{"id":4306,"date":"2010-12-11T21:49:04","date_gmt":"2010-12-11T19:49:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=4306"},"modified":"2014-12-26T22:33:26","modified_gmt":"2014-12-26T21:33:26","slug":"brief-von-christoforos-kortesis-bezueglich-der-einrichtung-eines-solidaritaetsfonds","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/brief-von-christoforos-kortesis-bezueglich-der-einrichtung-eines-solidaritaetsfonds","title":{"rendered":"Brief von Christoforos Kortesis bez\u00fcglich der Einrichtung eines Solidarit\u00e4tsfonds und finanzieller Unterst\u00fctzung der politischen Gefangenen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/burning-copcar-in-greece.jpg\" rel=\"lightbox[4306]\"><img loading=\"lazy\" class=\" size-medium wp-image-2130 alignright\" title=\"burning copcar in greece\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/burning-copcar-in-greece-250x164.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"112\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/burning-copcar-in-greece-250x164.jpg 250w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/burning-copcar-in-greece.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 170px) 100vw, 170px\" \/><\/a><span class=\"dropcap\">E<\/span>rstens m\u00f6chte ich etwas fast selbstverst\u00e4ndliches sagen, n\u00e4mlich dass die Einrichtung eines Solidarit\u00e4tsfonds f\u00fcr die finanzielle Unterst\u00fctzung von Genoss_Innen, aber auch von anderen Menschen, die k\u00e4mpfen und in einer eigent\u00fcmlichen Art Geiseln des Staates sind, sehr wichtig ist. Vor allem ist sie wichtig, weil sie eine ganz bestimmte Notwendigkeit zu bedecken versucht, n\u00e4mlich das allt\u00e4gliche \u00dcberleben \u201chinter der Mauer\u201d auf eine w\u00fcrdevolle Art. Parallel dazu, weil selbst die Einrichtung eines solchen Projektes deutlich macht, meiner Meinung nach, dass wir alle inhaftierten Genoss_Innen f\u00fcr K\u00e4mpfer_Innen halten, die sich wegen ihrer umst\u00fcrzlerischen Aktivit\u00e4ten und Meinungen in den H\u00e4nden des Staates befinden. Au\u00dferdem halten wir sie f\u00fcr einen untrennbaren Teil der politischen Szene, zu der sie geh\u00f6ren und deswegen diese Szene die politische Initiative ergreift, um diese Menschen zu unterst\u00fctzen, ohne es f\u00fcr eine Sache zwischen Freunden und Verwandten zu halten, sondern als Versuch die Begriffe von Kameradschaft und Solidarit\u00e4t in Praxis zu setzen. Ganz deutlich, ich beziehe mich hier auf keinen Fall, weder auf eine Art von moralischer Verpflichtung, noch auf eine emotionelle Erpressung, sondern auf ein Zeugnis von politischem Bewusstsein und Konsequenz.<\/p>\n<p>In jetziger Zeit, wo der Angriff seitens der Macht auf die anarchistische Szene, aber auch auf jeden k\u00e4mpferischen Teil der Gesellschaft &#8211; aus klaren Gr\u00fcnden &#8211; steigt, ist die Einrichtung eines Solidarit\u00e4tsfonds noch ein Verteidigungs- sowie Gegenangriffsmittel. Sie stellt eine kollektive und selbstorganisierte Antwort auf die Isolierung und Vereinzelung dar, die der herrschende Diskurs auf allen Ebenen von unseren Leben reinzuhauen versucht.<\/p>\n<p>Obwohl der Prozess nur mit der Einrichtung des Solifonds zu tun hat und (wie ich und die anderen inhaftierten Genoss_Innen uns informiert haben) keine Ausschlie\u00dflichkeit f\u00fcr sich h\u00e4lt in Bezug auf die Form, in welcher die Solidarit\u00e4t ausgedr\u00fcckt sein soll, hoffe ich dennoch, dass dieses Projekt zum Zusammenhalt der anarchistischen Szene beitragen werde, eine Szene die sichtbare Br\u00fcche in letzter Zeit zeigt.