{"id":3554,"date":"2011-04-06T17:56:46","date_gmt":"2011-04-06T16:56:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=3554"},"modified":"2015-01-11T21:26:48","modified_gmt":"2015-01-11T20:26:48","slug":"einige-gedanken-zu-briefbomben-und-ihrem-unsinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/einige-gedanken-zu-briefbomben-und-ihrem-unsinn","title":{"rendered":"Einige Gedanken zu Briefbomben\u2026 und ihrem Unsinn"},"content":{"rendered":"<p><em><span class=\"dropcap\">W<\/span>ir \u00fcbernehmen einige auf dem Blog <a href=\"http:\/\/andiewaisendesexistierenden.noblogs.org\" target=\"_blank\">andiewaisendesexistierenden.noblogs.org<\/a> ver\u00f6ffentlichte Texte, welche sich kritisch mit der Verwendung von Briefbomben als Mittel zur \u00dcberwindung der momentanen Verh\u00e4ltnisse auseinandersetzen. Wir begr\u00fc\u00dfen es, dass diese Debatte weitergef\u00fchrt wird und nicht dar\u00fcber geschwiegen wird. <\/em><\/p>\n<h5 style=\"text-align: center;\"><strong>Einige Gedanken zu Briefbomben\u2026 und ihrem Unsinn<\/strong><\/h5>\n<p>Am Morgen des Dienstagmorgen [29.April] ist in Olten (Schweiz) bei Swissnuclear eine Briefbombe hochgegangen, die zwei Angestellte leicht an den H\u00e4nden verletzte. Laut Bullen und Medien lag ein langes Bekennerschreiben der FAI [federazione anarchica informale] bei, das jedoch bisher nicht ver\u00f6ffentlicht wurde. Der Anschlag fand in einer Reihe anderer, von der FAI bekennter Anschl\u00e4ge statt, in Livourne (Italien) auf einen Polizeiposten [verletzte H\u00e4nde eines Polizeioffiziers] und Korydallos (Athen) an den Direktor des Gef\u00e4ngnisses [vereitelt].<\/p>\n<hr \/>\n<h5 style=\"text-align: center;\"><strong> [Ein kurzer \u00fcbersetzter Auszug aus dem Artikel<br \/>\n<em>\u201e14 Punkte \u00fcber den Aufstand\u201c, <\/em><br \/>\nin A Corps Perdu, nr. 3, internationale anarchistische Zeitschrift]<\/strong><\/h5>\n<p>\u201e[&#8230;] Kommen wir auf den Punkt. Das Senden von Briefbomben (die noch dazu schon mehrfach unbeteiligte Personen verletzt haben), die zugespitzten allgemeinen Drohungen, die Ausdr\u00fccke von Nihilismus und die Selbstdefinierungen als \u201cTerroristen\u201c ((Drohungen und \u00c4usserungen, wie sie z.B. von gewissen, offensichtlich unter gewissen Anarchisten so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehenden \u201cbewaffneten Organisationen\u201c in Griechenland ge\u00e4ussert wurden. Gruppen, die in erster Linie die Vielfalt der sozialen Konfliktualit\u00e4t in Griechenland auf die bewaffnete Konfrontation reduzieren, und die den sich dort breit \u00e4ussernden sozialen Krieg auf eine spektakul\u00e4re Ebene tragen, auf der er in einen privaten Krieg, einen tristen Zweikampf zwischen \u201cbewaffneten Stadtguerillas\u201c und dem Staat verwandelt wird.)) haben nichts mit den aufst\u00e4ndischen Projekten zu tun. Man muss kein sehr heller Kopf sein, um zu begreifen, dass sich hinter diesem Neo-Rebellentum nicht viel anderes als ideologische und politische Selbstbehauptung verbirgt. F\u00fcr lange Zeit, in bestimmten Kontexten f\u00fcr unz\u00e4hlige Jahre, wurden diese Akte und diese Ideologien nicht ausreichend kritisiert. Und dies, wie wir weiter unten im Text sehen werden, nicht weil die Argumente fehlten ((In dem 2003 erschienenen Text \u201eEinige alte, aber aktuelle Fragen unter Anarchisten und nicht nur\u201c wird nach langer Zeit erstmals eine anarchistische Kritik an diesen Methoden deutlich formuliert (also nicht seitens der \u201canarchistischen F\u00f6deration\u201c oder der Syndikalisten, die sich meistens sowieso aus Prinzip und aus demokratisch-linker Mentalit\u00e4t von direkten Aktionen distanzieren).)), sondern viel eher, um \u2013 wie man damals sagte \u2013 \u2018den Kreis der Repression nicht zu schliessen\u2019. Der Mangel an Kritiken und ihre Unzul\u00e4nglichkeit haben in vielen L\u00e4ndern dennoch zum Wiederaufkommen einer Methode und einer Denkensweise gef\u00fchrt, die zumindest diskutiert werden sollten. Wenn es sicherlich wahr ist, dass es keinem von uns Freude bereitet, sich distanzieren zu m\u00fcssen, so ist es ebenso wahr, dass es zahlreiche Revolution\u00e4re, und ich als erster, aus einem ethischen sowie aus einem projektuellen Blickwinkel bedenklich finden, mit bestimmten Praktiken verbunden zu werden, ohne sagen zu k\u00f6nnen, was man dar\u00fcber denkt.<br \/>\nDas Delegieren der Auslieferung einer Briefbombe an irgendjemand, ohne dass diese Person davon Bescheid weiss, mit dem Risiko, dass sie ihr in den H\u00e4nden explodiert, ist ein Akt, der mit dem anarchistischen Prinzip der Nicht-Delegation und der individuellen Verantwortung ziemlich wenig zu tun hat. Den Irrtum zu verteidigen und auf ihm zu beharren, nachdem in wiederholten F\u00e4llen nicht ausgesuchte Personen verwundet worden sind, bedeutet von der Ideologie der Konfrontation verblendet zu sein; eine Bombe an einem Durchgangsort zu platzieren, mit oder ohne Vorwarnung an die Polizei, ist eine Aktion, die eine terrorisierende Zielsetzung in sich tr\u00e4gt (oder die auf jeden Fall so aufgefasst werden wird): \u201cheute warnen wir euch noch\u201d, oder \u201cheute handeln wir bei Nacht, morgen wer weiss\u2026\u201d ((siehe Fussnote 1)). Zugegeben, dies sind keine Neuheiten, und es w\u00e4re falsch, zu behaupten, dass die revolution\u00e4re Bewegung nie vor solchen Problemen gestanden h\u00e4tte. Die Geschichte ist gewiss \u00fcbervoll mit Scheusslichkeiten, meistens von und f\u00fcr die Macht ausgef\u00fchrt, andere aber, ungl\u00fccklicherweise, traten auch bei Angriffen hervor, die gegen sie gerichtet waren. Doch kein Zweck, so nobel er auch sein mag, kann \u201cdie Mittel\u201c rechtfertigen. So ziehe ich es vor, der Geschichte ins Gesicht blickend und das revolution\u00e4re Erbe \u201eauf mich nehmend\u201c, mich daran zu erinnern, dass es die Anarchisten vorgezogen haben, ihr Leben zu opfern, als jemanden zu treffen, der nichts damit zu tun hatte, und dass einige unter ihnen mit \u201cLiebe\u201d gegen die Unterdr\u00fccker vorgingen; mich auch daran zu erinnern, dass die abscheuliche Verachtung f\u00fcr \u201cdas Volk\u201c dem Feind vorbehalten war: der Bourgeoisie und der Aristokratie.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">[&#8230;]<\/p>\n<p>Ich weiss, dass es unangenehm, und manche w\u00fcrden sagen, deplatziert ist, diese Kritiken zu einem Zeitpunkt aufzubringen, in dem sich die Repression sp\u00fcren l\u00e4sst. Aber andererseits, wann l\u00e4sst sich die Repression nicht sp\u00fcren? In Anbetracht dessen, wie sich die Dinge entwickeln, glaube ich nicht, dass es jemals einen \u201cneutralen\u201d Moment geben wird, um innezuhalten und zu diskutieren, oder um die Kritik in Umlauf zu bringen. Dennoch ist es gerade die Kritik, die die Debatte n\u00e4hrt und, entschuldigt die Banalit\u00e4t der Wiederholung, die die Verfeinerung und Effizienz der revolution\u00e4ren Theorien und Praktiken erlaubt. Denn nichts ist unver\u00e4nderlich und die revolution\u00e4re Perspektive ist dynamisch, zumindest wenn man sie nicht wie eine Religion eintrichtern will.