{"id":5808,"date":"2011-12-05T17:57:04","date_gmt":"2011-12-05T16:57:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=5808"},"modified":"2011-12-05T17:57:04","modified_gmt":"2011-12-05T16:57:04","slug":"brief-an-die-anarchistische-galaxie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/brief-an-die-anarchistische-galaxie","title":{"rendered":"Brief an die anarchistische Galaxie"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Brief-an-die-anarchistische-Galaxie-cover.jpg\" rel=\"lightbox[5808]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright size-medium wp-image-5811\" title=\"Brief an die anarchistische Galaxie - cover\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Brief-an-die-anarchistische-Galaxie-cover-177x250.jpg\" alt=\"Brief an die anarchistische Galaxie - cover\" width=\"124\" height=\"175\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Brief-an-die-anarchistische-Galaxie-cover-177x250.jpg 177w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Brief-an-die-anarchistische-Galaxie-cover.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 124px) 100vw, 124px\" \/><\/a><em>Am 20. November 2011 erschienen, zirkuliert dieser Brief auch auf Italienisch, Franz\u00f6sisch und Englisch. Er dringt in eine Debatte ein, die im deutschsprachigen Raum etwas weniger als in gewissen anderen L\u00e4ndern, aber dennoch sp\u00fcrbar anwesend ist. Ausserdem vertieft er durch die Kritik einige Ideen bez\u00fcglich Informalit\u00e4t und aufst\u00e4ndischen Perspektiven\u2026<br \/>\nDer Brief befindet sich als <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Brief-an-die-anarchistische-Galaxie.pdf\" target=\"_blank\">ausdruckbare Broch\u00fcre<\/a> im Anhang.<\/em><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Brief an die anarchistische Galaxie<\/h3>\n<p>Ohne Einladung, dringen wir mit diesem Brief in eine Debatte ein, die nicht die unsere ist. Eine Debatte, die nie die unsere sein wird, da sie sich auf einem Terrain abspielt, das uns f\u00fcr die Suche nach aufst\u00e4ndischen Perspektiven und damit einhergehenden anarchistischen Ideen und Aktivit\u00e4ten unfruchtbar scheint. Aber wieso dann, k\u00f6nnte man sich fragen, einen solchen Brief verfassen? <!--more-->Weil es nichts gibt, das unsere Herzen mehr erw\u00e4rmt, als die befreiende und zerst\u00f6rende Revolte, als der Kampf f\u00fcr die Subversion des Bestehenden; weil wir uns weiterhin immer in allen Gef\u00e4hrten wiedererkennen werden, die, angetrieben von einem Verlangen nach Freiheit, zum Angriff auf die Strukturen und Menschen der Herrschaft \u00fcbergehen; weil wir der Kraft des individuellen Willens, der Suche nach Koh\u00e4renz und dem Mut, der trotz allem das Feuer an die Lunte zu legen versucht, einen unendlich grossen Wert beimessen. Betrachtet diese Bemerkungen also nicht als einen vergeblichen Versuch, gef\u00e4llig zu sein; sie sind ehrlich, ebenso wie unsere Besorgnis angesichts der willentlichen Verst\u00fcmmelung des anarchistischen Kampffeldes.<br \/>\nLasst uns kein Blatt vor den Mund nehmen: die zerst\u00f6rerische Intervention der Anarchisten braucht es mehr denn je, und mehr denn je ist heute der Moment, unsere K\u00e4mpfe zu intensivieren, uns auf die Suche nach M\u00f6glichkeiten und Hypothesen zu machen, die die Revolte ausweiten, den Aufstand m\u00f6glich machen und somit die M\u00f6glichkeit vorantreiben k\u00f6nnten, diese Welt umzuw\u00e4lzen. Doch dieser Bedarf und dieser Antrieb entheben uns nicht der Notwendigkeit, \u00fcber das Was, Wo, Wann, Wie und Wieso nachzudenken.