{"id":3817,"date":"2011-02-20T00:34:10","date_gmt":"2011-02-19T23:34:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=3817"},"modified":"2011-05-03T23:48:53","modified_gmt":"2011-05-03T22:48:53","slug":"werner-braeuner-intervention-und-kommentar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/werner-braeuner-intervention-und-kommentar","title":{"rendered":"Werner Braeuner: Intervention und Kommentar"},"content":{"rendered":"<p>zu den Gr\u00fcnden f\u00fcr die T\u00f6tung eines Arbeitsamtsdirektors im Februar 2001 sowie zu den Hintergr\u00fcnden seines Strafprozesses vor dem Landgericht Verden\/Aller im August 2001.<\/p>\n<p>\u00bb<em>Was f\u00fcr ein Thier ich bin!<\/em>\u00ab (Fr. Nietzsche)<\/p>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Werner-Braeuner.jpg\" rel=\"lightbox[3817]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-3818\" title=\"Werner Braeuner, in Haft wegen der T\u00f6tung eines Arbeitsamtsdirektors im Februar 2001\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Werner-Braeuner.jpg\" alt=\"Werner Braeuner, in Haft wegen der T\u00f6tung eines Arbeitsamtsdirektors im Februar 2001\" width=\"120\" height=\"99\" \/><\/a>Der Mensch &#8211; der Affe mit dem sehr gro\u00dfen Hirn. Jenes Hirn verunsichert den Affen. Der Affe wiederum verunsichert das Hirn. Solch zwiesp\u00e4ltige Wesen d\u00fcrfen ein wenig wahnsinnig sein. Ein wenig Wahnsinn ist lustig. Wird\u2019s mehr, wird der Wahnsinn erst \u00e4rgerlich, dann b\u00f6se und gef\u00e4hrlich. Gegen b\u00f6sen und gef\u00e4hrlichen Wahnsinn regt sich Widerstand. \u00bbEine v\u00f6llig unsinnige Tat\u00ab, emp\u00f6rte sich der Staatsanwalt am Landgericht Verden\/Aller. Eines Tages wurde dem Nichts langweilig und es beschlo\u00df, Etwas zu werden. So entstand die Welt. Alles. Alles ist unerkl\u00e4rliches Wunder, ist \u00bbv\u00f6llig unsinnig!\u00ab Dies aber wird der Staatsanwalt nicht gemeint haben. Was dann?<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong>Eine offen widerst\u00e4ndige Tat<\/strong><\/p>\n<p>Wo immer Menschen in der langen Geschichte ihrer Gattung begonnen haben, in komplexeren Gemeinschaften auf koordinierte Weise zu leben, ergaben sich gewisse Anforderungen an die Verstandest\u00e4tigkeit. Ein Zwiespalt wurde f\u00fchlbar, da Stimmungen, Launen und Antriebe des K\u00f6rpers einer Lenkung der Lebensvollz\u00fcge durch den Verstand hinderlich sein k\u00f6nnen. So entdeckt der Affe mit dem sehr gro\u00dfen Hirn erstmals den Makel seiner inneren Natur. Erweist das Innen sich als nicht gen\u00fcgend kontrollierbar, soll das Au\u00dfen es um so mehr sein. Geht der Blick auf das Au\u00dfen, ist dort ebenfalls ein Makel zu entdecken, n\u00e4mlich die Unhintergehbarkeit, Unerkl\u00e4rbarkeit, der \u203aUnsinn\u2039 der \u00e4u\u00dferen Welt. Welch gl\u00e4nzende Projektion, den inneren Makel auf jenen \u00e4u\u00dferen und so auch den Schmerz \u00fcber den inneren Makel auf das Au\u00dfen lenken und dort verorten zu k\u00f6nnen: Nun schmerzte den Menschen die Welt.