{"id":3495,"date":"2011-03-25T12:35:20","date_gmt":"2011-03-25T11:35:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=3495"},"modified":"2012-05-02T00:25:06","modified_gmt":"2012-05-01T23:25:06","slug":"thomas-meyer-falk-tod-und-sterben-im-gefaengnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-tod-und-sterben-im-gefaengnis","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Tod und Sterben im Gef\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[3495]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Auch vor den Gef\u00e4ngnismauern macht der Tod nicht kehrt; obwohl ein gefl\u00fcgeltes Wort unter Gefangenen davon spricht, dass \u201eKnast konserviert\u201c.<\/p>\n<p>Heute soll die Rede von Willi sein \u2013 er hat schon manchen Mitgefangenen sterben sehen und nun muss er sich mit seinem eigenen langsam, aber unaufhaltsamen Tod auseinander setzen.<\/p>\n<p><em>Wer ist Willi?<\/em><\/p>\n<p>Obwohl erst circa Mitte 40, bringt er es schon auf an die zwanzig Haftjahre; zuletzt wegen einer Raubserie zur Finanzierung seiner Drogenabh\u00e4ngigkeit zu einer langj\u00e4hrigen Haftstrafe mit anschlie\u00dfender, f\u00fcr das Jahr 2012 notierter, Sicherungsverwahrung verurteilt. W\u00e4hrend der Haft bekam er, im Gef\u00e4ngnisjargon \u201eNachschlag\u201c genannt, eine weitere Haftstrafe wegen Beteiligung an einem Drogenschmuggel.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEr ist Bruder, Patenonkel f\u00fcr das Kind seiner Schwester und auch Vater, aber auch Sohn. Wobei sich, wie bei vielen Gefangenen, die famili\u00e4ren Beziehungen kompliziert und schwierig gestalten. Fr\u00fcher war er breitschultrig, hatte langes und volles Haar und wie er berichtet, einen Schlag bei den Frauen.<\/p>\n<p><em>Wo steht Willi heute?<\/em><\/p>\n<p>Seit er sich 1996 in Haft mit HIV infizierte, bei einem \u201eNadel-sharing\u201c, nimmt er antivirale Medikamente, um den Ausbruch von HIV zu verhindern.<\/p>\n<p><em>Exkurs &#8211; \u201eNadel-sharing\u201c<\/em><\/p>\n<p>Immer wieder fordern Drogenberatungsstellen, aber auch die <a href=\"http:\/\/www.aidshilfe.de\" target=\"blank\">AIDS-Hilfe<\/a>, dass Gefangenen kostenlos Spritzwerkzeug zur Verf\u00fcgung gestellt werden sollte, um so zu verhindern, dass drogens\u00fcchtige Gefangene Spritzen teilen und sich so gegenseitig mit HIV oder anderen Krankheiten (z.B. Hepatitis) infizieren. Jedoch sto\u00dfen sie mit ihren Forderungen in der Justiz auf taube Ohren, lieber nimmt diese \u201eKollateralsch\u00e4den\u201c wie jenen von Willi in Kauf. Selbstverst\u00e4ndlich ist auch in Haftanstalten der Besitz von Drogen verboten, aber faktisch ist fast jede Substanz auch und gerade dort erh\u00e4ltlich. F\u00fcr JustizmitarbeiterInnen w\u00e4re es eine Form von Kapitulation vor der Realit\u00e4t, w\u00fcrden sie Spritzwerkzeug ausgeben.<\/p>\n<p>Also m\u00fcssen Gefangene sich entweder \u201eillegal\u201c Spritze und Nadel besorgen, oder sie funktionieren bspw. Kugelschreiberminen mit viel Geschick zu Spritzen um, mit all den gesundheitlich bedenklichen Folgen, vor allem jedoch sind sie gezwungen, das Werkzeug zu teilen. Aber es professionell zu desinfizieren, dazu fehlen die Mittel, weswegen sich immer wieder Gefangene untereinander infizieren.