{"id":4050,"date":"2011-05-14T19:34:27","date_gmt":"2011-05-14T18:34:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=4050"},"modified":"2014-12-19T19:13:32","modified_gmt":"2014-12-19T18:13:32","slug":"interview-mit-leuten-von-abc-belarus-im-maerz-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/interview-mit-leuten-von-abc-belarus-im-maerz-2011","title":{"rendered":"Interview mit Leuten von ABC Belarus im M\u00e4rz 2011"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ABC-Belarus.png\" rel=\"lightbox[4050]\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3985 alignright\" title=\"ABC Belarus\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ABC-Belarus-250x235.png\" alt=\"ABC Belarus\" width=\"150\" height=\"141\" \/><\/a><em><span class=\"dropcap\">Z<\/span>ur Zeit finden internationale Aktionstage mit den gefangenen Anarchist_innen und sozialen Aktivist_innen in Belarus statt: der Aufruf auf <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/aufruf-zu-solidaritaetsaktionen-mit-anarchist_innen-in-weisrussland-vom-12-bis-15-mai\" target=\"_blank\">deutsch<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.autistici.org\/abc-belarus\/?p=133&amp;lang=en\" target=\"_blank\">englisch<\/a>.<br \/>\nIm M\u00e4rz war eine Gruppe zu Besuch in Hamburg, bei dem folgendes Interview entstand, \u00fcbernommen von <a href=\"http:\/\/www.a3yo.noblogs.org\/\" target=\"_blank\">a3yo &#8211; Material + Neuigkeiten zu Anarchismus in Osteuropa<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><strong>I: Ok, beginnen wir unser Interview mit den Aktivist*innen von Anarchist Black Cross aus Belarus. Wann und warum wurde ABC Belarus denn gegr\u00fcndet?<\/strong><\/p>\n<p>A: ABC Belarus wurde im Sommer 2009 gegr\u00fcndet, damit wir mit der zu erwartenden Repression besser umgehen k\u00f6nnen, die in einem oder einem halben Jahr die gesamte anarchistische Bewegung etwas angehen wird und wir haben \u00fcberlegt, dass es wichtig ist, Geld aufzustellen.<\/p>\n<p><strong>I: Wie sehen denn eure wichtigsten Aktivit\u00e4ten aus?<\/strong><\/p>\n<p>B: Ich denke unsere Aktivit\u00e4ten sind im wesentlichen&#8230; Also wir versuchen Menschen zu unterst\u00fctzen, die im Knast sind und wir versuchen mit Verwandten Kontakt aufzubauen. Wir machen auch Brosch\u00fcren und versuchen Menschen dar\u00fcber aufzukl\u00e4ren, die nichts \u00fcber diese Dinge wissen und so weiter.<\/p>\n<p>A: Wir veranstalten auch Trainings, einige Workshops f\u00fcr Leute, die nicht so vorsichtig sind in der Kommunikation mit der Polizei und damit sie, was wei\u00df ich, etwas davon das es Probleme geben kann und dass sie sich besser bilden sollten. Au\u00dferdem schreiben wir Texte und verbreiten Informationen dar\u00fcber, dass es jeden Moment Repressionen geben kann und jede_n betreffen kann, damit sie sich darauf vorbereiten.<\/p>\n<p><strong>I: Ihr sagt, ihr schreibt Brosch\u00fcren und Informationstexte, ist das nicht gef\u00e4hrlich, sowas in der \u00d6ffentlichkeit zu verteilen und wie bringt ihr die Leute in Kontakt mit eurem Material, wie verteilt ihr das?<\/strong><\/p>\n<p>A: Haupts\u00e4chlich verbreiten wir das \u00fcber pers\u00f6nliche Kontakte. Ich meine, wenn du zu einem Training kommst, dann findest du diese Sachen da mit Sicherheit und kannst es kostenlos mitnehmen. Und wir geben es Leuten mit, die wir gut kennen und die es in ihren Kreisen weiter streuen k\u00f6nnen, denen sie vertrauen, damit das nicht an die Polizei weitergegeben wird und so weiter. Die meisten dieser Brosch\u00fcren gibt es auch im Internet und sie k\u00f6nnen heruntergeladen und gelesen werden und ich meine es gibt auch ein paar kleine Distros, die das lokal mit verteilen.<\/p>\n<p><strong>I: In Belarus ist es ein Grund, kriminalisiert zu werden, wenn du in einer nicht-registrierten Organisation aktiv bist, wie gehen Anarchist*innen damit um, diese Kriminalisierung abzuwehren?<\/strong><\/p>\n<p>B: Ja, es ist schwer das zu vermeiden in Belarus. Aber wir versuchen das zu vermeiden, indem wir anderen erz\u00e4hlen, dass es gef\u00e4hrlich sein kann, allen zu erz\u00e4hlen, was mensch so gerade macht und wir sammeln Geld. Aber manchmal verstehen sie einfach nicht, dass es gef\u00e4hrlich sein kann, anderen mitzuteilen, wer mit wem zu tun hat. Es ist eher schwer, das zu vermeiden.