre Zellen abschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen \u00fcberall wo es m\u00f6glich ist die Erpressungen dieses Systems verweigern und den auf Herrschaft und Ausbeutung basierenden Terrorismus bek\u00e4mpfen. So w\u00fcrden die Revolten innerhalb der Knastmauern, der Z\u00e4une der Abschiebekn\u00e4ste, der von streikenden Fabriken, der Grenzen eines rebellischen Viertels oder der Kabine eines Kran keine isolierten bleiben!<\/p>\n<p><strong>Solidarit\u00e4t mit dem Kampf gegen alle Kn\u00e4ste und Abschiebekn\u00e4ste!<\/strong><\/p>\n<p>Freiheit f\u00fcr alle!<\/p>\n<p>Keine Mauern hoch genug gegen die Rebellion!<\/p>\n<p>Keine genug gesch\u00fctzten Feinde gegen die Revolte<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend der Gro\u00dfteil der Leute versucht seinen Urlaub zu genie\u00dfen sind die Temperaturen innerhalb der Zellen der belgischen Demokratie noch nicht runter gegangen. 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