{"id":3901,"date":"2011-05-02T22:37:18","date_gmt":"2011-05-02T21:37:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=3901"},"modified":"2011-05-18T22:11:41","modified_gmt":"2011-05-18T21:11:41","slug":"werner-braeuner-wird-am-8-mai-in-den-hungerstreik-treten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/werner-braeuner-wird-am-8-mai-in-den-hungerstreik-treten","title":{"rendered":"Werner Braeuner wird am 8. Mai in den Hungerstreik treten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Werner-Braeuner.jpg\" rel=\"lightbox[3901]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-3818\" title=\"Werner Braeuner, in Haft wegen der T\u00f6tung eines Arbeitsamtsdirektors im Februar 2001\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Werner-Braeuner-150x123.jpg\" alt=\"Werner Braeuner, in Haft wegen der T\u00f6tung eines Arbeitsamtsdirektors im Februar 2001\" width=\"150\" height=\"123\" \/><\/a><em>Der anarchistische Gefangene <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/tag\/werner-braeuner\" target=\"_blank\">Werner Braeuner<\/a> wird am 8. Mai in einen unbegrenzten Hungerstreik treten. Hierzu eine Erkl\u00e4rung von ihm.<br \/>\nMomentan ist er in der JVA Sehnde in Niedersachsen inhaftiert, weil er im <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/werner-braeuner-intervention-und-kommentar\" target=\"_blank\">Februar 2001 den Direktor des f\u00fcr ihn zust\u00e4ndigen Arbeitsamtes mit einer Axt erschlug<\/a>. Seit letztem Sommer verweigert er es an der Zwangsarbeit im Knast teilzunehmen.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Erkl\u00e4rung von Werner Braeuner<\/strong><\/p>\n<p>Bereits seit der zweiten Februarwoche 2011 habe ich aus un\u00fcberwindlichem Ekel keine in der Knastk\u00fcche in Kesseln zubereiteten Speisen mehr gegessen; im einzelnen sind dies Salat, das meiste des Gem\u00fcses, Suppe, So\u00dfe, die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrzahl der Fleischgerichte (Gulasch, Frikass\u00e9e, Geschnetzeltes, Chili) sowie von der K\u00fcche hergestelltes Dessert.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nBei derart eingeschr\u00e4nkter Ern\u00e4hrung stellen sich infolge Mangels an Eiwei\u00df, Vitaminen und Mineralien nach einiger Zeit schwere und bleibende Gesundheitssch\u00e4den ein. Um dem zu entgehen, verlange ich vom zust\u00e4ndigen Landesjustizministerium in Hannover, mir den Tagesverpflegungssatz f\u00fcr Inhaftierte in H\u00f6he von circa 7 Euro zu \u00fcberlassen, um mit diesem Geld beim Knastkaufmann einkaufen und mich selbst bek\u00f6stigen zu k\u00f6nnen. Das Ministerium lehnt dies ab. Da ich eine gerichtliche Entscheidung dieses Streitfalls zu meinen Gunsten nicht erwarte und auch die Verfahrenskosten nicht tragen k\u00f6nnte, beginne ich am 08.05.2011 ein Todesfasten.<\/p>\n<p>Im Kampf f\u00fcr meine Gesundheit und W\u00fcrde setze ich mein Leben ein. Nachdem durch das Fasten bleibende Gesundheitssch\u00e4den eingetreten sein werden, werde ich es unabh\u00e4ngig von einem eventuellen Einlenken des Ministeriums bis zum Ende fortsetzen. Wenn ich von Exkrementen freie Nahrung nur um den Preis erhalte, zuvor meine Gesundheit besch\u00e4digt zu haben, ist ein Leben in W\u00fcrde nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Durch ekelerregende Eintragungen ungenie\u00dfbar gemachtes Essen ist ein in allen Kn\u00e4sten auftretendes und bekanntes Problem. Die Justizbeh\u00f6rden bestreiten dies