{"id":6238,"date":"2012-03-10T04:34:49","date_gmt":"2012-03-10T03:34:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=6238"},"modified":"2012-03-10T09:40:26","modified_gmt":"2012-03-10T08:40:26","slug":"der-politische-kampf-von-giuseppe-ciancabilla","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/der-politische-kampf-von-giuseppe-ciancabilla","title":{"rendered":"\u201cDer politische Kampf\u201d von Giuseppe Ciancabilla"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Text erschien 1899 in der italienischsprachigen anarchistischen Zeitung <\/em>L\u2018Aurora<em>. Er steht im Kontext von zwei weiteren Artikeln von Ciancabilla mit dem Titel \u201eder \u00f6konomische Kampf\u201c und \u201eder individuelle Kampf\u201c.<br \/>\nGefunden auf <a href=\"http:\/\/andiewaisendesexistierenden.noblogs.org\/post\/2012\/03\/06\/der-politische-kampf-von-giuseppe-ciancabilla\/\" target=\"_blank\">an die Waisen des Existierenden<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>I<\/strong><\/p>\n<p>Es scheint uns unn\u00fctz, zu erkl\u00e4ren \u2013 da alle es bereits wissen\u2008\u2013, dass wir unter dem Namen des politischen Kampfes denjenigen verstehen, den wir gegen die Regierung k\u00e4mpfen.<br \/>\nEs scheint uns viel n\u00fctzlicher, zu definieren und zu pr\u00e4zisieren, was die Regierung ist, welche Interessen sie vertritt, und folglich, mit welchen Waffen wir sie heute bek\u00e4mpfen sollten, und vor allem, wie wir verhindern sollten, dass sie nicht morgen, nachdem wir sie besiegten, unter einer neuen, wenn auch abgeschw\u00e4chten Form von Unterdr\u00fcckung wieder auftaucht.<br \/>\n<!--more-->Viele sozialistische Schulen, darunter speziell die legalit\u00e4re Schule, definieren die Regierung als den direkten Auswuchs der \u00f6konomischen Macht, als die ausschliessliche Vertretung der \u00f6konomischen Interessen der Bourgeoisie, der Besitzerin und Ausbeuterin des individuellen Eigentums; ja sie bezeichnen die Regierung sogar, mit einer h\u00e4ufig benutzten Phrase, als das Dach des \u00f6konomischen Ger\u00fcsts der kapitalistischen Gesellschaft.<br \/>\nIn Anbetracht dieser Auffassung des Regierungswesens erweist es sich als offensichtlich, dass der einzige radikal revolution\u00e4re Akt, der zum Aufkommen ihrer idealen Gesellschaft f\u00fchren wird, f\u00fcr diese sozialistischen Schulen darin besteht, das individuelle Eigentum abzuschaffen und die Produktions- und Tauschmittel zu vergemeinschaften. Da sie die Regierung als die ausschliessliche Vertretung der bourgeoisen Interessen betrachten, folgern sie daraus logisch, dass die Regierung und f\u00fcr einige auch der Staat, wenn die Borgeoisie einmal beseitigt ist, von selbst aufh\u00f6ren w\u00fcrden, zu existieren.<br \/>\nWir sagten, dass nur von einigen und nicht von allen angenommen wird, dass der Staat aufh\u00f6ren wird, zu existieren, denn heute, da die sozialistisch-demokratische oder legalistische Doktrin mit ihren vers\u00f6hnlerischen Anpassungen gegen\u00fcber dem aktuellen System der Dinge immer mehr ihren urspr\u00fcnglichen sozialistischen Charakter verliert, haben tats\u00e4chlich viele unter den aufrichtigsten Legalisten keine Probleme damit, die k\u00fcnftige Existenz eines neuen Staates gutzuheissen, welcher der proletarische Staat sein wird. Die Diskussion l\u00e4uft auf die k\u00fcnftige Existenz einer Regierung hinaus, die wir f\u00fcr erforderlich erachten, wenn man die Existenz eines Staates gutheisst, wie proletarisch dieser auch sein mag, und wenn man die Eroberung der politischen Macht anstrebt, wie sehr man auch behaupten mag, dass diese in den H\u00e4nden der Sozialisten als Werkzeug zur Emanzipierung der Arbeiterklasse dienen soll.<br \/>\nWir, als Anarchisten, und vor allem als Libert\u00e4re, haben eine andere Auffassung der Regierung.<br \/>\nWir erkennen durchaus an, dass die Regierung im aktuellen kapitalistischen Regime die Interessen der bourgeoisen Klasse vertritt und auch verk\u00f6rpert, und dass sie die effektivste Verteidigung der Bourgeoisie und des Kapitalismus ist. Aber dies glauben wir nicht, weil die Regierung, in sich selbst als absolute Einrichtung verstanden, der Auswuchs dieser Interessen ist, sondern weil die Regierung selbst, gegen\u00fcber dem \u00f6konomischen System des individuellen Eigentums und der Existenz von zwei Klassen, die eine von Ausgebeuteten, die andere von Ausbeutern, Interesse daran hat, die Angelegenheiten des Kapitalismus und der Bourgeoisie zu vertreten, um mit ihrem zugrundeliegenden Prinzip, welches das Autorit\u00e4tsprinzip ist, koh\u00e4rent zu sein.<br \/>\nLasst uns das deutlicher und ausf\u00fchrlicher erkl\u00e4ren.<br \/>\nF\u00fcr uns ist die Regierung nicht die Konsequenz aus dem Prinzip des individuellen Eigentums und aus der \u00f6konomischen Ausbeutung des Menschens durch den Menschen, sondern der direkte Auswuchs des Autorit\u00e4tsprinzips, welches v\u00f6llig unabh\u00e4ngig vom Prinzip des Privateigentums ist und schon vor ihm existierte.<br \/>\nWenn wir auf die Entstehungsgeschichte des Autorit\u00e4tsprinzips, und darauf, wie sich dieses in der Welt entwickelte und durch welche Phasen es ging, bevor es sich in der aktuellen politischen Form von Regierung und Staat verk\u00f6rperte, genauer eingehen m\u00fcssten, dann m\u00fcssten wir in die tiefsten Stufen der Geschichte, nicht nur des Menschens, sondern aller lebendigen Wesen hinabsteigen.<br \/>\nDas Autorit\u00e4tsprinzip, das wir auch unter den Tieren bestehen sehen, bloss dass diese nicht in kapitalistischen Systemen und auf Basis von individuellem Eigentum leben, ist, so k\u00f6nnte man sagen, der Natur des wilden Wesens inh\u00e4rent. Es ist das Gesetz des St\u00e4rkeren, das sich dem Schw\u00e4cheren auf brutale Weise aufzwingt.<br \/>\nAm Anfang war der grundlegende Kampf ums Leben und um die eigene physische Entwicklung. Wenn die primitiven Bedingungen der wilden und nicht kultivierten Natur den Lebewesen die Beschaffung der elementarsten Lebensmittel erschwerten, setzten sich die organisch st\u00e4rkeren Tiere und Spezies gegen die Schw\u00e4cheren durch, um ihnen, zum eigenen alleinigen Vorteil, den Genuss dieser begrenzten Mittel zu entreissen.<br \/>\nEbenso geschieht es bei der Spezies Mensch. Im Grunde sehen wir, soweit man auch zur\u00fcck in die entlegensten Epochen der Menschheit steigen will, von denen sich entweder in Form von Legenden, oder von Traditionen, oder von archeologischen Ausgrabungen Erinnerungen zusammenf\u00fcgen, dass die Frau, die physisch schw\u00e4cher ist als der Mann, schon immer bei allen V\u00f6lkern vom Mann unterworfen und von ihm abh\u00e4ngig war. Sie musste ihm in seinem Umherziehen folgen, oder musste eine den Br\u00e4uchen des Stammes und der Familienh\u00f6le unterworfene Sklavin bleiben, musste sich um die Beaufsichtigung der Kinder k\u00fcmmern, um die sich der Mann mit bequemer Verachtung nicht k\u00fcmmerte, musste schliesslich \u2013 wie es im Allgemeinen leider auch heute noch der Fall ist! \u2013 die Sache, vielmehr als die Gef\u00e4hrtin des Mannes sein. Auf den schwachen weiblichen Schultern sehen wir, wie sich die schwerste Last der menschlichen Schmerzen, Dem\u00fctigungen und Leiden immer und unaufh\u00f6rlich entl\u00e4dt.