{"id":63,"date":"2009-01-14T19:06:22","date_gmt":"2009-01-14T17:06:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.abc-berlin.net\/?p=63"},"modified":"2011-04-14T23:49:53","modified_gmt":"2011-04-14T22:49:53","slug":"frankreich-kein-waffenstillstand-fur-den-11-november","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/frankreich-kein-waffenstillstand-fur-den-11-november","title":{"rendered":"Frankreich &#8211; kein Waffenstillstand f\u00fcr den 11. November"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Artikel erschien in der letzten Cette Semaine (Dezember 08, anarchistische Zeitung aus Frankreich). Er wirft einen kritischen Blick auf die Ereignisse vom letzten November &#8211; besonders anhand von Begriffen wie Solidarit\u00e4t, Repression und sozialen K\u00e4mpfen wie auch ihrer Verbindungen untereinander.<\/p>\n<p>Was uns als Anarchist_innen besonders am Herzen liegt ist Kritik\/Selbstkritik und ein solidarischer Umgang damit. Dementsprechend publizieren wir hier diesen kritischen Blick um Diskussionen anzuregen, Austausch zu erm\u00f6glichen und solidarische Auseinandersetzungen zu entwickeln die uns alle hoffentlich in unserem Kampf gegen die Gegenwart voranbringen k\u00f6nnen. Trotzdem sind wir ziemlich sicher, dass viele Leute die in diesem Text ausgedr\u00fcckten Positionen als &#8220;unm\u00f6glich&#8221; oder &#8220;unsolidarisch&#8221; ansehen werden. Uns geht es aber genau darum auch hier in Deutschland zu zeigen, dass Wege der Solidarit\u00e4tsarbeit vielf\u00e4ltig sind und dass z.B. der gro\u00dfe Aufschrei nach Unterst\u00fctzung von Medien oder Politiker_innen, wenn jemand einf\u00e4hrt, f\u00fcr uns gar keine vern\u00fcnftige M\u00f6glichkeit als Anarchist_innen darstellt. Denn unsere Solidarit\u00e4t dr\u00fcckt sich auf der Stra\u00dfe aus, wo Leute k\u00e4mpfen und direkte Aktionen stattfinden.<\/em><\/p>\n<p>ABC Berlin<br \/>\n<!--more--><br \/>\n    <em>&#8220;Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass es eine Frage von Leben oder Tod ist, die sich f\u00fcr sie stellt: Falls sie die Maschinen nicht stoppen , werden sie einer Niederlage begegnen. Den Brunnen ihrer Hoffnungen, -die Sabotage- sch\u00f6pfend besitzen sie gro\u00dfe M\u00f6glichkeiten hin zum Erfolg zu kommen, hierbei jedoch werden sie auf die b\u00fcrgerliche Emp\u00f6rung und deren beleidigende Schimpfworte sto\u00dfen. Abgesehen vom Interesse am Spiel, ist es verst\u00e4ndlich, dass sie solchen Situationen mit leichtem Herz entgegen gehen und dass die Angst vor Verunglimpfungen seitens der Kapitalisten und ihrer Knechte sie nicht dazu bringt auf ihre Siegesm\u00f6glichkeit, die einfallsreiches und mutiges Handeln ist, zu verzichten.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Emile Pouget, Sabotage, 1911<\/p>\n<p>Alle oder fast alle kennen nun die Ereignisse. Am 8.11. haben einige gut platzierte Hakenkrallen die Oberleitungen der Bahn an vier verschiedenen Punkten besch\u00e4digt, dadurch wurde Chaos produziert und 160 TGV-Z\u00fcge aufgehalten.<br \/>\nAm 11.11. verhaftete die Polizei unter heftigem Blitzgewitter der Medien zehn vermeintlich Schuldige in verschiedenen St\u00e4dten und D\u00f6rfern. Nach dem 96 st\u00fcndigen Verh\u00f6r werden neun der &#8220;Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung mit terroristischer Zielsetzung&#8221; beschuldigt und f\u00fcnf davon eingeknastet, drei von ihnen zus\u00e4tzlich aufgrund &#8220;gemeinschaftlicher Sachbesch\u00e4digung&#8221;. Seit dem 2.12. sitzen noch zwei im Knast von denen einer als &#8220;Chef&#8221; der sog. Vereinigung beschuldigt wird.