{"id":4056,"date":"2011-05-24T15:22:22","date_gmt":"2011-05-24T13:22:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=4056"},"modified":"2014-12-22T21:22:25","modified_gmt":"2014-12-22T20:22:25","slug":"in-solidaritaet-mit-gabriel-pombo-da-silva-drei-seiner-texte-von-2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/in-solidaritaet-mit-gabriel-pombo-da-silva-drei-seiner-texte-von-2005","title":{"rendered":"In Solidarit\u00e4t mit Gabriel Pombo da Silva &#8211; drei seiner Texte von 2005"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/Gabriel-Pombo-da-Silva.jpg\" rel=\"lightbox[4056]\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-thumbnail wp-image-4067 alignright\" title=\"Gabriel Pombo da Silva, spanischer Anarchist, inhaftiert in der JVA Aachen\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/Gabriel-Pombo-da-Silva-106x150.jpg\" alt=\"Gabriel Pombo da Silva, spanischer Anarchist, inhaftiert in der JVA Aachen\" width=\"106\" height=\"150\" \/><\/a><em><span class=\"dropcap\">I<\/span>n der Zelle des spanischen Anarchisten Gabriel Pombo da Silva in der JVA Aachen gab es in den letzten Wochen zwei Durchsuchungen. Bei der <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/razzia-und-beschlagnahmungen-in-der-zelle-von-gabriel-pombo-da-silva\" target=\"_blank\">ersten wurden ihm CDs, DVDs und Postkarten mit politischen Spr\u00fcchen<\/a> weggenommen, <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/erneut-razzia-in-der-zelle-von-gabriel-pombo-da-silva\" target=\"_blank\">am 10. Mai kamen die Schergen der Knastleitung in Form der Schlie\u00dfer erneut<\/a> und suchten gezielt nach einem Handy. Um zu zeigen, dass Gabriel f\u00fcr uns nicht vergessen ist, wir mit ihm in jeglicher Form solidarisch sind und um seine Geschichte wieder bekannter zu machen, \u00fcbernehmen wir\u00a0drei Texte von ihm aus dem Jahr 2005.<\/em><\/p>\n<p><em>Zun\u00e4chst ein paar kurze S\u00e4tze zu ihm und seiner Geschichte. Gabriel Pombo da Silva ist seit Juni 2004 in Deutschland in Haft, zuvor hat er in Spanien \u00fcber 20 Jahren im Knast verbracht, darunter 14 Jahre in der ber\u00fcchtigten <a href=\"http:\/\/www.gib.squat.net\/abc\/fies.html\" target=\"_blank\">FIES-Isolationshaft<\/a>. Im spanischen Knast lernte er Jos\u00e9 Fernandez Delgado kennen, durch die menschenfeindlichen Bedingungen in der Iso-Haft und die damit verbundenen Knastrebellionen wurden sie politisiert. W\u00e4hrend eines Hafturlaubs 2003 konnte Gabriel fliehen und untertauchen, er traf wieder auf Jos\u00e9, der ebenfalls geflohen war. <\/em><em>Am 28. Juni 2004 waren die beiden zusammen mit Gabriels Schwester Begona und dem belgischen Anarchisten Bart in Aachen in einem Auto unterwegs. Der Versuch sich einer Bullenkontrolle zu entziehen endete damit, dass es zu einer Schie\u00dferei kam und f\u00fcr eine kurze Zeit Unbeteiligte als Geiseln genommen wurden. Die vier wurden schlussendlich festgenommen. Der Prozess begann <a href=\"http:\/\/archiv.abc-berlin.net\/aachen4\/\" target=\"_blank\">am 25. M\u00e4rz 2005 in Aachen<\/a>, nach 23 Prozesstagen lauteten die Urteile: Jos\u00e9 14 Jahre, Gabriel 13 Jahre, Bart drei Jahre und sechs Monate und Begona zehn Monate auf Bew\u00e4hrung.