{"id":5080,"date":"2011-09-11T21:06:04","date_gmt":"2011-09-11T19:06:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=5080"},"modified":"2015-01-31T13:03:31","modified_gmt":"2015-01-31T12:03:31","slug":"liao-yiwu-fuer-ein-lied-und-hundert-lieder-%e2%80%93-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/liao-yiwu-fuer-ein-lied-und-hundert-lieder-%e2%80%93-eine-rezension","title":{"rendered":"Liao Yiwu: F\u00fcr ein Lied und hundert Lieder \u2013 eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Liao-Yiwu-F%C3%BCr-ein-Lied-und-hundert-Lieder.jpg\" rel=\"lightbox[5080]\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-5082 alignleft\" title=\"Liao Yiwu: F\u00fcr ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gef\u00e4ngnissen.\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Liao-Yiwu-F%C3%BCr-ein-Lied-und-hundert-Lieder-161x250.jpg\" alt=\"Liao Yiwu: F\u00fcr ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gef\u00e4ngnissen.\" width=\"161\" height=\"250\" \/><\/a><em><span class=\"dropcap\">V<\/span>on der <a href=\"http:\/\/www.strafvollzugsarchiv.de\/index.php?action=archiv_beitrag&amp;thema_id=25&amp;beitrag_id=442&amp;gelesen=442\" target=\"_blank\">Webseite des Strafvollzugarchivs<\/a> \u00fcbernehmen wir eine Buchbesprechung von Johannes Feest.<br \/>\nEr stellt das Buch <strong>F\u00fcr ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gef\u00e4ngnissen.<\/strong> des chinesischen Schriftstellers Liao Yiwu vor, in welchem dieser \u00fcber seine Erfahrung in verschiedenen Kn\u00e4sten in China berichtet.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Liao Yiwu hat eine bemerkenswerte Geschichte zu erz\u00e4hlen. Von einem Lyriker, der zur Zeit des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in ein \u201eGeheul\u201c nach Art von Allan Ginsberg ausbrach. Und dessen Gedichte \u201eMassaker\u201c und \u201eRequiem\u201c von Hand zu Hand in ganz China verbreitet wurden, auch als Ton- und Videodokument. In der Folge wurden er und einige seiner Freunde festgenommen und er verbracht die n\u00e4chsten vier Jahre hinter Gittern. Im Jahre 1994 wurde er entlassen und begann an dem Buch zu schreiben, welches jetzt auf deutsch vorliegt. Das erste Manuskript wurde von der Polizei beschlagnahmt und er musste von vorne anfangen. Unter dem Titel &#8220;Zheng-ci&#8221; (&#8220;Zeugenaussage&#8221;) wurde das Buch schlie\u00dflich im Jahre 2000 in Hongkong ver\u00f6ffentlicht. In China ist das Buch nach wie vor verboten (und in Hongkong ist es vergriffen). Die Ver\u00f6ffentlichung einer deutschen \u00dcbersetzung wurde solange aufgeschoben, bis dem Autor Anfang Juli 2011 die illegale Ausreise nach Deutschland gelang. Weitere B\u00fccher sollen demn\u00e4chst auf Englisch erscheinen (vgl. <a href=\"http:\/\/www.nybooks.com\/blogs\/nyrblog\/2011\/aug\/15\/interview-liao-yiwu\/?utm_medium=email&amp;utm_campaign=NYRblog+August+23+2011&amp;utm_content=NYRblog+August+23+2011+CID_29e9d4eccb6ae4338a709137fa7c601a&amp;utm_source=Email+marketing+software&amp;utm_term=An+Interview+with+Liao+Yiwu\" target=\"_blank\">New York Review of Books<\/a>)<\/p>\n<p>Das Buch von Liao Yiwu ist h\u00f6chst informativ, schockierend und zugleich anr\u00fchrend. Es ist informativ, weil es einem breiten Lesepublikum Einblicke in das chinesische Justiz- und Gef\u00e4ngnissystem bietet. Es ist schockierend, weil vieles, was der Autor aus eigenem Erleben beschreibt, Verh\u00e4ltnisse von kaum glaublicher Primitivit\u00e4t und Brutalit\u00e4t ans Licht bringt. Aber es ist auch anr\u00fchrend, wegen der Darstellung von Menschlichkeit und Zuwendung in einer extrem harten Institution.