<\/p>\n<p>Ich akzeptiere die Verschiedenheit der politischen Bez\u00fcge und Meinungen innerhalb der anarchistischen Szene. Trotzdem finde ich, dass alles, was uns vereinigt, mehr ist als das, was uns trennt. Hiermit halte ich die tiefe Problematik bez\u00fcglich einer ganzen Menge von Themen, die von Genoss_Innen manchmal ausgedr\u00fcckt worden sind, sicher nicht f\u00fcr unwichtig.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem glaube ich und finde es absolut legitim, dass nicht jede Gruppe, jedes Kollektiv oder Person an diesem Prozess teilnehmen muss. Im Gegensatz dazu ist es m\u00f6glich, andere parallele Projekte finanzieller Unterst\u00fctzung zu schaffen, mit verschieden Herangehensweisen, welche sich aber miteinander koordinieren sollten, um das bestm\u00f6gliche Resultat zu erreichen.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach, wenn eine politische Szene mit subversiven und radikalen Voranstellungen unf\u00e4hig ist, ihre inneren Probleme punktuell auf der Basis von Solidarit\u00e4t, Kooperation und Selbstorganisierung zu bearbeiten und wenn diese Szene nicht die Vielfalt der gew\u00e4hlten Kampfmitteln akzeptieren und sogar f\u00f6rdern kann, dann wie gedenkt sie sich \u00fcberhaupt diese Werte nach drau\u00dfen zu bringen?<\/p>\n<p>Wegen meiner Teilnahme an solchen Projekten in der Vergangenheit kenne ich die Schwierigkeiten mit denen solche Versuche konfrontiert werden, vor allem die Frage der Dauer. Dennoch letztendlich genau darum geht es und genau daf\u00fcr werde ich von Gef\u00e4ngnis aus mit all meinen Kr\u00e4ften k\u00e4mpfen, so wie ich drau\u00dfen, zwischen Genoss_Innen auch k\u00e4mpfen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00f6chte ich einen Vorschlag machen, den ich auch schon fr\u00fcher mit anderen GenossInnen &#8211; manchmal nicht ohne heftige Streits &#8211; diskutiert habe. Ich bin der Meinung, dass selbst die Tatsache solche Themen offen auf dem Tisch zu legen, etwas Positives ist. So glaube ich, dass es bei Soliaktivit\u00e4ten (wie z.B. Konzerte oder Soliparties) &#8211; die auch irgendwann von den Solidarit\u00e4tsfonds organisiert werden k\u00f6nnen &#8211; einen symbolischen Eintritt* von ca. 2-3 Euro geben kann. Ein Beitrag, der gleich mit 1-2 Bier ist. Ich schlage dies vor, weil jede solche Aktivit\u00e4t in einem klaren politischen Rahmen stattfindet. Das Ziel ist n\u00e4mlich die finanzielle Unterst\u00fctzung von k\u00e4mpfenden Menschen. Dar\u00fcber hinaus wirkt das Bewusstsein jeder Person, die daran teilnimmt, als wichtigster Bestandteil des Kampfs. Deshalb, wenn man solche Aktivit\u00e4ten besucht nur um Spass zu haben, ohne die Gr\u00fcnde, wegen denen sie organisiert sind, wahrzunehmen, hei\u00dft es einfach Mangel an politischem Bewusstsein. Vielleicht sag ich dies alles ein bisschen grob, aber ich habe oft selbst gesehen welche Art von Mentalit\u00e4t an solchen Orten herrscht. Das, was ich dazu denke, sage ich schon seit Jahren und nicht nur jetzt, weil ich mich selbst in Haft befinde.<\/p>\n<p>Was die finanzielle Unterst\u00fctzung anderer, nicht-anarchistischer Gefangener betrifft, die eine w\u00fcrdevolle und k\u00e4mpferische Haltung in Knast zeigen, finde ich das sie auch im Solidarit\u00e4tsfond miteinbezogen werden sollten, falls er nat\u00fcrlich zuerst seine prim\u00e4re Ziele erreicht.