{"id":5517,"date":"2011-11-06T02:34:41","date_gmt":"2011-11-06T00:34:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=5517"},"modified":"2011-11-06T20:18:42","modified_gmt":"2011-11-06T19:18:42","slug":"%ef%bb%bfbrief-von-tobias-vom-17-10-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/%ef%bb%bfbrief-von-tobias-vom-17-10-2011","title":{"rendered":"\ufeffBrief von Tobias vom 17.10.2011"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/jva-moabit-berlin.jpg\" rel=\"lightbox[5517]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-858\" title=\"JVA Moabit Berlin\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/jva-moabit-berlin-225x250.jpg\" alt=\"JVA Moabit Berlin\" width=\"135\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/jva-moabit-berlin-225x250.jpg 225w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/jva-moabit-berlin-541x600.jpg 541w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/jva-moabit-berlin.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 135px) 100vw, 135px\" \/><\/a><em>Seit dem 24. September sitzt <a title=\"Solidarit\u00e4t mit Tobias, inhaftiert in Berlin\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/solidaritaet-mit-tobias-inhaftiert-in-berlin\" target=\"_blank\">unser Freund und Genosse Tobias<\/a> hinter den grauen Mauern des Knastes in Berlin-Moabit. Auf der <a href=\"http:\/\/freiheitfuertobias.blogsport.de\/\" target=\"_blank\">Webseite des Solizusammenhangs<\/a> wurde jetzt ein Brief vom ihm ver\u00f6ffentlicht, den wir hier \u00fcbernehmen.<\/em><\/p>\n<p>Heute bin ich mitten in der Nacht aufgewacht und brauchte kurze Zeit um mich zu orientieren. Da ich keine Brille auf hatte, sch\u00e4tzte ich, ob es schon kurz vor der \u201eLebendkontrolle\u201c war. Nichts, alles Still. Nun gut. Es n\u00fctzt ja nichts, ich brauch doch die Brille und muss N24 anschalten um zu schauen wie sp\u00e4t es ist. Das deutsche Heer \u00fcberf\u00e4llt gerade Polen und ein Zeitzeuge, irgend eine Landser erz\u00e4hlt in Guido Knopp-Manier seine Eindr\u00fccke vom Hochstemmen des Schlagbaumes. Ich frag mich wieder, wo diese Leute immer aufgetrieben werden, gibt es da eine Art Meldestelle?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nUnd wo muss ich mich melden um meinen Anspruch auf Interviewzeit zu reservieren f\u00fcr die Jahrzehnte 1995 \u2013 2050. Es ist 4:35 Uhr, zu fr\u00fch zum Aufstehen, aber genau die Zeit um im Tiefschlaf zu sein, wenn die Zelle aufgeht und die erste Amtshandlung eines deutschen* H\u00e4ftlings darin besteht, erstens gef\u00e4lligst zu leben und dann den M\u00fcll in einen Rollwagen zu entleeren. Wahlweise wenn der Mensch Bed\u00fcrfnisse hat, kann er einen sogenannten Vormelder mit dem Wunsch oder einer Bitte dem Schl\u00fcsselmeister geben. Das alles setzt voraus, dass du lebst und wach bist. Ersteres wird vorausgesetzt, sonst h\u00e4ttest du das am Vortag auf einen Vormelder vermerken m\u00fcssen. Zweiteres setzt eben voraus, dass die innere Uhr funktioniert. Den beim Verschlafen verlierst du b\u00fcrokratisch gesehen einen kompletten Werktag. Na was solls, denke ich mir, es ist Montag und ich bleibe wach. Da ich den \u00dcberfall auf Polen schon kenne, entscheide ich, mich auf DMAX zu informieren wie New Yorker Yuppie Rocker Maschinen pimpen und sich dabei anbr\u00fcllen. Und schon schlafe ich wieder ein.