<br \/>\nWer sollte das heilen, wenn nicht einer, mit dem zugleich h\u00f6here Absichten und Zwecke erfunden wurden, um f\u00fcr Welt, Natur und Mensch Erkl\u00e4rung zu geben: Gott. \u00c4rgerlich blo\u00df, da\u00df Gott seine Leistung zu dem \u00fcberh\u00f6hten Honorar beglichen haben wollte, den unkontrollierbaren Leibesaffen fortan zu verachten &#8211; Gott war Hirn, Geist, reiner Geist, war gut! Wie Welt und Natur aber war der Menschenleib \u203anur\u2039 Materie &#8211; schlecht! Schlechtes darf beliebig vernutzt und mi\u00dfhandelt werden. Doch indem Gott Allem \u203aSinn\u2039 schenkte, setzte er Schamgrenzen: Da Alles ihm geh\u00f6rte, hatte es allein ihm zu dienen, ausschlie\u00dflich ihm. Geringsch\u00e4tzung f\u00fcr den Leibesaffen half dem sehr gro\u00dfen Hirn nun tats\u00e4chlich zu mehr T\u00e4tigkeit. Verlangte das Christentum doch sogar Verachtung des Leibes, weswegen der ins Au\u00dfen verlagerte Makel im Inneren umso mehr schmerzen mu\u00dfte. War Gott ein Betr\u00fcger?<br \/>\n\u00bbMehr von dem selben Gift!\u00ab befiehlt der Wahn dem am Gift Erkrankten. Der Mensch war verurteilt, immer mehr Kontrolle \u00fcber das Au\u00dfen der Welt gewinnen zu wollen und mu\u00dfte dort schlie\u00dflich einen weiteren Makel entdecken: Gottes Unerkl\u00e4rbarkeit. Die Logik des Wahns mu\u00dfte Gott verabschieden; und was zun\u00e4chst blo\u00df \u00e4rgerlich gewesen war, wurde nun b\u00f6se und gef\u00e4hrlich. Denn es wurden nun zugleich jene mit Gott aufgerichteten Schranken eingerissen, die der Vernutzung von Welt, Natur und Mensch gesetzt waren. Fortan war der \u203aSinn\u2039 von etwas nur mehr dessen Nutzen, dessen Vernutzung. Dieser \u203aNutzen\u2039 war mit der Erfindung Gottes als dessen h\u00f6here Absichten und Zwecke bereits definiert worden; Geist sollte \u00fcber Materie herrschen, ja &#8211; Materie sollte Geist, Konkretes sollte Abstraktes werden. Dem Seienden war Essenz zu entziehen, also abstrakt Werthaltiges. Hier die Rede von den Transsubstantiationen von Mensch in \u203aArbeitskraft\u2039, von Natur in \u203aStoff\u2039,von Welt in \u203aWissenschaft\u2039. Hier die Rede vom Zeitalter der Moderne, von der Gesellschaft der Gegenwart. In dieser hat \u203aSinn\u2039 sich im Begriff des Nutzen verloren, sind Sinn und Nutzen identisch geworden. Aus dem Munde eines Parteig\u00e4ngers des herrschenden Wahns meint \u203aunsinnig\u2039 schlicht \u203aunn\u00fctz\u2039; da Gottes Autorit\u00e4t mit seinem Abgang auf den Nutzen \u00fcbergegangen ist, meint \u203aunsinnig\u2039 mehr noch: gegen Gott, s\u00fcndig, schlecht. Dem Nutzen nicht zu frommen, ist S\u00fcnde, Ketzerei, Widerstand!<br \/>\nNun ist der emp\u00f6rte Ausruf des Staatsanwalts dechiffrierbar: \u00bbv\u00f6llig unsinnig\u00ab meint offener Widerstand. Richtig &#8211; meine Tat war offener Widerstand gegen einen b\u00f6sen und gef\u00e4hrlichen Wahnsinn, der Leben zu einem Horror macht.