<\/p>\n<p>In Zusammenhang damit und auch um gleichzeitig mit meinen Genoss_Innen drau\u00dfen ein bisschen von Allt\u00e4glichkeit des \u00dcberlebens im Knast zu teilen, m\u00f6chte ich erw\u00e4hnen, dass ich mich seit 6 Monaten in der selben Zelle mit drei \u201eMitbewohnern\u201c befinde. Bis jetzt konfrontieren diese Menschen die schwierigen Umst\u00e4nden des Knastes mit W\u00fcrde und verhalten sich ganz korrekt. Das Geld, das jeder von uns jede Woche bekommt, benutzen wir gemeinsam, um unsere gemeinsamen Bed\u00fcrfnisse (wie Kleinigkeiten vom Knast-Laden, Telefonkarten, etc.) zu decken. Ich bin der Meinung, dass auch unter diesen Umst\u00e4nden, auch auf der \u201emikromolekul\u00e4ren\u201c Ebene des Mitbewohnens in einer Zelle, einige Werte lebendig gehalten werden k\u00f6nnen. Ich meine solche Werte wie Solidarit\u00e4t und die Verweigerung von Trennungen und von autorit\u00e4ren sozialen Beziehungen, die sich aufgrund des Besitzes von kleinstem sogar materiellen (und nicht nur) \u201eGut\u201c, wie z.B. einer Telefonkarte (die sich aber unter bestimmten Bedingungen in ein Objekt gro\u00dfer Macht und nat\u00fcrlich auch riesigen Austauschswert verwandelt) produzieren. Bez\u00fcglich der Frage der K\u00e4mpfer aus der Revolution\u00e4ren Organisation 17. November, die f\u00fcr ihre politischen Aktivit\u00e4ten keine Reue gezeigt haben, ist es f\u00fcr mich selbstverst\u00e4ndlich, das auch sie unterst\u00fctzt werden sollen und deswegen beziehe ich mich hier nicht speziell darauf.<\/p>\n<p>Da die Genoss_Innen in der Versammlung im Juli es f\u00fcr notwendig fanden, n\u00e4mlich dass wir alle, die \u201chinter der Mauer\u201d sind, unsere Meinung \u00fcber dieses Projekt \u00e4u\u00dfern sollen, m\u00f6chte ich zum Schluss sagen, dass es auch eine Weise ist, die uns erm\u00f6glicht sich weiter an der Szene zu beteiligen. Damit k\u00f6nnen wir das Hindernis von unserer \u201cAbwesenheit in Person\u201d \u00fcberwinden und noch ein Kommunikationsmittel schaffen, welches &#8211; hoffe ich &#8211; auf l\u00e4nger dauern wird.<\/p>\n<p>Bis zur kompletten Zerst\u00f6rung aller Kn\u00e4ste.<\/p>\n<p>Vielen Dank und genossenschaftliche Gr\u00fcsse an alle Genoss_Innen, die sich M\u00fche machen am N\u00f6tigen sparen, damit wir mit W\u00fcrde in griechischen Kerkern \u00fcberleben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Kampf mit allen Mitteln bis zum Sturz des Regimes<\/p>\n<p>Kampf bis zum Ende f\u00fcr Freiheit, Revolution und Anarchie<\/p>\n<p>Ewige Ehre f\u00fcr den anarchistischen K\u00e4mpfer Lambros Foundas<\/p>\n<p>Christoforos Kortesis<\/p>\n<p>24\/09\/2010<\/p>\n<p>Haftanstalt Korinthos<\/p>\n<p><em>* Anmerkung der \u00dcbersetzer_in: normalerweise ist der Eintritt zu solchen Soliaktivit\u00e4ten freiwillig im Rahmen der Antihandels-Logik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstens m\u00f6chte ich etwas fast selbstverst\u00e4ndliches sagen, n\u00e4mlich dass die Einrichtung eines Solidarit\u00e4tsfonds f\u00fcr die finanzielle Unterst\u00fctzung von Genoss_Innen, aber auch von anderen Menschen, die k\u00e4mpfen und in einer eigent\u00fcmlichen Art Geiseln des Staates sind, sehr wichtig ist. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2130,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[297,9,462],"tags":[131,246,44,51,703,551],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4306"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4306"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4306\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10520,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4306\/revisions\/10520"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2130"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4306"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4306"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4306"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}