<\/p>\n<p>Ich bekomm gerade noch meine Hose an, als ich h\u00f6re, wie der Schl\u00fcssel in mein Zellenschloss rammt, f\u00fcr Socken und Schuhe keine Zeit. Ich spring auf, schnappe mir den M\u00fclleimer und renn auf den Gang, kipp den M\u00fcll bestehend aus Saftpackungen, alten Zeitungen und der Wurstpelle von gestern Abend in den Rollwagen. Geschoben wird dieser von jemand, der dieses Amt in der Hierarchie der JVA inne hat und zusammen mit der Pelle auf das Niveau vom W\u00e4rter kommt. Deshalb erstaunt es mich auch nicht als er mich kommentiert mit: \u201eNicht ohne Schuhe die Zelle verlassen\u201c. Durch diese Impfung der Hausregeln, kann sich der Schlie\u00dfer ganz auf Schl\u00fcssel und das Entgegennehmen meiner Post und Vormelder konzentrieren. Schnell noch die B\u00fccher auf den Gang legen und die T\u00fcr ist wieder zu. Die folgenden 20 Minuten bis zum Fr\u00fchst\u00fcck besch\u00e4ftige ich mich mit Waschen und dem Schauen der Fr\u00fchst\u00fccksnachrichten.<\/p>\n<p>Die weltpolitische Lage rei\u00dft mich heute nicht aus dem Stuhl, als ich die vier Wei\u00dfbrotscheiben zubereite, die mir der Staat Abends in die Zelle reichte. Dann schon eher die t\u00e4gliche Sauerei beim Umf\u00fcllen der Sch\u00fcssel Kr\u00e4utertee in die Kanne, wieso der Tee nicht direkt in die Kanne gef\u00fcllt wird \u2013 traut sich hier niemand zu fragen.<\/p>\n<p>Revolution\u00e4res Umdenken der Abl\u00e4ufe k\u00f6nnte schnell als ketzerisches Freidenken in der psychologischen Akte landen. So wische ich wie immer das Waschbecken bevor ich mein Brot esse. Cherno Jobatai vom Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen ist heute eine Frohnatur, denn er unterbricht den Wettermann in dem er einen Zettel mit der Aufschrift \u201eDu bist Doof, wie auch das Wetter\u201c unbemerkt auf die Wetterkarte pint. Ich bin hellwach und beschlie\u00dfe irgendwas Produktives zu machen und beginn meinen Schreibtisch aufzur\u00e4umen. Ich sortiere in Stapeln Vormelder, Briefpapier, Umschl\u00e4ge, Marken und Papiere. Briefe und Karten, die ich schon beantwortet habe, wandern in den Schrank. Wo ich dabei bin schreibe ich in einem Anfall sechs Briefe bis mir die Hand weh tut und ich feststelle, dass es bereits 10 Uhr ist. Die T\u00fcr \u00f6ffnet sich und es w\u00e4re Zeit f\u00fcr Hofgang. Wie immer in der letzten Zeit verneine ich und mittlerweile wei\u00df ich sogar eine Antwort darauf. Es gibt in Gef\u00e4ngnissen die Angewohnheit der Gruppenbildung. Das passiert von ganz alleine. In die erste wirst du eingeteilt ohne dein Zutun. Das f\u00e4ngt an bei deiner Muttersprache an. Ich wurde erstmal in die Schublade Deutscher gesteckt. Da ich weder M\u00f6rder noch Kindersch\u00e4nder zu sein schien, entschloss Mensch sich an mich ranzutasten und Belangloses zu palavern. Offensichtlich war ich aber auch kein Dieb, denn ich hatte den Anzug vom LKA in Einheitsgr\u00fcn an, als ich hier ankam und so kam die Standard-Knasti-Frage: \u201eWarum bistn hier?\u201c und schon war ich in der n\u00e4chsten Schublade drin.