{"id":6635,"date":"2012-04-22T11:18:42","date_gmt":"2012-04-22T10:18:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=6635"},"modified":"2015-01-31T13:10:47","modified_gmt":"2015-01-31T12:10:47","slug":"mit-den-haenden-mit-dem-kopf-und-mit-dem-herzen-interviews-mit-no-tav-gefangenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/mit-den-haenden-mit-dem-kopf-und-mit-dem-herzen-interviews-mit-no-tav-gefangenen","title":{"rendered":"Mit den H\u00e4nden, mit dem Kopf und mit dem Herzen &#8211; Interviews mit No-TAV-Gefangenen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/no-tav.png\" rel=\"lightbox[6635]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-6134\" title=\"Solidarit\u00e4t mit den Gefangenen der No-TAV-Bewegung in Italien\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/no-tav-178x250.png\" alt=\"Solidarit\u00e4t mit den Gefangenen der No-TAV-Bewegung in Italien\" width=\"125\" height=\"175\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/no-tav-178x250.png 178w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/no-tav-428x600.png 428w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/no-tav.png 600w\" sizes=\"(max-width: 125px) 100vw, 125px\" \/><\/a><em><span class=\"dropcap\">D<\/span>rei Monate nach den augenblicklich j\u00fcngsten Verhaftungen gegen die No-Tav Bewegung werden sechs der 42 Betroffenen der <a title=\"Update \u00fcber die No-TAV-Verhaftungen in Italien\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/update-ueber-die-no-tav-verhaftungen-in-italien\" target=\"_blank\">repressiven Aktion vom 26.01.2012<\/a> weiter in verschiedenen italienischen Haftanstalten festgehalten. Das Kollektiv Radiocane kontaktierte sie schriftlich zum postalischen Interview. Drei R\u00fcckmeldungen trafen bislang ein. Radiocane hat sie, am Vorabend des mail\u00e4ndischen Tages der Solidarit\u00e4t mit den No Tav Gefangenen am 21. April, der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht. Deutschsprachige \u00dcbersetzung gefunden auf <a href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/58767\" target=\"_blank\">linksunten.indymedia.org<\/a><\/em><\/p>\n<h5 style=\"text-align: center;\">R\u00fcckmeldung von Mau \u2013 No Tav aus Mailand<\/h5>\n<p><strong><em>Mau wird seit dem 26. Januar 2012 in Pr\u00e4ventivhaft festgehalten<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>April 2012<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es wird Euch seltsam erscheinen&#8230; ein Interview geben beinhaltet aber immer das Erstellen einer Bilanz, eine Reflektion; Es ist ein inne halten, ein sich zur\u00fcck wenden, zur Vergangenheit hin, w\u00e4hrend ich hier in einen Kessel hineinkatapultiert wurde, der stechend Woche f\u00fcr Woche Hunderte ergreift, die gr\u00f6\u00dftenteils die Brandmarken des Krieges, der Steuern, der K\u00fcndigung, des immer kargeren Lohnes tragen. Menschen, die oft immigriert sind, die in der Regel nichts als Angst haben, Angst vor den Pr\u00fcgeltrachten, die sie w\u00e4hrend der Reise bis hierher und auch hier eingesteckt haben, und Sehnsucht haben, den Hunger zu stillen, sich zu kleiden, zu waschen und RAUS ZU KOMMEN.