<br \/>\nDie Anwesenheit der Journalist_innen am Morgen der Durchsuchungen, die die folgenden Tage f\u00fcr die Denunziation und Verleumdungen gegen die sog. &#8220;Anarcho-Autonomen&#8221; in den Massenmedien verantwortlich sind, zeigen nochmal wie sie ein Bestandteil des Dispositiv &#8220;Antiterrorismus&#8221; sind. Gierig nach Sensationen, mit Personalisierungen spielend und Meldungen, die besser im M\u00fcll gelandet w\u00e4ren, sorgen sie f\u00fcr die erfolgreiche Manifestierung der Operation, die von der Innenministerin angesetzt wurde. Die Erfahrung der vergangenen K\u00e4mpfe sind auf keinen Fall zu leugnen: solche Aasgeier sind Feinde, die im Dienste der Herrschaft stehen.<\/p>\n<p>Auch wenn es ein paar Naive oder Dumme gibt, die denken, dass die Medien irgendwelchen Einfluss auf die &#8220;\u00f6ffentliche Meinung&#8221;, per Definition imagin\u00e4r und deshalb nach belieben formbar, haben k\u00f6nnten, ist mensch nicht \u00fcberrascht von der beschr\u00e4nkten Denkweise wonach wir nur wenn wir mit dem Feind kollaborieren ihm auch schaden k\u00f6nnen. W\u00e4hrend der aktuellen Phase der institutionellen L\u00fcge, beobachten wir den progressiven Aufbau der Figur von &#8220;guten&#8221; und &#8220;b\u00f6sen&#8221; Terrorist_innen.<\/p>\n<p>Die ersten, dienstbaren Protagonist_innen, Angeh\u00f6rige von l\u00e4ndlichen Gemeinschaften und gute Student_innen, schaffen einen Altar gegen alle anderen, die nicht dem richtigen Bild entsprechen oder sich ganz einfach weigern eine wei\u00dfe Weste zu zeigen, sobald die Macht sie dazu auffordert.<\/p>\n<p>Weit entfernt von den \u00f6ffentlichkeitswirksamen Anklagen durch gew\u00e4hlte Politiker_innen, Interviews und Gerede \u00fcber die Existenz oder nicht Existenz von &#8220;Beweisen&#8221;, vergammeln einige andere Genoss_innen (aufgrund von DNA-Spuren) wegen des vermeintlichen Versuchs ein Polizeiauto anzuz\u00fcnden schon seit mehreren Monaten im Knast, auch sie beschuldigt den &#8220;Anarcho-Autonomen&#8221; anzugeh\u00f6ren. Andere, einige davon illegalisierte Migrant_innen, wurden eingesperrt, weil sie beschuldigt werden den Abschiebeknast in Vincennes angez\u00fcndet zu haben, was anhand von Videomaterial nachgewiesen werden soll. Andere aus Villiers-le-Bel entgegen diesen &#8220;Unschuldigen&#8221; schuldig weil sie versuchen au\u00dferhalb der Lohnarbeit zu \u00dcberleben werden t\u00e4glich mit der Anschuldigung &#8220;kriminelle Vereinigung&#8221; konfrontiert. A priori, stellen sich die einen nicht den anderen entgegen. Au\u00dfer wenn mensch die Kategorien der Macht zu ihrer\/seinen eigenen macht. Macht die das einzige ist, was kategorisiert was terroristisch ist und was nicht.<br \/>\nAu\u00dfer wenn mensch die Trennung zwischen &#8220;politischen&#8221; und &#8220;sozialen&#8221; Gefangenen best\u00e4tigt.<br \/>\nAu\u00dfer wenn mensch mit Absicht vergisst &#8211; schon wenn mensch sich die Namen der meisten Unterst\u00fctzer_innen anguckt (&#8220;f\u00fcr die Tarnac 9&#8221;), dass andere schon fr\u00fcher gefallen sind und andere vielleicht nachkommen werden.<br \/>\nAu\u00dfer wenn mensch bereit ist, im Namen der &#8220;Unschuld&#8221; die &#8220;Schuldigen&#8221; (obwohl &#8220;die Beweise&#8221; und die &#8220;innere \u00dcberzeugung&#8221; der Hoheit juristischer Begrifflichkeitsdeutung unterliegen &#8211; ob wir damit einverstanden sind oder nicht), die t\u00e4glich erwischt werden, aufzuopfern.