<\/em><\/p>\n<p><em>In <\/em>Solidarit\u00e4t und Anarchie<em> beschreibt Gabriel sein Unverst\u00e4ndnis \u00fcber die fehlende Solidarit\u00e4t von Seiten der linken\/linksradikalen Szene in Deutschland, im Bezug auf die Verhaftung und den Prozess. Im zweiten Text beschreibt er die Gr\u00fcnde f\u00fcr sein Handeln in Aachen am 28. Juni 2004, der Tag an dem er mit Jos\u00e9 festgenommen wurde. Als drittes ist seine <\/em>Prozesserkl\u00e4rung vom 8. Prozesstag am 20. April 2005<em> zu finden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Solidarit\u00e4t und Anarchie<\/strong><\/p>\n<p>Das bedr\u00fcckende Schweigen eines Teiles der sog. &#8220;Linken-Szene&#8221; schmerzt mich &#8230; Es tut mir weh, da\u00df nach all`diesen Jahren des Kampfes und der Kompromisse, noch immer einige dieser &#8220;Salon-Revolution\u00e4re\/innen&#8221; existieren, die sich erdreisten zu sagen, unser &#8220;Fall&#8221; sei NICHT politisch &#8230; und die ignorieren, was offensichtlich ist: Unseren Kontext, sowohl politisch wie sozial und menschlich; unseren Weg; unsere Texte reflektierender Theorie; unsere gefangenen Compa\u00f1er@s und\/oder unsere Toten &#8230;<\/p>\n<p>Traurig! Sehr traurig! Da\u00df die Presse uns verschweigt oder uns als &#8220;gef\u00e4hrliche Banditen&#8221; verkauft, kann ich verstehen und sogar &#8220;akzeptieren&#8221; und mit unserem Gedecktsein und unserer Solidarit\u00e4t bek\u00e4mpfen &#8230; Aber, da\u00df ich mich zudem &#8220;verteidigen&#8221; mu\u00df, gegen die Ignoranz und das Unverst\u00e4ndnis der &#8220;Linken-Szene&#8221; macht mich w\u00fctend und traurig &#8230;<br \/>\nIch nehme an, es ist einfacher und bequemer, &#8220;solidarisch zu sein&#8221; gegen\u00fcber Situationen, die sich tausende von Kilometern weit weg ereignen, weil diese &#8220;Solidarit\u00e4t&#8221; (heuchlerische Bettelei) nicht kompromittiert und keinen &#8220;Druck&#8221; beinhaltet, oder einen (vielleicht sogar) Bruch innerhalb der verb\u00fcndeten &#8220;Gruppe&#8221;, aus welcher m@n kommt &#8230; Ich empfinde eine befremdliche Scham f\u00fcr diese gez\u00e4hmten &#8220;Revolution\u00e4rInnen&#8221; &#8230;.<br \/>\nSo wie es einige AnarchistInnen in dem Buch &#8221; Wir sch\u00e4rfen unsere Leben &#8221; beschrieben (sic)<\/p>\n<p>Der einzig m\u00f6gliche Ausweg aus diesem Spektakel ist &#8220;Fluchtpunkte&#8221; (ergo: einen Bruch) zu schaffen; Momente und R\u00e4ume in denen unsere W\u00fcnsche die existierende Realit\u00e4t einrei\u00dfen. Der Umsturz des Systems wird nur f\u00fchlbar\/wirklich (denn die Repression ist f\u00fchlbar\/wirklich) wenn ein Bruch erfolgt; wenn es keinen Dialog gibt mit dem &#8220;politischen&#8221; Abschaum; der Polizei; den sozialen Agenten\/Beamten &#8230; sondern ausschlie\u00dflich Konfrontation. Wenn wir aufh\u00f6ren, ZuschauerInnen zu sein und zu ProtagonistInnen unserer eigenen Leben werden, ist die heute einzig dies repr\u00e4sentierende Methode\/Tat der Soziale Krieg; und das Feuer und die Steine und die subversive Propaganda &#8230;. m@n verhandelt nicht, es bricht los (sic)<\/p>\n<p>Sichtbar und angekommen an diesem Punkt, heute in dieser Realit\u00e4t, geschieht es, da\u00df die Solidarit\u00e4t nicht irgendetwas &#8220;Relatives&#8221; ist, oder aus &#8220;Bequemlichkeiten besteht oder opportunistischem Einvernehmen&#8221; &#8211; sondern, da\u00df sie eine ethische Konsequenz bedeutet, die zudem &#8220;Radikalit\u00e4t&#8221; beinhaltet.