<\/p>\n<p>Kommen wir gleich auf den Punkt: welche Beweggr\u00fcnde treiben Anarchisten dazu an (wohl bemerkt, dass sie bei den Autorit\u00e4ren unschwer zu erkennen sind), ihre Aktionen systematisch zu bekennen und sie mit mittlerweile global gewordenen Sigeln zu unterzeichnen? Was macht sie glauben, die schwierige Frage der Perspektiven durch ein ins Internet gestelltes oder den Medien zugeschicktes Bekennerschreiben l\u00f6sen zu k\u00f6nnen? Was treibt sie dazu an, zu glauben, dass sich heute auf einen solchen Weg zu begeben mit einer tiefen Form von Koh\u00e4renz zwischen Denken und Handeln, zwischen Ideen und Praktiken verbunden sei, w\u00e4hrend es sich dabei vielmehr um eine illusorische Aufl\u00f6sung der permanenten Spannung zwischen Theorie und Praxis handelt, jener Spannung, die da sein m\u00fcsste und die die antreibende Kraft hinter dem anarchistischen Kampf ist?<\/p>\n<p>Diese Manie, die lawinenartig anzuwachsen scheint, l\u00e4uft schnell Gefahr, die anderen Akte der Revolte in den Schatten zu stellen. Nicht nur die Akte der Anarchisten, die mit Freude ohne die bittere Pille auskommen und \u00fcber die Bekennerschreiben stets entt\u00e4uscht sind, sondern auch und vielleicht vor allem allgemeiner das ganze Panorama von Rebellionen und sozialer Konfliktualit\u00e4t. Dies ist einer der \u201eGr\u00fcnde\u201c, die uns antrieben, diesen Text zu verfassen. Wir haben es satt, die Tatsache hinzunehmen und immer \u00f6fters feststellen zu m\u00fcssen, dass das anarchistische Kampffeld, jenes des Angriffs, der Sabotage und der Enteignung mit einem Kennzeichen und, als solches, mit einer politischen Repr\u00e4sentation gleichgesetzt wird; wir haben genug davon, zu sehen, wie sich die Horizonte f\u00e4lschlicherweise auf zwei Entscheidungen beschr\u00e4nken, die einander scheinbar gegen\u00fcberstehen: entweder man entscheidet sich f\u00fcr den \u201elieben\u201c Anarchismus und rennt den Vollversammlungen, den sozialen Bewegungen und den Basisgewerkschaften hinterher, oder man w\u00e4hlt den \u201eb\u00f6sen\u201c Anarchismus und ist somit freundlich gebeten, seine Beitr\u00e4ge zum sozialen Krieg mit einem Siegel zu versehen \u2013 und falls nicht, werden es andere an unserer Stelle tun.<\/p>\n<p>Denn auch wir gehen zum Angriff \u00fcber. Auch wir ziehen los, um die Maschinerie des Kapitals und der Autorit\u00e4t zu sabotieren. Auch wir entscheiden uns t\u00e4glich, keine Bettlerposition zu akzeptieren und die notwendige Enteignung nicht zu vertagen. Nur denken wir, dass unsere Aktivit\u00e4ten schlicht Teil einer breiteren sozialen Konfliktualit\u00e4t ausmachen, einer Konfliktualit\u00e4t, die weder Bekennerschreiben noch Sigel braucht. Nur denken wir, dass ein Akt nur einem jeden geh\u00f6ren kann, wenn er anonym ist. Nur denken wir, dass den Angriffsaktionen einen Stempel aufzudr\u00fccken, sie vom sozialen Feld ins politische Feld katapultiert, ins Feld der Repr\u00e4sentation, der Delegation, der Trennung zwischen Akteuren und Zuschauern. Und, wie es in solchen Debatten schon oft wiederholt wurde, gen\u00fcgt es nicht, die Zur\u00fcckweisung der Politik zu proklamieren, damit es auch wirklich so ist. Die Zur\u00fcckweisung der Politik findet sich unter anderem in der Koh\u00e4renz zwischen Mitteln und Zwecken, und es gibt kein politischeres Instrument als das Bekennerschreiben, so wie es auch die Mitgliederkarte, das Programm und die Grundsatzerkl\u00e4rung sind.<\/p>\n<p>Wir sehen ausserdem auch, wie eine Verwirrung um sich greift, die wir einmal mehr unterstreichen und bek\u00e4mpfen wollen. Denn es dreht uns den Magen um, weiterhin die Bedeutungen zu akzeptieren, die gegenw\u00e4rtig gewissen Konzepten wie beispielsweise der Informalit\u00e4t gegeben werden. Die Entscheidung f\u00fcr eine informelle und autonome anarchistische Bewegung bedeutet die Zur\u00fcckweisung von starren Strukturen, von formellen Organisationen, von zentralisierenden und vereinheitlichenden F\u00f6derationen; also auch von sich wiederholenden Markenzeichen, wenn nicht von jeglichen Markenzeichen. Es ist die Weigerung, Programme aufzustellen, es ist die Verbannung aller politischen Mittel; und somit auch