{"id":5049,"date":"2011-09-08T12:43:04","date_gmt":"2011-09-08T10:43:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=5049"},"modified":"2012-05-02T00:06:06","modified_gmt":"2012-05-01T23:06:06","slug":"thomas-meyer-falk-sexualtaeter-im-knast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-sexualtaeter-im-knast","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Sexualt\u00e4ter im Knast"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[5049]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Immer wieder wird in Zeitungen sowie im Fernsehen behauptet, Sexualverbrecher st\u00fcnden im Gef\u00e4ngnis auf der untersten Stufe der internen Hierarchie.<\/p>\n<p>Wie ist es um diese Auffassung in der Realit\u00e4t bestellt? Anhand der Situation in der in Baden-W\u00fcrttemberg gelegenen Justizvollzugsanstalt Bruchsal m\u00f6chte ich dies hier n\u00e4her beleuchten.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong>JVA Bruchsal \u2013 ein kurzer R\u00fcckblick<\/strong><\/p>\n<p>Erbaut wurde das Gef\u00e4ngnis 1848\/49 und galt seinerzeit als modern. Von einem Zentrum aus gehen insgesamt vier Fl\u00fcgel ab. Jeder von diesen hat drei Stockwerke. Zur Zeit leben circa 400 Gefangene in der <a href=\"http:\/\/jva-bruchsal.de\/\" target=\"_blank\">JVA<\/a>, einer Anstalt, die seit vielen Jahrzehnten in Baden-W\u00fcrttemberg einen nachhallenden Ruf hat. Dieser mag damit zu tun haben, dass prim\u00e4r \u201eLangstrafer\u201c, also (m\u00e4nnliche) Gefangene mit langen oder lebenslangen Haftstrafen nach Bruchsal eingeliefert wurden. Die wohl bekanntesten Inhaftierten der letzten Jahrzehnte waren Christian Klar (von der RAF), sowie Heinrich Pommerenke (Vergewaltiger und Serienm\u00f6rder; starb nach 49 Jahren Haft). Ferner besteht f\u00fcr die hiesige Anstalt eine spezielle \u201eSonderzust\u00e4ndigkeit\u201c f\u00fcr Gefangene, die als \u201ebesonders gef\u00e4hrlich\u201c oder sonst wie \u201egemeinschaftsunf\u00e4hig\u201c in anderen Gef\u00e4ngnissen des Landes angesehen und deshalb nach Bruchsal verlegt werden.<\/p>\n<p><strong>Sexualt\u00e4ter in Bruchsals Haftanstalt<\/strong><\/p>\n<p>Eine exakte Prozentzahl hinsichtlich jener, welche wegen eines Sexualdelikts hier in Haft sitzen, ist f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit nicht zug\u00e4nglich. Immer mal wieder werden Zahlen von bis zu 60% kolportiert, die jedoch als zu hoch angesehen werden m\u00fcssen.<br \/>\nDennoch gibt es eine erkleckliche Anzahl an inhaftierten M\u00e4nnern, die vergewaltigt, Frauen, M\u00e4nner, M\u00e4dchen und Jungen missbraucht haben. In einigen F\u00e4llen erfolgte anschlie\u00dfend auch die Ermordung der Opfer; mitunter auch eine sexuelle Sch\u00e4ndung der Leiche.<br \/>\n\u00dcber die spektakul\u00e4rsten F\u00e4lle zumindest der j\u00fcngeren Zeit sind viele Gefangene durch Funk und Fernsehen, bzw. die Zeitung auch detailliert informiert.<\/p>\n<p><strong>Auftreten der Sexualt\u00e4ter im Vollzugsalltag<\/strong><\/p>\n<p>Hier finden sich alle Variationsm\u00f6glichkeiten. Jene, die offensiv und fordernd agieren, \u00fcber viele Jahre hinweg auch eine besondere \u201eVertrauensposition\u201c bei der Anstalt und Teilen der Mitgefangenen erringen. Etwa ein Jahrzehnt lang wurde ein Sexualm\u00f6rder immer wieder in die Gefangenenvertretung gew\u00e4hlt (hierbei handelt es sich um ein von Inhaftierten zu w\u00e4hlendes Gremium. <a title=\"Thomas Meyer-Falk: Reaktionen eines Knast-Chefs auf Kritik\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-reaktionen-eines-knast-chefs-auf-kritik\" target=\"_blank\">Kritisch dazu vgl.<\/a>; auch: Sonderausgabe der Roten Hilfe zum 18. M\u00e4rz 2010, S. 13 \u201eGefangenenvertretung im Strafvollzug\u201c) und genoss in der JVA weitgehende Bewegungsfreiheit. Es gibt jene, die sich durch den Sport, z.B. Fu\u00dfball oder die Tischtennis-Gruppe in eine Mannschaft einf\u00fcgen und \u00fcber diesen Weg auch eine gewisse Anerkennung erfahren (so bspw. ein Inhaftierter, der vor wenigen Jahren in Mannheim ein 16-j\u00e4hriges M\u00e4dchen von hinten niederschlug, vergewaltigte und t\u00f6tete).