<\/p>\n<p><strong>(K)ein politisches Verfahren<\/strong><\/p>\n<p>Besch\u00e4ftigte von Arbeits\u00e4mtern, Jobcentern und Argen sind &#8211; milit\u00e4risch gesehen &#8211; weiche Ziele. Ein Angreifer ben\u00f6tigt minimale Bewaffnung, keine speziellen Kenntnisse oder Fertigkeiten und kann allein operieren. Das ist der Stoff, aus dem die Albtr\u00e4ume der Herrschenden und ihrer B\u00fcttel in den Arbeits- und Sozial\u00e4mtern sind.<br \/>\nIm Vergleich dazu und mit Blick auf ihre politische Wirkung waren die milit\u00e4risch aufwendigen Angriffe der europ\u00e4ischen Stadtguerilla geradezu harmlos. Diese Einsch\u00e4tzung gewinnt, wer auf die Panik und St\u00fcmperei schaut, mit der die Herrschenden den politischen Schaden einzud\u00e4mmen versuchten, der ihnen am 6.2.2001 in Verden a.d. Aller (50 km s\u00fcd\u00f6stlich von Bremen) entstanden ist. Der T\u00f6tung des Arbeitsamtsdirektors mu\u00dfte um jeden Preis ein Etikett verliehen werden, das auch nur den Gedanken an einen Akt politischen Widerstands nicht aufkommen lassen durfte. Das Etikett bekam darum die Aufschrift: Sozial gescheiterter Arbeitsloser mit privaten Problemen beging in impulsivem Affekt eine Verzweiflungstat. Ich habe jenes Etikett unterschrieben, habe aktiv das Medienspektakel unterst\u00fctzt, das es h\u00fcbsch bunt aussehen lassen sollte, habe einen gerichtspsychiatrischen Gutachter an mich herangelassen und diesen weisungsgem\u00e4\u00df get\u00e4uscht, habe das Gericht nach Vorgabe dumm belogen. Ich hatte keine Wahl. Heute, da sich der sozialhelferische Nebel verzogen hat, der die Brutalit\u00e4t der Arbeits- und Sozialbeh\u00f6rden vor 10 Jahren noch umwaberte, ist der Verdener Justizschwindel angreifbar geworden, und so erz\u00e4hle ich heute erstmals seine Geschichte.<\/p>\n<p><strong>(K)eine Wahl<\/strong><\/p>\n<p>Um mir die Unterschrift unter diesen Schwindel abzupressen, wurde ich vor die Wahl gestellt. W\u00fcrde ich meine Tat \u00f6ffentlich vor dem Gericht als offenen politischen Widerstand bekennen, sei mit Psychiatrisierung gem\u00e4\u00df \u00a7 63 StGB zu rechnen, was ein \u203averstecktes Lebensl\u00e4nglich\u2039 sei. Au\u00dferdem hie\u00dfe das Zwangsmedikation sowie die M\u00f6glichkeit zu totaler Isolation durch Verbot von Besuchen, Post und Telefon. 10 Jahre Zwangsmedikation w\u00fcrden erfahrungsgem\u00e4\u00df ausreichen, Menschen so zu zerst\u00f6ren, dass sie nicht mehr in die Freiheit zur\u00fcckfinden k\u00f6nnten und in der Psychiatrie verbleiben m\u00fc\u00dften. Lie\u00df man mich wissen. Sehr vertraulich nat\u00fcrlich. Und ebenfalls sehr vertraulich wurde mir ein Weg gezeigt, die Psychiatrisierung zu vermeiden und zugleich zu einer moderateren Strafzumessung zu kommen: Totschlag.