{"id":5369,"date":"2011-10-13T06:02:49","date_gmt":"2011-10-13T04:02:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=5369"},"modified":"2012-05-02T00:02:51","modified_gmt":"2012-05-01T23:02:51","slug":"thomas-meyer-falk-15-jahre-knast-ein-zwischenbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-15-jahre-knast-ein-zwischenbericht","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: 15 Jahre Knast &#8211; Ein Zwischenbericht"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[5369]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Wie \u00fcberlebt ein Mensch Jahre und Jahrzehnte in einem so k\u00fcnstlichen Umfeld wie dem eines Gef\u00e4ngnisses?<\/p>\n<p>Ich selbst befinde mich erst 15 Jahre in Haft; in einer k\u00fchlen Oktobernacht des Jahres 1996 wurde ich von der Polizei vorl\u00e4ufig festgenommen und in mehreren Strafprozessen zu insgesamt 16 Jahren 9 Monaten und 3 Wochen Freiheitsstrafe mit anschlie\u00dfender Unterbringung in der <a title=\"Thomas Meyer-Falk: Sicherungsverwahrung und kein Ende\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-sicherungsverwahrung-und-kein-ende\" target=\"_blank\">Sicherungsverwahrung<\/a> verurteilt. Nach den ersten Jahren im Vollzug, die ich in Isolationshaft verbrachte, befinde ich mich seit 2007 im Normalvollzug.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDort begegnete ich dann alsbald Mitgefangenen, die schon in Haft sa\u00dfen, als ich noch gar nicht geboren war, weshalb ich auch eingangs davon schrieb, \u201eerst\u201c 15 Jahre inhaftiert zu sein. \u201eIcke\u201c zum Beispiel, von allen so genannt, da er aus Berlin stammt und noch mit merklich berlinerischer F\u00e4rbung spricht: Er wird 2012 sein 50. Jahr hinter Gef\u00e4ngnismauern verbringen \u2013 er ist dann ununterbrochen ein halbes Jahrhundert im Gef\u00e4ngnis. Oder D., er ist \u00fcber 48 Jahre eingesperrt. Kaum zu z\u00e4hlen sind jene, die zwei oder drei Jahrzehnte von diesem Staat in Gefangenschaft gehalten werden.<br \/>\nWenn also in den Medien gerne nach spektakul\u00e4ren Strafverfahren die Rede davon ist, die lebenslange Strafe dauere in Deutschland doch \u201eeh maximal 15 Jahre\u201c, handelt es sich um gezielte Irref\u00fchrung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Selbst Statistiken, die behaupten, durchschnittlich 20-22 Jahre verbringe ein \u201eLebensl\u00e4nglicher\u201c im Gef\u00e4ngnis, untersuchen lediglich die Dauer der Inhaftierung von entlassenen Gefangenen; jene, die dann teils 50 Jahre eingesperrt sind, flie\u00dfen in solche Untersuchungen nicht ein.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberleben bei langj\u00e4hriger Inhaftierung<\/strong><\/p>\n<p>Wie ist es nun bestellt um die unterschiedlichen Strategien zur Bew\u00e4ltigung des Umstandes, teilweise Jahrzehnte der Freiheit beraubt zu werden? Ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit m\u00f6chte ich im Folgenden einige der m\u00f6glichen Verhaltensweisen aufz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><em>a.) \u201eStockholm-Syndrom\u201c<\/em><\/p>\n<p>Hierbei handelt es sich um ein komplexes bei Geiselnahmen zu beobachtendes psychologisches Ph\u00e4nomen, bei welchem Geiseln beginnen sich mit dem oder den Geiselnehmern zu identifizieren, das reicht hin bis zu einem sich Verlieben. Man arbeitet denjenigen, die einen gefangen