<\/p>\n<p>Offensichtlich war ich also von den Antifas. Was schei\u00df egal ist, denn damit bist du in der Hackordnung in der Sparte \u201eHat Leute drau\u00dfen und vielleicht drinnen\u201c. Und schon bist du in der n\u00e4chsten drin: \u201eHat bestimmt was zum rauchen, spricht nicht \u00fcber seinen Vorwurf, scheint gar nicht so schei\u00dfe zu sein\u201c.<\/p>\n<p>Nach fast einem Monat nervt mich dieser ganze Schei\u00df schon geh\u00f6rig. Beim Umschluss auf dem Gang und den Zellen ist das alles f\u00fcr jemanden wie mich, der auch auf andere zugeht, kein Problem. Auf dem Hof kommt dann aber noch ne riesige Portion Show und Hahnenkampf dazu. Ich fahr bis jetzt gut mit dem wie es ist und warum mir k\u00fcnstlich das Leben schwer machen?<\/p>\n<p>Wieder geht die T\u00fcr auf und zwei kr\u00e4ftige Hy\u00e4nen betreten den Raum, in den H\u00e4nden meinen Einkauf. \u201eEy Alter mach mal das Fenster auf\u201c. Es gibt nur zwei Zust\u00e4nde in meinen vier W\u00e4nden: Kalt und Luft oder Hei\u00df wie im Heizraum. Ich bekomm von der Hitze Kopfschmerzen, aber das Einschlafen bei offenem Fenster bringt sofort zwei Tage Erk\u00e4ltung mit sich. Wie Mensch es dreht und wendet, eine H\u00f6hle l\u00e4sst sich beschissen bewohnen, denn \u00fcber die T\u00fcr habe ich keine Gewalt. Die dritte Person ist der Schliesser im Raum und zu viert bekommst du unweigerlich den Drang einem von den Dreien zu schubsen oder unvermittelt aufs Maul zu hauen. Routiniert verlesen Sie die Liste und vergleichen Sie mit dem mitgebrachten. Nach einer Unterschrift bin ich allein mit dem Einkauf auf dem Bett und verstaue Ihn unsichtbar im Schrank. Auf Storys \u201eWenn du duschst, durchsuchen wir mal deine Zelle\u201c habe ich keinen Bock. Wie in der \u00fcbrigen Gesellschaft entsteht hier noch verst\u00e4rkter Neid. Wovon ich aber eigentlich ausgenommen bin, da es bei mir oft Tabak gibt f\u00fcr ne Kippe und ich nicht in die \u201eArschloch-Fraktion\u201c geh\u00f6re. Siehe Kapitel Hackordnung. Es gibt sie aber. Nur in einen Spie\u00dfrutenlauf misch ich mich nicht ein, auch wenn es extrem Schei\u00dfe ist, sowas live zu sehen. Das Mittag besteht aus Nudelsuppe, sie ist identisch mit dem H\u00fchnernudeleintopf aus der Dose, beim Fleisch kann ich die Tierart vom Geschmack und der Konsistenz nicht bestimmen, aber Mittag ist extrem wichtig, ist es doch die warme Mahlzeit am Tag. Der Speiseplan wechselt w\u00f6chentlich, zwei Konstanten konnte ich bereits ausmachen. Mittwoch Fisch, Samstag Suppe. Insofern muss heute etwas nicht stimmen, denn der Plan sagt Nudeln mit So\u00dfe, nichts von Suppe. Ich bin im \u00fcbrigen laut meiner T\u00fcr \u201eWei\u00dfbrot\u201c. An jeder Zelle gibt es Schildchen: Moslem, Wei\u00dfbrot, Doppelt, Kein Fleisch. Au\u00dferdem Hausarbeiter und das Schild \u201e1 Mann\u201c. F\u00fcr Belustigung sorgt auf dem Gang auch ein Schild mit \u201eToilette Frauen \u2013 nur f\u00fcr Gefangene\u201c. Ich denke es stammt noch aus der Zeit als es hier noch einen Frauenblock gab.