<br \/>\nTotschlag ist, wenn ein Arbeitsloser einen Arbeitsamtsdirektor aufsucht, um diesen inst\u00e4ndig zu bitten, ihm die St\u00fctze nicht zu sperren und wenn der Arbeitsamtsdirektor den Arbeitslosen dann provoziert, ihn umzubringen. Mord hingegen ist, wenn ein Arbeitsloser das Wohnhaus des Direktors auskundschaftet, weil er den Plan gefa\u00dft hat, diesen umzubringen und wenn er eines Tages dann eine Waffe einsteckt, dem Direktor vor dessen Haus auflauert und seinen Plan in die Tat umsetzt. All das letztere hatte ich getan und alle wu\u00dften das &#8211; Polizei, Staatsanwalt und Gericht.<br \/>\nDass ich mich kurz nach der Tat der Polizei gestellt hatte, war kein Argument gegen einen Mord, da Flucht ohnehin aussichtslos gewesen w\u00e4re.<br \/>\nW\u00fcrde ich mitspielen, h\u00e4tte ich mit maximal 12 Jahren Haft wegen Totschlags zu rechnen, wahrscheinlich sogar mit deutlich weniger. W\u00fcrde ich die Wahrheit sagen und auf einen politischen Prozess bestehen: Psychiatrisierung. Eine einfache Wahl &#8211; und tats\u00e4chlich wischten Staatsanwaltschaft und Gericht sp\u00e4ter alle harten Fakten, die \u203amein\u2039 L\u00fcgenm\u00e4rchen unglaubw\u00fcrdig machen mu\u00dften, mit leichter Hand vom Richtertisch.<br \/>\nDie Justiz ist eines neben anderen Instrumenten der Herrschaftssicherung. Daher w\u00e4re es naiv, mein strafgerichtliches Verfahren als skandal\u00f6s oder gar kriminell bezeichnen zu wollen. Es ist allerdings abgrundtief niedertr\u00e4chtig und menschenverachtend, jemandem mittels Androhung von Vernichtungsfolter seinen politischen Widerstand abzupressen und ihn zu zwingen, seine Identit\u00e4t \u00f6ffentlich zu verleugnen.<\/p>\n<p><strong>Stolz und ohne Reue Mensch<\/strong><\/p>\n<p>Et si omnes &#8211; ego non ( Wenn auch alle &#8211; ich nicht) lautet ein stolzer aristokratischer Freiheitswahlspruch. Der Verfasser dieser Intervention ist solch edlem Kitsch abhold. Er ist ein im Jahr 1955 im Ruhrgebiet geborener Proletarier, der lieber ein Lebensl\u00e4nglich kassiert als sich von Arbeits- und Sozialbeh\u00f6rden versklaven zu lassen. Biographien beginnen mit Zuf\u00e4llen, die sp\u00e4ter Entscheidungen verlangen. Ein markanter Zufall ist, einer Generation anzugeh\u00f6ren, deren Eltern zu Ende der Nazi-Diktatur um 20 Jahre alt gewesen sind. Zweiter markanter Zufall ist, im sozial vielf\u00e4ltigen und kontaktfreudigen proletarischen Milieu der Stadt Gelsenkirchen aufgewachsen zu sein. Diese Stadt war ein riesengro\u00dfes Dorf mit lebendigen Nachbarschaften, die Angeh\u00f6rigen gro\u00dfer Familienverb\u00e4nde achteten sehr darauf, nahe beieinander zu wohnen, um sich umstandslos zu Fu\u00df erreichen zu k\u00f6nnen. Kindern \u00f6ffneten sich heute nicht mehr vorstellbar weite soziale und menschliche Erfahrungshorizonte. Die Jahrg\u00e4nge waren geburtenstark und wegen der kleinen, engen und \u00fcberbelegten Wohnungen fand Kinderleben auf Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen statt. Bei schlechtem Wetter allerdings wurde spontan die eine oder andere Wohnung Kinderspielplatz. Diesem Milieu, das berstend voll von Leben war, waren Verabredungsrituale kluckenhafter M\u00fctter fremd.