halten, zu, ordnet sich vollst\u00e4ndig unter. Die eigene Hilflosigkeit ist derart existenzbedrohend, dass es zu einer Identifikation mit dem Aggressor kommt, einzig mit dem Ziel zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Bei Langzeitgefangenen nicht selten zu beobachten, denn auch wenn die Justiz heutzutage nicht (mehr) mit k\u00f6rperlicher Gewalt arbeitet, d.h. sogenannte \u201eRollkommandos\u201c, die unbequeme Gefangene in ihren Zellen maltr\u00e4tieren, sind nahezu unbekannt, sind diese jedoch einem durchaus starken psychologischen Druck ausgesetzt und vollst\u00e4ndig den Bediensteten ausgeliefert. Hieran \u00e4ndert auch ein recht ausgefeiltes Rechtsschutzsystem nichts, zumal die Inanspruchnahme der Gerichte dann auch negativ bewertet wird. Entweder als Querulanz, Aufs\u00e4ssigkeit oder fehlende Bereitschaft \u201eKonflikte im Gespr\u00e4ch\u201c zu kl\u00e4ren (wobei hier verkannt wird, dass angesichts des strukturellen Machtgef\u00e4lles zwischen JVA-Personal einerseits und Inhaftierten andererseits eine gleichberechtigte Gespr\u00e4chsf\u00fchrung letztlich ausgeschlossen ist).<\/p>\n<p>Es gibt dann Inhaftierte, die Mitgefangene beim Personal denunzieren, in der Hoffnung sich so Vorteile im Vollzugsalltag oder im Hinblick auf Beurteilungen f\u00fcr eine Haftentlassung zu verschaffen. Die denjenigen, die sie wegschlie\u00dfen, Kaffee kochen und die Tasse an den Schreibtisch bringen.<\/p>\n<p><em>b.) Hospitalisierung\/ Prisonisierung<\/em><\/p>\n<p>Hier ist eine nahezu vollst\u00e4ndige Unselbstst\u00e4ndigkeit zu beobachten. In einem System, welches darauf baut, Gefangenen alles detailliert vorzuschreiben (und Verst\u00f6\u00dfe entsprechend zu ahnden), kommt es zur Regression, d.h. Menschen fallen zur\u00fcck in ein Stadium, wie es zuletzt in der fr\u00fchen Kindheit zu beobachten war, als sich die Eltern um alles und jegliches k\u00fcmmerten und das Kind rundum versorgt haben. Man bleibt ganz automatisch und ohne nachzudenken vor einer geschlossenen T\u00fcre stehen, selbst wenn diese sich am Ende als nur angelehnt erweisen sollte. Da in einem Gef\u00e4ngnis fast alle T\u00fcren verschlossen sind, tritt die F\u00e4higkeit T\u00fcren selbst zu \u00f6ffnen, wenn sie nicht verlorengeht, doch alsbald in den Hintergrund.<br \/>\nSelbstst\u00e4ndig kochen, W\u00e4sche waschen, eine Steckdose wechseln, selbst eine Klobrille auszutauschen, alles wird einem abgenommen. Gegessen wird in den wenigsten F\u00e4llen in Gemeinschaft oder von Tellern. Meist sitzen die Gefangenen alleine in der Zelle vor einem Napf.<br \/>\nWer sich nicht aktiv um Au\u00dfenkontakte bem\u00fcht, verlernt Briefe zu schreiben. Der Alltag wird eher passiv durchgestanden als aktiv gestaltet, denn ein Knast ist kein Ort f\u00fcr spontane Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Was die Vorschriftenflut zur Regelung des Lebens Gefangener betrifft, m\u00f6chte ich diese exemplarisch an der Hausordnung des Leitenden Regierungsdirektors Thomas M\u00fcller (zu seiner Person vgl. <a title=\"Thomas Meyer-Falk: Ein Knastchef hat Gedanken und Einf\u00e4lle\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-ein-knastchef-hat-gedanken-und-einfaelle\" target=\"_blank\">1<\/a>; <a title=\"Thomas Meyer-Falk: Boehse Onkelz hoff\u00e4hig im Knast?\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-boehse-onkelz-hoffaehig-im-knast\" target=\"_blank\">2<\/a>), Chef der JVA Bruchsal kurz andeuten.