<br \/>\nSo dominierte der st\u00e4rkere Mensch \u00fcber den schw\u00e4cheren. Am Anfang waren die individuellen K\u00e4mpfe und die individuellen Behauptungen des Rechtes des St\u00e4rkeren, des Autorit\u00e4tsprinzips; der Schw\u00e4chere musste dienen, musste die m\u00fchsameren Arbeiten zu Gunsten der St\u00e4rkeren erledigen. Sp\u00e4ter, mit der Verdichtung der Bev\u00f6lkerungen, wird der Kampf von individuell zu kollektiv: es auferlegt sich die Familie der Familie, der Stamm dem Stamm. Und so, nach und nach, gelangen wir bis zur heutigen Form von Autorit\u00e4t und Unterdr\u00fcckung, die vom Staat repr\u00e4sentiert, von der Regierung zusammengehalten, vom Gesetz kodifiziert und respektiert, und von der Armee und den anderen milit\u00e4rischen Institutionen verteidigt wird.<br \/>\nDas Autorit\u00e4tsprinzip, hergeleitet aus der Entwicklung und dem Wandel der Organismen auf dem wilden Planeten, geht also dem Prinzip des Privateigentums, der Verteidigung der individuellen Aneignung und Ausbeutung voraus.<br \/>\nDie Regierung ist also der Auswuchs, die direkteste Synthese dieses Autorit\u00e4tsprinzips, das sich in unterschiedlichen Formen von der entlegendsten Nacht der Jahrhunderte bis heute \u00fcberliefert hat; sie ist die Heiligsprechung, scheinbar zivilisiert, aber in Wirklichkeit nicht weniger barbarisch als in den wilderen Epochen, des brutalen Rechts des St\u00e4rkeren. Und weil das Recht des St\u00e4rkeren heute in dem individuellen Eigentum, in der Usurpation durch wenige der Lebensmittel f\u00fcr alle, in der parasit\u00e4ren Ausbeutung einer Minderheit von Privilegierten gegen\u00fcber der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Individuen liegt, weil sich schliesslich das Recht des St\u00e4rkeren heute auf die Struktur einer kapitalistischen Gesellschaft st\u00fctzt, die die \u00f6konomische Macht in ihren H\u00e4nden h\u00e4lt, w\u00e4hrend sie nach ihrem Gefallen und zu ihren Gunsten \u00fcber sie verf\u00fcgt, aufgrund all dessen, macht sich die Regierung in der kapitalistischen Gesellschaft zur ausschliesslichen Vertretung der kapitalistischen Interessen, w\u00e4hrend sie die meisten zu Gunsten der wenigen unterdr\u00fcckt.<br \/>\nEs ist also nicht so, dass die Regierung die Konsequenz der aktuellen Gesellschaft und ihrer ungleichen \u00f6konomischen Ordnung ist, und dass folglich, wie einige Sozialisten behaupten, wenn diese Ordnung einmal zerst\u00f6rt w\u00e4re, die Regierung und der Staat keinen Grund mehr zu existieren h\u00e4tten, weil sie keine Interessen mehr zu vertreten h\u00e4tten.<br \/>\nDie Regierung, oder besser gesagt, das Autorit\u00e4tsprinzip, kann in seinem Wesen bestens intakt bleiben, auch in einer Gesellschaft, die die Produktions- und Tauschmittel vergemeinschaftet h\u00e4tte, auch in einer sozialistischen Gesellschaft. Form, Name, Aussehen werden sich ver\u00e4ndern, aber die Substanz wird dieselbe bleiben.<br \/>\nWir m\u00fcssen also die Kr\u00e4fte jener zusammenbringen, die wirklich die Emanzipation und das Gl\u00fcck des Menschen wollen, im politischen Kampf gegen die Regierung, nicht nur, um das absurde und b\u00f6sartige Prinzip des individuellen Eigentums zu bek\u00e4mpfen, sondern auch und vor allem, um das Autorit\u00e4tsprinzip zu zerst\u00f6ren, welches das haupts\u00e4chliche Hindernis f\u00fcr das Aufkommen der Freiheit ist, ohne welche kein Gl\u00fcck m\u00f6glich sein wird.<br \/>\nWir m\u00fcssen die Gesellschaft also nicht nur \u00f6konomisch, sondern auch \u2013 und haupts\u00e4chlich \u2013 geistig ver\u00e4ndern.<br \/>\nWie dies m\u00f6glich ist, und auf welche Weise, sehen wir gleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>II <\/strong><\/p>\n<p>Um zur Darlegung der Mittel \u00fcberzugehen, die sich eignen, um das Autorit\u00e4tsprinzip zu zerst\u00f6ren und dessen Wiedereinrichtung zu verhindern, bedarf es insbesondere einer Untersuchung seines Wesens und seiner Entstehungsgeschichte, da es einfacher sein wird, sie zu bek\u00e4mpfen.<br \/>\nWas ist Autorit\u00e4t? Sie ist ein direkter oder indirekter Einfluss, den ein oder mehrere Menschen \u00fcber den Willen anderer Menschen aus\u00fcben.<br \/>\nJede von einem oder mehreren Individuen beeinflusste Bestimmung \u00fcber ein oder mehrere andere Individuen ist Autorit\u00e4t, denn sie entzieht denjenigen, die freiwillig oder unfreiwillig, direkt oder indirekt, einem solchen Einfluss unterzogen werden, einen mehr oder weniger begrenzten Teil ihrer eigenen Individualit\u00e4t. Wann immer durch Gewalt oder durch Suggestion, durch Respekt oder durch Ehrfurcht, durch Leidenschaft oder durch Auferlegung, einem Individuum ein beliebiger Teil seines Willens entrissen wird, wird ein Autorit\u00e4tsakt vollzogen.<br \/>\nEs ist also klar, dass eines der best geeignetsten Mittel, um die Autorit\u00e4t zu bek\u00e4mpfen und Individuen herauszubilden, die f\u00e4hig sind, ihr zu widerstehen, darin besteht, die Empfindung der eigenen Individualit\u00e4t in allen Wesen so stark wie m\u00f6glich zu entwickeln. Darauf werden wir aber sp\u00e4ter n\u00e4her eingehen. Die Autorit\u00e4t, die sich \u2013 wie wir sahen \u2013 von einer \u00dcberlegenheit in physischer St\u00e4rke herleitet, nimmt schliesslich mit dem Wandel der Gesellschaft unterschiedliche Formen an. Wann immer mehrere Individuen erkennen, dass sie gemeinsame Interessen zu verteidigen, oder besser gesagt, gemeinsame Privilegien aufrechtzuerhalten haben, werden sie sich vereinigen, um mit vereinigter St\u00e4rke daf\u00fcr zu sorgen, dass die anderen das akzeptieren, was ihnen besser passt. Ausgehend davon entwickelte sich die embryonale Form der egoistischen und kleinen Familie, des Dorfes, des Patriarchats, des Stammes, des Feudalwesens bis hin zu den am furchtbarsten zentralisierten und autorit\u00e4ren Formen des heutigen Staates und der heutigen Regierung mit all ihrem Zubeh\u00f6r.<br \/>\nEs ist also klar, dass es zur Bek\u00e4mpfung dieses Regimes, das mit physischer Gewalt, das heisst, mit dem \u00fcber der ganzen Gesellschaft lastenden direkten Zwang einer materiellen Autorit\u00e4t erbaut, gest\u00fctzt und erhalten wird, um nichts anderes gehen kann, als ihr eine andere materielle Gewalt entgegenzustellen, die sich auflehnt und gegen die Unterdr\u00fcckung rebelliert.<br \/>\nEs ist also klar, dass der einzig m\u00f6gliche politische Kampf gegen die konstituierte Regierung der sowohl individuelle wie kollektive revolution\u00e4re Kampf ist. Und innerhalb dieser ausschliesslich revolution\u00e4ren Auffassung des politischen Kampfes stehen wir vielen entgegen, die zwar die Notwendigkeit einer \u00f6konomischen Ver\u00e4nderung der Gesellschaft und der Abschaffung des individuellen Eigentums verstehen, oder zumindest verfechten, es aber f\u00fcr m\u00f6glich halten, diese mittels einer friedlichen politischen Evolution innerhalb des legalen Rahmens des Staates umzusetzen, w\u00e4hrend sie sich jener selben Funktionen bedienen, die heute dazu dienen, zu unterdr\u00fccken, um stattdessen die Emanzipation zu erlangen. Dies sind die parlamentarischen oder demokratischen Sozialisten.<br \/>\nWie widerspr\u00fcchlich und unlogisch \u2013 und folglich, wie unfruchtbar und wirkungslos \u2013 der Kampf ist, den sie f\u00f6rdern wollen, stellt man auf Anhieb fest, wenn man nur betrachtet, wie absolut l\u00e4cherlich es ist, der Regierung, welche die Interessen der Bourgeoisie ausf\u00fchrt, zuzumuten, dass sie angesichts der platonischen Bekr\u00e4ftigungen des Volkes freiwillig die Waffen niederl\u00e4sst, obwohl sie doch alle m\u00f6glichen materiellen Mittel zum Widerstand und zur Gegenwehr zu ihrer Verf\u00fcgung hat: Polizei, Gerichte, Gef\u00e4ngnisse, Gewehre, Kanonen und Soldaten. Es w\u00e4re dasselbe, wie anzunehmen, dass sich die Regierung und die b\u00fcrgerliche Klasse auf einmal zu barmherzigen Zugest\u00e4ndnissen gegen\u00fcber der von ihr ausgebeuteten Klasse bekehren w\u00fcrde, was ihrem Selbstmord gleichk\u00e4me.