<br \/>\nAuf die im vorangegangenen Teil aufgeworfenen Themen hat es je nach Land sehr unterschiedliche Reaktionen gegeben. Wenn die Debatten \u00fcber den Gebrauch bestimmter Methoden des Angriffs beispielsweise in der anarchistischen Bewegung Spaniens mehr oder weniger breit ausgetragen wurden, so war sie in der anarchistischen Bewegung Italiens praktisch nicht existent. Der Grund f\u00fcr diese Stille ist sicherlich nicht ein Mangel an Argumenten oder der Unwille zu polemisieren, sondern ist vielmehr ausschlie\u00dflich repressiven Faktoren verschuldet. Das Problem war und ist, zu vermeiden, einen Teil der anarchistischen Bewegung zu isolieren, indem eine kritische Debatte ausgel\u00f6st wird, die einerseits sicherlich zu einer methodologischen und theoretischen \u00dcberwindung f\u00fchren kann, andererseits aber unausweichlich das Risiko einer kritischen Spirale \u2013 gegen eine bestimmte Art von Aktion \u2013 mit sich bringt, die von der Repression wie eine \u201eDistanzierung\u201c <em>verstanden werden w\u00fcrde<\/em>. Selbstverst\u00e4ndlich, um g\u00e4nzlich klar zu sein, ist das Problem nicht, Distanz von dem zu nehmen, was man nicht teilt, sondern zu riskieren, dass der polizeiliche Druck \u00fcber jene ausge\u00fcbt wird, die sich entscheiden \u2013 aus Gr\u00fcnden verschiedenster Art \u2013, diese Distanz nicht zu nehmen. Bei genauerer Betrachtung ist es schwierig, zwischen beispielsweise der spanischen und italienischen Umgangsweise zu sagen, wer recht hatte, oder welche der beiden Positionen \u2013 in einem Kreis, aus dem man schwerlich \u201dsauber\u201d heraustreten kann \u2013, die geringsten Einschr\u00e4nkungen mit sich bringt.\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<h5 style=\"text-align: center;\"><strong> [Auszug aus dem Text <em>\u201cKritische Notizen zum Kampf gegen das FIES\u201d<\/em><br \/>\n(das FIES ist ein Isolationshaftregime in Spanien),<br \/>\nbez\u00fcglich der in diesem Zusammenhang verschickten Briefbomben.<br \/>\nPubliziert in \u201cA Corps Perdu, nr. 2\u201d]<\/strong><\/h5>\n<p>\u201e[&#8230;] Diese \u00abAngriffe\u00bb existierten nur durch das mediale Tamtam, das sie verursachten, was sie jedoch nicht daran hindern wird, in der Einbildung einiger auf die h\u00f6chste Sprosse der Radikalit\u00e4ts-Leiter gehoben zu werden. Diese sehr eigent\u00fcmliche Methode brachte mindestens zwei sch\u00e4dliche Effekte mit sich: Auf der einen Seite stellte sie das gesamte Spektrum der Angriffe und direkten Aktionen in den Schatten, die zu der Zeit stattfanden, auf der anderen Seite erlaubte es den Henkern, sich als Opfer darzustellen. Abgesehen davon, dass sie sich in eine Gegenmacht-Logik hineinbegeben, verbreiteten die Briefbomben eine unwirkliche Bedrohung, und dies wussten die M\u00e4chtigen nur all zu gut. Der Staat erkannte dennoch das revolution\u00e4re Potenzial, das \u2013 obwohl noch im embryonalen Zustand \u2013 im Raum des Kampfes [des gesamten sozialen Kampfes gegen das FIES, die Gef\u00e4ngnisse und die Welt, die sie n\u00f6tig hat \u2013 Anmerkung der Zitierenden] bereits enthalten war. Die Repression, die folgte, und die Massnahmen, die beabsichtigten, dessen Verbreitung zu hemmen, waren haupts\u00e4chlich pr\u00e4ventiver Natur.