<\/p>\n<p>In der Hausordnung wird angedroht: wer \u201eschuldhaft gegen diese Hausordnung (\u2026) verst\u00f6\u00dft, kann (mit) Disziplinarma\u00dfnahmen\u201c belegt werden. Schon zur Tageseinteilung wird sodann angeordnet: \u201e(\u2026) beim Wecken aufstehen, sich waschen, sich ankleiden, den Haftraum l\u00fcften und aufr\u00e4umen. Fr\u00fchst\u00fcck: 6.30 \u2013 6.46 Uhr, Vesperpause: 9.00 \u2013 9.15 Uhr, Mittagessen: 11.55 \u2013 12.30 Uhr. Abendessenausgabe: 16.30 Uhr. Die Mahlzeiten werden in den Haftr\u00e4umen eingenommen (\u2026). Bei der Essenausgabe m\u00fcssen Sie sich in ordentlicher Kleidung in Ihrem Haftraum aufhalten\u201c.<\/p>\n<p>Wer unter diesem Diktat, das sich \u00fcber viele Seiten hinzieht, Jahre und Jahrzehnte leben muss, kann sich seelisch nicht wirklich positiv entwickeln. Die Versuchung ist gro\u00df, sich in das Netz des \u201eVersorgt-werdens\u201c fallen zu lassen. Dazu tr\u00e4gt sicherlich auch manche Eitelkeit des Personals bei, das n\u00e4mlich eigenst\u00e4ndige Probleml\u00f6sungen nicht immer goutiert. Wer seine Schuldensituation selbstst\u00e4ndig und ohne Inanspruchnahme der Ressourcen der JVA regelt, wer Konflikte zwischen Mitgefangenen \u201eintern\u201c l\u00f6st, ohne das Personal einzuschalten, kann durchaus negative Reaktionen seitens der Anstalt erfahren, weil es sich \u00fcbergangen f\u00fchlt.<\/p>\n<p><em>c.) \u201eSpielsucht\u201c \/ Fernsehsucht\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn ich hier den Begriff der Sucht unpr\u00e4zise verwende, so findet man doch unter Langzeitgefangenen nicht wenige, die entweder ihre gesamte Freizeit damit verbringen, Spiele auf der Spielekonsole zu \u201ezocken\u201c oder die Tag wie Nacht vor dem Fernseher sitzen und die fiktiven Welten von \u201eGute Zeiten, Schlechte Zeiten\u201c (RTL) und \u00e4hnliche Sendeformate als Ersatz f\u00fcr zwischenmenschliche Kommunikation im Haftalltag w\u00e4hlen.<\/p>\n<p><em>d.) Klageflut<\/em><\/p>\n<p>Nicht so oft zu beobachten, aber nicht g\u00e4nzlich unbekannt, sind Langstrafer\/innen, die die unweigerlich bestehenden Konflikte mit der Justiz dadurch zu l\u00f6sen versuchen, indem sie sich ausgiebig schriftlich beschweren oder vor Gericht ziehen und gegen Ma\u00dfnahmen der Anstalten klagen. Gerade weil, wie oben angedeutet, das Leben so detailliert geregelt wird, hat die Anstalt es in der Hand, Gefangene zu drangsalieren mit kleinlichen Entscheidungen. Da, wie ebenfalls schon erw\u00e4hnt, das Rechtsschutzsystem sehr ausgefeilt ist, kann dies von kundigen InsassInnen dazu genutzt werden, in einer Weise \u201ezur\u00fcckzuschlagen\u201c, die zumindest nach einigen Jahren dann doch Spuren hinterl\u00e4sst. Weil solche Verfahren viele Jahre dauern k\u00f6nnen, fehlt manchen die Geduld diesen Weg zu gehen, das notwendige rechtliche Wissen oder die M\u00f6glichkeit sich entsprechend schriftlich auszudr\u00fccken, oder die Kraft; was erkl\u00e4ren mag, dass es eher Wenige sind, die dieses Interaktionsmuster w\u00e4hlen.<br \/>\nDabei gen\u00fcgten schon drei, vier kundige Gefangene, um eine Anstaltsleitung \u201elahmzulegen\u201c.