{"id":58,"date":"2009-01-14T19:02:25","date_gmt":"2009-01-14T17:02:25","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.abc-berlin.net\/?p=58"},"modified":"2009-04-26T14:06:42","modified_gmt":"2009-04-26T12:06:42","slug":"verhaftungen-in-frankreich-selber-terror","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/verhaftungen-in-frankreich-selber-terror","title":{"rendered":"Verhaftungen in Frankreich &#8211; Selber Terror!"},"content":{"rendered":"<p><em>Dies ist die \u00fcberarbeitete und aktualisierte Version eines Textes von uns, welcher im stressfaktor (monatliches Heft mit Terminen von selbstorganisierten Veranstaltungen in Berlin) vom Januar 2009 erschienen ist.<\/em><\/p>\n<p>ABC Berlin<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAm 11. November 2008 f\u00fchrte die franz\u00f6sische Polizei eine der gr\u00f6\u00dften Razzien der letzten Jahre in Frankreich durch. Dabei durchsuchte sie mehrere Geb\u00e4ude und Wohnungen in Paris, Rouen, Limoges, Metz und Tarnac. Zehn Personen wurden verhaftet, eine Person &#8211; die Mutter einer Beschuldigten &#8211; wurde nach drei Tagen ohne Anzeige wieder freigelassen. Die \u00fcbrigen neun werden inzwischen beschuldigt Mitglieder einer terroristischen Vereinigung zu sein, f\u00fcnf von ihnen wird zus\u00e4tzlich \u201egemeinschaftliche Sachbesch\u00e4digung mit terroristischem Ziel\u201c vorgeworfen.<br \/>\nDie Ermittler_innen beziehen sich hierbei auf Sabotageaktionen mit Hakenkrallen auf das Hochgeschwindigkeitszugnetz der SNCF im Vorfeld des Castortransportes im November 2008. Wie der Presse zu entnehmen war gab es in Frankreich und Deutschland koordinierte Sabotageaktionen gegen den Castortransport und die Bahn aufgrund ihrer tragenden Rolle als Transport(netz)anbieterin, wozu nun auch eine gemeinsame Erkl\u00e4rung aufgetaucht ist. Angesichts des massiven \u00f6ffentlichen Drucks mussten vier der Beschuldigten aus Mangel an Beweisen jedoch \u201efreigelassen\u201c werden und befinden sich seitdem unter richterlicher Aufsicht. Am 3. Dezember folgten ihnen zumindest drei weitere Beschuldigte nach einer Verhandlung vor dem Appellationsgericht.<br \/>\nSomit befinden sich noch zwei Leute im Knast. Einer davon, Julien, wird als \u201eAnf\u00fchrer einer terroristischen Zelle\u201c bezeichnet &#8211; ihm drohen somit bis zu 20 Jahre Haft, den anderen bis zu 10 Jahre.<br \/>\nHinweise auf die verd\u00e4chtige Gruppe wurden vom FBI gegeben, nachdem zwei der Genoss_innen die Aufmerksamkeit der dortigen Beh\u00f6rde auf sich zogen als sie sich in Amerika an politischen Protesten beteiligten. Dem folgte eine umfangreiche \u00dcberwachung ab Fr\u00fchling letzten Jahres. Wir fragen uns diesbez\u00fcglich nur nebenbei, wieso den Ermittlungsbeh\u00f6rden, nachdem sie so viel an uns herumgeforscht haben, noch nicht klar ist, dass Anarchist_innen keiner\/keinem Chef_in folgen? Die Verhaftungen sind Teil einer gro\u00dfen Kampagne, die in Frankreich gegen die sog. \u201eAnarcho-Autonomen\u201d seit mindestens einem Jahr stattfindet: Anfang 2008 wurden mehrere Genoss_innen aufgrund l\u00e4cherlicher Vorw\u00fcrfe eingeknastet und es gab einen gro\u00dfen Aufschrei seitens des repressiven Apparats um die gef\u00e4hrlichen \u201eAnarcho-Autonomen\u201d als neue terroristische Gefahr aus dem \u201eInneren\u201c zu diffamieren und dies neben dem immer pr\u00e4senten \u201eislamistischen Terrorismus\u201d. Somit soll auch dieses neue Konstrukt die Anwendung weiterer repressiver Gesetze rechtfertigen. Wir m\u00f6chten hier auch daran erinnern, dass Bruno, der sich damals unter strenger richterlicher Aufsicht befand, seit mehreren Monaten auf der Flucht ist. (Seine Briefe wie auch Beitr\u00e4ge \u00fcber die Repressionswelle in Frankreich findet ihr in \u00e4lteren Ausgaben der Entfesselt.) Dort wie auch hier in Deutschland werden Leute, die es als notwendig erachten, sich gegen die allt\u00e4glichen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen und die Umst\u00e4nde hierf\u00fcr anzugreifen auf verschiedene Art und Weise als Terrorist_innen diskreditiert, um die immer abgestumpftere \u00f6ffentliche Meinung zu beeinflussen und uns alle als Gefahr f\u00fcr die gesamte Bev\u00f6lkerung darzustellen.