{"id":4573,"date":"2010-09-18T18:53:53","date_gmt":"2010-09-18T17:53:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=4573"},"modified":"2014-12-26T23:01:18","modified_gmt":"2014-12-26T22:01:18","slug":"thomas-meyer-falk-telefonieren-im-knast-telio-auf-dem-vormarsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-telefonieren-im-knast-telio-auf-dem-vormarsch","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Telefonieren im Knast \u2013 Telio auf dem Vormarsch"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[4573]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Was die <a href=\"http:\/\/www.massak.de\" target=\"_blank\">Firma Massak<\/a> auf dem Gebiet der Versorgung von Inhaftierten mit Lebensmitteln und sonstigen G\u00fctern des t\u00e4glichen Bedarfs sowie mit Kleidung ist, das ist die <a href=\"http:\/\/www.telio.de\" target=\"_blank\">Firma Telio<\/a> auf dem Feld der Telekommunikationsdienstleistung, sowie Fernsehempfang betreffend.<\/p>\n<p><em>Ausgangslage \u2013 Telefon in Kn\u00e4sten?<\/em><\/p>\n<p>Das Handy ist aus der Gegenwart nicht mehr weg zu denken; allerorten spazieren die Menschen mit dem Mobiltelefon am Ohr durch die Stra\u00dfen. Was dabei vielen nicht bewusst ist, es gibt wei\u00dfe Flecken in Deutschland: die Gef\u00e4ngnisse. Nicht nur, dass dort Handys strengstens verboten sind, es wird prinzipiell die Kommunikation via Telefon beschr\u00e4nkt (in Bayern sogar im Regelfall g\u00e4nzlich unterbunden). Die Justiz verteidigt ihre Restriktionen mit dem Argument, es m\u00fcsse verhindert werden, dass Gefangene kriminelle Aktivit\u00e4ten oder Fluchtversuche vermittels des Telefons planen oder verabreden k\u00f6nnen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDessen ungeachtet haben sich in einer gro\u00dfen Zahl von Gef\u00e4ngnissen (wie auch forensischen Psychiatrien) trotz allem M\u00f6glichkeiten zu telefonieren durchgesetzt.<\/p>\n<p><em>Beispiel: Bruchsal<\/em><\/p>\n<p>In der mit \u00fcber 400 Gefangenen belegten <a href=\"http:\/\/www.jva-bruchsal.de\" target=\"_blank\">JVA Bruchsal<\/a> k\u00f6nnen Inhaftierte seit einiger Zeit ihre Telefonate \u00fcber die eingangs erw\u00e4hnte Firma Telio Communications GmbH abwickeln. Zuerst beantragen sie bei der Anstalt die Genehmigung mit einer bestimmten Person telefonieren zu d\u00fcrfen. Steht dem aus Sicht der JVA nichts entgegen, muss zuerst die Drittperson schriftlich zustimmen, dass die Gespr\u00e4che ggf. aufgezeichnet und\/oder \u00fcberwacht werden. Anschlie\u00dfend schaltet ein Beamter die Nummer frei und der Gefangene kann, so er ein Guthaben bei Telio hat, nunmehr zu den Zellen\u00f6ffnungszeiten an einem im Flur installierten Telefonapparat diese Nummer anw\u00e4hlen (jedoch keine anderen Nummern, ausschlie\u00dflich jene, die ein Beamter zuvor eingespeist hat).<\/p>\n<p><em>Telio \u2013 ein kleines Imperium<\/em><\/p>\n<p>Wer sich mit Telio n\u00e4her besch\u00e4ftigt, st\u00f6\u00dft auf immer mehr Firmen: so gibt es unter anderem eine Telio AG, eine Telio Communications GmbH, eine Telio Shopping GmbH. 1998, so die Eigenauskunft auf der Firmenwebsite, sei die Geburtsstunde der Telio Communications GmbH gewesen, als n\u00e4mlich dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Telio AG von der \u201eGesch\u00e4ftsidee\u201c berichtet worden sei, \u201e<a href=\"http:\/\/www.finanzwirtschafter.de\/1928-die-telio-ag-ermoglicht-telefonate-aus-dem-gefangnis\/\" target=\"_blank\">virtuelle Telefonkonten f\u00fcr Gef\u00e4ngnisinsassen zu entwickeln<\/a>\u201c. Gab es