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von der Berechtigung der Klagen und Beschwerden stehen jedoch im Regelfall hinter solchen Klagefluten ungel\u00f6ste Konflikte zwischen den Gefangenen und dem Personal! Aber auch wirklich widerfahrenes Unrecht und das Bed\u00fcrfnis dieses nicht zu akzeptieren, wie auch der Wille Widerstand zu leisten. An letzterem mangelt es in den weiter oben beschriebenen F\u00e4llen von Stockholm-Syndrom etc. Dort wird dann echtes oder vermutetes Unrecht passiv hingenommen.<\/p>\n<p><em>e.) K\u00f6rperliche und\/oder verbale Aggression<\/em><\/p>\n<p>Der fr\u00fcher als \u201eZuchthausknall\u201c bezeichnete Aus- oder Durchbruch von Aggression bildet die absolute Ausnahme; dazu mag sicherlich die M\u00f6glichkeit der Ablenkung durch TV oder \u00e4hnliches beitragen. Aber es gibt sie, die verbal aggressiv gegen\u00fcber Gefangenen und Beamten reagieren oder t\u00e4tlich werden. Hier wird dann mit der Anordnung von Einzelhaft, auch weiterer Ma\u00dfnahmen, wie Fesselung bei Bewegung au\u00dferhalb der Zelle, oder im Falle von Psychosen mit Medikamenten seitens der Justiz geantwortet.<\/p>\n<p>Vieles von dem, was ich eben beschrieben habe, begegnet einem im Vollzugsalltag nicht in kristalliner Reinform, sondern es gibt \u00dcberschneidungen zwischen verschiedenen der genannten Verhaltensweisen. Hinzu kommt noch der Konsum von Drogen (meist Haschisch, seltener \u201eharte\u201c Drogen) in einigen F\u00e4llen als Bew\u00e4ltigungsstrategie f\u00fcr die als hoffnungslos empfundene Lebenslage.<\/p>\n<p><strong>Kritische Bewertung der \u00dcberlebensstrategien<\/strong><\/p>\n<p>Es handelt sich, wie gesagt, nicht um eine abschlie\u00dfende Aufz\u00e4hlung von Strategien mit der Haftsituation zurechtzukommen, aber ihnen allen ist gemein, dass sie als Reaktion auf ein krank machendes Umfeld entstehen. Seit es Gef\u00e4ngnisse gibt, existiert die Kritik an diesen; und in Deutschland ist seit einigen Jahren eine im Wachsen befindliche Anti-Knast-Szene zu beobachten.<\/p>\n<p>Niemand pl\u00e4diert daf\u00fcr, bestimmtes Verhalten passiv hinzunehmen, so wie die Idee des politischen Anarchismus nicht bedeutet, raubend und mordend durch die Welt zu ziehen (wiewohl die Presse gerne solches behauptet). Verantwortliches Handeln bedeutet auch, auf inakzeptables Verhalten eine Reaktion zu zeigen; dass diese Reaktion jedoch zwangsl\u00e4ufig Knast, zumal \u00fcber Jahrzehnte, hei\u00dfen muss, ist keineswegs denknotwendig.<\/p>\n<p>Mir geht es nicht darum, die Betroffenen als Opfer darzustellen, dies w\u00fcrde bedeuten ihnen eine passive Rolle zuzuweisen. Sie \u2013 die Gefangenen \u2013 reagieren mit dem ihnen zur Verf\u00fcgung stehenden Repertoire an Verhaltensm\u00f6glichkeiten auf eine pathologische Situation. Denn es ist krankmachend, Menschen in kleine Zellen zu stecken und dort dann f\u00fcr ein halbes oder ein ganzes Menschenleben verschwinden zu lassen. Hieran \u00e4ndert auch der in Deutschland laut Bundesverfassungsgericht geforderte \u201eResozialisierungsvollzug\u201c nichts. In Bruchsal, um ein Beispiel zu nennen, hat die ausdr\u00fccklich so genannte \u201eBehandlungsabteilung\u201c keine 30 Pl\u00e4tze. Insgesamt leben aber in der Anstalt \u00fcber 400 Gefangene. Sprich f\u00fcr weniger als 10% der Insassen werden Behandlungspl\u00e4tze vorgehalten, in anderen Gef\u00e4ngnissen sieht es nicht besser aus.<\/p>\n<p>Immer wieder gibt es vereinzelte Protestaktionen, z.B. in Form von Hungerstreiks, Demonstrationen vor Gef\u00e4ngnissen, und die sich verst\u00e4rkt herausbildende Anti-Knast-Szene.