mit der Begr\u00fcndung, es werde von jedem Kesselgericht eine Probe genommen, die vom \u00f6rtlichen Gesundheitsamt auf Eintragungen hin untersucht werde. Tats\u00e4chlich werden diese Proben allerdings jenen Kesseln entnommen, in denen die in der K\u00fcche arbeitenden Gefangenen das Essen f\u00fcr sich selbst zubereiten. Solche Zweitkessel sind regelwidrig doch verbreitete Praxis, da die Knastk\u00fcchen andernfalls fr\u00fcher oder sp\u00e4ter von den Gesundheits\u00e4mtern geschlossen werden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Kn\u00e4ste sind Heimst\u00e4tten der Niedertracht; es gibt dort eine im Vergleich zu drau\u00dfen weit \u00fcberdurchschnittliche Zahl von pers\u00f6nlichkeitsgest\u00f6rten bis hin zu verr\u00fcckten Menschen, die aus geringf\u00fcgigen Anl\u00e4ssen bisweilen extreme Verhaltensweisen an den Tag legen \u2013 z.B. aus allgemeiner Gekr\u00e4nktheit, diffusem Frust, Mi\u00dfgestimmtheit und auch manchmal ohne irgendwie nachvollziehbare Anl\u00e4sse. Anla\u00df f\u00fcr ein motivlos scheinendes wahlloses Sch\u00e4digen anderer Personen kann schon die seelische Entlastung sein, die eine gest\u00f6rte Person sich durch eine niedertr\u00e4chtige Handlung zu verschaffen vermag. So kommt es in den Knastk\u00fcchen nicht selten zur Entdeckung von ekelerrregenden Eintr\u00e4gen im Essen. Die in der K\u00fcche t\u00e4tigen Gefangenen werden dann energisch zum Schweigen verplichtet und f\u00fcr den Fall der Zuwiderhandlung mit Rauswurf, Arbeitsverbot, Disziplinarstrafen, Verlegung in andere Kn\u00e4ste usw. bedroht. Dennoch dringen als zuverl\u00e4ssig zu bewertende Informationen \u00fcber jene Vorg\u00e4nge selbstverst\u00e4ndlich nach au\u00dfen. Von den Gefangenen werden sie meist verdr\u00e4ngt, da man dem v\u00f6llig hilflos gegen\u00fcbersteht. Man \u201eschluckt&#8217;s runter\u201c &#8211; buchst\u00e4blich &#8211; oder es werden bestimmte Speisen gemieden, meist der mont\u00e4gliche Eintopf und die Nachspeisen \u2013 die Bew\u00e4ltigungsversuche variieren je nach Person. Der Ekel h\u00e4ngt st\u00e4ndig in der Luft ohne je greifbar zu werden; \u00c4u\u00dferungen wie &#8216;der Erdbeerquark hat heute ja richtig Farbe&#8217;  k\u00f6nnen da sehr spezielle Bedeutungen gewinnen.<\/p>\n<p>Ekelerregendes Essen kommt dem Arbeitsregime des Knasts sehr entgegen, da es zus\u00e4tzliche Motivation zur maximalen Verausgabung der k\u00f6rperlichen und nervlichen Kr\u00e4fte an den H\u00f6chstleistung verlangenden St\u00fccklohn \u2013 bzw. Pensumsarbeitspl\u00e4tzen beisteuert. Den dennoch geringen Verdienst &#8216;investieren&#8217; Gefangene wahlweise entweder in Genu\u00df- und Bet\u00e4ubungsmittel oder eben in Nahrung. W\u00fcrde den Gefangenen der justizbeh\u00f6rdlich festgelegte Tagesverpflegungssatz von t\u00e4glich ca. 7 Euro zwecks Selbstbek\u00f6stigung \u00fcberlassen, w\u00fcrden sich mit dem Ausbeutungsdruck zugleich die Einnahmen der Justizbeh\u00f6rde aus Gefangenenarbeit f\u00fchlbar verringern ( Eine Vielzahl der Gefangenen erwirtschaftet in sogenannten Unternehmerbetrieben innerhalb der Anstalt Einnahmen f\u00fcr die Justizbeh\u00f6rde).