<\/p>\n<p>Statt dessen, sto\u00dfen sie auch noch auf eine Art von Distanzierung seitens der italienischen Leute, die man ebenfalls verstehen und mit denen man sich ebenfalls auseinandersetzen muss, sonst vertrackt sich Alles, wenn man zu hastig vorgeht wird Alles unverst\u00e4ndlich. Der Alltag setzt einem nach, der Knast will den Kopf derer, die er krallt, er will, dass sie ihn senken, auf die eine oder die andere Weise, um jeden Preis, einschlie\u00dflich des Lebens. Das ist die Realit\u00e4t. K\u00f6nnt ihr das nachvollziehen? Auch vergangene Nacht gab es eine Person, die gestorben ist. Durch was? Durch den Knast. Was machst Du dann? Du nimmst es im Kopf zur Kenntnis, Du musst aber reagieren, weil sich die Einsch\u00fcchterung verallgemeinert, immerzu verhindert oder zumindest behindert sie aufs Sch\u00e4rfste, die Herrschaft der Staatsr\u00e4son, des Kapitalismus &amp; Co. Hier ist das Praxis, Ziel, Zweckm\u00e4\u00dfigkeit des Apparates gegen den, der rebelliert, denkt und handelt, f\u00fcr befreite Beziehungen und so weiter.<\/p>\n<p>Das ist es, was mich besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Hier wissen nur die Wenigsten, was der Tav und die No Tav sind. Was den Artikel 18 betrifft, so denken sie gewiss, dass es irgendein Gesetzbuch betreffen k\u00f6nnte. Es gibt keine Zeitung und keinen Sender, die \u00fcber ihre Schwierigkeiten berichten: Strafe, Schulen, Hygiene, Gesundheit, Pflege und so weiter. Selten ber\u00fchren sie unsere Initiativen, weil sie zu allgemein sind: das st\u00e4ndige Zu- und Abflie\u00dfen macht allerdings unm\u00f6glich, dass eine oder auch zehn Beziehungen zum Beispiel an die afrikanische Ethnie, die diesen Ort durchl\u00e4uft, \u00fcbertragen werden k\u00f6nnten. Ich bin aber hier, ich kann nicht sein, wo mir beliebt, oder? Eine solche Verantwortung hinsichtlich einer Synthese \u00fcbernehme ich nicht, und ich denke, ihr werdet es mir auch nicht erlauben, dem Interview zum Trotz, das man immer noch machen kann.<\/p>\n<p>Eine feste Umarmung, bis bald.<\/p>\n<p>Mau<\/p>\n<hr \/>\n<h5 style=\"text-align: center;\">Interview mit Giorgio Rossetto &#8211; No Tav aus Bussoleno<\/h5>\n<p><strong><em>Giorgio Rossetto wird seit dem 26. Januar 2012 in Pr\u00e4ventivhaft festgehalten.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>April 2012<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Welche Aspekte sollten deiner Wahrnehmung nach als spezifisch f\u00fcr die aktuelle Situation, die Du zu beobachten Dich wiederfindest, und f\u00fcr die Behandlung, der Du unter diesen Umst\u00e4nden unterzogen wirst hervor gehoben werden \u2013 auch in Bezug auf die K\u00e4mpfe, die drau\u00dfen weiter stattgefunden haben?<\/em><\/p>\n<p>Die \u00dcberlegungen, die ich anstellen kann, basieren auf einen kurzen Aufenthalt in der gro\u00dfen metropolitanen Haftanstalt \u201eLe Vallette\u201c, der um die zehn Tage dauerte, und auf den noch l\u00e4ngeren und weiter andauernden in Saluzzo.<\/p>\n<p>Die Vallette, mit ihren durchschnittlich 1500 H\u00e4ftlingen, 3 unterschiedlichen Trakten und einem Kommen und Gehen von Wachen und H\u00e4ftlingen, einem kontinuierlicheren turnover und st\u00e4rkerem L\u00e4rm in der Luft. Block C bestand aus 10 Abteilungen. Jede Abteilung hatte 20 bis 25 Zellen. Zwei H\u00e4ftlinge pro Zelle. Etwa 50 H\u00e4ftlinge pro Abteilung. Die Zusammensetzung der Abteilung war vielf\u00e4ltig, durch die unterschiedlichen vorhandenen Ethnien. Bei einer schnellen Analyse habe ich den Eindruck gewonnen, dass die \u201eMaghrebiner\u201c eher zu individuellen und selbstverletzenden