<br \/>\nDas hei\u00dft, mit anderen Worten, wenn Solidarit\u00e4t kein Risiko enth\u00e4lt oder die eigene, existierende Bequemlichkeit kompromittiert, sind wir alle &#8220;solidarisch&#8221; wie Kurg\u00e4ste, wie die &#8220;professionellen PolitikerInnen&#8221;; (d.h. wie jene die ein Gehalt vom Kapital-Staat beziehen, um uns im Zirkus des Parlaments zu repr\u00e4sentieren) &#8230; wie die Zerst\u00f6rer des politisch Sozialen &#8230;.<br \/>\nWann werden wir lernen, da\u00df k\u00e4mpfen, genauso wie lieben und wie leben und frei sein, nicht immer erfreulich oder einfach ist; da\u00df manchmal alles dies weh tut und Druck erzeugt und Bruch in uns selbst (unseren Vor-Ver-Urteilungen) und im\/mit dem Existenten ?!<br \/>\n(&#8230;.)<\/p>\n<p>Wenn ein\/ne Migrant\/in oder Arbeiter\/in oder eine Frau vergewaltigt, gedem\u00fctigt und\/oder geschlagen wird, von Faschisten oder Kriminellen, ist &#8220;die ganze Welt solidarisch&#8221; mit dem &#8220;armen Opfer&#8221; und der\/dem &#8220;bedauernswert Unschuldigen&#8221; &#8230; Wenn aber das unschuldige-Opfer sich verteidigt und Widerstand erhebt und zur\u00fcckschl\u00e4gt-oder schie\u00dft auf jene, die (vergewaltigen-dem\u00fctigen und\/oder schlagen) angreifen wollen, h\u00f6rt es auf, das unschuldige-Opfer, die &#8220;bedauernswerte Unschuld&#8221; zu sein und schon gibt es keine Solidarit\u00e4t mehr, denn diese Solidarit\u00e4t &#8220;kompromittiert zu sehr&#8221; &#8230;<br \/>\nDies ist die &#8220;Logik der Inquisition&#8221; &#8230; Juristische Termini wie &#8221; schuldig oder unschuldig&#8221; haben die &#8220;moralischen&#8221; (religi\u00f6sen) G\u00fcltigkeiten angeglichen, die durch das patriarchalische System aufgezwungen werden &#8211; Nur der RECHTSSTAAT hat das Recht gewaltt\u00e4tig zu sein.<br \/>\nDie Logik der Inquisition teilt Rollen und B\u00fchnenbilder zu, wie ein Drehbuch voll andauernder Wiederholungen; hier das Papier f\u00fcr den Schuldigen, dort das f\u00fcr den Unschuldigen und jenes f\u00fcr den Vermittler. Einige von diesen, voraussichtlich \u00fcbernommenen, Rollen enden damit, dich auf die andere Seite der Barrikaden zu platzieren.<br \/>\nSolidarit\u00e4t bedeutet nicht einen a priori Anschlu\u00df an eine Serie von Aufst\u00e4nden; bei allen oder auch nur einigen Revolten von Verhafteten zu k\u00e4mpfen &#8211; dies wurde niemals erbeten. Aber, ohne Zweifel, geschieht Solidarit\u00e4t durch das Nicht\u00fcbernehmen der vom System und dem repressiven Apparat aufgezwungenen Inhalten derer Papiere .<br \/>\n(&#8230;.)<br \/>\nLogischerweise kann ich nicht erwarten, da\u00df etwas derart Folgerichtiges von jenen assimiliert wird, die glauben, da\u00df Solidarit\u00e4t ein Raum &#8220;christlicher Caritas&#8221; ist, die nur die Opfer und die Unschuldigen verdienen &#8230; Wir, die Rebellen\/innen bleiben die Ausgeschlossenen und sind zum Schweigen verurteilt, zur &#8220;H\u00f6lle&#8221; &#8230;.<br \/>\n(Welch`eine Wut!!)<\/p>\n<p>Wir AnarchistInnen ziehen es vor, ohne Probleme, DelinquentInnen, Verr\u00fcckte und Schuldige zu sein &#8230; subversive Rebellen\/innen und frei, in allen Aspekten der Existenz.