<\/p>\n<p>Liao Yiwu hat eine Reihe von Gef\u00e4ngnissen kennengelernt: drei Monate lang ein \u201eUntersuchungsgef\u00e4ngnis\u201c, einem bei uns nicht mehr existenten Polizeiknast zum Weichkochen hartgesottener H\u00e4ftlinge. Etwa 18 Monate lang war er dann in einem \u201eGerichtsgef\u00e4ngnis\u201c, in dem die Gefangenen darauf warten, dass die Ermittlungsbeh\u00f6rden sich endlich entschlie\u00dfen Anklage zu erheben. Dann, f\u00fcr den Rest einer vierj\u00e4hrigen Freiheitsstrafe, in einem Gef\u00e4ngnis zur \u201eErziehung durch Arbeit\u201c. In all diesen Gef\u00e4ngnissen sind 20 und mehr Gefangene in ca. 20 qm gro\u00dfen R\u00e4umen untergebracht. Die meisten der Gefangenen schlafen eng gedr\u00e4ngt auf einem Bettofen (Kang) aus Beton. Die gemeinsame Toilette befindet sich in einer Mauernische. Die Gefangenen bekommen t\u00e4glich Rationen von gekochtem Reis und eine Suppe zugeteilt, in der manchmal auch Spuren von Fleisch sind. Nach dem ungeschriebenen Gef\u00e4ngnisgesetz ist nur ein Brief pro Monat gestattet (S. 306). Obwohl vor der Verurteilung eigentlich keine Arbeitspflicht besteht, sind die meisten Gefangenen, im Akkord mit (buchst\u00e4blich) T\u00fctenkleben besch\u00e4ftigt. Die Erziehung durch Arbeit, zu der Liao Yiwu verurteilt wurde, bedeutet 10-st\u00fcndige Zwangsarbeit unter h\u00e4rtesten Bedingungen. Von Arbeitsentgelt ist an keiner Stelle des Buches die Rede.<\/p>\n<p>Kern des chinesischen Gef\u00e4ngnissystems in allen geschilderten Institutionen ist aber \u201edie uralte Tradition, Verbrecher mit Verbrechern zu regieren\u201c (S. 404). Das Personal mischt sich eher selten in das Leben in den Gemeinschaftszellen ein. Dort regieren einzelne \u201eZellenk\u00f6nige\u201c \u00fcber die Mehrheit der ihnen auf Gedeih und Verderb Unterworfenen. Daf\u00fcr steht ihnen ein breites Arsenal an Disziplinierungsmitteln zur Verf\u00fcgung, von der Essensverteilung \u00fcber die Zuteilung von Hygienediensten bis zu brutalen Z\u00fcchtigungen und Vergewaltigungen. Nur wenn diese Mechanismen nicht funktionieren greift das Personal ein, verteilt reihum Schl\u00e4ge mit den Elektrokn\u00fcppeln, verf\u00fcgt extreme Sorten der Fesselung etc. Als Korrektiv f\u00fcr dieses System der \u201eSelbstkontrolle\u201c finden ein bis zweimal im Jahr Kampagnen \u201egegen Knasttyrannen\u201c statt, bei denen man versuchen kann seine Zellenobrigkeit zu denunzieren und auf diese Weise los zu werden.<br \/>\nDas alles ist mehr als 15 Jahre her. Man kann sich fragen, ob es dort heute noch genau so zugeht. Immerhin scheint sich am rechtlichen Rahmen das eine oder andere ge\u00e4ndert zu haben. Aber Institutionen sind (dort wie hier) allemal bestandskr\u00e4ftiger als ihr rechtlicher \u00dcberbau.