<br \/>\nAber der legale Kampf, sagen einige von jenen, die sich gelegentlich als Revolution\u00e4re aufspielen, ist nur vor\u00fcbergehend: bei passender Gelegenheit, wenn wir dazu gezwungen sein werden, werden wir zu den anderen Waffen greifen. Absurd, auch dies ist nicht weniger irref\u00fchrend, wenn nicht geradewegs b\u00f6swillig. Denn, wenn ihr die Unausweichlichkeit des gewaltsamen Konfliktes erkennt, wieso dann dem Volk weiterhin falsche Hoffnungen machen und seine rebellischen Energien d\u00e4mpfen und vergeuden, indem ihnen weisgemacht wird, ihre Emanzipation sei mit friedlichen und legalen Mitteln m\u00f6glich? Wieso die Leichtgl\u00e4ubigen t\u00e4uschen, wenn ihr davon \u00fcberzeugt seid, dass es keinen anderen Ausweg gibt, als den revolution\u00e4ren Konflikt, und dass es sich nur f\u00fcr diesen, und ab heute, und mit allen Mitteln vorzubereiten gilt, ohne mit falschen Politikantenman\u00f6vern Zeit zu verlieren?<br \/>\nAuf diese dr\u00e4ngenden Fragen gibt es eine Antwort: und die ist, dass die sogenannte legalit\u00e4re, parlamentarische oder demokratische sozialistische Partei keine sozialistische Partei mehr ist; denn ansonsten w\u00fcrde sie logischerweise verstehen, dass man, um das individuelle Eigentum abzuschaffen, nur \u00fcber die Revolution gehen kann. Die heutigen sozialistisch-demokratischen Parteien sind nichts anderes mehr als bastardhafte Ableitungen des antiken und weit entfernten zugrundeliegenden Konzeptes des Sozialismus, mit Sozialismus haben sie aber nichts mehr zu tun.<br \/>\nSie sind nichts anderes, als reformistische Parteien, die im legalen Rahmen des Staates man\u00f6vrieren, \u00fcber dessen Mechanismen sie sich bem\u00e4chtigen wollen, nicht, um sie abzuschaffen, sondern, um sich ihrer zu ihrem Vorteil zu bedienen und um eine neue Form von Staat und Regierung zu konstituieren. Sie m\u00f6gen durchaus mehr oder weniger gute Absichten haben; aber, was mittlerweile eine unbestrittene Tatsache ist, ist ihre unausweichliche und rasche Entwicklung hin zur reinsten Verb\u00fcrgerlichung.<br \/>\nIn Frankreich an die Macht gelangt, um dort die republikanischen Regierungsinstitutionen und -methoden zu verteidigen, in Italien auf der erm\u00fcdenden Suche nach einer egal ob radikalen oder monarchischen Demokratie, wenn diese ihr nur erlauben w\u00fcrde, Wahlpropaganda zu machen und der Regierung beizutreten, in Deutschland gespalten in Reformisten und Possibilisten, die einen unlogischer als die anderen, aber sogar soweit zugerichtet, dass sie die Notwendigkeit der R\u00fcstung f\u00fcr den heutigen Staat verfechten, wovon sie die verbissensten und unbeugsamsten Feinde sein m\u00fcssten.<br \/>\nF\u00fcr diejenigen, die ehrlich beabsichtigen, das Aufkommen des Sozialismus und der Anarchie, das heisst, die Abschaffung des individuellen Eigentums und der Regierung zu wollen, ist also nur ein einziger Kampf m\u00f6glich; und dies ist der strikt, unnachgiebig und unvers\u00f6hnlich auf revolution\u00e4rer Ebene gehaltene Kampf. Ein revolution\u00e4rer Kampf, geteilt in die zweifache Ausf\u00fchrung von konstanter, eifriger und hartn\u00e4ckiger Vorbereitung, geistiger und materieller Vorbereitung, Vorbereitung der Gem\u00fcter und der Arme, und gleichzeitig von unmittelbaren, entschlossenen und wagemutigen Aktionen, die das Volk dazu antreiben, sich aufzulehnen.<br \/>\nDer revolution\u00e4re Kampf gegen das konstituierte Regime darf sich nicht, wenn auch nur vor\u00fcbergehend, f\u00fcr Zugest\u00e4ndnisse von Akzeptierungen verweichlichen lassen, die die Anerkennung des gegenw\u00e4rtigen Staates implizieren; der revolution\u00e4re Kampf darf keine Kompromisse, Anpassungen und Transaktionen annehmen, sondern muss streng, in seiner Gesamtheit vollzogen werden.<br \/>\nGegen das Hindernis der Regierung, die \u00fcber rohe St\u00e4rke, Pr\u00e4potenz und all die praktischsten Gewaltmechanismen verf\u00fcgt, ist kein anderer Kampf m\u00f6glich, als ihr, f\u00fcr revolution\u00e4re Ziele, die St\u00e4rke des Volkes gegen\u00fcberzustellen, wenn diesem verst\u00e4ndlich gemacht wurde, dass die St\u00e4rke der Regierung im Grunde eine negative St\u00e4rke ist, da sie die Hilfe des Volkes und die St\u00e4rke selbst des Volkes ben\u00f6tigt, um dann gegen es selbst zu funktionieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>III <\/strong><\/p>\n<p>Doch der revolution\u00e4re Kampf gegen das bereits konstituierte Autorit\u00e4tssystem gen\u00fcgt nicht. Wir m\u00fcssen ebenfalls daf\u00fcr sorgen, dass morgen, nachdem das System von Eigentum und Autorit\u00e4t zerst\u00f6rt ist, das uns heute unterdr\u00fcckt, nicht wieder eine andere Form von Autorit\u00e4t aufkommt, wie verh\u00fcllt diese auch erscheinen mag: eine beliebige Form von Zentralisierung, von Verwaltung, von autorit\u00e4rer Delegation, die sp\u00e4ter Gefahr laufen kann, sich in ein neues, aber immer identisches Machtinstrument zu verwandeln.<br \/>\nSicher, f\u00fcr die autorit\u00e4ren Sozialisten, oder f\u00fcr jene Sozialisten von anderen Schulen, die die ganze Frage der menschlichen Emanzipation auf die L\u00f6sung der \u00f6konomischen Frage, das heisst, auf die Abschaffung des individuellen Eigentums und auf die Umwandlung des kapitalistischen Regimes in eine kollektivistische oder kommunistische Gesellschaft reduzieren, existiert diese Besorgnis um das Morgen nicht.<br \/>\nF\u00fcr sie ist der Kampf nur unilateral: das Eigentum abschaffen, die M\u00e4gen zufriedenstellen, und\u2026 denn Rest sehen wir dann. Weil es unter den Anh\u00e4ngern dieses universellen Kampfes, auch wenn sie es nicht eingestehen oder sich dessen nicht bewusst sind, auch einige Anarchisten gibt, ist es wichtig, uns richtig zu verstehen und dies ausgiebig zu erkl\u00e4ren.<br \/>\nIst die soziale Frage eine Frage des Magens oder eine Frage des Geistes? F\u00fcr uns gibt es keinen Zweifel dar\u00fcber, dass sie die Frage beider Terme ist, die eben das Binom Sozialismus-Anarchie bilden: Sozialismus, Abwesenheit von individuellem Eigentum und folglich Beseitigung der \u00f6konomischen Sklaverei; Anarchie, Abwesenheit von Regierung und Autorit\u00e4t und folglich Beseitigung der politischen Sklaverei.<br \/>\nWenn wir aber unser Denken pr\u00e4zisieren m\u00fcssten, w\u00fcrden wir hinzuf\u00fcgen, dass der \u00fcberwiegende der beiden Terme f\u00fcr uns die Frage des Geistes ist.<br \/>\nDie L\u00f6sung der sozialen Frage darf nicht nur die L\u00f6sung des Problems implizieren, die physischen Bed\u00fcrfnisse der Menschen befriedigen zu k\u00f6nnen, darf sich nicht nur auf die Besorgnis reduzieren, die Bed\u00fcrfnisse des Magens und des Bauches zufriedenzustellen, sondern muss auf die gr\u00f6sst m\u00f6gliche Erlangung des Wohlstands, des individuellen und kollektiven Gl\u00fccks abzielen. Nun, dieser Wohlstand und dieses Gl\u00fcck werden nur erreicht, oder besser gesagt, werden um so mehr erlangt, je mehr Freiheit das Individuum in der Gesellschaft geniessen kann. Darum m\u00fcssen alle Kr\u00e4fte des menschlichen Wesens konstant darauf ausgerichtet sein, sich von allen Fesseln, von allen Unterwerfungen, von allen Zw\u00e4ngen, von allen Hindernissen jeder Art zu emanzipieren, die sein freies Agieren in der Gesellschaft hemmen k\u00f6nnen. Das wirkliche Gl\u00fcck f\u00fcr die menschlichen Wesen wird einzig in der Freiheit liegen.