<br \/>\nLuftschutzbunker, noch nicht vollst\u00e4ndig ger\u00e4umte Tr\u00fcmmergrundst\u00fccke sowie viele Kriegsversehrte an Kr\u00fccken und in den damals 3-r\u00e4drigen Rollst\u00fchlen waren Zeugen einer noch nicht lange zur\u00fcckliegenden anderen und gewaltt\u00e4tigen Zeit. Auch war da ein heute vergessenes, politisch unbedarftes Proletariat, das erstaunlich offen von der \u203aNazizeit\u2039 berichtete. \u00dcber das vor 1945 Geschehene und Erlebte wurde in eher beil\u00e4ufigem Ton gesprochen, gern und viel, selten einmal raunend, und allemal, als sei niemand innerlich beteiligt oder \u00e4u\u00dferlich verwickelt gewesen. Das Vergangene wurde als Peinlichkeit der Art vorgestellt, die nun einmal unterlaufen kann. Die Botschaft von der Ohnm\u00e4chtigkeit des kleinen Mannes lautete klar: \u00bbWiderstand, selbst der geringste, ist f\u00fcr unsereinen keine greifbare Option.\u00ab<br \/>\nIch erhielt Staatsb\u00fcrgerunterricht in Unterwerfung, subtil zwar, zwischen den Zeilen, doch nicht subtil genug, um die schl\u00fcpfrige Verschlagenheit und entschlossene Militanz hinter der Unschuld solchen Untertanentums \u00fcbersehen zu k\u00f6nnen. Das roch nicht nur, das stank.<br \/>\nNein, Untertan wollte ich nicht werden! Diese sehr fr\u00fche Entscheidung hielt selbst den St\u00fcrmen der Pubert\u00e4t stand. Da half insbesondere die herrenmenschlich brutale Au\u00dfenpolitik der USA gegen\u00fcber Vietnam und sp\u00e4ter Chile. Alle guten und treuen Untertanen um mich herum lobten jene USA als Vorbilddemokratie &#8211; aha! Ebenfalls auff\u00e4llig wurde ein Mentalit\u00e4tswandel des Proletariats in der &#8211; wie ich es nennen m\u00f6chte &#8211; \u203aFord Capri-\u00c4ra\u2039. Mit zunehmendem Wohlstand und sich ausdifferenzierender Produktionstechnik in der Industrie trat mehr und mehr Vereinzelung an die Stelle sozialen Zusammenhangs.<br \/>\nAlles zentrierte sich um Arbeit und Aufstieg durch Arbeit. Zuvor gesellige Untertanen mutierten zu einsamen Konsumenten.<br \/>\nAll das waren immens dichte Lehrstunden f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Pr\u00e4gungen des Bewu\u00dftseins durch das Sein bzw. Untertan-Sein. Eine biographische Grundfiguration gewann Kontur: Sich nicht in dieser Untertanengesellschaft und ihren Maximen verfangen, Abstand bewahren!<br \/>\nAls gegen Ende der 70er Jahre der Umweltschutzgedanke via TV und Medien in das deutsche Volk eingesickert war, mutierte der Untertan erneut und &#8211; zaghaft noch &#8211; stand der alte Herrenmensch neu wieder auf. Nun demokratisch gel\u00e4utert, nahm er Wasser f\u00fcr Blut, Wald f\u00fcr Boden. Mit Hinweis auf Thorwald Proll, Thomas Ebermann\/Langer und Jutta Ditfurth stand \u203asauberes Wasser und gesunder Wald\u2039 f\u00fcr arisches Blut und v\u00f6lkischen Boden. Bereits f\u00fcr die Zeit der Weimarer Republik beschrieb Willi Bredel einen analogen gr\u00fcn-braunen Gestank im 3. Teil von \u00bbV\u00e4ter &#8211; S\u00f6hne &#8211; Enkel\u00ab.