{"id":3391,"date":"2008-03-30T19:22:16","date_gmt":"2008-03-30T18:22:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=3391"},"modified":"2014-12-26T23:09:01","modified_gmt":"2014-12-26T22:09:01","slug":"thomas-meyer-falk-aus-der-altenpsychiatrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-aus-der-altenpsychiatrie","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Aus der Altenpsychiatrie"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[3391]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Wer sich mit der Thematik \u201eFreiheitsentziehung\u201c besch\u00e4ftigt, sollte nicht nur auf die Situation in den Gef\u00e4ngnissen schauen, sondern darf all jene nicht vergessen, die in den Psychiatrien aller Herren L\u00e4nder sitzen.<br \/>\nAuch in Deutschland verliert man recht z\u00fcgig seine Freiheit, wenn man als psychisch krank gilt (vgl. beispielsweise <a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\/thomas\/texte\/sozia\/wZ908x.shtml\" target=\"blank\">meinen Beitrag<\/a>).<\/p>\n<p>Im Folgenden m\u00f6chte ich \u00fcber die Vorgehensweise der (bayrischen) Justiz gegen Frau S. aus Sonthofen berichten: Geboren 1930, arbeitete sie ihr ganzes Leben. Seit Jahrzehnten bewohnt sie ihr eigenes kleines H\u00e4uschen, lange alleine, wenn ihr Ehemann auf Hoher See war, mit ihm zusammen, wenn er Urlaub hatte. Und seit einer Trennung von ihm wieder alleine. Vielf\u00e4ltig und vielsprachig interessiert lebte sie in Sonthofen, der s\u00fcdlichsten Stadt Deutschlands.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDurch Schicksalsschl\u00e4ge geriet im Verlaufe der Jahre etwas aus den Fugen und sie wurde kurzfristig in die Gerontopsychiatrie verbracht und medikament\u00f6s behandelt. Nach der Entlassung 2007 aus der Psychiatrie waren ihr nur wenige Wochen in Freiheit verg\u00f6nnt, bevor man sie von drei Polizisten erneut ins Bezirkskrankenhaus eskortieren lie\u00df.<br \/>\nDer dies billigende Beschluss des Vormundschaftsgerichts Sonthofen umfasst genau drei Seiten, davon eine Seite \u201eRechtsmittelbelehrung\u201c und eine Seite Pr\u00e4liminarien. Sprich, die die Freiheitsentziehung begr\u00fcndenden Ausf\u00fchrungen umfassen eine einzige Seite.<br \/>\nUnd diese \u201eAusf\u00fchrungen\u201c bestehen auch noch aus blo\u00dfen Textbausteinen, dem zitieren von Paragrafen. Die einzige individuelle Bemerkung der Richterin Gramatte-Dresse besteht in dem Hinweis, Frau S. leide an \u201eeiner bipolaren affektiven St\u00f6rung\u201c und sei \u201edeshalb\u201c eine Gefahr f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n<p>Intellektuell wie juristisch stellt eine solche Begr\u00fcndung, man kann es nicht anders sagen, eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes dar. Schon der gedankliche Schluss, weil Frau S. an dieser St\u00f6rung leide, stelle sie f\u00fcr sich selbst eine Gefahr dar, geht fehl.<br \/>\nBipolare St\u00f6rungen (auch Manisch-Depressiv genannt) sind bei ca. 1 % der Bev\u00f6lkerung zu beobachten (vgl. Fiedler, \u201ePers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen\u201c), 3. Auflage, S. 331). Will man nun 800.000 Menschen wegschlie\u00dfen?