<br \/>\nWas n\u00fctzt es, wenn sich morgen ein Staat oder eine autorit\u00e4re Verwaltung um ein gutes Mahl, um eine gute Wohnung und um gute Bekleidung k\u00fcmmern werden, wenn sie uns, unter dem Vorwand, die Produktion steuern und die sozialen Beziehungen regulieren zu wollen, eine neue Form von autorit\u00e4rer Unterdr\u00fcckung auflasten, die uns zu Gunsten einiger neuer Parasiten daran hindern wird, das zu tun, was uns besser erscheint?<br \/>\nSicher, es kann keine Freiheit geben, solange das Individuum nicht \u00f6konomisch emanzipiert ist. Einverstanden: aber niemand kann verneinen, dass es auch ein Regime von autorit\u00e4rem Kommunismus oder Kollektivismus geben kann, das, auch wenn es uns die volle Zufriedenstellung unserer physischen oder animalischen Bed\u00fcrfnisse verschafft, die freie Entfaltung, die freie und v\u00f6llige Zufriedenstellung unserer geistigen Bed\u00fcrfnisse einschr\u00e4nken oder verhindern wird.<br \/>\nWir also, die nicht nur Sozialisten, sondern vor allem Anarchisten sind, sollten eben die Erlangung des gr\u00f6sst m\u00f6glichen Regimes der Freiheit anstreben, welches mit den sozialen Verh\u00e4ltnissen vereinbar ist, die vom Verlangen des Individuums bestimmt werden, frei und gl\u00fccklich f\u00fcr sich zu sein und gleichzeitig die Freiheit und das Gl\u00fcck f\u00fcr die anderen zu wollen. Und dies nicht aus einem sogenannten altruistischen Gef\u00fchl des bequemen Humanitarismus, sondern aus der egoistischen logischen \u00dcberzeugung, dass es die eigene Freiheit und den eigenen Wohlstand ohne die Freiheit und den Wohlstand der anderen nicht geben kann.<br \/>\nUnd um in einem sozialistischen Regime die gr\u00f6sst m\u00f6gliche Freiheit zu erlangen, ist es unerl\u00e4sslich, dass die Individuen, die in solchen Regimes leben werden, heute bereits heftig und dr\u00e4ngend den Anreiz, den Ansporn, den entschlossenen Willen versp\u00fcren, frei zu sein und gegen jeden Versuch eines \u00dcbergriffs auf die eigene Freiheit zu reagieren.<br \/>\nUnd weil dieses Bed\u00fcrfnis nach Freiheit etwas ist, das entwickelt wird, braucht es heute bereits die Entwicklung einer libert\u00e4ren Bildung, die das Individuum daran gew\u00f6hnt, immer st\u00e4rker das Bed\u00fcrfnis zu versp\u00fcren, die eigene Individualit\u00e4t zu entwickeln und heute bereits allen unheilvollen autorit\u00e4ren Tendenzen zu widerstehen, die die fruchtbaren Freiheitskeime t\u00f6ten, die als einzige das Aufkommen einer anarchistischen Gesellschaft zu erm\u00f6glichen verm\u00f6gen.<br \/>\nLeider aber wird auch unter eben den Anarchisten der politische Kampf gegen die Regierung und die Autorit\u00e4t, und f\u00fcr die Verwirklichung der Anarchie, von einigen mit Grunds\u00e4tzen gef\u00fchrt, die wir f\u00fcr das gute Gelingen unserer Sache f\u00fcr absolut sch\u00e4dlich halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>IV<\/strong><\/p>\n<p>Diese Grunds\u00e4tze sind vor allem jene sogenannten Organisationsgrunds\u00e4tze, die gebraucht werden, um die anarchistischen Kr\u00e4fte in komplizierten und besonders zentralisierenden Organismen einzureihen, die wir f\u00fcr mehr als sch\u00e4dlich f\u00fcr die freie Entwicklung des Individuums halten, und die zum zwangsl\u00e4ufigen Ergebnis die Erstickung der individuellen Initiativen und seiner Freiheit haben.<br \/>\nUnd hier wird es notwendig, auf eine, sagen wir, vorurteilsbehaftete Frage einzugehen. Einige Anarchisten, die das oben gesagte nicht so sehen wie wir, finden es oft bequem, uns f\u00fcr etwas hinzustellen, was wir nicht sind; und so geschieht es oft, dass sie gegen Ideenwindm\u00fchlen anrennen, die wir nie erdachten, und dadurch bei den Leichtgl\u00e4ubigen imponieren.<br \/>\nSo haben uns die Parteiorganisatoren, oder mit pr\u00e4zisieren Worten, die F\u00f6deralisten der Anarchie oft als Leute hingestellt, die das Chaos, die Zersplittung, die Isolierung wollen, als Leute, die sich weder ein harmonisches Ideal einer zuk\u00fcnftigen Gesellschaft, noch eine gegenw\u00e4rtige Basis von Zusammenschl\u00fcssen unter Individuen vorstellen k\u00f6nnen, die f\u00fcr dasselbe Ziel k\u00e4mpfen, und die sich \u2013 gelegentlich \u2013 in der vor\u00fcbergehenden Wahl von identischen Kampfmitteln zusamenfinden k\u00f6nnen.<br \/>\nSo werden wir, im Glauben, uns an den Pranger zu stellen, als systematische Gegner des Organisationsprinzipes hingestellt. Aber, mit Verlaub, von welcher Organisation sprecht ihr denn? Auch die heutige Gesellschaft ist eine organisierte Gesellschaft, und wie! Und dennoch sind wir alle ihre Feinde.<br \/>\nDarum lasst uns einander einmal richtig verstehen, nur um alle Missverst\u00e4ndnisse zu beseitigen. Wir sind gegen das Organisationsprinzip innerhalb der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft, denn in ihr kann sich jede Organisation \u2013 auch wenn sie sich anarchistisch nennt \u2013 nur als autorit\u00e4r erweisen. Innerhalb der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft werden wir der eisernen Organisation des Systems unterzogen, das uns erstickt: unser Kampf muss also konstant gegen das Prinzip selbst der Organisation, so wie sie sich heute realisieren kann, gerichtet sein, und wir, die Anarchisten, d\u00fcrfen nicht jene sein, die neue Vorrichtungen kreieren m\u00fcssen, die das Individuum, welches die M\u00f6glichkeit einer Gesellschaft von freien Wesen zu erahnen beginnt, an Hindernisse und Fesseln binden, die seine Individualit\u00e4t beeintr\u00e4chtigen.<br \/>\nWir stellen uns aber durchaus ein harmonisch organisiertes Gesellschaftsideal vor, wenn, nachdem das individuelle Eigentum einmal abgeschafft und jedes Prinzip und jede Art von Autorit\u00e4t zerst\u00f6rt wurde, und unter den Individuen keine Gr\u00fcnde f\u00fcr Interessenskonflikte mehr bestehen, die Einheiten von sich aus im organischen Ganzen ihren nat\u00fcrlichen Platz finden werden und die Gesellschaft organisch in einer pr\u00e4chtigen Harmonie von zusammenlaufenden, nicht mehr im Konflikt zueinander stehenden Kr\u00e4ften funktionieren wird.<br \/>\nAber wie kann man sich vorstellen, heute, in einer derart schlimm organisierten Gesellschaft, die Kerne von neuen Organismen kreieren zu wollen, die, da sie nicht frei sein k\u00f6nnen und sich selbst innerhalb von anderen, noch schlimmeren, gr\u00f6sseren Organismen bewegen m\u00fcssen, zwangsl\u00e4ufig von dem \u00dcbel beeinflusst werden, welches das ganze System verseucht, und sich vor allem mit dem \u00fcberm\u00e4ssigsten Autoritarismus beschmutzen m\u00fcssen? Oder bildet ihr euch ein, dass eine Organisation, aus dem blossen Grund, sich anarchistisch zu nennen, ein Gebilde von Perfektionen ist?<br \/>\nLasst uns diese Organisationen etwas genauer betrachten, in deren Bildung sich f\u00fcr so viele unserer Kameraden die ganze Kraft ihres Kampfes gegen die Regierung konzentriert.