<br \/>\nJiao Yiwu beschreibt den Alltag im Gef\u00e4ngnis ohne jeden ankl\u00e4gerischen Gestus, mit einem Auge f\u00fcr anschauliche Details. Dabei wird jedoch auch deutlich, dass selbst (und vielleicht gerade) in dieser extremen Zwangssituation ein erstaunliches Ma\u00df an menschlicher Zuwendung stattfindet. Ein Fokus dieser Zuwendung sind die zahlreichen Todeskandidaten, von denen jeder Zelle einige zugewiesen werden. Sie sind an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gefesselt und bed\u00fcrfen daher der Hilfe beim An- und Ausziehen, beim Waschen, Essen etc. Diese Todeskandidaten genie\u00dfen eine Art von angstbesetzter Verehrung und es scheint sich immer jemand zu finden, der ihnen zu Diensten ist und alle zittern mit ihnen dem Tag entgegen, an dem sie zur Hinrichtung abgeholt werden. Anr\u00fchrend sind auch die drei\u00dfig &#8220;Liebeslieder aus dem Gulag&#8221;, die dem Bericht beigef\u00fcgt wurden und die den deutschen Titel ein St\u00fcck weit rechtfertigen.<\/p>\n<p>Aber auch der Autor, der als Intellektueller, als K\u00fcnstler und als politischer Gefangener kaum Seinesgleichen in der jeweiligen Zelle findet, wird mit \u00fcberraschendem Respekt behandelt und genie\u00dft sogar da und dort kleine Privilegien. Er verschafft sich bei den Mitgefangenen Respekt durch den Geist des Widerstandes, den er gegen\u00fcber Verh\u00f6rspersonen und Wachthabenden an den Tag legt und f\u00fcr den er von Zeit zu Zeit harte Strafen erh\u00e4lt. So weigert er sich konsistent sein Handeln als eine Straftat einzusehen und das verlangte Gest\u00e4ndnis abzulegen. Seine Zellengenossen nennen ihn mit einer gewissen Z\u00e4rtlichkeit \u201eKonterrevolution\u201c. Am Ende seiner Strafzeit besteht seine Tragik darin, dass er nahezu alles, was ihm vorher lieb und teuer war, verloren hat: Frau und Tochter haben ihn verlassen und auch viele seiner ehemaligen Freunde und Mitstreiter sind mittlerweile vom Mainstream einer sich rasant ver\u00e4ndernden Gesellschaft erfasst worden.<\/p>\n<p>Immerhin hat ihm der Literaturpreistr\u00e4ger Liu Xiaobo, aus dem Hausarrest, in dem sich dieser befindet, einen wunderbaren Brief geschrieben, der in dem Buch als Vorwort abgedruckt ist. Darin hei\u00dft es: &#8220;Womit man nicht fertig wird, damit wird man niemals fertig, selbst wenn wir eines Tages den Ungl\u00fccklichen Trost spenden k\u00f6nnen sollten, die f\u00fcr unser Land gestorben sind. Aber ich muss Dir noch danken, und deshalb sage ich Dir mit dem letzten Rest an Ehrerbietung, den ich aufbringen kann: &#8216;Ich danke Dir, mein alter glatzk\u00f6pfiger Freund'&#8221;.<\/p>\n<p>P.S. Eine Freundin hat mich auf einen \u00e4lteren Zeugenbericht aus dem chinesischen Strafvollzug aufmerksam gemacht (Dries van Coillie. Der begeisterte Selbstmord. Im Gef\u00e4ngnis unter Mao Tse-tung. Freiburg 1965). Der Autor ist ein belgischer Priester, der seit 1939 in China f\u00fcr die Kongregation vom unbefleckten Herzen Mariens t\u00e4tig war. 1951 wurde er verhaftet, weigerte sich aber zun\u00e4chst, trotz schwerer Misshandlungen, seine Organisation als eine reaktion\u00e4re und imperialistische zu bezeichnen. Auch van Collies Buch enth\u00e4lt eine genaue Beschreibung der Haftbedingungen und diese haben erstaunlich viel mit denen gemeinsam, die Liao Yiwu fast f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter vorfand.<\/p>\n<p><strong>Liao Yiwu: F\u00fcr ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gef\u00e4ngnissen. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. Frankfurt: S. Fischer 2011. 585 Seiten, \u20ac 25,70.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Feest stellt das Buch F\u00fcr ein Lied und hundert Lieder. 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