<\/p>\n<p><em>Willi im Jahr 2011<\/em><\/p>\n<p>K\u00fcrzlich diagnostizierte der Anstaltsarzt \u201eAIDS-Vollbild\u201c; bei einer K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe von knapp 1,80 m wiegt er zwar noch etwas \u00fcber 60 kg, davon sind jedoch bis zu 11 Liter Wassereinlagerungen in Beinen und im Bauchraum. Aus dem ehemals breitschultrigen Mann ist ein ausgezehrt wirkender, schmaler und leicht gebeugt gehender, scheinbar alter Mann geworden. Das Haar str\u00e4hnig, die Augen eingefallen, kann er nur wenige Meter langsam gehen, bevor er erstmal stehen bleiben und Luft holen muss, um sich dann langsam weiter am Gel\u00e4nder vor zu tasten.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch wirkt er mitunter abwesend, ist mittlerweile auch zunehmend vergesslicher geworden und klagt \u00fcber starke Schmerzen, trotz der zahlreichen Medikamente, die er jeden Tag erh\u00e4lt. Man kann den Verfall regelrecht von Woche zu Woche verfolgen.<\/p>\n<p><em>Wer hilft Willi?<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr einige Tage hatte sich Herr K. bei Willi einquartiert. Trotz der Enge der 8 qm-Zelle wagten beide dieses Experiment. Denn ein solches war es. Wer viele Jahre alleine in seiner Zelle lebt, der entwickelt Routinen, Marotten und damit vertr\u00e4gt es sich dann eigentlich nicht, pl\u00f6tzlich Tag und Nacht einen Mitmenschen um sich zu haben. Mit viel Einsatz k\u00fcmmerte sich Herr K. um Willi! Als dieser n\u00e4mlich eines Nachts, noch alleine in der Zelle, st\u00fcrzte, konnte er sich nicht bemerkbar machen, kam auch nicht mehr vom Boden hoch, angesichts seines sehr geschw\u00e4chten Allgemeinzustandes. Zwar gibt es in jeder Zelle eine Notrufanlage, aber zu dieser konnte er sich nicht mehr hoch stemmen. So fanden ihn am Morgen die Beamten bei der Lebendkontrolle am Boden liegend. Bei dem Sturz hatte Willi sich einen Bruch der Schulter zugezogen, wurde f\u00fcr ein paar Tage ins Krankenhaus gebracht, wo die Schulter genagelt wurde und kam dann, wie er selbst mit ein bisschen Galgenhumor formulierte, \u201efl\u00fcgellahm\u201c zur\u00fcck in seine Zelle. Bei allem Bem\u00fchen von Willi und Herrn K. brachen beide das Experiment der \u201eWohngemeinschaft\u201c nach einigen Tagen ab, zu sehr hatte jeder seine eigenen Routinen.<\/p>\n<p>Tags\u00fcber ist Willis Zelle offen, so dass Beamte und zu allgemeinen \u00d6ffnungszeiten auch andere Gefangene nach ihm schauen k\u00f6nnen, und des Nachts sehen die W\u00e4rter regelm\u00e4\u00dfig nach ihm. Jedoch ist absehbar, dass er wohl in die Krankenabteilung der Anstalt verlegt werden wird, zumindest solange sein Arm wegen des Schulterbruchs geschont werden muss. Wenn es nach Willi geht, m\u00f6chte er so lange es nur m\u00f6glich ist im gewohnten Umfeld bleiben, also in seiner Zelle.<\/p>\n<p><em>Gnade f\u00fcr Willi?<\/em><\/p>\n<p>Angeregt und auch unterst\u00fctzt durch den Anstaltsarzt, stellte Willi einen Antrag auf gnadenweise Freilassung oder zumindest Vollstreckungsunterbrechung wegen Vollzugsuntauglichkeit.<\/p>\n<p>Zwar bezeichnete der Arzt in einer Stellungnahme die Prognose f\u00fcr Willi als \u201einfaust\u201c, sprich, mit seinem Ableben w\u00e4re in n\u00e4herer Zukunft durchaus zu rechnen, jedoch tut sich die Justiz schwer, Gefangene, zumal wenn im Anschluss Sicherungsverwahrung notiert ist, zu entlassen. K\u00fcrzlich wurde ein franz\u00f6sischer Gefangener mit Krebs im Endstadium aus der JVA Bruchsal erst kurz vor dessen Tod nach Frankreich abgeschoben. Wenige Wochen nach der Abschiebung erreichte dann die Gefangenen die Nachricht von seinem Tod.