der programmatischen Bekennerschreiben, egal ob sie sich nun selbst digital als formell oder eher als \u201einformell\u201c definieren. Im positiven Sinne ist die Informalit\u00e4t f\u00fcr uns ein grenzenloses und unbeschr\u00e4nktes Archipel aus autonomen Gruppen und autonomen Individuen, die die auf Affinit\u00e4t und gegenseitiger Kenntnis basierenden Verbindungen unter sich verfestigen und auf diesen Grundlagen entscheiden, gemeinsame Projekte zu realisieren. Es ist die Entscheidung f\u00fcr kleine Affinit\u00e4tskreise, die aus ihrer Autonomie, ihrer Perspektive und ihren Aktionsmethoden die Grundlage machen, um Verbindungen mit anderen aufzubauen. Die informelle Organisation hat also nichts mit F\u00f6derationen, Akronymen und Siegeln zu tun. Aber was treibt dann einige Gef\u00e4hrten dazu an, nicht nur von Informalit\u00e4t, sonder auch von \u201eInsurrektionalismus\u201c zu sprechen? Auf die Gefahr hin, das breite Panorama von Ideen, Analysen, Hypothesen und Vorschl\u00e4gen zu schm\u00e4lern, k\u00f6nnte man den \u201eInsurrektionalismus\u201c als die Gesamtheit der Methoden und Perspektiven definieren, die ausgehend von einem kompromisslosen Anarchismus versuchen, zu \u201eaufst\u00e4ndischen Situationen\u201c beizutragen. Das Arsenal an Methoden, \u00fcber die die Anarchisten verf\u00fcgen ist enorm. Es ist wichtig, zu verstehen, dass der Gebrauch von gewissen Methoden (Agitation, Angriff, organisatiorische Vorschl\u00e4ge, etc.) an und f\u00fcr sich sehr wenig bedeutet: erst in einer \u00fcberlegten und sich in Entwicklung befindlichen Projektualit\u00e4t erhalten sie ihre Bedeutung im Kampf. Ein Geb\u00e4ude des Staates niederzubrennen ist immer etwas gutes, doch an sich bedeutet es nicht, dass das in einer aufst\u00e4ndischen Perspektive steht. Und dies gilt noch weniger, wenn die Angriffe mit einer einhergehenden Glaubensbekenntnis gegen zentrale und medienwirksame Ziele gerichtet sind. Es ist kein Zufall, wenn in den verschiedenen Momenten von aufst\u00e4ndischen Projektualit\u00e4ten der Nachdruck vor allem auf anspruchslose, reproduzierbare und anonyme Angriffe gegen die eher peripheren Strukturen und Menschen der Herrschaft oder auf die Notwendigkeit der gezielten Sabotage von Infrastrukturen gelegt wurde, Sabotage, die \u00fcberhaupt kein mediales Echo braucht, um ihr Ziel zu erreichen, wie beispielsweise die Lahmlegung der Transport-, Daten oder Energiefl\u00fcsse der Macht.<\/p>\n<p>Es scheint uns, dass sich hinter der gegenw\u00e4rtigen Bekennerschreibenmanie nicht allzu viele Perspektiven verbergen \u2013 oder zumindest f\u00e4llt es uns schwer, sie zu erkennen. Im Grunde scheint es, und damit beabsichtigen wir in keinster Weise der ehrlichen und mutigen Rebellion dieser Gef\u00e4hrten irgendetwas abzusprechen, dass es vor allem die Anerkennung ist, die gesucht wird. Eine Anerkennung von Seiten des Feindes, der seine Liste der terroristischen Organisationen schnell erg\u00e4nzen wird, ist oft der Anfang vom Ende: der Feind macht sich also daran, einen Teil der breiteren Konfliktualit\u00e4t zu isolieren. Eine Isolierung, die nicht nur ein Vorzeichen der Repression ist (das w\u00e4re noch das geringste, schliesslich ist die Repression immer pr\u00e4sent \u2013 es liegt uns fern, dar\u00fcber zu jammern, dass die Macht die Aktivit\u00e4ten der Anarchisten verfolgt), sondern vor allem, und dies ist der wichtigste Aspekt, die beste Art ist, um eine potenzielle Ansteckung zu verhindern. Im aktuellen Stadium des Gesellschaftsk\u00f6rpers, der krank und faulend ist, kann sich die Macht nichts besseres W\u00fcnschen als ein gut erkennbares und konturiertes Messer, das hier und da etwas einzuschneiden versucht, doch es gibt nichts, dass sie mehr f\u00fcrchtet, als ein Virus, der Gefahr l\u00e4uft, den ganzen K\u00f6rper auf unbegreifliche und folglich unkontrollierbare Weise