<br \/>\nAndere wiederum verstecken sich regelrecht in ihren Zellen, insbesondere dann, wenn ihre Taten noch nicht lange genug zur\u00fcckliegen, um medial in Vergessenheit zu geraten. Hier w\u00e4re aktuell an einen \u201eModefotografen\u201c aus Rastatt zu denken, der wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs zu einer hohen Haftstrafe und anschlie\u00dfender Sicherungsverwahrung verurteilt worden war. Ihn sieht man nur kurz \u00fcber die Flure huschen, wenn er seinen M\u00fclleimer entleeren geht.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch die ganz arrogant und frech auftretenden Sexualt\u00e4ter: X hat seine Zelle fast neben dem B\u00fcro der Aufsichtsbeamten und seine T\u00fcr ist stets sperrangelweit offen. Schon in der JVA Freiburg vertrat er offen sein angebliches \u201eRecht\u201c auf Sex mit Kindern. Kaum entlassen setzte er sein \u201eRecht\u201c durch, wof\u00fcr er dann entsprechend verurteilt wurde. Jeder, der ihn auf seine Tat anspricht oder von dem er mitbekommt, dass \u00fcber ihn gesprochen wird, darf mit Beschwerden und Strafanzeigen rechnen. In einem Fall kam es sogar zu einer polizeilichen Vernehmung und auch Gegen\u00fcberstellung, da er eine ganze Anzahl von Gefangenen angezeigt hatte. Ein anderer Insasse, Y., der verurteilt wurde sein Kind missbraucht zu haben, droht gelegentlich anderen \u201eaufs Maul\u201c zu hauen, eilt dann jedoch lieber zu den Beamten, um sich dort zu beschweren, wenn er auf sein Delikt angesprochen wird.<\/p>\n<p><strong>Reaktionen des Vollzugspersonals<\/strong><\/p>\n<p>Gelegentlich bekommen Gefangene zu h\u00f6ren, wenn sie nicht endlich diesen oder jenen Sexualt\u00e4ter \u201ein Ruhe lassen\u201c w\u00fcrden, m\u00fcsse mit Konsequenzen bis hin zur Anordnung der Einzelhaft gerechnet werden. Mitgefangener Ditte (so sein Spitzname) wurde tats\u00e4chlich sanktioniert, weil er o.g. X., nein, nicht etwa geschlagen, sondern gelegentlich die Zellent\u00fcre zugemacht und dessen Licht an- und ausgeschaltet haben soll. Mittlerweile sitzt Ditte in Einzelhaft, weil er beschuldigt wurde, einen anderen Mitgefangenen \u201edrei Mal ins Gesicht\u201c geschlagen zu haben. Besagtes angebliches Opfer sagte bei den Beamten laut Landgericht Karlsruhe aus, Ditte habe auf Aufforderung die Zelle zu verlassen nicht reagiert, ihn \u2013 das Opfer \u2013 vielmehr geschlagen. Was belegt worden sei durch Beamte, die eine leicht (!) ger\u00f6tete Wange und ein rotes Ohr selbst gesehen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Einerseits findet man in den Beamtenb\u00fcros Zeitungsartikel, welche sich mit der \u201eUntherapierbarkeit\u201c von Sexualt\u00e4tern, insbesondere P\u00e4dophilen befassen, offen und f\u00fcr jeden, der in das B\u00fcro gehen muss, um z.B. einen Antrag abzugeben, deutlich sichtbar ausgeh\u00e4ngt, andererseits reagiert der Vollzug scharf, selbst wenn ein Sexualt\u00e4ter lediglich auf seine Tat(en) angesprochen wird.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus werden Sexualt\u00e4ter gerne auf \u201eVertrauensposten\u201c eingesetzt, also auf Arbeitspl\u00e4tzen innerhalb einer Anstalt, welche in den Augen der JVA-Beamten\/innen \u201esicherheitsrelevant\u201c sind, wo z.B. die permanente \u00dcberwachung durch W\u00e4rter\/innen geringer ist, als sonst \u00fcblich. Zu denken w\u00e4re an einen Sexualm\u00f6rder, der in den 90\u2019ern in Bayern ein Kind missbrauchte und dann in einen Fluss warf, wo es ertrank. Er wurde nach Hamburg verlegt und durfte dort dann als \u201eKirchenreiniger\u201c arbeiten. Hintergrund f\u00fcr diese Zuteilungspraxis d\u00fcrfte sein, dass die vielfach der Mittelschicht entstammenden Sexualt\u00e4ter wenig Schwierigkeiten haben die Anstaltsordnung zu verinnerlichen. Gerade weil sie mitunter Ablehnung durch andere Gefangene erfahren, k\u00f6nnen sich die Bediensteten sicher sein, dass jeglicher \u201eVersto\u00df\u201c gegen irgendwelche Regeln sofort von diesen \u201eVertrauensgefangenen\u201c zur Meldung gebracht werden wird.