<\/p>\n<p>Wir AnarchistInnen sind, auch wenn wir glauben, da\u00df es Kampf geben mu\u00df, gegen jeglichen gedanklichen Autoritarismus. Nur wer aus wirklich eigener \u00dcberzeugung\/Bed\u00fcrfnis (nicht aus moralischem oder gewohnheitsm\u00e4\u00dfigem &#8220;Pflichtgef\u00fchl&#8221;) heraus handelt, wird sich frei f\u00fchlen und die tats\u00e4chliche Revolution genie\u00dfen k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen und wollen nicht Anderen aufzwingen, was wir w\u00fcnschen und denken und wir wollen keine &#8220;Klone&#8221;; &#8220;Schafe&#8221;; keine uniformierten-und keine Einheits-SoldatInnen&#8221; &#8211; sondern individuelle Pers\u00f6nlichkeiten, KomplizInnen unserer Revolte, die frei und bewu\u00dft teilhaben und nicht als\/wegen\/ eines &#8220;theoretischen Programms&#8221;<br \/>\nIm Kampf gegen den Kapital-Staat sind wir alle EINS ( wie die &#8220;Drei Musketiere&#8221;: Alle f\u00fcr eine\/n , Eine\/r f\u00fcr Alle ) &#8211; und Niemand ist mehr oder weniger als die\/der Andere. Respekt ist die Basis unseres subversiven Projektes. Jede\/r von uns macht was sie\/er glaubt, w\u00fcnscht, denkt tun zu m\u00fcssen, und nicht was andere sagen oder meinen.<br \/>\nAnarchie ist die direkte &#8220;Demokratie&#8221; und auf dieser Basis lehnen wir jede organisatorische oder organisierende Struktur ab, die hierarchisch-patriarchalisch und autorit\u00e4r ist (wie Familie-Partei-Institution-Staat etc.)<br \/>\nAber es geschieht, da\u00df die Linke-Rechte, oder Zentren ihres Interesses, die Stereotype verbreiten, der\/die Anarchist\/in sei ein\/e Verr\u00fcckte\/r oder Assoziale\/r der\/die alles versuche mit Bomben und Schu\u00dfwaffen zu l\u00f6sen &#8230;<br \/>\nWir brauchen jedoch nur die offiziellen Statistiken in diesem Sinne zu vergleichen &#8230; Wieviele Personen wurden im letzten Jahr von milit\u00e4rischer Polizei ermordet? &#8211; und wieviele wurden von AnarchistInnen ermordet? Wieviele Personen haben wir entf\u00fchrt und wieviele sie (und dies &#8220;legalisierter&#8221; Weise) und wieviele haben sie noch immer in ihrer Gewalt ?<br \/>\nSie hinterfragen\/er\u00f6rtern unsere &#8220;Gewaltt\u00e4tigkeit&#8221;, aber die Gewalt des Staates wird ignoriert oder, was viel schlimmer ist., als normale Logik betrachtet &#8230;.<br \/>\n(&#8230;.)<br \/>\nIch dachte gerade an den jungen Mann, den sie drei Tage lang einsperrten, weil er sich im Gerichtssaal ausgezogen hat &#8230; Auf seinem K\u00f6rper stand geschrieben: &#8220;Eure Justiz frisst (oder n\u00e4hrt sich von) Menschenfleisch&#8221;. Ja, nicht nur von menschlichem Fleisch; auch von der Freiheit; den Tr\u00e4umen; dem Verstand; der Zeit; den Hoffnungen; dem Leben in all seinem Sinn&#8230;<br \/>\nSicherlich hat die Macht (oder haben die M\u00e4chtigen) alle Vorteile und Mittel, um uns zu besiegen auf dem Feld der Kraft-der-Gewalt &#8211; aber, vor diesem Typus &#8220;nackter Gewalt&#8221; bleibt sie offensichtlich und entbl\u00f6\u00dft ihre wirkliche, gewaltt\u00e4tige Natur.<br \/>\nUnd ich glaube nicht, da\u00df der Kampf ein rigides und uniformes Projekt sein muss. Ich glaube, da\u00df wir alle wichtig sind und da\u00df Jede\/der k\u00e4mpfen soll, in der Form und mit\/durch die Mittel die sie\/er f\u00fcr opportun erachtet und mit denen er\/sie sich wohl f\u00fchlt &#8230;. Die Rebellion ist eine Lust, Licht und keine milit\u00e4rische &#8220;Pflicht&#8221;.