Handlungen neigen, dass die \u201eRum\u00e4nen\u201c dazu tendieren, durch Zusammensein auszuhalten und dass die \u201eSchwarzen\u201c eher offen daf\u00fcr sind, kollektiv zu denken. Schlie\u00dflich, die \u201eItaliener\u201c, die den anderen Ethnien die Schuld f\u00fcr die Situation geben. Alle auf unterschiedliche Weise klagend. Keiner der sich die Frage nach dem, was zu tun sei, um Ver\u00e4nderung herbeizuf\u00fchren stellen w\u00fcrde. Zum Hofgang ging man mit 3 Abteilungen auf einmal. In jener Zeit schneite es, die K\u00e4lte war eisig, also sind abschlie\u00dfende Einsch\u00e4tzungen unm\u00f6glich, ich denke aber, dass es mit 150 Gefangenen m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, ein wenig Auseinandersetzung herzustellen. Sich exponieren, diskutieren, die entstehenden Bed\u00fcrfnisse deuten ist jedenfalls einer der Wege, um wieder eine minimale Spur von Protagonismus in den Haftanstalten dieses Landes in Gang zu setzen.<\/p>\n<p>Wir wurden jedenfalls umgehend von den Vallette wegverlegt &#8211; gew\u00f6hnt, wie wir an den frenetischen Takt des politischen Handelns sind, haben wir uns auf hastige Weise \u201eexponiert\u201c. Der Schreck des Anstaltsleiters, die Entscheidungen des DPA [Strafvollzugsverwaltung], haben zur Verlegung der sechs NO TAV in sechs unterschiedliche Vollzugsanstalten der Region gef\u00fchrt, mit dem Stempel \u201eHohe \u00dcberwachungsstufe\u201c.<\/p>\n<p>Ich bin in Saluzzo angekommen, hier ist Alles \u201esauberer, reinlicher, professioneller2: Die gesamte b\u00fcrokratische Organisation des Systems mit ihren Spezialisierungen und ihren variablen Stufen der kapillaren \u00dcberwachung, die ganz darauf ausgerichtet sind, die Unterwerfung des Gefangenen \u00fcber die Mechanismen der Beg\u00fcnstigung und Belohnung herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>In Saluzzo gibt es zwei Abteilungen mit hoher \u00dcberwachungsstufe mit zu hohen Strafen verurteilten Gefangenen (lebensl\u00e4nglich auf 30 Jahre) und weitere vier mit zu geringeren Strafen rechtskr\u00e4ftig verurteilten Gefangenen.<\/p>\n<p>Die Abteilung in der wir sind, war jene, die einst der Isolationshaft gewidmet war. Im Laufe der Jahre wurde sie \u201eBeschuldigten\u201c (die auf ein Verfahren warten) vorbehalten, allerdings unter Beibehaltung der Abl\u00e4ufe und der R\u00e4ume, die der Isolationshaft eigen sind. Strengstes Regime, der Hof ist in gangartige Parzellen unterteilt, der Einsatz von Metalldetektoren ununterbrochen, ab und zu, individuelle Kontrolle durch eine Wache, die beim Hofgang zwei Stunden lang vor deinem Minihof\/Box sitzt und nat\u00fcrlich Ausschluss von allen kreativen und sportlichen Aktivit\u00e4ten in der Haftanstalt.<\/p>\n<p><em>Gibt es einen speziellen Fragment des t\u00e4glichen Lebens in der Haftanstalt, den zu erleben Dir widerfahren ist und \u00fcber den Du Lust hast, mit uns zu sprechen?<\/em><\/p>\n<p>Ein angenehmes Teilst\u00fcck sind die \u201ealten\u201c Bank- und Postfilialenr\u00e4uber, die zu den ruhmreichen Batterien der 70er\/80er geh\u00f6ren, die nie das Handtuch werfen und inzwischen 60 bis 70 Jahre alt sind. Sie leben von den goldenen Erinnerungen der vergangenen Jahre, die der Revolten und der Ausbr\u00fcche.