anzustecken. Oder vielleicht irren wir uns ja und es geht um eine Anerkennung von Seiten der Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen? Aber sind nicht eben wir, die Anarchisten, Feinde jeglicher Form von Delegation, von erleuchteten Beispielen, die oft nichts anderes tun, als die eigene Resignation zu legitimieren? Gewiss k\u00f6nnen unsere Praktiken ansteckend sein, unsere Ideen \u00fcbrigens noch viel mehr, aber nur, wenn wir die Verantwortung zu handeln auf jedes einzelne Individuum separat legen; wenn wir die Resignation als eine individuelle Entscheidung entlarven. Wir k\u00f6nnen die Herzen entflammen, gewiss, aber wenn sie nicht \u00fcber den Sauerstoff einer eigenen \u00dcberzeugung verf\u00fcgen, werden sie schnell ersticken und, im \u201ebesten\u201c Falle, folgt daraus etwas Applaus f\u00fcr die werdenden M\u00e4rtyrer. Gerade jetzt, da sich die politische Vermittlung (Parteien, Gewerkschaften, Reformismus) St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ersch\u00f6pft hat und im Grunde zur\u00fcckgelassen wurde; jetzt, da die Wut die H\u00e4nde frei nach all dem ausstrecken kann, was das Leben zerst\u00f6rt, w\u00e4re es wirklich der Gipfel, wenn die Ununterworfenen der Politik par excellance, die Anarchisten, die Fackel der Repr\u00e4sentation wieder aufnehmen und, dem Beispiel der vorangegangenen Autorit\u00e4ren folgend, die soziale Konfliktualit\u00e4t von der unmittelbaren Subversion aller sozialen Rollen trennen w\u00fcrden. Und es ist dabei relativ unwichtig, ob sie dies tun wollen, indem sie sich an den Kopf von sozialen Bewegungen stellen, sie mit der der Rhetorik der Volksvollversammlungen mitreissend, oder als spezifische bewaffnete Gruppe.<\/p>\n<p>Oder geht es um ein Streben nach \u201eKoh\u00e4renz\u201c? Ungl\u00fccklicherweise gibt es seit jeher Anarchisten, die die Suche nach Koh\u00e4renz gegen taktische Abkommen, widerliche Allianzen und strategische Trennungen zwischen den Mitteln und den Zwecken eintauschen. Eine anarchistische Koh\u00e4renz findet sich, unter anderem, gewiss in der Negation von all dem. Doch damit ist nicht gesagt, dass zum Beispiel ein \u201eKlandestinit\u00e4ts\u201c-Verh\u00e4ltnis koh\u00e4renter sei. Wenn die Klandestinit\u00e4t nicht mehr als eine Notwendigkeit, aufgrund der repressiven Jagd oder weil es ansonsten unm\u00f6glich w\u00e4re, gewisse Aktionen zu realisieren, sondern vielmehr als eine Art Spitze der revolution\u00e4ren Aktivit\u00e4t betrachtet wird, bleibt nicht mehr viel \u00fcbrig vom ber\u00fchmten A-Legalismus. Anstatt die Koh\u00e4renz jenseits der Gesetze und Befehle zu suchen und folglich die Konfrontation zu akzeptieren, wird der Legalismus schlicht zu einem \u201eIllegalismus\u201c umgedreht, bei welchem, ebenso wie im Legalismus, der subversive Charakter der Aktivit\u00e4ten durch die entsprechende potenzielle Gef\u00e4ngnisstrafe quantifiziert und bemessen wird. Die Zur\u00fcckweisung des Legalismus ist nicht dasselbe wie die absolute Entscheidung f\u00fcr den Illegalismus. Es w\u00fcrde bereits gen\u00fcgen, einen einfachen Vergleich mit der sozialen Situation in Europa zu ziehen, um sich ein Bild davon zu machen: nur weil sich tausende Menschen de facto in einer Situation von \u201eKlandestinit\u00e4t\u201c befinden (die Sans-Papiers), ist es dennoch nicht so, dass sie automatisch und objektiv zu einer Bedrohung f\u00fcr den Legalismus werden und somit als \u201erevolution\u00e4re Subjekte\u201c betrachtet werden k\u00f6nnen. Wieso sollte das f\u00fcr die Anarchisten anders sein, die sich in einer Situation der Klandestinit\u00e4t befinden?