<\/p>\n<p>A: In Belarus arbeiten wir nicht als ABC Belarus, wir machen das als einfache Leute, die sich um andere k\u00fcmmern und als Individuen Geld sammeln und wir machen nicht \u00f6ffentlich dass ABC Belarus etwas veranstaltet.<\/p>\n<p><strong>I: Vielleicht ist es noch interessant zu erfahren, dass gerade Ende 2010 Wahlen waren, in denen Lukaschenko wieder einmal gewonnen hat. Es gab einigen Protest und unsere Frage ist, wie sich die Gesellschaft danach entwickelt hat, was denkt ihr, was einfache Menschen im Land \u00fcber die Situation und den Staat und die Zukunft denken?<\/strong><\/p>\n<p>B: Ich denke, dass vermutlich fast alle in Belarus wissen, dass es keine Wahl gab aber sie wollen nichts tun, sie sitzen nur da, weil sie Angst vor den Konsequenzen haben. Das ist denke ich einer der Gr\u00fcnde, weshalb die Menschen nicht protestieren.<\/p>\n<p>A: Also ich sehe schon eine Radikalisierung der Gesellschaft, die Menschen sind m\u00fcde von all dem Mist rund um Lukaschenko. Die Menschen reden \u00fcber Protest und einige sagen auch, es k\u00f6nnte eine Art \u00e4gyptischer Revolution in Belarus geben und das kommt nicht von Anarchist*innen oder anderen Aktivist*innen, sondern von einfachen Menschen. Und das passiert auch vor dem Hintergrund, dass alles teurer wird, die Wohnungen, das Essen und das Durchschnittseinkommen stagniert und die Regierung macht offensichtlich falsche Versprechungen. Nach den Wahlen gab es mehr Bewegung, die aber inzwischen wieder abgeflaut ist.<\/p>\n<p><strong>I: Ok, unsere n\u00e4chste Frage richtet sich auf ein besonders aktuelles Thema, n\u00e4mlich der Plan Lukaschenkos, ein erstes Atomkraftwerk im von der Tschernobyl Katastrophe so stark gepr\u00e4gten Land zu bauen. Unsere Frage ist, inwieweit eine Art von sozialer Bewegung gegen dieses Atomkraftwerk existiert, vor allem vor dem Hintergrund der Ereignisse in Japan und der Geschichte mit Tschernobyl, was sagt ihr hierzu?<\/strong><\/p>\n<p>A: Es ist schon schwierig, dar\u00fcber zu reden, da wir seit der Katastrophe in Japan nicht mehr im Land waren, daher k\u00f6nnen wir nicht genau sagen, wie es gerade jetzt ist, aber die gesamte Propaganda-Maschinerie des Landes arbeitet intensiv daran, Menschen glauben zu machen, dass das Atomkraftwerk in Belarus das sicherste und beste der Welt sein wird, bla bla bla. Die Menschen nehmen dies durchaus auch f\u00fcr bare M\u00fcnze und denken, vielleicht ist es tats\u00e4chlich so und auch die Menschen in der Regierung glauben ernsthaft es sei eine gute Idee, um beispielsweise auch \u00f6konomisch unabh\u00e4ngiger zu sein. Tats\u00e4chlich ist es ziemlich still um diese Frage in der Gesellschaft, es gibt nur eine sehr kleine Bewegung gegen den Bau des Atomkraftwerks.<\/p>\n<p>B: Ich denke, dass das Thema Tschernobyl und Umweltpolitik generell in Belarus mit den Jahren an Einfluss verloren haben. Es ist viele Jahre her, die Menschen trauern zwar immer noch um die Opfer, aber sie bringen es nicht in Zusammenhang mit dem neuen Kraftwerk. Ich denke die Menschen sehen das Problem nicht, sie denken, das neue Kraftwerk wird gut und sicher.<\/p>\n<p><strong>I: Wie kann denn die internationale Solidarit\u00e4t mit anarchistischen Gruppen in Belarus aussehen. Soweit wir informiert sind, beginnt der Bau doch bald, oder?<\/strong><\/p>\n<p>B: Im September.<\/p>\n<p><strong>I: Ok, im September, und wie denkt ihr, was kann getan werden, um diesen Konflikt und einen generellen gesellschaftlichen Wandel zu unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>B: Die Situation ist schwierig, das Problem gro\u00df und wir wissen nicht genau, was wirklich machbar ist. Bis zum Bau ist nicht mehr viel Zeit, wir versuchen aber trotzdem, \u00d6ffentlichkeit zu schaffen. Es gibt nat\u00fcrlich die M\u00f6glichkeit den Bau zu behindern oder anzugreifen, dann ist aber mit heftigen Repressionen zu rechnen und viele haben Angst, \u00fcberhaupt aktiv zu werden.<\/p>\n<p>A: Alle umliegenden L\u00e4nder au\u00dfer Russland, das es mit finanziert und baut, haben das Vorhaben f\u00fcr gef\u00e4hrlich erkl\u00e4rt und sagen, sie sind gegen dieses Kraftwerk. Doch Lukaschenko sagt, es wird gebaut. Dies ist eben eine weitere verr\u00fcckte Idee in seinem Kopf. Es ist wichtig international Druck auszu\u00fcben, nicht nur von Regierungen, sondern von der Gesamtgesellschaft, beispielsweise in Polen oder Deutschland oder wo immer ihr euch befindet. Auch auf die internationale Atombeh\u00f6rde kann Druck ausge\u00fcbt werden, da sie die Idee der Atomkraft in allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern verbreiten. Sie sagen, es sei eine gute Idee, solche ein Kraftwerk in Belarus zu haben und so weiter. Und es ist auch wichtig, Informationen \u00fcber das was passiert, m\u00f6glichst weit zu verbreiten.