<br \/>\nDiese Organisationen, sagt man, seien spontan. Aber wenn die Organisation heute ein derart spontanes Prinzip ist, dass selbst die Anarchisten \u2013 ja sogar die wahren und einzigen Anarchisten, wie einige sagen \u2013 nicht ohne sie auskommen k\u00f6nnen, sondern sich zwingend und notwendig organisieren m\u00fcssen, wieso geschieht es dann nie und ist es nie geschehen, dass sich eine anarchistische Organisation spontan bildete, infolge des freien Spiels der nat\u00fcrlichen Tendenzen im Kampf, und erforderte sie stattdessen immer, immer, das Werk eines energischen Organisators, der die k\u00fcnftige Organisation auf seine Weise zu gestalten begann?<br \/>\nDie Organisation der anarchistischen Kr\u00e4fte ist eben ein antilibert\u00e4res Prinzip, das in seiner forcierten Anwendung entweder die grosse Masse der anarchistischen\u2026 Nichtigkeit einverleibt und unter dem Einfluss der angesehensten Personen die halbe Energie zerbricht, oder jene vergrault, die weder die b\u00fcrgerliche Disziplin, noch die anarchistische Disziplin gut leiden k\u00f6nnen.<br \/>\nEs heisst: die Organisation bildet sich spontan, indem sie, stets spontan, ein einheitliches Programm von Kampfgrunds\u00e4tzen annimmt. Das Programm ist aber derart spontan, dass es damit beginnt, von einer Guppe, wenn nicht gar von einem Individuum diktiert zu werden. Insofern ist das Programm f\u00fcr die zuk\u00fcnftigen Organisierbaren bereits eine vollendete Tatsache, und die Organisation bildet sich \u2013 wohlverstanden \u2013 nicht, um \u00fcber die Zusammenstellung eines gemeinsamen Programmes \u00fcbereinzukommen, sondern, um ein bereits erstelltes und bereits verk\u00fcndetes Programm zu akzeptieren.<br \/>\nWie man sehen kann, ist der Grundsatz ein komplett anderer und verschiebt er die Frage v\u00f6llig, da wir im Bewusstsein \u00fcber die allgemeine Mentalit\u00e4t der Individuen wissen, dass diese unterschiedliche geistige Veranlagungen haben, wenn es darum geht, eine bereits vollendete Sache entweder abzusegnen, zu akzeptieren oder durchgehen zu lassen, oder aber ihren wenn auch geringen Beitrag an eigener Individualit\u00e4t zu einem gemeinsamen Werk beizutragen.<br \/>\nWenn wir uns mit der Frage der sogenannten spontanen Bildung der Organisation und der ebenso spontanen Zusammenstellung ihres Programmes aufhalten, ist das, weil man uns die Tatsache der von gewissen Anarchisten gebildeten Organisation als eine nat\u00fcrliche Erscheinung verkaufen will, die sich \u2013 stets spontan \u2013 ausgehend von der Gesamtheit der gemeinsamen Kampfgrunds\u00e4tze, die sich die Anarchisten vornehmen, zusammenstellen soll, sodass man schliesslich weismachen will, dass man kein Anarchist sei, wenn man dem Prinzip der (anarchistischen) Organisation nicht zustimmt.<br \/>\nWir aber behaupten, dass die sogenannten anarchistischen Organisationen hingegen und eben gerade eine Einzw\u00e4ngung der freien Kampftendenzen der Anarchisten sind, eine Einzw\u00e4ngung, die selbstverst\u00e4ndlich \u00fcber jene Individuen Griff bekommt, die weniger resistent und weniger f\u00e4hig sind, sich frei zu f\u00fchlen; und diese Organisationen sind keineswegs spontan, sondern sind immer Ausstrahlungen des pers\u00f6nlichen Einflusses eines st\u00e4rkeren, bef\u00e4higteren, resistenteren, wenn nicht des listigsten Individuums, welches diese Organismen auf seine Weise gestaltet und aus ihnen, vielleicht ohne es zu wollen, ausschliesslich seine Sache macht.<br \/>\nDoch die anschliessende Frage des Programms wird von einer pr\u00e4judiziellen \u00dcberlegung gel\u00f6st, die dem Stier den Kopf abschl\u00e4gt. Und sie ist, so scheint es uns, eine besonders anarchistische \u00dcberlegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>V<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl es unsere organisatorischen Kameraden gelegentlich bequem finden, zu behaupten, dass jedes Ideal, jeder Zweck, jedes Ziel, das erreicht werden will, an sich schon ein Programm sei (eine sehr diskutable Behauptung, bei der wir aber nicht verweilen wollen), ist es offensichtlich, dass wir, wenn wir von Programm sprechen, in diesem spezifischen Fall das taktische Programm meinen, das sich die anarchistischen Organisationen mit einem bestimmten Schema, mit Artikeln, Massnahmen, etc. festlegen.<br \/>\nIst es denn m\u00f6glich, dass sich die Anarchisten verpflichten \u2013 und es handelt sich um wahre Verpflichtung, in einigen uns bekannten F\u00e4llen sogar unterzeichnet mit sehr vielen Unterschriften \u2013, sich wenn auch freiwillig verpflichten, einer im Voraus festgelegen Verhaltenslinie zu folgen? Wenn wir die freie Initiative des Individuums sicherstellen und sch\u00fctzen und auch entwickeln wollen, wie sich die Organisationen damit br\u00fcsten, zu welchem Zweck dann f\u00fcr alle eine einheitliche und permanente taktische Linie festlegen? Lasst doch jeden sich so verhalten, wie er will; lasst das Individuum wirklich frei und lasst es Herr dar\u00fcber, sich in all den unterschiedlichen Umst\u00e4nden, die sich im individuellen und kollektiven Kampf gegen das System ergeben, zu entscheiden, welche Kampfmittel ihm am besten entsprechen, frei, sich mit jenen zu vereinigen, die innerhalb dieser gegebenen Umst\u00e4nde gleiche Mittel benutzen und mit ihm einverstanden sind; frei schliesslich, sich so zu bewegen, wie es ihm gef\u00e4llt, ohne Sorge, sich von einem fiktiv homogenen Ganzen losl\u00f6sen zu m\u00fcssen, ohne Skrupel, Zwiste und Spaltungen zu kreieren, ohne Angst, sich in gewisser Weise an den Pranger gestellt und missverstanden zu f\u00fchlen, wenn man wie ein H\u00e4retiker der Mehrheit agieren will.<br \/>\nDenn letztenendes bedarf es, dass wir uns von folgendem \u00fcberzeugen: dass die Anarchisten, aufgrund der Tatsache, solche zu sein oder sich so zu nennen, weder perfekte Individuen noch Engel sind; sie sind Menschen, Kinder der Umwelt, die den \u00fcblichen Vorurteilen der heutigen falschen Gesellschaft unterworfen sind. Daher weiss jeder, der unbefangen nachdenken will, wie sehr sich in den kollektiven Gemischen der Mengen eine falsche, fehlerhafte Psychologie bildet, die eher das Unrecht, die Vorurteile, die Fehler entwickelt, denn die gute Qualit\u00e4t. Der St\u00e4rkste und der F\u00e4higste inmitten der Menge versp\u00fcren den Instinkt der Beherrschung und das Dr\u00e4ngen, die anderen dazu anzutreiben, so wie sie zu denken und zu handeln, am st\u00e4rksten; die Schw\u00e4cheren und die Unf\u00e4higeren hingegen gew\u00f6hnen sich daran, sich eher unter die Menge zu mischen, eher in der Gesamtheit der anderen Energien unterzugehen, die sie flankieren und die f\u00fcr sie sagen, was zu tun ist. So ist in jeder politischen Organisation der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft, und wenn sie sich auch anarchistisch nennt, jede Individualit\u00e4t, die nicht aussergew\u00f6hnlich stark oder gekonnt intrigant ist, dazu bestimmt, sich unter die Menge zu mischen, von der Gesamtheit absorbiert zu werden. All dies steht also im Kontrast zu unserer libert\u00e4ren Bildungsaktion, die stattdessen darauf abzielen sollte, auf m\u00f6glichst weitgehende, ja sogar \u00fcbertriebene Weise die Auffassung der eigenen Individualit\u00e4t und der freien Initiative in einem jeden Individuum zu entwickeln.