<\/p>\n<p>Insofern besteht Hoffnung. Hoffnung, es wird einmal eine Gesellschaft geben, die nicht mehr jene, die gefehlt haben, in Kn\u00e4ste abschiebt und damit Konflikte ausblendet und wegschiebt, anstatt sie zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Wo bleiben die Opfer der Inhaftierten?<\/strong><\/p>\n<p>Immer mal wieder bekommen Anti-Knast-AktivistInnen den Vorwurf zu h\u00f6ren oder zu lesen, sie w\u00fcrden die Opfer der T\u00e4ter ausblenden, all die Toten, die an Leib und Seele Verst\u00fcmmelten und Verletzten.<\/p>\n<p>Was m\u00f6chte man da entgegnen? Vielleicht, dass es zu tiefst unzivilisiert ist, Verst\u00fcmmelung und Verletzung mit Verst\u00fcmmelung und Verletzung zu beantworten!? Es ist wahr, jemand, der einen Menschen get\u00f6tet hat, hat Unwiderrufliches getan; nichts kann das heilen \u2013 aber jemanden \u00fcber 20, 30, 40, 50 Jahre und l\u00e4nger einzusperren, heilt auch nichts.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte auch antworten, dass Menschen bei uns f\u00fcr Delikte weggeschlossen werden, \u00fcber Jahre und Jahrzehnte, die keine Opfer im engen Sinne haben: ich denke an jene, die z.B. Haschisch verkaufen. Nach wie vor k\u00f6nnen solche Menschen mit der Sicherungsverwahrung bestraft werden (und werden dies auch, z.B. Herr G., der in Bruchsal einsitzt). Oder Einbrecher und Diebe, hier gibt es dann selbstredend die Opfer, aber auch hier sa\u00dfen nicht wenige der T\u00e4ter dann 10, 15, 20 Jahre in Haft, auch in Sicherungsverwahrung (letzteres ist erst seit dem 01.01.2011 abgeschafft).<\/p>\n<p>Zugegebenerma\u00dfen, die Mehrzahl derjenigen Inhaftierten, von denen ich berichte, hat teils schwere Gewalt-, T\u00f6tungs- oder Sexualverbrechen begangen (<a title=\"Thomas Meyer-Falk: Sexualt\u00e4ter im Knast\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-sexualtaeter-im-knast\" target=\"_blank\">zum Umgang mit Sexualt\u00e4tern in der JVA Bruchsal<\/a>); deren Opfer w\u00fcrden mutma\u00dflich wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr meine Argumentation aufbringen.<\/p>\n<p>Jedoch, ich schreibe aus Sicht eines Inhaftierten, der also besonders diese Seite kennenlernt. Der auch sieht, dass die Taten, die geschehen sind, immer in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext stehen. Was nicht entschuldigen, sondern erkl\u00e4ren und somit die Chance er\u00f6ffnen soll, durch Umgestaltung der Gesellschaft \u00e4hnliche Taten k\u00fcnftig vermeiden zu helfen.<br \/>\nDas ist aus Sicht der Opfer und ihrer Angeh\u00f6rigen, FreundInnen und Bekannten auf den ersten Blick unbefriedigend, vielleicht schmerzhaft, aber es gibt auch jene, die gesch\u00e4digt wurden und die an einem Ausgleich mit T\u00e4terInnen interessiert sind. Angeh\u00f6rige, die selbst im Angesicht von T\u00f6tungsdelikten an Vers\u00f6hnung und Auss\u00f6hnung glauben; davon beredtes Zeugnis geben beispielsweise die Wahrheitskommissionen S\u00fcdafrikas.<\/p>\n<p><strong>Schluss \u2013 meine eigene Situation<\/strong><\/p>\n<p>Mich selbst erwartet ab Sommer 2013 die Sicherungsverwahrung, und die SV ist nicht abgeschafft, obwohl dies gelegentlich in den Medien \u2013 f\u00e4lschlicherweise \u2013 behauptet wurde. Bundesverfassungsgericht und Europ\u00e4ischer Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte billigen ausdr\u00fccklich die SV als Instrumentarium des Strafrechts, bem\u00e4ngeln \u2013 lediglich \u2013 die Ausgestaltung des Vollzugs der Sicherungsverwahrung.