<\/p>\n<p>Zudem gibt es Arbeitsgruppen in den Justizministerien, welche sich (ernsthaft) mit \u201emenschenw\u00fcrdigem Sterben im Justizvollzug\u201c besch\u00e4ftigen. Es geht dann also nicht mehr darum, den Betroffenen zumindest noch etwas Lebensqualit\u00e4t in Freiheit zu belassen, sondern eine Vollstreckung der Strafe oder Sicherungsverwahrung bis zum letzten Atemzug hinter Gef\u00e4ngnismauern.<\/p>\n<p><em>Exkurs &#8211; \u201emenschenw\u00fcrdiges Sterben im Gef\u00e4ngnis\u201c<\/em><\/p>\n<p>Unter pragmatischen und \u00f6konomischen Gesichtspunkten macht es sicherlich Sinn, sich dar\u00fcber Gedanken zu machen. Anstalten k\u00f6nnen mit finanziellen Sonderzuweisungen rechnen, wenn ein Gefangener durch seine Medikation besonders \u201ekostentr\u00e4chtig\u201c ist, vielfach wird es auch an einem sozialen Empfangsraum f\u00fcr sterbenskranke Gefangene fehlen. Technokraten machen sich selbstredend auch Gedanken, wo man den Gefangenen sterben lassen soll: Auf \u201eseiner\u201c Station, wo er vielleicht schon viele Jahre lebt und die Mitgefangenen und Bediensteten kennt, oder doch lieber in einer sterilen Vollzugskrankenhaus-Atmosph\u00e4re. Jedoch dem Ganzen die Bezeichnung \u201emenschenw\u00fcrdig\u201c zu geben, erscheint zweifelhaft. Allerdings, was soll man in einer Gesellschaft anderes erwarten, wenn auch schon in Freiheit alte, kranke und sterbende Menschen in Pflegeheimen mitunter sich selbst \u00fcberlassen bleiben (m\u00fcssen), weil der Personalschl\u00fcssel f\u00fcr eine wirklich menschenw\u00fcrdige Pflege und Betreuung zu gering ist ?! Da nimmt eine Gesellschaft dann f\u00fcr \u201eVerbrecher\u201c, \u201eKriminelle\u201c gewiss nicht mehr Geld in die Hand.<\/p>\n<p><em>Sterben im Gef\u00e4ngnis<\/em><\/p>\n<p>Angesichts des Sterbeprozesses eines Mitgefangenen geht es so manchem Gefangenen nicht anders als Menschen in Freiheit. Sie halten sich fern, verdr\u00e4ngen die Endlichkeit auch des eigenen Lebens. Gelegentlich erinnert man sich im Gespr\u00e4ch an den Tod von Gefangenen vor Jahren: \u201eWei\u00dft du noch, damals als X. sich erh\u00e4ngte &#8230;?\u201c. Die makabre, vielleicht auch grausame Pointe: Im Gef\u00e4ngnis mag so mancher Tod eines Gefangenen l\u00e4nger fortleben und erinnert werden, als eines Menschen in Freiheit, denn er geht meist ein in die kollektive Erinnerung eines Gef\u00e4ngnisses und wird von Gefangenengeneration zu Gefangenengeneration weiter erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>In dieses Erinnerungskollektiv wird auch Willi eingehen \u2013 fr\u00fcher oder sp\u00e4ter.<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\" target=\"blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch vor den Gef\u00e4ngnismauern macht der Tod nicht kehrt; obwohl ein gefl\u00fcgeltes Wort unter Gefangenen davon spricht, dass \u201eKnast konserviert\u201c. Heute soll die Rede von Willi sein \u2013 er hat schon manchen Mitgefangenen sterben sehen und nun muss er&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[36,9],"tags":[267,14,60,106],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3495"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3495"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3495\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6745,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3495\/revisions\/6745"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}