<\/p>\n<p>In den Vallette gibt es einen, der TEPEPA genannt wird und 74 Jahre alt ist. Er ist dort und versteht angesichts seines Alters nicht warum. Inzwischen hat wegen er Raubtaten vor drei Jahren 10 Jahre durch das Gericht von Mondov\u00ed bekommen. Er wurde mit einer Reisetasche voller Waffen, Uniformen und Handschellen verhaftet.<\/p>\n<p><em>Gibt es einen speziellen Fragment des No TAV Kampfes, an dem Du Teilgenommen hast und \u00fcber den Du Lust hast, mit uns zu sprechen?<\/em><\/p>\n<p>Ich \u00fcberspringe die Frage.<\/p>\n<p><em>Was h\u00e4ltst Du von der Tatsache, dass die Bewegung in Folge von Euren Verhaftungen weiter geht und viel mehr noch, einen starken Auftrieb erlebt hat? <\/em><\/p>\n<p>Das hei\u00dft, dass wir in den vergangenen Jahren f\u00e4hig gewesen sind, Schritt f\u00fcr Schritt soziale Beziehungen, Strukturen, Beteiligungsniveaus, Volk- und Klassenzusammenh\u00e4nge aufzubauen, in denen man sich auseinandersetzt, wohl wissend, dass die Repression ein von der Magistratur um uns zu schw\u00e4chen und zu erpressen aufgest\u00fclpter, dem Kampf externer Aspekt ist. Unser Anliegen ist aber das Gegenteil: die Bewegung, die Mobilisierung, m\u00fcssen uns in der Solidarit\u00e4tsbeziehung zu den Gefangenen st\u00e4rken, die deren grundlegender Bestandteil sind, ohne jede Differenzierung unter ihnen durch Gebrauch von irref\u00fchrenden Kategorien wie Unschuld und Schuld.<\/p>\n<p>Schon die Verhaftung des Kommunalrats und des Friseurs von Bussoleno haben sich f\u00fcr das Anklagekonstrukt, das einen Unterschied zwischen NOTAV aus dem Tal und Ausw\u00e4rtige, zwischen guten und B\u00f6sen NOTAV nachweisen wollte, schon als Eigentor entpuppt. F\u00fcr uns autonome Strukturen hat das eine weitere Best\u00e4tigung eines politischen Vorschlags dargestellt, der die Rolle der Organisation und der Subjektivit\u00e4t in den Bewegungen und in den Transformationsprozessen als zentrale Knotenpunkte w\u00fcrdigt. Starke innere Koh\u00e4renz in den Bewegungen, ohne jedes Zugest\u00e4ndnis an existenzielle Darstellungen oder unergiebige Affinit\u00e4ten, die sich in jenen St\u00e4dten und Territorien vermehren, in denen Anderssein und Gegenmacht auf der Flucht sind.<\/p>\n<p><em>Hat die Tatsache, dass ihr verhaftet wurdet, weil ihr Euch an den NO TAV Kampf beteiligt habt die Wahrnehmung der Gefangenen Euch gegen\u00fcber beeinflusst?<\/em><\/p>\n<p>Das ist was neues, sie sind an die Ankunft von H\u00e4ftlingen, die k\u00e4mpfen, um soziale Ziele zu erreichen und keinerlei pers\u00f6nlichen Nutzen dabei haben nicht gew\u00f6hnt. Einige denken sogar, dass ihre Inhaftierung richtig sei und dass sie eine Strafe verb\u00fc\u00dfen, w\u00e4hrend die Unsere als eine Ungerechtigkeit angesehen wird, als eine Verfolgung, und sie gehen davon aus, dass wir bald rauskommen werden. Viele \u00fcbersch\u00e4tzen das Gewicht der NOTAV, und hoffen dabei, dass die etwaige Unterst\u00fctzung der Bewegung zu einer medialen Aufmerksamkeit bez\u00fcglich der Probleme in den Haftanstalten und der Notwendigkeit einer Amnestie, welche die Forderung ist, die alle eint.<\/p>\n<p><em>Wie wurde und wie wird die Situation Lucas im Inneren der Haftanstalt erlebt? Wie verbreitete sich die Nachricht dessen, was ihm geschehen war?<\/em><\/p>\n<p>Die Nachricht verbreitete sich rapide, innerhalb von einigen Dutzend Minuten hat man den Ernst des \u201eUnfalls\u201c erfasst, was unter Allen gro\u00dfe Sorge ausl\u00f6ste. Die Gefangenen baten permanent um Informationen, auf der Grundlage dessen, was ich ihnen durch Radio Blackout (das man in Saluzzo ganz gut empfangen kann) vermittelte. Alle w\u00fcnschen ihm eine rasche Genesung, und wir k\u00f6nnen jetzt laut sagen: Das Gl\u00fcck ist im besonders hold gewesen.