<br \/>\nUm auf das Programm zur\u00fcckzukommen, so gibt es f\u00fcr jene, die nicht dabei bleiben, mit der Kehrseite des gesunden Menschenverstandes zu argumentieren, keinen Zweifel dar\u00fcber, dass man, wenn man die menschliche Individualit\u00e4t wirklich sch\u00fctzen und respektieren will, zugestehen muss, dass kein Individuum, das jeweils unterschiedlich von den anderen gepr\u00e4gt wurde und mit seinem eigenen Kopf argumentiert, jemals seine Verhaltenslinie auf systematische, permanente und einheitliche Weise auf jene von anderen abstimmen kann; sich nicht verpflichten kann, einem abgesteckten und aufgrund von Mehrheitsbeschl\u00fcssen auferlegten Handlungsschema zu folgen, ohne dem Willen dieser Mehrheit zu entsagen, nicht mit freiem Geist akzeptieren kann, sein Verhalten auf ein taktisches System zu vereinheitlichen, dessen Qualit\u00e4t im Allgemeinen nach dem Pr\u00fcfstein einer Organisation umso mehr Wert ist, je zahlenreicher es ist, w\u00e4hrend man sich wenig darum k\u00fcmmert, dar\u00fcber nachzudenken, dass die Mehrheiten, gegen\u00fcber den mutigen und voranschreitenden Minderheiten, stets in der r\u00fcckw\u00e4rtsgewandteren und reaktion\u00e4reren Haltung stagnieren.<br \/>\nEs heisst, und dies ist der ewige Einwand, dass jene, die einer Organisation beitreten und ihr Programm akzeptieren, dies freiwillig und von sich aus tun. Wohl wahr, aber wir m\u00fcssen widerholen, was wir zuvor bereits sagten: die Menschen sind keine perfekten Individuen, die f\u00e4hig sind, die Wahrheit herauszulesen. Und die Mentalit\u00e4t dieser Individuen, gerade wenn sie noch am Beginn der Bildung ihres anarchistischen Bewusstseins stehen, tendiert auf verh\u00e4ngnisvolle Weise vielmehr dazu, von den folgenden vorurteilsbehafteten und \u00fcblichen Eindr\u00fccken geformt zu werden: 1) dass jene, die mehr sind, recht haben, weil sie mehr sind; 2) dass Parteiorganisation dasselbe wie Zusammenschluss sei, und dass die nicht Organisatoren Verr\u00fcckte sind, die als isolierte Molek\u00fcle f\u00fcr Krawall gegen das System sorgen wollen; 3) dass die Beschl\u00fcsse der Kongresse und die in den f\u00f6deralistischen Organisationen verw\u00e4sserten taktischen Programme das Evangelium des anarchistischen Kampfes seien; 4) dass die Organisation, die F\u00f6deration und die anarchistische Partei der unverf\u00e4lschte und reine Ausdruck der Anarchie seien; der ganze Rest seien hingegen Abstrusit\u00e4ten, Besserwissereien und Metaphysikereien der theoretischen Dissidenten, die sich den wirklichen praktischen Temperamenten entgegenstellen.<br \/>\nUnd aus dieser Herangehensweise bildet sich ein zun\u00e4chst embryonales und schliesslich definitives Bewusstsein, das ewig unter dem Einfluss dieser falschen Auffassung der anarchistischen Bewegung steht.<br \/>\nAll dies wird freiwillig getan. Sehr wahr, wir wiederholen: aber genau darum, genau weil es keinen schlimmeren Sklaven als den freiwilligen Sklaven gibt, behaupten wir, dass es umso schlimmer ist; denn wer freiwillig eine Auferlegung akzeptiert, glaubt, frei zu sein, und denkt nicht mehr daran, sich zu befreien. Geht beispielsweise einem \u00fcberzeugten Katholiken sagen, dass er Sklave des Priesters sei: er wird euch ins Gesicht lachen und euch schw\u00f6ren, dass niemand freier sei, als er.<br \/>\nEinmal abgesehen von diesen, sagen wir, prinzipiellen Fragen, werden wir ausserdem genauer betrachten, was die b\u00fcrokratischen Apparate dieser anarchistischen Organisationen unn\u00fctzes und sch\u00e4dliches an sich haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>VI<\/strong><\/p>\n<p>Denn, abgesehen von der Unvern\u00fcnftigkeit und der, sagen wir, theoretischen Ungen\u00fcgsamkeit vom anarchistischen Standpunkt aus der f\u00f6deralistischen und zentralisierenden Taktik, behaupten wir auch ihre praktische Un\u00fctzlichkeit und Sch\u00e4dlichkeit.<br \/>\nIn den anarchistischen Organisationen beginnt man damit, eine Korrespondenzkommission zu ernennen, die den Ablauf der Austauschbeziehungen zwischen Gruppe und Gruppe, zwischen Lokalit\u00e4t und Lokalit\u00e4t in ihren H\u00e4nden zentralisiert. Nun, welche Notwendigkeit sollte es je f\u00fcr solche Korrespondenzkommissionen geben, wenn nicht, um eine Art F\u00fchrungskomitee der Bewegung zu haben, welches die F\u00e4den der Organisation in seinen H\u00e4nden h\u00e4lt? Welchen Bedarf haben die Gruppen daran, auf eine Korrespondenzkommission zur\u00fcckzugreifen, um ihre Ideen unter sich auszutauschen und die wechselseitigen Initiativen unter sich zu kommunizieren? Man antwortet: aber dies ist, um die Beziehungen zwischen den Gruppen zu vereinfachen, denn, wenn eine Gruppe eine Initiative bekannt zu machen hat, gen\u00fcgt es, dass sie der Korrespondenzkommission schreibt, da diese sich darum k\u00fcmmert, es alle anderen f\u00f6derierten Gruppen wissen zu lassen. Und man f\u00fcgt hinzu, was auch die Sozialdemokraten bez\u00fcglich ihrer Abgeordneten antworten: aber die Kameraden der Korrespondenzkommission erbringen den anderen Kameraden doch einen Dienst. Nun gut, wir denken, dass die Kameraden auch ohne die von anderen erbrachten Dienstleistungen auskommen k\u00f6nnen, wenn sie es ebensogut selbst tun k\u00f6nnen. Wir denken, dass die Anarchisten, die dem Volk lernen, selbst zu tun, auch in ihrer Taktik und in ihrer Bewegung versuchen sollten, sowohl die Zentralisierung der Aufgaben in den H\u00e4nden von wenigen, wie die Delegation eben dieser so weit wie m\u00f6glich zu verhindern. In praktischer Hinsicht halten wir es f\u00fcr viel besser, wenn eine Gruppe, die den anderen Gruppen etwas mitzuteilen hat, dies selbst tut, auf ihr eigenes Konto, und alle Briefe schreibt, die sie f\u00fcr n\u00f6tig h\u00e4lt, ohne auf die Hilfe der Korrespondenzkommission zur\u00fcckgreifen zu m\u00fcssen, die nichts vereinfacht, wie alle anderen zentralisierenden Organismen, sondern nur durch die zwangsl\u00e4ufige H\u00e4ufung der F\u00e4den der Bewegung in ihren H\u00e4nden Macht kreiert, die ihrerseits Autorit\u00e4t generiert.<br \/>\nDenn dies ist wahrlich eine ernste Pattsituation. Wir wollen den Kameraden der Korrespondenzkommission alle guten Absichten, allen besten Willen der Welt zugestehen; doch diese Kameraden sind Menschen, die wesensgem\u00e4ss versuchen, das eigene Ich \u00fcberwiegen zu lassen, nicht mehr, nicht weniger, als alle anderen Menschen. Nun, wieso sollte die Kommunikation zwischen den Gruppen und vor allem die Verbreitung der Initiativen durch diese Kommission von Kameraden monopolisiert werden? Wie wird man bemerken k\u00f6nnen \u2013 oder wie viel Zeit wird eine Gruppe ben\u00f6tigen, bevor sie bemerkt \u2013, dass beispielsweise eine ihrer Initiativen\u2026 wenig gef\u00f6rdert wurde?<br \/>\nIn einem Zirkular, das von eben einer solchen Korrespondenzkommission von Barre, Vt., an die Kameraden der Vereinigten Staaten gerichtet war, lesen wir beispielsweise, dass sie \u201esich um die \u00dcbermittlung aller Vorschl\u00e4ge an alle Gruppen k\u00fcmmern wird, die von einer beliebigen Gruppe stammen und f\u00fcr die Propaganda von Interesse sind\u201c.