{"id":5548,"date":"2011-11-08T17:52:04","date_gmt":"2011-11-08T16:52:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=5548"},"modified":"2011-11-08T22:57:25","modified_gmt":"2011-11-08T21:57:25","slug":"thomas-meyer-falk-knast-und-statistik-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-knast-und-statistik-2011","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Knast und Statistik 2011"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[5548]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Das <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/\" target=\"_blank\">Statistische Bundesamt<\/a> mit Sitz in Wiesbaden gibt mehr oder minder regelm\u00e4\u00dfig umfangreiche Statistiken zu ganz unterschiedlichen Lebensbereichen in Deutschland heraus; so auch f\u00fcr den gro\u00dfen Bereich der \u201eRechtspflege\u201c und hierunter eingeordnet Zahlen zu und \u00fcber Gefangene in der BRD.<\/p>\n<p><em>A.) Bestand der Gefangenen am Stichtag 31. M\u00e4rz 2011<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr tats\u00e4chlich inhaftierte 71.200 Gefangene und Sicherungsverwahrte standen insgesamt 77.669 Haftpl\u00e4tze zur Verf\u00fcgung. <!--more-->Zieht man von den knapp 71.000 jene ab, welche in Untersuchungshaft gehalten werden, also noch nicht verurteilt sind und auf ihren Prozess warten (10.864), so verbleiben 58.568 Strafgefangene und Sicherungsverwahrte, sowie 1.768 in \u201esonstiger Freiheitsentziehung\u201c (z.B. Beugehaft, Erzwingungshaft) befindliche Personen.<br \/>\nHier ist nun bemerkenswert die Entwicklung der Zahl der Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten im Verlauf der Jahre. Nach einem Hoch im Jahr 2007, als 64.700 gez\u00e4hlt wurden und 2010 immerhin noch 60.693, ist die Zahl weiter moderat zur\u00fcckgegangen.<\/p>\n<p><em>B.) Bestand der Sicherungsverwahrten am Stichtag 31. M\u00e4rz 2011<\/em><\/p>\n<p>Betrachtet man freilich die Zahl der Verwahrten (<a title=\"Thomas Meyer-Falk: Sicherungsverwahrung und kein Ende\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-sicherungsverwahrung-und-kein-ende\" target=\"_blank\">was ist Sicherungsverwahrung?<\/a>), so wurden 487 gez\u00e4hlt, was zwar einen R\u00fcckgang im Vergleich zu 2010 bedeutet, als noch 536 in Verwahrung gehalten wurden, jedoch ist sie nach wie vor dramatisch hoch im Vergleich zu 1995 (183 Verwahrte) oder auch zu 2000 (219 Verwahrte).<\/p>\n<p><em>C.) Offener Vollzug am Stichtag 31. M\u00e4rz 2011<\/em><\/p>\n<p>Wiewohl Gefangene eigentlich im Offenen Vollzug unterzubringen sind, soweit keine \u201eFlucht- oder Mi\u00dfbrauchsgefahr\u201c, sprich die Begehung neuer Straftaten zu erwarten ist, sa\u00dfen in den insgesamt 15 Anstalten des Offenen Vollzugs, die es in Deutschland gibt (zum Vergleich: Es gibt 156 Anstalten des \u201eGeschlossenen Vollzugs\u201c), nur 9.503 Inhaftierte, die so die Chance bekamen, durch eine Arbeit in Freiheit und regelm\u00e4\u00dfiges Verlassen der Anstalt ihre Wiedereingliederung voran zu treiben. Im Offenen Vollzug k\u00f6nnen in der Regel die Gefangenen tags\u00fcber die JVA verlassen, um in Freiheit zu arbeiten und sind nur nachts und an den Wochenenden im Gef\u00e4ngnis.<br \/>\nSchaut man die Zahl der Sicherungsverwahrten, welche im Offenen Vollzug untergebracht sind an, so waren von den insgesamt 487 Verwahrten lediglich 9 im Offenen Vollzug!<\/p>\n<p><em>D.) Dauer der Haftstrafen<\/em><\/p>\n<p>Betrachten wir die Dauer der Freiheitsstrafen seit 1965, so stellen wir fest, dass kontinuierlich immer h\u00f6here und l\u00e4ngere Strafen ausgesprochen werden, zumindest soweit es sich an den tats\u00e4chlich in Haft sitzenden Menschen ablesen l\u00e4sst. Sa\u00dfen 1965 nur 966 Menschen eine lebenslange Strafe ab, so waren es 2010 schon 2.048. Aber auch bei Strafen von bis einschlie\u00dflich 9 Monaten Dauer stieg bspw. die Zahl der Gefangenen von 14.238 (im Jahr 1995) auf 19.959 (im Jahr 2010).