<\/p>\n<p>Oder vielleicht geht es darum, dem Feind Angst zu machen? Wie man in den Bekennerschreiben oft genug sehen kann, gibt es scheinbar Anarchisten, die glauben, der Macht Angst machen zu k\u00f6nnen, indem sie Drohungen aussprechen, Fotos von Waffen publizieren oder einige Bomben explodieren lassen (und wir sprechen noch nicht einmal von der niedertr\u00e4chtigen Praxis, aufs geratewohl Paketbomben zu verschicken). Gegen\u00fcber den von der Macht organisierten, allt\u00e4glichen Massakern, zeugt dies von einer besonderen Naivit\u00e4t, vor allem f\u00fcr die Feinde der Macht, die sich keine Illusionen \u00fcber verst\u00e4ndnisvollere Machthaber, einen Kapitalismus mit menschlichem Gesicht oder korrektere Verh\u00e4ltnisse im Innern des Systems machen. Wenn die Macht, trotz all ihrer Arroganz, etwas f\u00fcrchtet, dann zweifellos die Verbreitung der Revolte, die Streuung der Ununterworfenheit, die Herzen, die sich ausserhalb jeglicher Kontrolle entflammen. Und es ist klar, dass die Blitze der Repression die Anarchisten, die dazu beitragen wollen, durchaus nicht verschonen, doch dies zeugt in keinster Weise davon, wie \u201egef\u00e4hrlich\u201c wir sind. Das einzige, was dies vielleicht sagen will, ist, wie gef\u00e4hrlich es w\u00e4re, wenn sich unsere Ideen und Praktiken unter den Ausgeschlossenen und Ausgebeuteten verbreiten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Es verwundert uns also noch immer, wie sehr die Idee einer Art Schatten, die Anarchisten von heute nicht mehr zu verlocken scheint, zumindest nicht jene, die weder resignieren, noch in einer Wartehaltung verbleiben oder bis in alle Ewigkeiten Massenorganisationen aufbauen wollen. Einst waren wir stolz darauf: all unser m\u00f6gliches zu tun, um den Sumpf der sozialen Konfliktualit\u00e4t auszuweiten und ihn somit f\u00fcr die Kr\u00e4fte der Repression und der Rekuperation unzug\u00e4nglich zu machen. Wir waren weder auf der Suche nach den Scheinwerfern der \u00d6ffentlichkeit, noch nach dem Ruhm der Krieger; im Schatten, im verborgenen Teil der Gesellschaft leisteten wir unseren eigenen Beitrag zur St\u00f6rung der Normalit\u00e4t, zur anonymen Zerst\u00f6rung der Strukturen der Kontrolle und der Repression, zur \u201eBefreiung\u201c durch die Sabotierung des Raumes und der Zeit, um daf\u00fcr zu sorgen, dass die sozialen Revolten ihrem Lauf folgen k\u00f6nnen. Und mit Stolz verbreiteten wir diese Ideen, auf autonome Weise, ohne uns auf Medienechos zu beziehen, fern vom politischen Spektakel, und sei es jenes der \u201eOpposition\u201c. Eine Agitation, die nicht danach verlangte, gefilmt zu werden, anerkannt zu werden, sondern vor allem zur Rebellion ermutigen und, in dieser geteilten Revolte, Verbindungen mit anderen Rebellen kn\u00fcpfen wollte.<\/p>\n<p>Heute scheinen viele Gef\u00e4hrten die einfache L\u00f6sung einer Identit\u00e4t der Verbreitung der Ideen und der Revolte vorzuziehen und reduzieren somit beispielsweise die Affinit\u00e4tsbeziehungen auf den Beitritt zu irgendeiner Sache. Offensichtlich ist es einfacher, vorgefertigte Meinungen aus den Regalen des militanten Supermarktes zu nehmen und zu konsumieren, als einen eigenen Weg des Kampfes zu entwickeln, der mit all dem bricht. Offensichtlich ist es einfacher, sich durch ein geteiltes Sigel eine Illusion von St\u00e4rke zu geben, als zu verstehen, dass sich die \u201eSt\u00e4rke\u201c der Subversion im Ausmass und in den Art und Weisen verbirgt, auf die es ihr gelingt, den sozialen K\u00f6rper mit befreienden Ideen und Praktiken anzustecken. Die Identit\u00e4t und die \u201eBildung einer Front\u201c bieten vielleicht die s\u00fcsse Illusion, etwas zu bedeuten, vor allem im Spektakel der Kommunikationstechnologien, zerst\u00f6ren aber nicht das geringste Hindernis. Schlimmer noch, es weist alle Symptome einer wenig anarchistischen Sicht auf den Kampf und die Revolution auf, einer Sicht, die glaubt, gegen\u00fcber dem Koloss der Macht, auf symetrische Weise, einen illusorischen anarchistischen Koloss ins Feld f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Die unweigerliche Konsequenz davon sind ein sich schliesslich auf eine ziemlich uninteressante Nabelschau verengender Horizont, hier und da einige Schl\u00e4ge \u00fcber den R\u00fccken und die Konstruktion eines ausschliessenden, autoreferenziellen Milieus.