<br \/>\nAu\u00dfer wenn wir irgendwelchen Nutzen daraus ziehen, wenn wir den Herrschenden helfen und de facto eine Trennungslinie zwischen die &#8220;guten&#8221; und die &#8220;b\u00f6sen&#8221; ziehen: zwischen denjenigen, die sich lustvoll zum Hauptgeb\u00e4ude einer Zeitung begeben, um \u00fcber ihr Leben zu berichten und oft auch \u00fcber das der anderen, und die, die vorm Mikrofon schweigen, zwischen denjenigen, die sich als berufliche Intellektuelle vom Staat bezahlen lassen und denjenigen, die mit jeglicher Form von Spezialisierung brechen wollen. Zwischen denjenigen, die ihre Meinungen in Plena mit gew\u00e4hlten Politiker_innen teilen und denjenigen, die Parteisitze angreifen. Um es kurz zu halten, zwischen denjenigen, die mit der Macht reden und denjenigen, die definitiv unbeugsam sind. Verr\u00fcckte, die trotzig die Macht angreifen anstatt sie zu reproduzieren (mit ihren Kategorien, ihren Rollen und Hierarchien) &#8211; eine Reproduktion kann nur mit ihrer Verst\u00e4rkung enden.<br \/>\nAber lasst uns zu den Fakten zur\u00fcckkommen. Bedeutet gegen die Demokratie zu sein und f\u00fcr eine freie Selbstorganisierung zwischen Individuen, gegen jegliches repr\u00e4sentative System vielleicht auch &#8220;Terrorist_in&#8221; zu sein&#8221;<br \/>\nDie Sabotage zu verteidigen, genauso wie alle anderen Instrumente des Kampfes, ohne Hierarchien jeglicher Art &#8211; bedeutet das &#8220;Terrorist_in&#8221; zu sein?<br \/>\nKonsequent f\u00fcr die totale Zers\u00f6rung von Staat und Kapital zu k\u00e4mpfen, also Anarchist_innen zu sein, bedeutet &#8220;Terrorist_innen&#8221; zu sein?<br \/>\nB\u00f6se Absichten zu haben, sie zu unterst\u00fctzen und dar\u00fcber zu schreiben, bedeutet &#8220;Terrorist_innen&#8221; zu sein?<br \/>\nW\u00e4hrend der K\u00e4mpfe Mitt\u00e4ter_innen zu entdecken, mit ihnen Affinit\u00e4ten zu entwickeln bedeutet an sich eine &#8220;kriminelle Vereinigung&#8221; zu sein?<br \/>\nWenn das der Fall ist, dann drei mal &#8220;ja&#8221;. Wir \u00fcbernehmen lauthals die Verantwortung f\u00fcr unsere Leidenschaft f\u00fcr Freiheit und die Folgen, die sich daraus ergeben. Die selbe Leidenschaft, die viele Unbekannte bewegt. Leute, die weit entfernt von den medialen Sirenen t\u00e4glich gegen die Herrschaft k\u00e4mpfen.<br \/>\nIn dieser Welt, die auf Ausbeutung, Umweltzerst\u00f6rung, Krieg und Miseren basiert, ist es sicherlich nicht als kriminell zu bewerten unt\u00e4tig zu bleiben, wartend auf den Moment, in dem alles untergeht oder zynischerweise die Momente zu z\u00e4hlen und dabei zu hoffen, dass jede_r f\u00fcr sich zurechtkommt, vereinzelt jede_r in ihrem\/seinen kleinen K\u00e4fig. Die Demokratie, das System zur mehr oder weniger autorit\u00e4ren F\u00fchrung des Kapitalismus ist nicht das schlimmste System. Bis jetzt hat die Demokratie vor allem Beweise f\u00fcr ihre Pleite erbracht: Die Welt, die sie dominiert bleibt eine Welt der Unterwerfung und Entbehrungen. Es handelt sich um ein System, das vorgibt an der Verwaltung von Desastern mitbeteiligt sein zu k\u00f6nnen und zwar an seiner Selbstaufhebung, dabei die Gesellschaft anstachelnd sich in Klassen aufzuteilen, dies zu verdecken &#8211; indem die Widerspr\u00fcche durch die permanente Befriedung &#8211; absorbiert werden. Auf die selbe Art und Weise ist der Staat eben nicht das neutrale Instrument, das den Markt reguliert. Er ist vielmehr einer seiner Verb\u00fcndeten wie zu Zeiten der &#8220;Finanzkrise&#8221; wieder deutlich wird, wo massive Geldspritzen die Banken und Unternehmen retten sollen w\u00e4hrend sich die Umst\u00e4nde der Ausbeutung verschlimmern und das Durchhalten bis zum Ende des Monats immer schwieriger wird.