<br \/>\nEinige von uns werden damit fortfahren, den Funken des promethischen Feuers der Rebellion zu entz\u00fcnden &#8230; vielleicht werden wir eines Tages mehr sein und wenn nicht, haben wir wenigstens die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, es zu versuchen &#8230;<\/p>\n<p>Tr\u00e4umen wir das Unm\u00f6gliche !!<\/p>\n<p>Gabriel<\/p>\n<p>(25. April 05; aus dem Gef\u00e4ngnis in Aachen)<\/p>\n<hr \/>\n<p>&#8220;Ich wurde am 28.12.2003 in Spanien aus der Haft beurlaubt. Ich habe dann beschlossen, mich der weiteren Haft durch Flucht und Untertauchen zu entziehen. Um dies tun zu k\u00f6nnen, habe ich von vielen Genossinnen und Genossen Geldspenden erhalten und reiste fortan durch Europa, um dort Kontakte zu kn\u00fcpfen und politische Veranstaltungen abzuhalten. An allen Orten erfuhr ich gro\u00dfe Solidarit\u00e4t und auch finanzielle Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Als ich in Belgien war, beschloss ich \u00fcber Deutschland weiter nach Tschechien zu reisen. Ich hatte mich entschlossen, mir ein Auto zu besorgen. Da dieses aus Sicherheitsgr\u00fcnden legal zugelassen sein sollte, habe ich meiner Schwester Begona Geld zukommen lassen, mit der Bitte, mir ein bequemes, schnelles Auto zu kaufen und auf sie anzumelden. Begona sollte dann das Auto nach Belgien bringen, damit wir uns auch mal wiedersehen.<\/p>\n<p>Wir haben uns dann in der Folgezeit auch in Belgien getroffen und es war geplant, dass Begona mit dem Zug zur\u00fcck nach Karlsruhe reisen sollte, da ich in meiner Person und der Tatsache, dass ich durch Polizei gesucht wurde, ein Sicherheitsrisiko f\u00fcr meine Schwester gesehen habe. Dar\u00fcber entbrannte ein Streit, da meine Schwester l\u00e4nger bei mir bleiben wollte. Es wurde dann vereinbart, sie erst in Deutschland an einen Bahnhof hinter der Grenze abzusetzen. Konkret war an Aachen oder K\u00f6ln gedacht, wobei wir gucken wollten, wo es die g\u00fcnstigeren Verbindungen gibt. Dies bekam auch ein fl\u00fcchtiger Bekannter, den ich in Belgien kennengelernt hatte, der hier Mitangeklagte Bart de Geeter, mit und fragte mich, ob er mitfahren k\u00f6nne, um so Geld f\u00fcr die Zugfahrkarte zu sparen. Er wollte seine Freundin besuchen. Da ja nun schon meine Schwester mit im Wagen sa\u00df, willigte auch bei Bart ein, in der Hoffnung, dass wir nicht von der Polizei kontrolliert werden w\u00fcrden. Diese beiden Mitfahrer, also Bart und Begona, wussten jedoch bis zu den Vorf\u00e4llen in Aachen nicht, dass Jos\u00e9 und ich bewaffnet sind. \u00dcber dieses Thema ist unter uns vier zu keinem Zeitpunkt geredet worden, da es diese beiden auch nichts angeht. Jos\u00e9 und ich waren bewaffnet, da wir uns auf der Flucht befanden. Von daher hatte ich auch die Per\u00fccke, um mein \u00c4u\u00dferes zu ver\u00e4ndern. Die andere Per\u00fccke war von einem Fest in Belgien, es war eine Indianerper\u00fccke. Mit Jos\u00e9 hatte ich in diesem Zusammenhang vereinbart, die Waffen nur zur Drohung einzusetzen und nicht auf Menschen zu schie\u00dfen, diese zu verletzen oder gar zu t\u00f6ten. Sie waren also lediglich dazu gedacht, in einer Kontrollsituation Polizeibeamte zu erschrecken und uns die Flucht zu erm\u00f6glichen. Ich mu\u00df hier anmerken, das es in Spanien \u00fcblich