<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde uns nicht erstaunen, wenn diese Manie die autonome anarchistische Bewegung noch mehr l\u00e4hmen w\u00fcrde, in dem Moment, in dem es darum geht, den immer h\u00e4ufigeren, spontanen und zerst\u00f6rerischen Revolten unseren Beitrag zu geben. Eingeschlossen in der Selbstpromotion und der Selbstreferenz, mit einer auf die Publizierung von Bekennerschreiben im Internet reduzierten Kommunikation, scheint es nicht, dass die Anarchisten zu grossen Dingern f\u00e4hig sein werden, wenn die Unruhen gleich neben uns ausbrechen (abgesehen von den \u00fcblichen paar Explosionen und Brandstiftungen, oft gegen Ziele, die die Revoltierenden bereits selbst fleissig am zerst\u00f6ren waren). Je mehr wir uns der M\u00f6glichkeit eines Aufstands zu n\u00e4hern scheinen, je greifbarer diese M\u00f6glichkeiten werden, desto mehr scheinen sich die Anarchisten anscheinend nicht mehr f\u00fcr den Aufstand interessieren zu wollen. Und dies gilt ebenso sehr f\u00fcr jene, die sich darin verlieren, die der Rolle einer sterbenden Linken wiederaufzugreifen, wie f\u00fcr jene, die dabei sind, sich in irgendeiner Ideologie des bewaffneten Kampfes einzuschliessen. Aber lasst uns kurz klarstellen, was wir darunter verstehen, wenn wir von aufst\u00e4ndischen Perspektiven und von Aufstand sprechen. Es geht dabei gewiss nicht um eine blosse Multiplizierung der Anzahl Angriffe, und noch weniger, wenn sie das exklusive Terrain der Anarchisten mit ihren Fronten zu werden (wollen) scheinen. Viel mehr als ein einmaliges Duell mit dem Staat, ist der Aufstand der vielfache Bruch mit der Zeit, mit dem Raum und mit den Rollen der Herrschaft, ein gezwungenerma\u00dfen gewaltsamer Bruch, der zum Beginn einer Subversion der sozialen Verh\u00e4ltnisse werden k\u00f6nnte. In diesem Sinne ist der Aufstand vielmehr eine soziale Entfesselung, die die schlichte Tatsache der Generalisierung der Revolte und der Unruhen \u00fcbersteigt und in seiner Negation bereits den Beginn einer neuen Welt tr\u00e4gt, oder diesen zumindest in sich tragen m\u00fcsste. Er ist vor allem die Pr\u00e4senz jener utopischen Spannung, die f\u00e4hig ist, nach dem grossen Zerst\u00f6rungsfest einige Abst\u00fctzpunkte gegen die R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t und die Wiedereinrichtung der sozialen Rollen zu bieten. Es sei also klargestellt, dass der Aufstand nicht nur eine Sache der Anarchisten ist, auch wenn unser Beitrag, unsere Vorbereitung, unsere aufst\u00e4ndischen Perspektiven ohne den geringsten Zweifel wichtig sind und in Zukunft vielleicht sogar entscheidend werden k\u00f6nnten, um die Entfesselung der Negation in eine befreiende Richtung zu stossen. In einer Welt, die t\u00e4glich instabiler wird, m\u00fcssten diese schwierigen Fragen wieder in Vordergrund treten, a priori auf sie zu verzichten, um sich in irgendeinem identit\u00e4ren Ghetto einzuschliessen, w\u00e4hrend man die Illusion kultiviert, \u201eSt\u00e4rke\u201c durch kollektive Siegel und die \u201eVereinigung\u201c der zum Angriff bereiten Anarchisten zu entwickeln, wird hoffnungslos zur Negation jeglicher aufst\u00e4ndischen Perspektive.