<\/p>\n<p>Nach dem Mittag bekam ich Post und erfuhr, dass ich die Woche wohl noch Besuch bekomme. Was meine Wochenplanung schon mal erweitert. Das ist wichtig, denn ich bin dazu \u00fcbergegangen mich nur bei Besuch und Anwalt zu rasieren. Ein Bart wird trotzdem nicht mein Ding, auch wenn ich mit Vollbart beim Prozess f\u00fcr Verwirrung sorgen k\u00f6nnte. Seit heute bekomm ich auch die TAZ und mir f\u00e4llt sofort auf, dass im Vergleich zu Tagesspiegel und Morgenpost gleich mehr Hintergrund in den Tag dringt. Ich habe also die n\u00e4chsten Stunden damit verbracht den Inhalt der Zeitung aufzusaugen. Gerade beim Lesen gabs unerwartet Besuch vom Anwalt. Also Akte geschnappt und rein ins Anwaltszimmer. Komischerweise ist mir aufgefallen, dass ich zur Begr\u00fc\u00dfung immer frage \u201eWie gehts dir?\u201c und somit der Frage immer zuvorkomme. Es ist nat\u00fcrlich ein Riesen Unterschied jemand aus dem Umfeld zu sehen und irgendwie sind die Besuche wie eine Schleuse in die Au\u00dfenwelt, als treffe man sich auf diplomatisch neutralem Boden zwischen zwei Welten. Die nachfolgende Stunde las ich in meiner Akte und musste aufgrund der B\u00fcrokratie ab und zu schmunzeln, sogenannter Galgenhumor bleibt nicht aus.<\/p>\n<p>Umschluss ist, wer es nicht kennt, wieder eine eigene Welt. Die K\u00e4fige gehen auf und ein paar Minuten passiert gar nix. Dann kommen langsam aber sicher die Leute raus. Ein Teil rennt sofort in die Dusche, ein Teil ins B\u00fcro, der Rest sucht seine Gruppe zusammen, geht in eine Zelle oder wandert hin und her, auf und ab. Mein kleines Gr\u00fcppchen besteht aus Menschen, die Lust haben sich einmal am Tag halbwegs anspruchsvoll zu unterhalten. Wir kommentieren die Tagespolitik, das Verhalten der Schlie\u00dfer und was uns noch so einf\u00e4llt. Irgendwie werden meine Partner oft abgeschoben. Einer ist wieder frei und der andere hat bald Prozess. Es gibt eine unausgesprochene feste Regel bei allem: Die Inhalte bleiben in den Mauern der JVA. Trotzdem stimmt das mit der Schule. Wir sind ein Zwangskollektiv auf Bildungsreise. Nichtsdestotrotz geht der Gro\u00dfteil aber eher auf Hamstertour und vermeidet das tiefere Gespr\u00e4ch. Ich habe trotzdem den Eindruck, dass die Lebensl\u00e4ufe hier alle extrem spannend sind, ganze B\u00fcchereien f\u00fcllen k\u00f6nnten. In gewisser Weise tun Sie das auch, nur unzug\u00e4nglich bei der Berliner Staatsanwaltschaft.<\/p>\n<p>Den Rest des Tages verbringe ich mit Fernsehen und Lesen. Bis mir der Einfall kam, euch mal einen Tag aufzuschreiben. Wenn Ihr Lust habt, gibt es mehr davon, nur muss ich erst wieder manche Vorg\u00e4nge hier genau unter die Lupe nehmen. Ich hoffe Ihr schmei\u00dft meine Briefe nicht weg, denn was auch auff\u00e4llt ist, dass kaum jemand hier den Alltag notiert. Vielleicht fass ich den ganzen M\u00fcll mal zusammen und stell Ihn in einen Ordner im Infoladen und Jahre sp\u00e4ter lacht der ein oder andere nochmal dr\u00fcber. Hoffentlich verpenn ich morgen nicht, aber der Ablauf ist der gleiche.<\/p>\n<p>Aus dem Gymnasium f\u00fcr angewandte Kriminalit\u00e4t<\/p>\n<p>Poge.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem 24. September sitzt unser Freund und Genosse Tobias hinter den grauen Mauern des Knastes in Berlin-Moabit. Auf der Webseite des Solizusammenhangs wurde jetzt ein Brief vom ihm ver\u00f6ffentlicht, den wir hier \u00fcbernehmen. 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