<br \/>\nUns ist die Dringlichkeit dabei klar, Gegen\u00f6ffentlichkeit hierf\u00fcr schaffen zu m\u00fcssen um den staatlichen\/ manipulativen Diskurs zu kippen. Denn wie schon oft gesagt: Die wahren Terrorist_innen sitzen in Justizgeb\u00e4uden, Polizeiwachen, Regierungen und \u00e4hnlichen Einrichtungen. Es handelt sich keines Falls um die gesamte Bev\u00f6lkerung, die von Widerstandsaktionen getroffen wird, sondern diejenigen, die diese kapitalistische Gesellschaft vorantreiben und die Infrastruktur, die sie daf\u00fcr geschaffen haben. Presse und Polizei sprechen von engen Verbindungen zwischen Franz\u00f6s_innen und anderen Genoss_innen in Europa, vor allem in Deutschland. Was die Beh\u00f6rden als die Entdeckung des Feuers darstellen, sehen wir als ewigen Bestandteil autonomer und anarchistischer Bewegung. Es ist kein Geheimnis, dass wir keine Grenzen anerkennen und unsere Freundschaften, Affinit\u00e4ten und Lieben keinen staatlichen Grenzen unterziehen, denn schon vor dem sog. Globalisierungsprozess wussten wir, dass unsere Bewegung eine internationale\/antinationale ist und dabei unser Kampf gegen das System der gleiche ist. Freundschaften und Affinit\u00e4ten zu kriminalisieren wurde schon vor Jahren in Italien durch das Konstrukt des \u201emediterranen Dreiecks\u201d (Italien, Spanien und Griechenland) erprobt. In Italien und Spanien gab es schwere Schl\u00e4ge gegen die dortige anarchistische Bewegung, die immer noch andauern. Ein solches Konstrukt wird nun auch in andere L\u00e4nder exportiert: Frankreich und Deutschland als n\u00e4chste Kandidat_innen?<br \/>\nDeshalb fordern wir alle auf, auch dementsprechend zu handeln um unsere uneingeschr\u00e4nkte Solidarit\u00e4t mit den franz\u00f6sischen Genoss_innen zu zeigen.<\/p>\n<p> Genauso f\u00fcr all jene, die sich gegen Staat und Kapital tagt\u00e4glich zur Wehr setzen. Und damit meinen wir nicht nur die, die von dem letzten Repressionsschlag betroffen wurden, sondern alle. Denn, wie auch in dem Text aus \u201eCette Semaine\u201c beschrieben wurde (in dieser Entfesselt zu finden), sind wir nicht gl\u00fccklich dar\u00fcber, dass die Kampagne ihre Aufmerksamkeit nur den \u201eTarnac 9\u201d schenkt: denn andere Genoss_innen und Rebell_innen werden von \u00e4hnlichen Ma\u00dfnahmen stark getroffen, bei den Stellungnahmen der Soligruppen aber fast komplett ignoriert. Wir d\u00fcrfen sie nicht vergessen, wenn wir jetzt unsere Solidarit\u00e4t organisieren. Wir d\u00fcrfen auch nicht wirklich vergessen, dass wir als Anarchist_innen manchmal etwas konsequenter sein sollten: mensch kann nicht erst das Medienspektakel beschimpfen, um dann mit ihnen zu kooperieren, wenn mensch sie \u201ebraucht\u201d&#8230;.<br \/>\nWir m\u00f6chten auch keine \u201enetten\u201d Bilder von uns verkaufen, um die \u00d6ffentlichkeit zu ber\u00fchren, dass wir doch nur \u201enormale\u201d Menschen seien und dadurch der Risiko eingehen, eine Distanzierung von denjenigen, die an diesem Diskurs nicht teilnehmen wollen, zu schaffen. Selbstverst\u00e4ndlich sind wir \u201enormal\u201d in dem Sinne, dass wir wie jede Person, die etwas Salz und Wut im Kopf hat, unserer Unzufriedenheit mit dem System Ausdruck verleihen. Diese \u201eNormalit\u00e4t\u201d wird aber mehr und mehr als \u201eabnormal\u201d beschrieben. Wir d\u00fcrfen uns nicht auf das Niveau derjenigen, die wir bek\u00e4mpfen, herablassen. Wir sind Arbeiter_innen, Student_innen, Subversive, Unzufriedene, Kriminelle, Arbeitslose, Ausgebeutete, B\u00e4uer_innen, Aufst\u00e4ndische und vieles mehr. Wir passen auf keinen Fall in die Kategorien rein, die uns Medien und Staat aufdr\u00fccken wollen.<br \/>\nUnd wir d\u00fcrfen uns von ihrer Taktik der Spaltung und staatlicher Repression nicht einsch\u00fcchtern lassen: sich zur Wehr setzen gegen den allt\u00e4glichen Mist braucht in unseren Augen keine Rechtfertigung. Au\u00dferdem ist uns egal, ob unsere Genoss_innen (und allen anderen) \u201eunschuldig\u201c oder \u201eschuldig\u201c sind, denn wenn die ersten unsere Solidarit\u00e4t brauchen und verdienen, dann die zweiten um so mehr!<\/p>\n<p>Hier gibt es mehr Infos rund um die Verhaftungen in Frankreich:<br \/>\nwww.tarnac9.noblogs.org (deutsch)<br \/>\nwww.tarnac9.wordpress.com (englisch)<br \/>\nwww.abc-berlin.net<\/p>\n<p><strong>Schreibt Julien und Yldun, die im Knast sitzen, schafft Momente der Solidarit\u00e4t f\u00fcr alle&#8230;..<\/strong><\/p>\n<p><em>Yildune Levy N\u00b0 369 772<br \/>\nMaison d\u2019arret des femmes<br \/>\n6, avenue des Peupliers<br \/>\nF-91700 Fleury M\u00e9rogis<br \/>\nFrance<\/p>\n<p>Julien Coupat<br \/>\nN\u00b0 d\u2018\u00e9crou 290173<br \/>\n42 rue de la sant\u00e9<br \/>\n75014 Paris<br \/>\nFrance <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist die \u00fcberarbeitete und aktualisierte Version eines Textes von uns, welcher im stressfaktor (monatliches Heft mit Terminen von selbstorganisierten Veranstaltungen in Berlin) vom Januar 2009 erschienen ist. 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