<\/p>\n<p>Auf die Welt der Fronten und der Sigel zur\u00fcckkommend, k\u00f6nnte man zum Beispiel die obligatorischen Referenzen auf die gefangengenommenen Gef\u00e4hrten als ein Vorzeichen f\u00fcr die bevorstehende Einschliessung in einem autoreferenziellen Rahmen verstehen. Es scheint, dass Gef\u00e4hrten, die einmal vom Staat verhaftet wurden, nicht mehr Gef\u00e4hrten wie wir alle sind, sondern vor allem \u201everhaftete\u201c Gef\u00e4hrten. Die Positionen in dieser bereits schwierigen und schmerzhaften Debatte sind dermassen festgefahren, dass nur noch zwei Optionen \u00fcbrigbleiben: entweder die absolute Verherrlichung unserer gefangengenommenen Gef\u00e4hrten, oder der absolute Widerwille, der schnell in der Verweigerung endet, der Solidarit\u00e4t noch K\u00f6rper und Geist zu geben. Hat es noch einen Sinn, zu wiederholen, dass unsere im Knast sitzenden Gef\u00e4hrten nicht \u00fcber oder unter anderen Gef\u00e4hrten stehen, sondern schlicht und einfach zwischen ihnen? Ist es nicht be\u00e4ngstigend, zu sehen, wie trotz der zahlreichen K\u00e4mpfe gegen das Gef\u00e4ngnis, die aktuelle Wendung wieder den Diskurs \u00fcber die \u201epolitischen Gefangenen\u201c aufgreift, w\u00e4hrend eine breitere Kampfperspektive gegen das Gef\u00e4ngnis, die Justiz, etc. verlassen wird? Schlussendlich laufen wir Gefahr, das zu vollenden, was der Staat zu erreichen versuchte, als er unsere Gef\u00e4hrten einsperrte: indem wir aus ihnen zentrale, abstrakte und zu verherrlichende Referenzpunkte machen, werden sie von der Gesamtheit des sozialen Krieges isoliert. Anstatt nach Wegen zu suchen, um jenseits der Mauern Verbindungen von Solidarit\u00e4t, Affinit\u00e4t und Komplizenschaft zu f\u00f6rdern, indem alles radikal ins Innere des sozialen Krieges gestellt wird, beschr\u00e4nkt sich die Solidarit\u00e4t darauf, am Ende eines Bekennerschreibens Namen zu zitieren. Dies generiert ausserdem einen ziemlichen Teufelskreis ohne allzu viele Perspektiven, eine \u00dcberbietung von an andere \u201egewidmeten\u201c Angriffen, anstatt die St\u00e4rke in sich selbst und in der Wahl des Wann, Wie und Wieso des Intervenierens in die gegebenen Bedingungen zu finden.<\/p>\n<p>Doch die Logik des bewaffneten K\u00e4mpfertums ist unvers\u00f6hnlich. Einmal in Gang gesetzt, scheint es nur noch wenig daran zu r\u00fctteln zu geben. Alle, die ihm nicht beitreten oder ihn nicht verteidigen werden mit Gef\u00e4hrten gleichgestellt, die weder handeln noch angreifen wollen, die die Revolte den Berechnungen und den Massen unterordnen, die nur warten wollen und den Impuls ablehnen, hier und jetzt das Pulverfass zu entz\u00fcnden. In dem verzerrenden Spiegel wird die Zur\u00fcckweisung der Ideologie des bewaffneten Kampfes zur Zur\u00fcckweisung des bewaffneten Kampfes an sich. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es nichts so falsches wie das, doch es gibt keine Ohren mehr, die das h\u00f6ren wollen, der Raum zur Diskussion ist verschlossen. Alles reduziert sich darauf, in pro und kontra Bl\u00f6cken zu denken, und der Weg, der unserer Meinung nach am interessantesten ist, jener der Entwicklung von aufst\u00e4ndischen Projektualit\u00e4ten, wird endg\u00fcltig beiseite geschoben. Zur grossen Freude der formellen Libert\u00e4ren und der Pseudo-Radikalen sowie der repressiven Kr\u00e4fte, die nichts anderes als die Trockenlegung dieses Sumpfes wollen.<\/p>\n<p>Denn wer will schon heute noch \u00fcber Projektualit\u00e4ten diskutieren, wenn der einzige Rythmus, der dem Kampf gegeben wird, die Summe der Angriffe wurde, zu denen sich auf dem Internet bekannnt wurde? Wer ist noch auf der Suche nach einer Perspektive, die mehr will als das blosse Erwidern einiger Schl\u00e4ge? Und, um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden, sei hier widerholt, dass es notwendig ist, hier und jetzt zuzuschlagen, und dies mit allen Mitteln, die wir f\u00fcr angebracht und gelegen halten. Doch die Herausforderung, eine Projektualit\u00e4t zu entwickeln, die versuchen will, aufst\u00e4ndische Situationen zu entfesseln, auszuweiten oder zu vertiefen, fordert viel mehr als die blosse F\u00e4higkeit, Schl\u00e4ge auszuteilen. Es fordert die Entwicklung eigener Ideen und nicht die Wiederholung von dem, was andere sagten; die Kraft, eine wirkliche Autonomie in Sachen Kampferfahrungen und F\u00e4higkeiten