<br \/>\nHier macht sich also die besagte Korrespondenzkommission zum Richter: sie urteilt dar\u00fcber, welche Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die Propaganda von Interesse sind und welche nicht. Und dies ist eine schwierige und \u00e4usserst breite Aufgabe, denn es mag tausend Urteilskriterien geben, die einen Vorschlag gleichermassen annehmbar machen oder nicht. Nun, die Korrespondenzkommission urteilt und entscheidet dar\u00fcber, ob ein Vorschlag f\u00fcr die Propaganda von Interesse ist oder nicht, bevor sie ihn an die anderen Gruppen \u00fcbermittelt, und sie wird mit eigenen Kriterien urteilen, und in ihrem Urteil wird sie notwendigerweise \u2013 und dies ist logisch und richtig \u2013 das bevorzugte individuelle Kriterium ihrer Mitglieder \u00fcberwiegen lassen. All dies ist nicht blosse Erledigung von Aufgaben, oder es ist es nur, das wollen wir zugeben, in der Absicht von jenen, die zur Ernennung solcher Kommissionen schreiten, und auch von jenen, die ernannt wurden. Stattdessen konstituiert es unserer Meinung nach ein Machtprinzip, ein Autorit\u00e4tsprinzip. Und wer diese Macht besitzt, tendiert, auch ohne sich zun\u00e4chst dar\u00fcber bewusst zu sein, dazu, um sich herum eine kleine Klasse zu kreieren, und versucht, nicht mehr und nicht weniger, als es alle Menschen zu tun gewohnt sind, die Kinder der gegenw\u00e4rtigen Umwelt sind und die in eben dieser gegenw\u00e4rtigen Umwelt leben und funktionieren, diese Macht zu erhalten und dieses Privileg zu erhalten.<br \/>\nEs heisst, dass die anarchistische Organisation der F\u00f6derationen und der Komitees die Initiativen entwickelt und f\u00f6rdert. Stattdessen geschieht genau das Gegenteil; denn jene mit halbem Bewusstsein, und das sind die meisten (egal was unsere Gegner behaupten), wenn sie einmal wissen, dass es welche gibt, die machen, die sich darum k\u00fcmmern, f\u00fcr die anderen zu machen, die die Aufgaben und die F\u00e4den der Bewegung in ihren H\u00e4nden zentralisieren, sorgen sich nicht mehr darum, versp\u00fcren nicht mehr den Ansporn, auf eigene Rechnung zu handeln, sich anzustrengen, um ihr embryonales Bewusstsein zu erg\u00e4nzen, es zu st\u00e4rken, es wirklich eigen und echt zu machen: es gibt sowieso welche, die es f\u00fcr uns erledigen, und wir k\u00f6nnen ja ruhig bleiben, heisst es. Ohne schliesslich die Gefahren miteinzuberechnen, die diese zentralisierten Organisationen darstellen, die sich auf kleine Komitees berufen, insofern ungl\u00fccklicherweise, aber nicht unwahrscheinlicherweise der intrigante, ambiti\u00f6se Typ hinzustossen kann, der sich ihrer f\u00fcr pers\u00f6nliche Zwecke oder f\u00fcr Spekulationen bedient, die nichts mit der anarchistischen Sache zu tun haben. Je zentralisierter das Funktionieren der Organisationen ist, desto einfacher wird es sein, sich ihrer zu bem\u00e4chtigen und sie auszunutzen.<br \/>\nUnd wir haben noch nicht einmal auf die grosse Gefahr hingewiesen, die solche Organisationen in jenen L\u00e4ndern eingehen, in denen die Reaktion herrscht, da sie die Arbeit der Polizei und ihrer Spione zweifellos beg\u00fcnstigt. Wir wissen bestens, dass diese und jene ihre Aktionen mit ebensoviel Brutalit\u00e4t auch gegen die isolierten Anarchisten f\u00fchren; aber es ist nicht abzustreiten, dass das System der Mitgliederlisten, der Adressen, der zentralisierten Gruppen, der Korrespondenzkommissionen, etc. die \u00dcberwachung und bei Gelegenheit das sch\u00e4ndliche Werk der Bullerei vereinfachen kann, die, anstatt ihre Kr\u00e4fte gegen nicht zentralisierte Individuen und Gruppen in tausend Scheisshaufen abtreten zu m\u00fcssen, gute Aussichten darauf haben, wie man sagt, einfach aus dem Haufen picken zu k\u00f6nnen, wenn es ihnen gelingt, in solche Organisationen einzudringen, die eine B\u00fcrokratie und eine Aufgabenzentralisierung haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>VII <\/strong><\/p>\n<p>Es wird nun Zeit, sich an die Schlussfolgerung zu machen, indem wir unsere Konzepte noch einmal zusammenfassen und vom kritischen Teil zum positiven Teil unserer Auffassung des politischen Kampfes \u00fcbergehen.<br \/>\nWir glauben nicht \u2013 und wir sind es bereits m\u00fcde, es zu wiederholen \u2013 an die Effizienz des ausschliesslich isolierten Kampfes des Individuums gegen die Gesellschaft, ausser in den \u00e4usserst seltenen F\u00e4llen von individueller Rebellion, auf die wir sp\u00e4ter eingehen werden. Darum glauben wir an die Notwendigkeit, die Kr\u00e4fte jener zusammenzuschliessen, die die Gesellschaft nach bestimmten generellen Ideen zerst\u00f6ren und wiederaufbauen wollen.<br \/>\nDieser Zusammenschluss sollte aber spontan geschehen, dieser Zusammenschluss darf und kann aber \u2013 wenn er sich den Namen anarchistisch verdienen will \u2013 nicht auf eine permanente und konstante Art organisiert sein, die sie all ihre Kr\u00e4fte auf eine im Voraus festgelegte Weise ausrichten l\u00e4sst.<br \/>\nZerst\u00f6ren, das haben wir bereits gesehen, gen\u00fcgt nicht; es ist notwendig, wiederaufbauen zu wissen und f\u00e4hig zu sein, wiederaufbauen zu k\u00f6nnen. Darum sollten diejenigen, die sich Anarchisten nennen, heute bereits so stark wie m\u00f6glich den Kern von materiellen Aktivit\u00e4ten und geistigen Tendenzen bilden, von dem aus sich die Gesellschaft der Zukunft ausbreiten wird. Darum ist es notwendig, dass das Prinzip des freien Zusammenschlusses, das die Grundlage der k\u00fcnftigen Gesellschaft bilden wird, indem es dem Individuum erm\u00f6glichen wird, sich so zu bewegen und so zu funktionieren, wie es ihm gef\u00e4llt, mit wem es ihm gef\u00e4llt \u2013 vorausgesetzt nat\u00fcrlich, dass es vom notwendigen Grundsatz angetrieben wird, dass das eigene Wohl auf dem allgemeinen Wohl basieren muss \u2013, dass also dieses Prinzip auf m\u00f6glichst breite und m\u00f6glichst libert\u00e4re Weise entwickelt und ausgerichtet wird.<br \/>\nKeine k\u00fcnstlichen, in b\u00fcrokratische Normen gezw\u00e4ngten Organisationen, die von Bindungen zusammengehalten werden, die aufgrund einer Mehrheit verh\u00e4ngt wurden und in Komitees und Korrespondenzkommissionen zentralisiert werden, die die Aktion und die allgemeine Bewegung monopolisieren.<br \/>\nKeine wie Rezepte a priori festgelegten taktischen Programme, die dazu neigen, sich immer st\u00e4rker im Dogma zu kristallisieren, anstatt dazu, sich in Abh\u00e4ngigkeit der neuen Anforderungen und der verschiedenen Umst\u00e4nde des sozialen Lebens zu ver\u00e4ndern.<br \/>\nKeine Delegation in die H\u00e4nde von wenigen \u2013 auch nicht unter dem Anschein einer illusorischen Kontrolle \u2013 von jenen Aufgaben, die Hand in Hand von all jenen ausgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, die sich in einem gegebenen Moment geeignet und dazu imstande f\u00fchlen, sich ihrer anzunehmen.<br \/>\nKeine Entscheidungen aufgrund von Mehrheiten und Minderheiten innerhalb der Gruppen: sondern Darlegung und Diskussion jeder Initiative, jedes Vorschlags, jedes Mittels des Kampfes und der Propaganda: spontane Akzeptierung und Zusammenarbeit seitens jener, die jenen Vorschlag oder jene Initiative oder jenes Mittel f\u00fcr n\u00fctzlich und gut erachten; Verweigerung der Zusammenarbeit und der Teilnahme von jenen, die dies nicht denken. Folglich das freie Individuum, und nicht die Gruppe, die sich dazu verpflichtet, irgendetwas als Kollektivit\u00e4t auszuf\u00fchren, auch wenn eine Minderheit von ihr davon nichts wissen will.<br \/>\nDie Vereinigung macht die St\u00e4rke aus: genau; es wurde aber nie gesagt, dass die Organisation einer Partei ihre St\u00e4rke ausmacht. Wir glauben und verfechten, dass sie im Gegenteil ihre Schw\u00e4che ausmacht. Der scheinbare Zusammenhalt der Nichtigkeiten und der ungeeigneten St\u00e4rke z\u00e4hlt im Wesentlichen wenig, auch wenn sie die Illusion eines zahlenm\u00e4ssigen Auftretens verschafft. Das Paradox von Max Nordau, das von uns einmal zitierte wurde, und das einigen so sehr auf die Nerven stiess, ist mehr denn je wahr.