<\/p>\n<p>Mit dem beinahe allseitigen, politischen Kehrtmachen der 1948 an die Regierung gekommenen Repr\u00e4sentanten der qualifizierten Lohnarbeiterschaft sowie der diese qualifizierenden Lehrerschaft wurden die Kn\u00e4ste der BRD zu knallharten Arbeitslagern r\u00fcckgeformt, und dies sehr z\u00fcgig kurz nach Verk\u00fcndigung der &#8216;Agenda 2010&#8217; im Jahre 2003. Das Strafvollzugsgesetz wurde massiv unterlaufen und von einigen Bundesl\u00e4ndern auch neu gefa\u00dft. Die Justiz hat dem assistiert; heute ist der Strafvollzug ein weitgehend rechtsfreier Raum, eine Spielwiese f\u00fcr Kriminelle, allerdings f\u00fcr kriminelle Bedienstete des Strafvollzugs. Mittlerweile geben sich Gefangene, die sich hilfesuchend an die Justiz wenden, der L\u00e4cherlichkeit preis. So werde ich die Gerichte beim Streit mit dem Ministerium nicht hinzuziehen. Justiz war gestern, heute ist direkter Schlagabtausch mit dem Feind \u2013 auf Biegen und Brechen.<\/p>\n<p>Ich werde siegreich aus diesem Kampf hervorgehen, gleichg\u00fcltig wie er ausgehen mag. Bisweilen ist es besser, im Kampf zu sterben, denn als Geschlagener zu leben. Die Herrschenden und ihre B\u00fcttel k\u00f6nnen nur noch bestehen, indem sie demonstrieren, zu jeglicher ruchlosen Tat und zu jedem Verbrechen gewillt zu sein. Sich solchem Abschaum bis in den Tod nicht zu ergeben, ist ein gro\u00dfes Ja zu Kampf und Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Werner Braeuner<\/p>\n<p><em>P.S. 1:<br \/>\nWerner Braeuner berichtete in einem Telefonat aus dem Knast im April 2011 dar\u00fcber, dass in der zweiten Jahresh\u00e4lfte 2010 die K\u00fcche der JVA Hannover wegen Eintrags von Exkrementen in das Gefangenen-Essen geschlossen worden ist.<\/em><\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p><em>P.S. 2:<br \/>\nIm Falle einer <strong>Zwangsern\u00e4hrung w\u00e4hrend des Hungerstreiks<\/strong> k\u00fcndigt Werner Braeuner in einem Schreiben vom 27.04.11 die <strong>Selbstt\u00f6tung<\/strong> an, da die Zwangsern\u00e4hrung keine L\u00f6sung des Konflikts resultierend aus der jetzige Situation sei. Werner Braeuner schreibt, dass er nichts zu verlieren habe und die Selbstt\u00f6tung dann nur die konsequente Fortsetzung des Kampfes sei.<\/em><\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p><em>P.S. 3:<br \/>\nSolidarit\u00e4tserkl\u00e4rung des Gefangenen Thomas Meyer-Falk aus Bruchsal:<\/em><\/p>\n<blockquote><p>Solidarit\u00e4t!<\/p>\n<p>Werner Braeuner hat gehandelt, wo viele sonst nur  reden, fluchen und sich allenfalls zu der Phantasie hinrei\u00dfen lassen:  \u201eMAN sollte mal was zu tun&#8230;&#8230;\u201c<br \/>\nWerner polarisiert &#8211; heute auch  noch, aber das ist gut so. Denn in einer Zeit in der es scheinbar darauf  ankommt, m\u00f6glichst \u201eglatt\u201c zu erscheinen, da zeigt er Kante.<br \/>\nAn  einem Ort wie dem Gef\u00e4ngnis, wo der menschliche Leib instrumentalisiert  wird, denn mensch ist dort \u201eGefangener\u201c, Objekt f\u00fcr angebliche  Resozialisierungsma\u00dfnahmen, hat der Gefangene zur Wertsch\u00f6pfung durch  Zwangsarbeit beizutragen und vieles mehr. Auch doch handelt Werner, dort  wo viele sonst nur mit der Faust in der Tasche reden, fluchen und  sagen: \u201eMensch, MAN sollte mal was tun&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Werner braucht unsere Solidarit\u00e4t \u2013 heute, morgen und in den kommenden Monaten!<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nzu Zeit in Bruchsal in Haft<\/p>\n<p>April\/Mai 2011<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der anarchistische Gefangene Werner Braeuner wird am 8. Mai in einen unbegrenzten Hungerstreik treten. Hierzu eine Erkl\u00e4rung von ihm. 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