zu entwickeln; die langwierige und schwierige Suche nach Affinit\u00e4ten und nach der Vertiefung der gegenseitigen Kenntnis; eine gewisse Analyse der sozialen Verh\u00e4ltnisse, in denen wir uns bewegen; den Mut, Hypothesen f\u00fcr den sozialen Krieg zu formulieren, um nicht mehr hinter den Fakten herzurennen, oder hinter uns selbst. Es fordert schliesslich nicht nur die F\u00e4higkeit, gewisse Methoden anwenden zu k\u00f6nnen, sondern vor allem Ideen \u00fcber das Wie, Wo, Wann und Wieso sie zu benutzen, und auch dies noch in einer notwendigen Verflechtung mit einer ganzen Palette von anderen Methoden. Ansonsten werden nicht mehr Anarchisten, sondern bloss eine Reihe von ziemlich tristen und beschr\u00e4nkten Rollen \u00fcbrig bleiben: Propagandisten, Besetzer, bewaffnete K\u00e4mpfer, Enteigner, Schreiber, Randalierer, Unruhestifter, und so weiter. Nichts w\u00e4re schmerzlicher, als uns so sehr entwaffnet vor der M\u00f6glichkeit des bevorstehenden sozialen Gewitters wiederzufinden, dass jeder nur \u00fcber eine einzige Spezialit\u00e4t verf\u00fcgt. Nichts w\u00e4re unangenehmer als in explosiven sozialen Umst\u00e4nden feststellen zu m\u00fcssen, dass sich die Anarchisten zu sehr mit ihrem kleinen Garten besch\u00e4ftigen, um f\u00e4hig zu sein, wirklich zur Explosion beizutragen. Nichts h\u00e4tte mehr den bitteren Geschmack von vers\u00e4umten Gelegenheiten, als wenn wir durch den exklusiven Fokus auf das identit\u00e4re Ghetto davon absehen w\u00fcrden, unsere Komplizen im sozialen Sturm zu entdecken, durch geteilte Ideen und Praktiken mit anderen Rebellen Verbindungen zu schmieden, mit allen Formen der mediatisierten Kommunikation und der Repr\u00e4sentation zu brechen, um den Raum f\u00fcr eine wirkliche Gegenseitigkeit zu \u00f6ffnen, die sich allergisch gegen\u00fcber jeglicher Macht und Herrschaft verh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Doch wie immer weigern wir uns, zu verzweifeln. Wir wissen, dass noch immer viele Gef\u00e4hrten in einem Raum und einer Zeit, in denen jegliches politische Spektakel konsequent verbannt wird, auf der Suche nach M\u00f6glichkeiten sind, um den Feind zu treffen und durch die Verbreitung von anarchistischen Ideen und Kampfvorschl\u00e4gen Verbindungen mit anderen Rebellen aufzubauen. Es ist wahrscheinlich der schwierigste Weg, denn es wird nie eine Anerkennung f\u00fcr ihn geben. Weder von Seiten des Feindes, noch von Seiten der Massen und aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht von Seiten anderer Gef\u00e4hrten und Revolution\u00e4ren. Doch wir tragen in uns eine Geschichte, eine Geschichte, die uns mit all den Anarchisten verbindet, die hartn\u00e4ckig dabei bleiben, sich zu weigern, sich einbinden zu lassen, sei es in die \u201eoffizielle\u201c anarchistische Bewegung oder in ihren Reflex des bewaffneten K\u00e4mpfertums. Mit jenen, die dabei bleiben, sich zu weigern, die Verbreitung unserer Ideen von der Art und Weise loszul\u00f6sen, auf die sie verbreitet werden, und auf diese Weise versuchen, jegliche politische Mediation zu verbannen, einschliesslich dem Bekennerschreiben. Mit jenen, die wenig Interesse daran haben, zu wissen, wer dies oder das getan hat, sondern es in die eigene Revolte, in die eigene Projektualit\u00e4t mitaufnehmen, die sich in der einzigen Verschw\u00f6rung entfaltet, die wir wollen: jene der rebellischen Individualit\u00e4ten f\u00fcr die Subversion des Bestehenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>20. November 2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20. November 2011 erschienen, zirkuliert dieser Brief auch auf Italienisch, Franz\u00f6sisch und Englisch. Er dringt in eine Debatte ein, die im deutschsprachigen Raum etwas weniger als in gewissen anderen L\u00e4ndern, aber dennoch sp\u00fcrbar anwesend ist. 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