<br \/>\nDiese Bevorzugung f\u00fcr eigentlich recht beliebte Arbeitspl\u00e4tze tr\u00e4gt dann weiter zu einer Distanzierung von dem Personenkreis der Sexualt\u00e4ter bei.<\/p>\n<p><strong>Reaktion der Inhaftierten<\/strong><\/p>\n<p>Meist wird hinter dem R\u00fccken von Sexualt\u00e4tern \u00fcber diese gel\u00e4stert. Offen feindseliges Verhalten ist die Ausnahme und nicht die Regel. K\u00f6rperliche Attacken, zumindest in Bruchsal, sind die absolute Ausnahme.<br \/>\nIn den Vollzug integrierte Sexualt\u00e4ter beobachtet man gelegentlich dabei, wie sie selbst \u00fcber andere Sexualt\u00e4ter abf\u00e4llig herziehen; die selbst begangene Vergewaltigung sei doch \u201enicht so schlimm\u201c wie das, was \u201edieser P\u00e4dophile da\u201c getan habe.<\/p>\n<p>Immer noch wird die Diskussion unter den Gefangenen davon beherrscht, dass es \u201eden Sext\u00e4tern\u201c doch viel zu gut gehe und sie sogar mit fr\u00fcherer Entlassung rechnen d\u00fcrften als T\u00e4ter anderer Deliktgruppen.<\/p>\n<p>Zumindest dies d\u00fcrfte heute nicht mehr der Rechtswirklichkeit entsprechen. Fr\u00fcher, vor 20 und mehr Jahren, mag es so gewesen sein, dass durch das in aller Regel angepasste, bis \u00fcberangepasste Vollzugsverhalten gerade die der Mittelschicht entstammenden Sexualt\u00e4ter \u201ebevorzugt\u201c wurden, wenn es um die Frage einer vorzeitigen Entlassung ging. Denn ihr angepasstes Vollzugsverhalten f\u00fchrte zu besonders wohlwollenden Beurteilungen seitens der Vollzugsanstalten. Heute jedoch wird von Gerichten wie von Gutachtern beanstandungsfreies Vollzugsverhalten nicht mehr so hoch bewertet.<\/p>\n<p>Im Vollzugsalltag jeden Kontakt mit Sexualt\u00e4tern zu vermeiden ist faktisch nicht m\u00f6glich. Zumal in bestimmten Zusammenh\u00e4ngen, in Bruchsal: in der \u201eBehandlungsabteilung\u201c (dort wird mit den Inhaftierten therapeutisch gearbeitet), sogar eine konkrete Besch\u00e4ftigung und Kommunikation mit diesem T\u00e4terkreis gefordert wird. Wer sich dem widersetzt, gilt dann als nicht \u201etherapiewillig\u201c. Seitens der Anstaltspsychologen wird argumentiert, dass die Zusammenarbeit und Kommunikation von Nicht-Sexualt\u00e4tern mit Sexualt\u00e4tern wichtig sei f\u00fcr die Resozialisierung, auch um die Toleranz gegen\u00fcber Mitmenschen zu testen oder auszubauen. Dabei wird, dies nur nebenbei, verkannt, dass sich unter den Nicht-Sexualt\u00e4tern ein nicht unwesentlicher Anteil von Inhaftierten befindet, der selbst als Kind missbraucht wurde. Diesen abzuverlangen, sich aktiv mit Missbrauchern zu besch\u00e4ftigen, mit diesen gemeinsam zu essen, Spiele zu spielen und vieles mehr, strapaziert deren Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit sich selbst nachhaltig.<\/p>\n<p><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/p>\n<p>Zumindest f\u00fcr die JVA Bruchsal kann festgestellt werden, dass Sexualt\u00e4ter eigentlich fast jeder Couleur dort einsitzen und k\u00f6rperliche \u00dcbergriffe nicht f\u00fcrchten m\u00fcssen. Gelegentlich sind sie psychischem Druck ausgesetzt, der jedoch eher als gering einzusch\u00e4tzen sein d\u00fcrfte, da offene Feindseligkeit eine Ausnahme bleibt. Die Vollzugsanstalt und deren Personal reagiert selbst auf einfache Nachfrage bei Sexualt\u00e4tern nach deren Deliktstruktur nachdr\u00fccklich und k\u00fcndigt einschneidende Ma\u00dfnahmen an, w\u00fcrde man diesen oder jenen Sexualdelinquenten weiter behelligen. Intern m\u00f6gen die meisten Sexualt\u00e4ter in der Tat wenig gelitten sein, mit den Jahren und je nach Pers\u00f6nlichkeitsstruktur gelingt es jedoch durchaus einigen, sich ein vollzugsinternes Beziehungsgeflecht aufzubauen, selbst wenn dieses dann mitunter prim\u00e4r aus anderen Missbrauchern bestehen sollte.<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\/\" target=\"_blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder wird in Zeitungen sowie im Fernsehen behauptet, Sexualverbrecher st\u00fcnden im Gef\u00e4ngnis auf der untersten Stufe der internen Hierarchie. Wie ist es um diese Auffassung in der Realit\u00e4t bestellt? 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