ist, da\u00df Polizisten sich sofort ergeben, wenn sie mit Waffen bedroht werden, deshalb habe ich mir ein Geschehen wie dann in Aachen nicht vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir beide, also Jos\u00e9 und ich hatten in den spanischen Gef\u00e4ngnissen zu viel mitgemacht, um freiwillig dorthin zur\u00fcckzukehren. Ich will hier nicht im Detail zu den erlittenen Folterungen in Spanien Ausf\u00fchrungen machen. Ich denke dies ist auch allgemein bekannt. Erdr\u00fcckend ist die Isolation in der FIES-Haft, in der man niemanden zu Gesicht bekommt und keinerlei soziale Kontakte hat. Auch ausreichende medizinische Versorgung ist bei FIES-Gefangenen, wie ich einer war, nicht gew\u00e4hrleistet. Zu der psychischen Zwangssituation der Isolation kommt noch die physische Folter, wie Elektroschocks, Erstickungsangst bei der Bolsa-Folter bis hin zu den sonstigen erniedrigenden Behandlungen wie z.B. die Nacktheit vor den Justizbeamten in den spanischen Gef\u00e4ngnissen, zu dem was wir durchmachen mussten k\u00f6nnte Herr Hernandez einiges sagen, er hat vieles dokumentiert. Aufgrund der Vielzahl der verschiedenen Foltern denen ich ausgesetzt war, kann ich gar nicht mehr sagen wann, wo was passiert ist.<\/p>\n<p>Obwohl wir uns vorher mit der M\u00f6glichkeit einer derartigen Kontrolle abstrakt theoretisch auseinandergesetzt haben, sind wir beiden dann bei der Situation in Aachen spontan v\u00f6llig durchgedreht und haben \u00fcberreagiert. Dies insbesondere in der Situation, dass wir das Ehepaar Schulz zu uns in den Wagen geholt haben. Etwas derartiges war nie vereinbart gewesen und geschah wohl in der \u00dcberreaktion auf die dortigen Ereignisse, weil die Polizisten anders als erwartet reagierten. Im Auto habe ich dann doch versucht, die beiden zu beruhigen, in dem ich Ihnen erkl\u00e4rte, sie br\u00e4uchten keine Angst vor uns zu haben, wir seien Anarchisten und w\u00fcrden ihnen nichts tun.<br \/>\nHier muss ich auch bemerken, dass an der Tankstelle Bart nicht freiwillig zu ins Auto gestiegen ist, sondern von mir dazu aufgefordert wurde, da ich ihn nicht dort bei der Polizei stehen lassen wollte. Begona habe ich in dieser Situation nicht mehr gesehen, ich wusste aber auch, da\u00df sie mich niemals bei der Polizei verraten w\u00fcrde. Bei Bart war ich mir nicht so sicher, ich kannte ihn ja kaum, aber er wusste, da\u00df Begona meine Schwester ist, damit h\u00e4tte meine Identit\u00e4t bekannt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Flucht durch die Aachener Innenstadt versuchten wir unsere Verfolger abzuh\u00e4ngen bzw. von einer weiteren Verfolgung abzubringen. Hierbei gab ich auch einige Sch\u00fcsse schr\u00e4g in die Luft ab. Jedoch &#8211; wie bereits dargelegt &#8211; nicht um irgendjemanden zu verletzen oder gar zu t\u00f6ten, sondern um die Polizisten von der Verfolgung abzubringen. Bei den letzten Sch\u00fcssen wollte ich das Polizeiauto kaputt machen, damit sie uns nicht weiter verfolgen. Wenn man die Einsch\u00fcsse beobachtet, kann man auch sehen, das ich hier nur auf Reifen und K\u00fchler gezielt habe. H\u00e4tte ich tats\u00e4chlich, wie von der Staatsanwaltschaft behauptet, jemanden erschie\u00dfen wollte, h\u00e4tte ich an der Tankstelle die Gelegenheit gehabt, ich habe aber eben nicht auf Personen geschossen.