<\/p>\n<p>Es wird nicht \u00fcberraschen, zu erfahren, dass eine Begutachtung vor Anordnung der Einweisung nicht erfolgte; selbst die obligatorische Anh\u00f6rung vor Gericht wurde unterlassen \u2013 schlie\u00dflich bestand, so die Richterin, \u201eEilbed\u00fcrftigkeit\u201c. Weshalb man Frau S. zwar in eine andere Stadt in die Psychiatrie eskortieren konnte, nicht aber (zuvor) zur Richterin, deren Gerichtsgeb\u00e4ude wenige Minuten entfernt vom Haus von Frau S. zu finden ist, wird nicht erl\u00e4utert.<\/p>\n<p>Nachdem sich Frau S. weigerte, die \u00e4rztlicherseits angeordneten Psychopharmaka einzunehmen, wurde sie ans Bett geschnallt, so lange, bis sie \u201efreiwillig\u201c ihre Pillen schluckte. Sie berichtete mir in bewegenden Briefen, dass sie vor Schmerzen geschrieen habe, w\u00e4hrend sie ans Bett gefesselt war. Ihre Beingelenke und Handgelenke seien noch Tage sp\u00e4ter geschwollen gewesen. Als Folge k\u00f6nne sie mittlerweile nur noch im Gehwagen laufen.<\/p>\n<p>Der Dem\u00fctigung nicht genug, sie wurde faktisch, wie der Volksmund so sagt, \u201eentm\u00fcndigt\u201c. Sie, die seit Jahrzehnten Atheistin ist, bekam nun eine gesetzliche Betreuerin von der evangelischen Diakonie bestellt. Diese beeilte sich an \u201eFrau Ilse S.\u201c (nur nebenbei: Sie hei\u00dft Inge S., aber selbst diese Sorgfalt \u00fcberforderte offenbar die Betreuerin) zu schreiben, sie \u2013 Frau S. &#8211; d\u00fcrfe sich von ihrem eigenen Geld weder Kleidung, noch Hygieneartikel kaufen, denn sie sei \u201enicht gesch\u00e4ftsf\u00e4hig\u201c und werde schlie\u00dflich in der Psychiatrie rundum versorgt. Sollte einmal dringender Bedarf bestehen, den \u201edas Pflegepersonal (&#8230;) \u00fcberpr\u00fcfen und mir r\u00fcckmelden\u201c werde, k\u00f6nne vielleicht anders entschieden werden.<\/p>\n<p>Da hat also eine Frau \u00fcber 45 Jahre gearbeitet und darf sich nun von ihrer Rente nicht einmal mehr etwas kaufen.<br \/>\nSie ist der Gnade des Pflegepersonals und einer Betreuerin ausgeliefert.<\/p>\n<p>Da sie geistig sehr rege ist, leidet Frau S. besonders unter dem Umstand, dass auf der Station viele demente PatientInnen sind. Eine Patientin habe sie auch schon in ihrem eigenen Bett vorgefunden und als Frau S. sie bat zu gehen, habe diese auf Frau S. eingeschlagen.<br \/>\nGrippe und Noro-Virus suchten die Station in den letzten Wochen heim, so dass \u201eQuarant\u00e4ne\u201c angesagt war.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich befasst sich auch der Landtag in M\u00fcnchen mit den m\u00f6glicherweise vorhandenen Missst\u00e4nden auf der Gerontopsychiatrischen Station des BKH Kaufbeuren (die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren hat \u00fcbrigens eine traurige Vergangenheit im 3. Reich).<\/p>\n<p>F\u00fcr die zwangsweise Unterbringung stellt das BKH der Krankenkasse von Frau S. t\u00e4glich 229,01 Euro, im Monat mithin 7.099,31 Euro in Rechnung.<\/p>\n<p>Ihren letzten Brief beendete Frau S. mit dem Satz: \u201eIch bin zwar krumm und bucklig, aber mein Charakter ist aufrecht\u201c.<\/p>\n<p>Vergessen wir nicht jene, die in den Psychiatrien sitzen. <\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\" target=\"blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich mit der Thematik \u201eFreiheitsentziehung\u201c besch\u00e4ftigt, sollte nicht nur auf die Situation in den Gef\u00e4ngnissen schauen, sondern darf all jene nicht vergessen, die in den Psychiatrien aller Herren L\u00e4nder sitzen. 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