<br \/>\nNicht anders verh\u00e4lt es sich bei den Strafen, die zwischen dieser Spannbreite (9 Monate und \u201eLebenslang\u201c) liegen.<\/p>\n<p><em>E.) Entlassung \u201eauf Bew\u00e4hrung\u201c<\/em><\/p>\n<p>Hier l\u00e4sst die Statistik des Bundesamtes nur Aussagen f\u00fcr den Monat M\u00e4rz 2011 zu, in wie weit eine Hochrechnung auf das Gesamtjahr zul\u00e4ssig ist, muss dahin gestellt bleiben. Insgesamt 1.283 Inhaftierte wurden \u201eauf Bew\u00e4hrung\u201c, also vor Vollverb\u00fc\u00dfung der Strafe entlassen. Dem stehen jedoch 4.853 Entlassungen nach Vollverb\u00fc\u00dfung gegen\u00fcber; sprich, lediglich 20,9 % der Entlassenen wurden vor Haftende frei gelassen. Dies deckt sich mit den Erfahrungen, die eine Vielzahl von Inhaftierten tagt\u00e4glich machen (m\u00fcssen).<\/p>\n<p><em>F.) Frauen in Haft<\/em><\/p>\n<p>Alle bisher genannten Zahlen bezogen sich auf die Gesamtheit der Gefangenen, also M\u00e4nner und Frauen. Jedoch differenziert das Statistische Bundesamt in seinen Ver\u00f6ffentlichungen auch zwischen den Geschlechtern.<br \/>\nSo waren am 31. M\u00e4rz 2011 von den 71.200 Inhaftierten 3.949 (d.h. 5,55 %) Frauen, in Sicherungsverwahrung sa\u00dfen davon 3 (dies entspricht einem Anteil von 0,62 % an der Gesamtzahl von Sicherungsverwahrten von 487).<br \/>\nIm Offenen Vollzug sa\u00dfen 601 Frauen (6,32 % der dort einsitzenden Gefangenen). Betrachtet man M\u00e4nner und Frauen im Vergleich, so haben letztere eine minimal gr\u00f6\u00dfere Chance, im Offenen Vollzug untergebracht zu werden als M\u00e4nner (15,22 % der Frauen und 13,24 % der M\u00e4nner waren in dieser Vollzugsform registriert).<br \/>\nHinsichtlich einer Freilassung auf Bew\u00e4hrung wiederum scheinen die M\u00e4nner leicht vorne zu liegen, da der Anteil \u201evorzeitig\u201c aus der Haft entlassener Frauen bei 18,93 % (110 Frauen bei insgesamt 581 Freilassungen) geringer ist, als der der M\u00e4nner, 21,12 % (1.173 M\u00e4nner bei 5.555 Freilassungen).<\/p>\n<p><em>G.) Regionale Unterschiede<\/em><\/p>\n<p>Je nach Bundesland besteht eine h\u00f6here oder eben geringere Wahrscheinlichkeit, im \u201eOffenen Vollzug\u201c untergebracht zu werden. Wobei sich die Unterschiede kaum mit einer signifikanten Abweichung in der gemutma\u00dften \u201eGef\u00e4hrlichkeit\u201c der jeweiligen Insassinnen und Insassen erkl\u00e4ren lassen d\u00fcrfte.<br \/>\nNRW bringt immerhin 26 % seiner Strafgefangenen im Offenen Vollzug unter, Berlin sogar \u00fcber 30 %; in Baden-W\u00fcrttemberg sind es dann schon lediglich knapp 16 %, in Bayern \u2013 wenige wird das \u00fcberraschen \u2013 nur 6,9 %. Auch Hessen spielt in der \u201eBayern-Liga\u201c, mit einer Quote von 9,6 %.<br \/>\nWer in Sicherungsverwahrung sitzt, scheint gut daran zu tun, nach Baden-W\u00fcrttemberg zu kommen, denn dort sitzen 5 der bundesweit 9 im Offenen Vollzug (die \u00fcbrigen 4 verteilen sich; zwei in Rheinland-Pfalz und zwei in Niedersachsen); wobei keine der drei weiblichen Sicherungsverwahrten in den Genuss dieser Unterbringungsform kommt.<br \/>\nNicht anders die Verteilung, wenn man sich anschaut, wie es um die Haftentlassung bestellt ist. Bei 6.136 Haftentlassungen im M\u00e4rz 2011 bundesweit (Vollverb\u00fc\u00dfung und \u201eBew\u00e4hrungsfreilassung\u201c zusammen), entfielen knapp 20 % der Vollverb\u00fc\u00dfungs-Entlassungen auf NRW, 11 % auf Bayern und 6,3 % auf Baden-W\u00fcrttemberg, sowie 5,7 % auf Sachsen. Man muss selbstverst\u00e4ndlich ber\u00fccksichtigen, dass ein gro\u00dfes Bundesland wie NRW wesentlich mehr Gefangene hat als zum Beispiel Sachsen. Setzt man die jeweiligen Entlassungszahlen in Beziehung zur Durchschnittsbelegung eines Bundeslandes, so wurden im M\u00e4rz 2011 in Baden-W\u00fcrttemberg 5,2 % nach Vollverb\u00fc\u00dfung entlassen und 3,2 % \u201evorzeitig\u201c auf Bew\u00e4hrung. In Bayern 5,8 % Vollverb\u00fc\u00dfung und nur 1,9 % \u201evorzeitig\u201c.