<br \/>\nIch habe auf die Reifen des verfolgenden Fahrzeugs geschossen, als dieses stand und ich auch. Keinesfalls wollte ich jemanden verletzen. Ich wollte die Verfolger abschrecken und idealerweise die Reifen zerst\u00f6ren. Dies ist mir auch gelungen, die Polizisten sind dann ja auch endlich geflohen.<\/p>\n<p>Bei der erstbesten Gelegenheit lie\u00dfen wir unsere Mitfahrer auch wieder frei. Hier wollte auch Bart abhauen. Dies hatte ich ihm dann verboten und ihn aufgefordert, weiter mit uns zu kommen. Wir fl\u00fcchteten dann in die Werkstatt. Hier wurde mir dann irgendwann klar, da\u00df wir aus dieser Situation nicht rauskommen w\u00fcrden. Die Situation h\u00e4tte nur weiter eskalieren k\u00f6nnen, dies wollte ich nicht. Mit den Mitteln, die ich anzuwenden bereit war, w\u00e4ren wir nicht weitergekommen. Ich dachte, da\u00df vielleicht Bart alleine die Chance hat wegzukommen, da nach einem einzelnen Mann die Polizei nicht suchte. Ich gab ihm daher Geld von mir und sagte ihm, er solle versuchen wegzukommen. Jos\u00e9 und ich haben dann noch einen Moment gewartet und dann die Werkstatt verlassen, um uns der Polizei zu ergeben. Dann haben wir uns auch gegen die Festnahme nicht mehr gewehrt.<\/p>\n<p>Klarstellen m\u00f6chte ich jedoch, dass wir nicht die Absicht haben, Banken oder etwas anderes zu \u00fcberfallen, also so wie der Staatsanwalt das behauptet, war es nicht. Ich hatte genug Geld und wurde finanziell von meinen Genossinnen und Genossen unterst\u00fctzt. Ich h\u00e4tte es niemals riskiert, durch einen Bankraub oder \u00e4hnlichem eine erneute Festnahme und Auslieferung nach Spanien zu riskieren. Meine materiellen Bed\u00fcrfnisse sind \u00e4u\u00dferst gering. Es h\u00e4tte f\u00fcr mich also keinen Grund gegeben, derartige \u00dcberf\u00e4lle durchzuf\u00fchren.&#8221;<\/p>\n<p>Gabriel Pombo da Silva<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Gabriels Erkl\u00e4rung vom 8. Prozesstag, 20. April 2005<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Nur schwer kann mensch die Taten in Aachen verstehen, ohne vorher den ganzen Zusammenhang zu sehen, in welchen diese geschahen und sich entwickelten&#8230;&#8230;<br \/>\nUm die Gr\u00fcnde zu verstehen, muss mensch die Gr\u00fcnde einer Beurteilung unterziehen.<\/p>\n<p>Jedoch ist das Gericht nicht daran interessiert, dass die Gr\u00fcnde und Urspr\u00fcnge der Taten in Aachen aufgekl\u00e4rt werden. Das Gericht m\u00f6chte die Angelegenheit der Anarchisten sobald wie m\u00f6glich abschliessen&#8230;&#8230; Das Gericht ist nicht an DER WAHRHEIT interessiert&#8230;&#8230;Oder besser gesagt, seine Interessen stossen frontal mit denen der WAHRHEIT zusammen.<br \/>\nZu glauben, dass die Justiz und die Wahrheit in Tempeln oder B\u00fcchern enthalten sind, ist das selbe wie an den Mythos der \u00f6ffentlichen Meinung oder der Demokratie zu glauben. Es ist das selbe wie an die &#8220;humanit\u00e4ren Kriege&#8221; oder &#8220;die Resozialisierung in den Gef\u00e4ngnissen&#8221; oder &#8220;die Gleichheit zwischen Menschen&#8221; zu glauben.<\/p>\n<p>Und wie es in dem Sprichwort heisst: &#8220;Manche leben blind und sterben dumm.&#8221;<\/p>\n<p>Die Zeugen, die wir zur Aussage benannt haben sind nach Meinung des Gerichtes nicht wichtig. Aber f\u00fcr uns macht es keinen Sinn, \u00fcber die Taten zu sprechen, ohne ohne, \u00fcber die blossen Handlungen hinausgehend, zu reflektieren.