\u201d<\/p>\n<hr \/>\n<h5 style=\"text-align: center;\"><strong> [Ein Auszug aus <em>\u201e\u00dcber die individuelle Verantwortlichkeit\u201c<\/em>,<br \/>\nin A Corps Perdu, nr.1]<\/strong><\/h5>\n<p>\u201eKlar und deutlich ausgedr\u00fcckt: Noch nie war es so notwendig wie jetzt, anzugreifen. Aber anzugreifen bedeutet, die Verantwortung f\u00fcr das, was man tut, als <em>Individuum<\/em> auf sich zu nehmen<em> [Was das Delegieren der Verantwortung an einen unwissenden P\u00f6stler, der eine Bombe \u00fcberbringt ausschliesst (um es zu wiederholen) \u2013 Anmerkung der Zitierenden]<\/em>. Es bedeutet, die unseren Verantwortungen und jene des Gegners zu erkennen<em> [Was Methoden ausschliesst, mit denen es nicht m\u00f6glich ist, eine vorher gut abgewogene Verantwortung, und ausschlie\u00dflich diese, anzugreifen, da es mehr oder weniger zuf\u00e4llig ist, wer beispielsweise eine entsendete Briefbombe \u00f6ffnet (um auch das noch einmal zu wiederholen) \u2013 Anmerkung der Zitierenden]<\/em>. [&#8230;]<br \/>\nWir, als Individuen, wir k\u00e4mpfen f\u00fcr die Bekr\u00e4ftigung des Individuums und gegen Individuen: Es sind nicht \u00abUniformen\u00bb, sondern Menschen, auf die man schiesst, es ist nicht die Bourgeoisie, es sind Menschen, die man schl\u00e4gt, es sind nicht Ideologien, sondern Menschen, die man angreift. Wenn wir wollen, dass der Mensch frei ist, m\u00fcssen wir die Menschlichkeit und die Einzigartigkeit selbst in den schlimmsten Feinden erkennen. Totalit\u00e4re Prozesse gr\u00fcndeten seit jeher auf der Entmenschlichung des Gegners. Mittlerweile sollte es doch offensichtlich sein \u2013 alleine schon, wenn wir die j\u00fcngste Vergangenheit in Erinnerung behalten und die tragische Gegenwart betrachten \u2013, dass wir den entgegengesetzten Weg versuchen m\u00fcssen.<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\nEs ist absolut inakzeptabel, dass ein einziges Leben im Namen der Aktion oder der Sache geopfert wird. Die Sache \u2013 wenn es um jene f\u00fcr die Freiheit geht \u2013 verliert jeglichen Wert, wenn darin nicht eine Abstufung der Verantwortung wahrgenommen wird, wenn ihre Handlung das militaristische Prinzip in sich tr\u00e4gt, jenes das <em>blind in die Menge schl\u00e4gt<\/em>.<br \/>\nUnd mit \u201cblind in die Menge schlagen\u201c, um es noch deutlicher auszudr\u00fccken, meinen wir nicht nur zahlreiche Personen zu t\u00f6ten oder zu verletzen. Es bedeutet vor allem, Berechnungen \u00fcber die Anzahl Opfer anzustellen, die man in solche, die f\u00fcr ihre wirkliche Verantwortlichkeit getroffen werden, und solche, die durch \u00abKollateralschaden\u00bb getroffen werden unterteilt. Es bedeutet, das Leben der Individuen im Namen der Politik zu vergessen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir \u00fcbernehmen einige auf dem Blog andiewaisendesexistierenden.noblogs.org ver\u00f6ffentlichte Texte, welche sich kritisch mit der Verwendung von Briefbomben als Mittel zur \u00dcberwindung der momentanen Verh\u00e4ltnisse auseinandersetzen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":6646,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[1,298],"tags":[147,75,146,92,162],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3554"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3554"}],"version-history":[{"count":27,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3554\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10741,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3554\/revisions\/10741"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6646"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}