<\/p>\n<p>B: Vielleicht versuchen wir den Menschen auch klar zu machen, dass wir bereits gen\u00fcgen Schulden in Belarus haben und diese durch das Kraftwerk noch steigen werden. Das wird sicher interessant sein, zu h\u00f6ren, denn bezahlen werden wir.<\/p>\n<p><strong>I: Eine Frage zu den Krediten. Sind sie aus anderen L\u00e4ndern und aus welchen genau?<\/strong><\/p>\n<p>A: So weit ich wei\u00df sind es etwa 9 Millionen Dollar aus der Russischen F\u00f6deration, es geht also um eine ganze Menge Geld f\u00fcr das Land. Es gibt so eine internationale Organisation, die Atomenergie als gute Idee darstellt, da kann Druck ausge\u00fcbt werden. Dar\u00fcber kann auch in der EU oder sonstwo diskutiert werden, denn sie sagen, es sei eine tolle Idee, ein Kraftwerk in Belarus zu bauen und blabla<\/p>\n<p>B: Einige Menschen wollen nichts gegen das Kraftwerk tun, da sie hoffen, einen Job zu bekommen.<\/p>\n<p>A: Wir hatten Diskussionen mit lokalen Anwohner*innen, die hoffen neue Jobs zu bekommen. Haupts\u00e4chlich werden diese aber an russische Expert*innen gehen, die hierf\u00fcr eine spezielle Ausbildung haben.<\/p>\n<p>B: Nur etwa 30% der Jobs werden an Arbeiter*innen aus der Region vergeben.<\/p>\n<p><strong>I: Vielleicht noch abschlie\u00dfend zur Antirepressionsarbeit, wie kann internationale Solidarit\u00e4t aussehen, was kann getan werden, vor allem in Bezug auf Antirepressionsarbeit und Gefangenenunterst\u00fctzung?<\/strong><\/p>\n<p>A: Am wichtigsten ist es, Informationen zu verbreiten, aber es ist auch m\u00f6glich nach Belarus zu kommen und die Menschen hier kennenzulernen, denn viele der aktiven Leute hier f\u00fchlen sich isoliert und es ist toll, andere Anarchist*innen oder soziale Aktivist*innen kennenzulernen und zu sehen, dass Menschen in sozialen Auseinandersetzungen involiert sind und das rund um die Welt und nicht nur hier. Ein wichtiger Punkt ist auch das Geld, denn das Land ist nicht reich und das gesetzliche System ist sehr teuer, also die Anw\u00e4lt*innen und Strafen und das ist eine Menge Geld f\u00fcr uns und immer eine gro\u00dfe Frage, woher es kommen kann.<\/p>\n<p>B: Ich denke, viele Menschen wissen so gut wie nichts \u00fcber Belarus und die Repression hier und es ist gut Menschen aus anderen L\u00e4ndern von der Repression gegen Anarchist*innen zu erz\u00e4hlen, so dass sie uns auch mit unseren finanziellen Problemen helfen k\u00f6nnen, wenn sich m\u00f6chten und auch Gefangenen Briefe schreiben oder andere Dinge. Es ist gut \u00fcber die Lage aufzukl\u00e4ren und dar\u00fcber zu schreiben.<\/p>\n<p><strong>I: Danke f\u00fcr das Interview.<\/strong><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Kontakt zu den Interviewten: belarus_abc@riseup.net<\/p>\n<p>a3yo &#8211; Material + Neuigkeiten zu Anarchismus in Osteuropa<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.a3yo.noblogs.org\/\" target=\"_blank\">www.a3yo.noblogs.org<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.twitter.com\/a3yoee\" target=\"_blank\">www.twitter.com\/a3yoee<\/a><\/p>\n<p>a3yo@riseup.net<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im M\u00e4rz war eine Gruppe zu Besuch in Hamburg, bei dem folgendes Interview entstand, \u00fcbernommen von a3yo &#8211; Material + Neuigkeiten zu Anarchismus in Osteuropa.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":4003,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[22,1],"tags":[228,705,52,153,211],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4050"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4050"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4050\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10204,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4050\/revisions\/10204"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4003"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4050"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}