<br \/>\nMit Untertanen zu verkehren, ist verkehrt. Die Zeit, Widerstand zu leisten, w\u00fcrde kommen. Mit Bildung der rot-gr\u00fcnen Regierung im Jahre 1998 war der neue alte Herrenmensch demokratisch hegemonial geworden. Wer das sagte, erntete damals w\u00fctenden Protest. Heute wird ein solcher Satz als Ladenh\u00fcter mit einem Achselzucken quittiert. Willkommen in der W\u00fcste des realen Herrenmenschen. Wer da nicht k\u00e4mpft, mu\u00df unter(tan)gehen oder &#8211; was dasselbe ist &#8211; Herrenmensch werden.<\/p>\n<p><strong>Untertanen-ABC<\/strong><\/p>\n<p>Wurzeln wollte ich nicht schlagen in der im Juli 2000 startenden, 12-monatigen Weiterbildung \u203aFachkraft f\u00fcr Computer Integrated Manufacturing\u2039 beim ABC (Arbeiter Bildungs Centrum) in Bremen. Tats\u00e4chlich handelte es sich um einen Lehrgang f\u00fcr Technisches Zeichnen am Computer (CAD). Selbst f\u00fcr Menschen mit d\u00fcrftigen Grundkenntnissen stellte sich alsbald die Frage, was denn wohl in den restlichen 11 Monaten getan werden k\u00f6nnte. Denn CAD ist eine anspruchslose und schnell zu erledigende Angelegenheit.<br \/>\nMit einem Arbeitgeber hatte ich verabredet, mich vor Antritt eines Jobs kurz mit den neuesten Softwarefeatures vertraut zu machen. Dieses Vorhaben scheiterte, da die Software vom ABC nicht vollst\u00e4ndig zur Verf\u00fcgung gestellt wurde sondern lediglich in \u203asteps\u2039 &#8211; ein L\u00f6ffelchen f\u00fcr Papa, ein L\u00f6ffelchen f\u00fcr Mama usw. F\u00fcr jedes Software-H\u00e4ppchen war gut ein Monat veranschlagt. Als der mir in Aussicht gestellte Job anderweitig vergeben war, entschlo\u00df ich mich, den Kurs fortzusetzen, obwohl selbst Kursteilnehmer mit keinerlei Vorkenntnissen innerhalb von 4 Tagen mit einem Step fertig waren und also viel Zeit totzuschlagen war &#8211; zuviel. Wie zum Hohn war morgens Kommen und nachmittags Gehen zu stempeln, wie das bei Zurichtung auf Lohnarbeit \u00fcblich ist.<br \/>\nDas ABC war allerdings weiter; es zerm\u00fcrbte ehemalige Lohnarbeiter zu beh\u00f6rdlichen Leibeigenen. Ende November brach ich den Kurs ab.<br \/>\nAm 6.2.2001 t\u00f6tete ich den Arbeitsamtsdirektor. In den Wochen davor hatte ich ihn ausgekundschaftet, was einigen Personen aufgefallen war, die dem Gericht sp\u00e4ter als Zeugen vortrugen. Gut zwei Wochen vor der Tat hatte ich dem Arbeitsamtsdirektor ein Fax ins Amt geschickt: \u00bbAbgesehen von der Farbe Ihres Anzugs, was unterscheidet Sie von einem Nazischergen?\u00ab hie\u00df es da u.a.<br \/>\nZahlreiche Erwerbslosengruppen und sozialpolitische Aktivisten haben dieses Fax in Kopie erhalten. Ein oder zwei Tage vor Versendung jenes Faxes war ich dem Direktor zuf\u00e4llig im Amt begegnet. Ich sprach ihn auf ein bereits Anfang Januar 2001 an das Amt gerichtete Schreiben an, in dem ich die unhaltbaren Zust\u00e4nde beim Bremer ABC dargelegt und die Erwartung ge\u00e4u\u00dfert hatte, f\u00fcr den Abbruch der Weiterbildung nicht mit einer Sperre der Arbeitslosenst\u00fctze bestraft zu werden. Der Direktor kurz angebunden: \u00bbJeder, Herr Braeuner, der eine Weiterbildung abbricht, erh\u00e4lt eine Sperre.