zuvor in manchen Gef\u00e4ngnissen Telefonkarten, die dann auch als Zahlungsmittel eingesetzt wurden, sollte k\u00fcnftig alles \u00fcber elektronische Konten, vornehmlich jene von Telio, abgewickelt werden. Von Hamburgs JVA Fuhlsb\u00fcttel aus startete dann die Expansion Telios, die mittlerweile 30 000 Gefangene zu ihren Kunden z\u00e4hle und neben Deutschland auch in Spanien und den Niederlanden aktiv sei, folgt man den Angaben der Firma. Zu Beginn des Jahres 2007 wurden 70 Justizvollzugsanstalten in 13 der 16 deutschen Bundesl\u00e4nder und drei europ\u00e4ischen Staaten zu den Kunden gez\u00e4hlt (aktuellere Zahlen sind nicht verf\u00fcgbar).<\/p>\n<p><em>Telios Firmenbilanzen<\/em><\/p>\n<p>Wer sich die ver\u00f6ffentlichten Bilanzen der Firmen anschaut (<a href=\"https:\/\/www.ebundesanzeiger.de\" target=\"_blank\">kostenlos abrufbar<\/a>), stellt verbl\u00fcfft fest, dass die Telio Communications GmbH seit dem Gesch\u00e4ftsjahr 2005 keinerlei Jahres\u00fcberschuss ausweist. Daf\u00fcr stiegen die Verbindlichkeiten von etwa 523.000 Euro im Jahr 2005 auf circa 779.000 Euro im Jahr 2008 (und betrugen zwischenzeitlich auch schon \u00fcber 1 Million Euro). Der Wert der Sachanlagen stagniert seit Jahren, bzw. ging leicht zur\u00fcck auf 537.000 Euro. Daf\u00fcr verbleibt, ebenfalls seit 2005, Jahr f\u00fcr Jahr ein Gewinnvortrag von exakt 229.065,54 Euro im Unternehmen.<br \/>\nDie Muttergesellschaft, die Telio AG, welche die Telio Communications GmbH beherrscht, steigerte ihren Bilanzgewinn von 71.650,87 Euro f\u00fcr 2005 auf nunmehr 197.839,53 Euro im Jahr 2008.<\/p>\n<p><em>Telios Preispolitik<\/em><\/p>\n<p>So wie ich schon an anderer Stelle \u00fcber die aus Gefangenensicht doch sehr hohen Preise der Firma Massak Logistik GmbH <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-gefaengnisladen-betreiber-im-schlaraffenland\">berichtete<\/a>, kann aus meiner Sicht auch nicht viel Gutes \u00fcber die Telefonpreise der Firma Telio geschrieben werden. Wer aktuell in Freiheit telefoniert, der muss mit Minutenpreisen von 0,45 Cent bis 2 Cent rechnen, je nachdem ob es sich um ein Orts- oder ein Ferngespr\u00e4ch handelt.<br \/>\nTelio liebt Gleichbehandlung! Und so zahlen die Gefangenen (Stand: 01.09.2010) pro Takt immer 10 Cent, wobei f\u00fcr Ortsgespr\u00e4che der Takt 60 Sekunden und f\u00fcr Ferngespr\u00e4che 30 Sekunden betr\u00e4gt. 20 Cent f\u00fcr eine Minute Ferngespr\u00e4ch ist der 10-fache Betrag dessen, was Telefonbetreiber in Freiheit von ihrer Kundschaft verlangen. Wer ins Ausland telefonieren m\u00f6chte oder muss, f\u00fcr den wird es noch teurer. Sind in Freiheit Preise \u2013 je nach Staat \u2013 von 0,74 Cent bis zu 3 Cent \u00fcblich, zahlen Gefangene bei Telio 60 Cent\/Minute f\u00fcr Gespr\u00e4che ins europ\u00e4ische Ausland und bis zu 1,39 Euro\/Minute, wenn n\u00e4mlich das Gespr\u00e4ch nach Osteuropa gehen soll.<br \/>\nEine besondere Spezialit\u00e4t: man ruft jemanden an und niemand nimmt ab, dennoch werden Geb\u00fchren f\u00e4llig! Telio ist es n\u00e4mlich egal, ob ein Gespr\u00e4ch gef\u00fchrt wurde oder nicht; eine Praxis, die rechtlich zwar zul\u00e4ssig ist (denn sobald es in der Leitung \u201etutet\u201c, steht eine Verbindung zwischen beiden Telefonpartnern), aber in Freiheit nicht praktiziert wird.