<\/p>\n<p>Im Verlaufe der Jahre haben sich bei mir bestimmt manche Marotten eingeschlichen, die ich in Freiheit wahrscheinlich nicht entwickelt h\u00e4tte, aber nichts, das nicht wieder behebbar w\u00e4re.<\/p>\n<p>Hoffnung und Optimismus habe ich zu keinem Zeitpunkt verloren; ebenso nicht den Glauben daran, wieder in Freiheit (oder das, was der Staat noch an \u201eFreiheit\u201c \u00fcbrig l\u00e4sst) zur\u00fcckzukehren, selbst, wenn ich mittelfristig nicht damit rechnen kann, <a title=\"Thomas Meyer-Falk: Freiheit oder Sicherheitsverwahrung\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-freiheit-oder-sicherheitsverwahrung\" target=\"_blank\">aus der Haft entlassen zu werden<\/a>.<\/p>\n<p>Aber es ist keineswegs mein Verdienst, Hoffnung und Zuversicht nicht verloren zu haben. Zu verdanken habe ich dies einem Netz von FreundInnen und GenossInnen. Ohne sie w\u00e4re vielleicht auch ich schon in einer gewissen Passivit\u00e4t verlorengegangen. Der Kontakt jedoch, ob per Brief oder die in Bruchsal m\u00f6glichen zwei Besuche (pro Monat) helfen mir viel.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem w\u00e4re ich im buchst\u00e4blichen Sinne stumm, w\u00fcrde es nicht jene FreundInnen geben, die meine Texte abtippen und via Internet verbreiten. Denn nach wie vor habe ich weder einen PC, geschweige denn Zugang zum Internet.<\/p>\n<p>Eine Stimme verleiht aktuell Texten und Gedichten, die ich geschrieben habe, der Wuppertaler Schauspieler und Vorleser Uwe Neubauer. In verschiedensten St\u00e4dten h\u00e4lt er Lesungen aus meinem Buch (\u201eNachrichten aus dem Strafvollzug\u201c, <a href=\"http:\/\/www.blaulicht-verlag.com\" target=\"_blank\">www.blaulicht-verlag.com<\/a>).<\/p>\n<p>Aber gleichfalls von Bedeutung ist die Lekt\u00fcre von Zeitungen und Zeitschriften, sei es durch Freiabonnements solidarischer Verlage oder durch Finanzierung des Vereins <a href=\"http:\/\/www.freiabos.de\" target=\"_blank\">Freiabos f\u00fcr Gefangene<\/a> in Berlin.<\/p>\n<p>Und erst recht die solidarische Begleitung und Unterst\u00fctzung durch Organisationen wie die <a href=\"http:\/\/www.rote-hilfe.de\" target=\"_blank\">Rote Hilfe e.V.<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\" target=\"_blank\">Anarchist Black Cross<\/a>. All das gibt t\u00e4glich Ansporn; genauso wie der rege Briefkontakt zu Mitgefangenen im In- und Ausland, wie zu FreundInnen und GenossInnen in Frankreich, Gro\u00dfbritannien, Australien, USA und anderen Staaten.<\/p>\n<p>Das ist ein ganzes Netz von Kontakten und Verbindungen, f\u00fcr das ich ungemein dankbar bin, denn es hilft, zu \u00fcberleben, den Geist wach zu halten. Es zeigt, ich bin nicht alleine oder vergessen; hier geht es mir sehr viel besser als viel zu vielen meiner Mitgefangenen. Wer sich vergessen f\u00fchlt, der verliert Hoffnung.<\/p>\n<p>Und darum geht es doch: Hoffnung haben.<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\/\" target=\"_blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie \u00fcberlebt ein Mensch Jahre und Jahrzehnte in einem so k\u00fcnstlichen Umfeld wie dem eines Gef\u00e4ngnisses? 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