<br \/>\nWir wollen stattdessen das Individuum bis zum h\u00f6chsten Grad entwickeln und wir wollen dem Individuum, wenn auch in \u00fcbertriebenem Masse \u2013 und die \u00dcbertreibung innerhalb der eisernen Konstitution der heutigen Gesellschaft, wird, wenn sie nicht in offener Rebellion ausbricht, nie genug sein f\u00fcr die notwendige Realit\u00e4t der k\u00fcnftigen Gesellschaft \u2013, das rebellische und stolze Bewusstsein der eigenen Kraft, der eigenen Energie, der eigenen F\u00e4higkeit, zu wollen, zu handeln und zu erschaffen geben.<br \/>\nDie Parteiorganisation, mit ihren Programmen, die zur Disziplin werden, mit ihren F\u00f6derationen, die zu b\u00fcrokratischen Sackgassen werden, mit ihren zentralen Kommissionen, die sich, auch ohne es zu wollen, zur F\u00fchrung und Autorit\u00e4t machen, mit ihren einheitstaktischen Einschr\u00e4nkungen, die die Gruppen und Individuen l\u00e4hmen, sind nach unserer \u00dcberzeugung nicht nur unn\u00fctz, sondern sch\u00e4dlich f\u00fcr die Entwicklung jenes Empfindens der eigenen Individualit\u00e4t, auf deren Entwicklung die Anarchisten all ihre Kr\u00e4fte der libert\u00e4ren Bildung zusammenf\u00fchren sollten, wenn sie nicht nur die Revolution\u00e4re und Zerst\u00f6rer des Heute, sondern auch die Wiederaufbauer und Erschaffer des Morgens sein wollen.<br \/>\nDie Anarchisten k\u00f6nnen sich in jeder \u00d6rtlichkeit zu Propaganda- oder Studiengruppen vereinigen; sie sollten aber nicht damit beginnen, diesen Gruppen ein taktisches Programm vorzuschreiben, w\u00e4hrend jene, die es akzeptieren, in der Gruppe sind, und jene, die es nicht akzeptieren, ausserhalb von ihr sind. In den Gruppen \u2013 das heisst, in jenen periodischen Zusammentreffen von Kameraden einer bestimmten \u00d6rtlichkeit, die die Notwendigkeit verp\u00fcren, sich zu bewegen und Propaganda zu machen \u2013 wollen wir keine Exklusivit\u00e4tshaltungen, w\u00e4hrend wir uns bestens vorstellen k\u00f6nnen, dass es in ihnen Initiativen geben mag, die die Kr\u00e4fte aller Kameraden, seien es Organisatoren oder nicht, auf sich ziehen, so wie es andere geben mag, die sie nur teilweise auf sich ziehen, ebenso, wie es solche geben mag, die nur die Zustimmung der Vorschlagenden erhalten.<br \/>\nUnd die Kameraden einer \u00d6rtlichkeit werden \u2013 falls sie es ben\u00f6tigen und wann sie es ben\u00f6tigen \u2013 mit den einzelnen und gruppierten Kameraden der anderen \u00d6rtlichkeiten in Verbindung bleiben, ohne sich deswegen in einer fiktiven taktischen \u00dcbereinstimmung zu f\u00f6derieren, ohne deswegen durch die zentrale und unn\u00fctze Prozedur der Kommissionen oder Komitees zu gehen, die auf verh\u00e4ngnisvolle Weise darin enden, die F\u00e4den der Bewegung nach ihrem Gutd\u00fcnken zu bewegen, w\u00e4hrend sie sich von Erledigern von Aufgaben zu Orchesterdirigenten machen.<br \/>\nSo verstehen wir den freien Zusammenschluss; dieser ist wirklich das Resultat der Willen und der Kr\u00e4fte all jener Kameraden, die sich vor\u00fcbergehend, aus vielf\u00e4ltigen Entscheidungen und unterschiedlichen Kampfgrunds\u00e4tzen zusammenschliessen, Mitwirkende f\u00fcr ihre Initiativen suchen und ihre Kr\u00e4fte mit jenen, die dieselbe Kampfauffassung haben, gegen das Eigentum und die Autorit\u00e4t in \u00dcbereinstimmung bringen. Wir brauchen nicht die alte Leier zu wiederholen, dass man, wenn man zu zweit ist, bereits organisiert ist, und dass wir doch nichts anderes als Organisatoren anderer Art seien. Der Beweis daf\u00fcr, dass wir keine Organisatoren sind, liegt in der Tatsache, dass wir die Organisatoren bek\u00e4mpfen und sie uns bek\u00e4mpfen. Wenn wir alles Organisatoren w\u00e4ren \u2013 wenn wir also die Substanz der Sache akzeptieren w\u00fcrden \u2013, wieso sollten wir so sehr auf der Form beharren? Der Unterschied, der uns in der Taktik trennt, liegt eben gerade in der Substanz. Und wer das Gegenteil behauptet, versucht, die Dinge anders ausschauen zu lassen, als sie sind, um glauben zu machen, wir seien Dissidenten aus Liebe zur\u2026 Dissidenz.<br \/>\nWir sind also am Ende angelangt. Der Kampf gegen die Regierung ist der Kampf gegen die Autorit\u00e4t: gegen sie gen\u00fcgt es nicht, die zerst\u00f6rerischen Energien der anarchistischen Kampfauffassung zu richten, sondern m\u00fcssen wir den Boden vorbereiten, der anschliessend nicht erlaubt, das solch b\u00f6sartige Pflanzen erneut aufkommen und sich entwickeln k\u00f6nnen.<br \/>\nDeshalb, w\u00e4hrend wir zusammengeschlossen unsere Kr\u00e4fte gegen das Regierungswesen, gegen diesen Gipfel der Synthese des Autorit\u00e4tsprinzips richten, der heute vom Staat verk\u00f6rpert wird, streben wir danach, die Wurzeln der Autorit\u00e4t, unter welcher Form auch immer sie erscheinen mag, zu bek\u00e4mpfen und auszureissen, auch wenn von Kameraden, in bester Absicht, aber von Illusionen umwoben, ein Kampfsystem, eine Taktik gepriesen wird, die in ihrem Innern den verwerflichen Keim der verhassten Autorit\u00e4t sch\u00fctzt und bewahrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>[L\u2018Aurora, Jahr I, nr. 5 vom 28\/10, nr. 6 vom 4\/11, nr. 7 vom 11\/11, nr. 8 vom 18\/11, nr. 10 vom 2\/12, nr. 11 vom 9\/12, nr. 12 vom 16. Dezember 1899.<br \/>\nOriginaltitel: la lotta politica]<br \/>\n\u00dcbersetzung ins Deutsche,<br \/>\nZ\u00fcrich, M\u00e4rz 2012<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Giuseppe Ciancabilla<\/strong> ist 1872 in Rom geboren. Nachdem er vor der Repression nach dem Aufstand von 1898 in Milano aus Italien fl\u00fcchten musste, setzte er seine Agitation f\u00fcr eine kurze Zeit in der Schweiz fort. Dort war er einer der einzigen, der mit einem Artikel in seiner in Neuenburg gegr\u00fcndeten Zeitung L\u2018Agitatore den Anarchisten Luigi Luccheni offen verteidigte, der in Genf die Prinzessin Elisabet von \u00d6sterreich mit einer Feile ermordete. Dies nahmen die Schweizer Autorit\u00e4ten dann auch zum Anlass, um ihn zusammen mit 35 anderen italienischen Anarchisten aus dem Land auszuweisen. So reist Ciancabilla f\u00fcr einige Zeit nach England und schliesslich in die Vereinigten Staaten, wo er eine wichtige Figur der migrierten Bewegung war, die sich Ende 19. Jahrhundert dort zusammenfand. Er l\u00e4sst sich in Paterson, New Jersey, nieder, wo eine grosse Gemeinschaft italienischer Anarchisten lebt. Dort wird er Redakteur von La Questione Sociale, einer zweimonatlichen Zeitung, die gemeinsam mit Errico Malatesta, Carlo Tesca, Luigi Galleani, Aldino Felicano und anderen von der Gruppe Diritto all\u2018esistenza herausgegeben und von deren Verlagshaus, Era nuova, gedruckt wurde. Er wird die Zeitung L\u2018aurora gr\u00fcnden, und sp\u00e4ter in Chicaco in der Zeitung La Protesta umana schreiben, wo er, von der Analyse der Situation in seinem Herkunftsland Italien und auf der Welt, in sozialer Hinsicht, sowie in Bezug auf die anarchistische Bewegung, bis zur Darlegung seiner Perspektiven f\u00fcr die soziale Revolution, von der Kritik des Parlamentarismus, des Organisationismus und der Synthese unter Anarchisten bis zur Verteidigung der Enteignung und der individuellen Angriffe gegen die Macht, wie jene von Gaetano Bresci und Leon Czolgosz, eine Vielfalt von Artikeln verfasst.<br \/>\nAm 15. September 1904 stirbt er im Spital von San Francisco, im Alter von 31 Jahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text erschien 1899 in der italienischsprachigen anarchistischen Zeitung L\u2018Aurora. 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