<br \/>\nBerlin wiederum verzeichnet eine Vollverb\u00fc\u00dferquote von 10,3 % und eine Bew\u00e4hrungsquote von 1,1 %. Gemessen an der Durchschnittsbelegung m\u00fcssen also Gefangene in Berlin doppelt so h\u00e4ufig damit rechnen, bis zum letzten Tag einzusitzen als in Baden-W\u00fcrttemberg. Wer in NRW sitzt, hat eine gleichfalls geringere Wahrscheinlichkeit, auf Bew\u00e4hrung entlassen zu werden als im Vergleich zu Baden-W\u00fcrttemberg, denn nur 1,5 % der NRW-Gefangenen wurden \u201evorzeitig\u201c entlassen.<\/p>\n<p><em>H.) Unterbringung in der Psychiatrie<\/em><\/p>\n<p>Noch ein abschlie\u00dfendes Wort zu den Zahlen in der forensischen Psychiatrie (\u00a7 63 StGB wegen Schuldunf\u00e4higkeit oder verminderter Schuldf\u00e4higkeit; \u00a7 64 StGB in einer Entziehungsanstalt bei Suchtthematik). Die Zahl der dort Untergebrachten ist im Jahr 2010 auf einem H\u00f6chststand von 9.590 Personen (darunter 668 Frauen) angelangt. Anfang der 90er Jahre betrug die Anzahl der dort eingewiesenen Menschen nur 3.649 (f\u00fcr 1990) und Ende der 90er 5.495 (darunter 268 Frauen). Auch deshalb protestieren regelm\u00e4\u00dfig Psychiater und deren Fachverb\u00e4nde gegen die immer mehr ansteigende Zahl von Einweisungen in die Psychiatrie seitens der Strafgerichte. Selbst Rentner findet man in der Forensik. F\u00fcr 2010 teilt das Statistische Bundesamt 108 Personen mit, die nach \u00a7 63 StGB einsitzen (davon 3 Frauen) und 70 Jahre oder \u00e4lter sind. Bezieht man die 60j\u00e4hrigen und \u00e4lteren ein, so sind es schon 304 Untergebrachte (davon 27 Frauen).<\/p>\n<p><em>I.) Zusammenfassung<\/em><\/p>\n<p>Trotz sinkender Gesamtzahl der Inhaftierten steigt die jeweils zu verb\u00fc\u00dfende Haftdauer; ferner gibt es erhebliche regionale Unterschied, was die Form der Unterbringung (Offener vs. Geschlossener Vollzug), aber auch der Chance, \u201evorzeitig\u201c aus der Haft entlassen zu werden. Hier macht sich dann besonders deutlich, welchen Einfluss die jeweilige Landesregierung auf die Vollzugsgestaltung, aber auch auf die Auswahl der Richterinnen und Richter, die \u00fcber eine Entlassung auf Bew\u00e4hrung zu entscheiden haben, nimmt. Es h\u00e4ngt also keineswegs ausschlie\u00dflich vom Verhalten und der \u201eMitwirkungsbereitschaft\u201c der jeweiligen Inhaftierten ab, wo sie einsitzen (im geschlossenen oder offenen Vollzug) und wie lange, sondern auch und gerade in welchem Bundesland.<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\/\" target=\"_blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Statistische Bundesamt mit Sitz in Wiesbaden gibt mehr oder minder regelm\u00e4\u00dfig umfangreiche Statistiken zu ganz unterschiedlichen Lebensbereichen in Deutschland heraus; so auch f\u00fcr den gro\u00dfen Bereich der \u201eRechtspflege\u201c und hierunter eingeordnet Zahlen zu und \u00fcber Gefangene in der&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[36,9],"tags":[702,123,58,14,106],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5548"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5548"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5548\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5550,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5548\/revisions\/5550"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5548"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5548"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5548"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}