<\/p>\n<p><em>Telios Expansionspl\u00e4ne<\/em><\/p>\n<p>Nunmehr m\u00f6chte die Telio Communications GmbH auch Fernseher, Radio und CD\/DVD-Spieler in den Gef\u00e4ngnissen privatisieren und bietet deshalb den Anstalten \u201eTelio-Multio\u201c an, einen 22-Zoll-Farbmonitor, der \u00fcber eine transparente R\u00fcckseite verf\u00fcgt (um so f\u00fcr die W\u00e4rter leichter kontrollierbar zu sein) und \u00fcber den auch CDs\/DVDs abzuspielen sind. Mitgeliefert wird neben einem Radioprogramm-Bouquet auch das Fernsehprogramm. Selbst eine Festplatte kann eingebaut werden; in einer De-Luxe-Variante k\u00f6nnten Telefonate aus den Haftr\u00e4umen \u00fcber dieses Telio-Multio-Ger\u00e4t gef\u00fchrt werden. Telio preist weitere M\u00f6glichkeiten in seinem Prospekt an: Internet (\u201eChinesisches Internet\u201c, so nennt das Telio wortw\u00f6rtlich; d.h. es ist kein freier Zugang, sondern ein extrem zensierter denkbar), e-mail; \u201eMultio-Apps\u201c (Schach, Sudoku, Terminplaner); Abwicklung des Antragswesens und des Einkaufs.<br \/>\nSelbst an zuk\u00fcnftige Entwicklungen ist gedacht, namentlich an \u201eTeleworking\u201c von der Haftzelle aus.<\/p>\n<p>Ganz billig ist der Spa\u00df freilich nicht. Es gibt zwar eine \u201eTelio-Free\u201c genannte Variante f\u00fcr 0,00 Euro; dort finden sich dann drei Sender der ARD f\u00fcr TV und drei Radiosender. \u201eTelio-Basic\u201c kostet jedoch schon 14, 95 Euro\/Monat, f\u00fcr 35 TV-Programme und 30 Radiosender (auch wenn man im Telio-Bouquet vergeblich nach Qualit\u00e4tssendern wie dem DLF, Phoenix, Bayern-Alpha suchen wird). Wer gerne als Migrant t\u00fcrkische oder russische Sender sehen oder h\u00f6ren m\u00f6chte, wird mit jeweils 9,95 Euro bzw. 12,95 Euro zur Kasse gebeten.<\/p>\n<p>Die Vertragsbedingungen verdienen es gleichfalls, n\u00e4her betrachtet zu werden. Es versteht sich von selbst, dass Telio sich vorbeh\u00e4lt jederzeit und ohne Ank\u00fcndigung Sender aus den Senderpaketen zu streichen. Die Anstalten haben sich f\u00fcr 1 Jahr Probebetrieb und 9 Jahre Hauptvertragszeit zu verpflichten. Wobei Telio die T\u00fcre f\u00fcr eine K\u00fcndigung offen h\u00e4lt: sobald ein \u201ewirtschaftlicher Betrieb f\u00fcr Telio nicht mehr m\u00f6glich ist\u201c (\u00a7 3 des Vertrags), darf Telio k\u00fcndigen. Die Anstalten werden auf strengste Geheimhaltung verpflichtet \u201e\u00fcber den Inhalt und Aufbau der Gesch\u00e4ftsbeziehung und des Vertrags\u201c (\u00a7 5 a.a.O.). Zudem m\u00fcssen sie der Firma zur Seite stehen, sollte jemals ein Gefangener Telio verklagen; sie haben sodann \u201eTelio mit allen erforderlichen Informationen (zu) versorgen, damit Telio (\u2026) sich ggf. gegen Geltendmachung auch gerichtlich ausreichend wehren kann.\u201c (\u00a7 8 a.a.O.).<\/p>\n<p><em>Ausblick<\/em><\/p>\n<p>Telio wird wohl denselben Weg wie Massak gehen und sich in immer mehr Anstalten ausbreiten. Man bietet den Gef\u00e4ngnisleitungen Rund-um-Sorglos-Pakete; und die Rechnung zahlen die Gefangenen mit ihren meist stagnierenden, wenn nicht gar sinkenden L\u00f6hnen, sofern sie nicht sowieso von lediglich 31,&#8211; Euro Taschengeld im Monat leben m\u00fcssen, da auch hinter den Mauern die Arbeitslosigkeit grassiert. Wer davon dann alleine fast 15, &#8212; Euro bei Telio lassen muss, der wei\u00df, was das St\u00fcndlein geschlagen hat.<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\/\" target=\"_blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was die Firma Massak auf dem Gebiet der Versorgung von Inhaftierten mit Lebensmitteln und sonstigen G\u00fctern des t\u00e4glichen Bedarfs sowie mit Kleidung ist, das ist die Firma Telio auf dem Feld der Telekommunikationsdienstleistung, sowie Fernsehempfang betreffend. 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