\u00ab Hartn\u00e4ckig wies ich auf die anderslautende sozialgesetzliche Regelung bei solchen Abbr\u00fcchen hin. Mein Insistieren quittierte der Direktor zweimal lapidar mit Wiederholungen seines Satzes. Ein interessantes Gespr\u00e4ch, vielen Dank! Wenige Tage vor der Tat erhielt ich den Bescheid:<br \/>\n12-w\u00f6chige Sperre der Arbeitslosenhilfe; Sozialhilfe w\u00fcrde w\u00e4hrend dieser Zeit aus disziplinarischen Gr\u00fcnden lediglich in H\u00f6he von 75% des Satzes als Darlehen gew\u00e4hrt. Nun war ich zu Zwangsarbeit verpflichtet, da Sozialhilfeempf\u00e4nger.<\/p>\n<p><strong>Auf Freundschaft und Freiheit<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00dcberf\u00fchrung des Freiwilligen Arbeitsdienstes der Weimarer Republik in einen Zwangsdienst war eine der ersten Regierungshandlungen des Nazi-Regimes gewesen. Zwangsarbeit und Herrenmensch geh\u00f6ren zusammen. Wie auch Untertan und Herrenmensch fest zusammengeh\u00f6ren. Allemal gilt da Nietzsche &#8211; die moderne Form von Herrschaft sei eine von Gesindel \u00fcber Gesindel. Untertanengesindel wird zu Herrenmenschgesindel, wenn die Gottwerdung des Menschen (Christus) in die Sph\u00e4re des Politischen getragen und dort als Leidens- und Auferstehungsgroteske nachgespielt wird. Der Aufsteigerkitsch in den Lebensl\u00e4ufen von Schr\u00f6der und Fischer bebildert dies. Noch einmal Nietzsche: \u00bbChristentum ist Gesindelreligion par excellence.\u00ab<br \/>\nSeit den 80er Jahren verpflichtete der \u00a7 20 des Sozialhilfegesetzes zur Leistung von Zwangsarbeit. Mit diesem \u00a7 20 hat der in den 70er Jahren zur\u00fcckgekehrte, neue alte Herrenmensch das Manifest seiner Ankunft verfasst. Und 2001 nun stand er breitbeinig auch vor mir und forderte gebieterisch: \u00bbAuf die Knie!\u00ab Wachte oder tr\u00e4umte ich.<br \/>\nIch war schon auf die Knie gegangen, hatte beim Bremer ABC durchhalten wollen, mein Hirn hatte den Affen ver\u00e4chtlich auf einen Stuhl hinabgedr\u00fcckt, um ihn dort monatelang unt\u00e4tig stillsitzen zu lassen. Er hat sich gewehrt. Im August 2000 war da pl\u00f6tzlich ein Stechen zwischen Kreuz- und H\u00fcftbein, das bald in R\u00fccken und Beine ausstrahlte und ein trommelnder Dauerschmerz wurde. Im September schwoll ein Ellenbogen dick an und trommelte mit. Ab Ende Oktober ging ich, der Monate zuvor noch mehr als gesund gewesen war, stark humpelnd. Das Hirn hatte dem Affen die Freundschaft aufgek\u00fcndigt und der wehrte sich nun und forderte die Freundschaft zur\u00fcck &#8211; mit aller Macht. So lange und so sehr bis das Hirn einwilligte: \u00bbGut, la\u00df uns wieder Freunde sein, la\u00df uns k\u00e4mpfen und ihn t\u00f6ten, den Herrenmenschen.