<br \/>\nJa, wir wollen den Staat abschaffen, ihn nicht erobern, denn er ist wie seine Kn\u00e4ste, seine Bullen und seine Gerichte, die blo\u00df seine Spiegelbilder sind, eine der S\u00e4ulen der t\u00f6dlichen Welt. Was den Kapitalismus angeht, der vor allem ein soziales Gef\u00fcge ohne Herz und Gef\u00fchl ist, liegt es an uns allen ihn in seinen t\u00e4glichen Erscheinungen zu bek\u00e4mpfen In der sog. &#8220;globalisierten&#8221; \u00d6konomie, die auf permanente Zirkulation basiert, hat der Warenfluss (menschlicher wie auch nicht-menschlicher) an gro\u00dfer Bedeutung gewonnen.<br \/>\nEs ist deshalb normal, dass das Blockieren dieses Flusses wieder \u00fcberall aufgetaucht ist und die K\u00e4mpfe der letzten Jahre wenn sie auch keine harten Schl\u00e4ge erzielen konnten doch wenigstens zur Grundsteinlegung neuer Machtbeziehungen gedient haben. (von der CPE bis zum Bahnarbeiter_innenstreik Februar 2008 in Frankreich, aber auch der Bahn in Deutschland 2007 oder in Val di Susa in Italien 2005). Solche antikapitalistische Kritik, die sich \u00fcber die direkte Aktion ausdr\u00fcckt und die von sehr vielen Intellektuellen als unn\u00fctz, \u00fcberholt oder kriminell verurteilt wird, wurde von vielen Ausgebeuteten in ihren K\u00e4mpfen erprobt. Das Blockieren der TGVs (durch Besch\u00e4digung der Oberleitungen oder Brand der Kabel wie im November 2008) &#8211; diese zerst\u00f6rerischen Maschinen, die auch daf\u00fcr verantwortlich, dass sich der Warenfluss beschleunigt &#8211; war kein Zufall sondern Frucht der gemeinsamen Erfahrungen der letzten sozialen K\u00e4mpfe.<br \/>\nOhne zu behaupten, dass Sabotage keine vielseitige Praxis w\u00e4re, hat sie ihren Ursprung doch immer im Herzen der Ausbeutung selbst &#8211; sei es um der\/dem Chef_in Zeit zu stehlen oder um Sachschaden gegen die Dinge anzurichten, die uns jeden Tag mehr unterdr\u00fccken.<br \/>\nWovor die Macht Angst hat ist nicht die Art, die den Gewerkschaften zuzuordnen ist, Demonstrationen in Zeiten der Unt\u00e4tigkeit abzuhalten sondern diffuse und anonyme Handlungen zu propagieren, die sich in den permanenten sozialen Krieg einschreiben ohne jegliche Art der Trennung. Und genau in den Momenten, in denen der Druck gegen die Dissident_innen der wirtschaftlichen Demokratie aufsteigt sieht die Macht keine anderen Auswege als ihre Vergangenheit, Ideen oder einfach ihre Widerspr\u00fcche zu negieren. Solch permanente Erpressung abzulehnen, wird auch zu einer Frage der Integrit\u00e4t &#8211; eine der wenigen Sachen, die uns der Staat nicht wegnehmen kann.<br \/>\nWer auch immer die Urheber_innen der Sabotage des vergangenen Novembers sein m\u00f6gen &#8211; wir dr\u00fccken unsere Solidarit\u00e4t mit ihren Handlungen aus. Auf die gleiche Art und Weise wollen wir nicht einfach Unterst\u00fctzung gegen die Repression, die vorgibt eine &#8220;unsichtbare Zelle&#8221; zerschlagen zu haben, anbieten, die sowieso nur au\u00dferhalb und relativ dazu steht, was sie denn nun sein m\u00f6gen oder mensch denkt sie w\u00e4ren es tats\u00e4chlich. Sondern eine Solidarit\u00e4t gegen den Staat und all seine Knechte. Eine Solidarit\u00e4t, die wie die Revolte nicht exklusiv sein kann sondern sich an all diejenigen richtet, die f\u00fcr die Freiheit k\u00e4mpfen. Wenn die Unschuldigen unsere Solidarit\u00e4t verdienen, dann die Schuldigen noch mehr!<\/p>\n<p>Anarchist_innen trotz allem <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel erschien in der letzten Cette Semaine (Dezember 08, anarchistische Zeitung aus Frankreich). 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