<\/p>\n<p>Wenn Sie glauben, dass Sie mit uns machen werden, was Ihnen passt, dann irren Sie sich.<br \/>\nDa ich nicht die M\u00f6glichkeit eines Gerichtsverfahrens mit einem Minimum an &#8220;Unparteilichkeit&#8221; (was ist das?) habe, kann ich nur das Absurde als Ablehnung Ihrer Autorit\u00e4t hervorheben.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich, wenn ich mich auf Unparteilichkeit beziehe, sage ich es in einem weitgehenden und konkreten Sinn.<br \/>\nDarf mensch in der Politik und den Medien einem Gericht diese angebliche Unparteilichkeit erlauben? Nein!! Kategorisch nein!<\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten, dass das in Aachen Geschehene in diesem Sinne unparteiisch sein soll&#8230;&#8230; d.h. dass abgesehen davon, dass wir die Dinge (&#8220;alle Dinge&#8221;) auf eine Weise sehen und das Gericht auf eine andere, kann doch eine L\u00f6sung gefunden werden, damit DIE TATEN &#8220;objektiv&#8221; verstanden und analysiert werden.<br \/>\nVielleicht hat das Gericht in diesem Sinne keinerlei Interesse daran, dass die WAHRHEIT, die Objektivit\u00e4t und die Unparteilichkeit diejenigen Gesichtspunkte sind, \u00fcber die das am 28. Juni hier in Aachen Geschehene analysiert und verstanden werden soll.<br \/>\nWenn das Gericht nichts zu bef\u00fcrchten hat und seine Justiz, wie mensch zu sagen pflegt, &#8220;blind und unbefangen&#8221; ist, weshalb werden uns diese von der Verteidigung vorgeschlagenen Zeugen zur Kl\u00e4rung aller Taten verweigert?<br \/>\nWenn der Konsul von Spanien in Deutschland nichts zu verbergen hat und wir Straft\u00e4ter oder Terroristen sind, was hat er zu verlieren?<br \/>\nHerr Nohl sagt, dass die Zeugen zur Aufkl\u00e4rung der Taten nicht relevant sind&#8230;&#8230;<br \/>\nWirklich? Nat\u00fcrlich ist es nicht wichtig f\u00fcr das Gericht und die Anklage.<\/p>\n<p>Ich habe von Anfang an die Verantwortung f\u00fcr meine Taten auf mich genommen. Das Gericht kann mich daf\u00fcr verurteilen, aber niemals wird es die Macht haben, mich zu beurteilen (weder ethisch, noch moralisch, noch politisch).&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Zelle des spanischen Anarchisten Gabriel Pombo da Silva in der JVA Aachen gab es in den letzten Wochen zwei Durchsuchungen. Bei der ersten wurden ihm CDs, DVDs und Postkarten mit politischen Spr\u00fcchen weggenommen, am 10. Mai kamen die Schergen der Knastleitung in Form der Schlie\u00dfer erneut und suchten gezielt nach einem Handy.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":10279,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[1,9,10],"tags":[160,52,61,157,703],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4056"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4056"}],"version-history":[{"count":30,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4056\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10304,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4056\/revisions\/10304"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4056"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4056"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4056"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}