\u00ab Als ich Ende November 2000 den CAD-Kurs abbrach, wu\u00dfte ich bereits, da\u00df es unausweichlich zum Kampf kommen w\u00fcrde, zu einer Entscheidung. Es hat beinahe 4 Jahre gedauert, bis der Affe dem Hirn jene Aufk\u00fcndigung der Freundschaft damals beim ABC verziehen hat. Im Fr\u00fchsommer 2004 h\u00f6rte das bis dahin unabl\u00e4ssige, ohrenbet\u00e4ubende Schmerzgetrommel auf &#8211; so pl\u00f6tzlich und schnell wie es gekommen war. Auf die Freundschaft! Auf die Freiheit! \u00a1Venceremos!<\/p>\n<p><strong>Erl\u00e4uterungen zu Personen und Institutionen<\/strong><\/p>\n<p>Mein Verteidiger im gerichtlichen Verfahren war RA Michael Brennecke, Achim bei Bremen. W\u00e4hrend der ersten Tage meiner U-Haft hatte er mich aufgesucht und sich um das anwaltliche Mandat beworben. Er stellte keinerlei Honorarforderungen. Da mein Fall \u00fcberregionale Medienaufmerksamkeit auf sich zog, war mein Mandat sicherlich eine gute Werbung, daher akzeptierte ich ohne Argwohn. Nachdem ich auf dem durch die Psychiatrisierungsdrohung erzwungenen Aussagegeleise war und die Anklageschrift erhalten hatte, er\u00f6ffnete RA Brennecke mir, da\u00df sein Onkel Joachim St\u00fcncker Politiker sei, MdB der SPD. Da wu\u00dfte ich, die Psychiatrisierungsdrohung sei um so mehr ernstzunehmen und war vollends eingesch\u00fcchtert. W\u00e4hrend der 4-t\u00e4gigen gerichtlichen Verhandlung wurden keinerlei Fragen an mich gerichtet, RA Brennecke redete, ich schwieg.<br \/>\nDas Arbeiter-Bildungs-Centrum (ABC) in Bremen ist 2002\/2003 in Insolvenz gegangen. Der Insolvenzverwalter gab als Grund f\u00fcr die Finanznot des ABC eine \u00bbzu hohe Gehaltsstruktur\u00ab an. \u00dcber Jahre hatte die Bremer Arbeitnehmerkammer, deren 100%-ige Tochter das ABC war, dieses mit hohen Summen gest\u00fctzt. Der im Zuge der Insolvenz entlassene Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des ABC, Herr Dr. Peter Flie\u00dfhardt, zog in den Verwaltungsrat der Bremer Arbeitnehmerkammer ein, dessen Vorsitzende die damalige Chefin des DGB in Bremen Helga Ziegert war. Der 20-k\u00f6pfige Verwaltungsrat der Bremer Arbeitnehmerkammer war ausschlie\u00dflich mit hauptamtlichen Funktion\u00e4ren der IG-Metall besetzt. Die Bremer Arbeitnehmerkammer ist eine im Bundesland Bremen gesetzlich installierte Zwangskorporation, die sich aus Pflichtbeitr\u00e4gen aller abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten im Bundesland Bremen finanziert.<br \/>\nVergleichbar ist das mit der Kirchensteuer; aus der Kirche kann man allerdings austreten &#8211; aus der Bremer Arbeitnehmerkammer nicht. Der sozialdemokratische Herrenmensch l\u00e4\u00dft nicht austreten, er l\u00e4\u00dft antreten.<\/p>\n<p>Werner Braeuner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Werner Braeuner<br \/>\nJVA Sehnde<br \/>\nSchnedebruch 8<br \/>\n31319 Sehnde<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zu den Gr\u00fcnden f\u00fcr die T\u00f6tung eines Arbeitsamtsdirektors im Februar 2001 sowie zu den Hintergr\u00fcnden seines Strafprozesses vor dem Landgericht Verden\/Aller im August 2001. \u00bbWas f\u00fcr ein Thier ich bin!\u00ab (Fr. 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