<\/p>\n<p><em>Wie wird der Kampf der NO TAV im Gef\u00e4ngnis wahrgenommen?<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind sie solidarisch, sie ergreifen Partei f\u00fcr die no tav Bewegung, sie sind erstaunt ob der zum Ausdruck gebrachten Kraft, dem Mut, und der Entschlossenheit beeindruckt. Einige bleiben bez\u00fcglich der M\u00f6glichkeit, dass wir gewinnen, skeptisch. Es ist an uns allen, sie zu widerlegen.<\/p>\n<p><em>Drau\u00dfen wird \u00fcber eine Kampagne f\u00fcr die Befreiung der NO TAV Gefangenen nachgedacht. Was haltet ihr da drinnen davon?<\/em><\/p>\n<p>Mir scheint es so, als habe sich drau\u00dfen eine Volkskampagne in Gang gesetzt, um den Kontakt zwischen der k\u00e4mpfenden Gemeinschaft und die Gefangenen zu st\u00e4rken, dutzende Initiativen sind aufeinander gefolgt, w\u00e4hrend die repressive Operation St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zerf\u00e4llt. Der Weg ist noch lang, das tempo, mit der wir ihn beschreiten scheint mir aber der richtige.<\/p>\n<p>TSCH\u00dcSS, GIORGIO<\/p>\n<p>Eine Umarmung an Alle<\/p>\n<p>* Wenn ihr Materialien aus der Bewegung oder eigene Publikationen \u00fcber die Probleme in den Haftanstalten habt, SCHICKT SIE MIR BITTE.<\/p>\n<hr \/>\n<h5 style=\"text-align: center;\">Interview mit Marcelo \u2013 No Tav aus Mailand<\/h5>\n<p><em><strong>Marcelo wird seit dem 26. Januar 2012 in Pr\u00e4ventivhaft festgehalten<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong>April 2012<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Welche Aspekte sollten deiner Wahrnehmung nach als spezifisch f\u00fcr die aktuelle Situation, die Du zu beobachten Dich wiederfindest, und f\u00fcr die Behandlung, der Du unter diesen Umst\u00e4nden unterzogen wirst hervor gehoben werden \u2013 auch in Bezug auf die K\u00e4mpfe, die drau\u00dfen weiter stattgefunden haben?<\/em><\/p>\n<p>Die NO TAV Bewegung kommt auch ohne uns weiter \u2013 das, weil es in ihrem Inneren keine Chefs gibt sondern einen heterogenen F\u00e4cher von Singularit\u00e4ten, die in diesem Kampf Partei ergriffen haben. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass nicht nur die community der Bewohner des Susa Tals, sondern ein ganzes Land rebelliert hat. Die Solidarit\u00e4t kommt aus allen Ecken Italiens und auch aus dem Ausland. Das Susa Tal ist zurzeit \u00fcberall. Caselli sagt, dass es sich bei dem, was diese Ermittlungen beanstanden, um spezifische Vorf\u00e4lle handelt. Ich sage dagegen, dass das, was sie versucht hat anzugreifen, nicht nur die NO TAV Bewegung ist, sondern jeder Kampf, den es in Italien gibt und sich angesichts der mittlerweile unumkehrbaren Krise des wirtschaftspolitischen Systems in Italien in einer unmittelbaren Zukunft entwickeln k\u00f6nnte. Unsere Verhaftungen sind eine klare Botschaft an Alle, die aufgeh\u00f6rt haben, sich zu emp\u00f6ren, und sich von unten organisieren, auf selbstbestimmte Weise und ohne Vermittler. Ein weiterer Aspekt bei dem die Magistratur versucht hat zuzuschlagen sind die emotionalen Bindungen \u2013 man darf nicht vergessen, dass jeder von uns drau\u00dfen Familie, Freunde, Gef\u00e4hrten, Eheleute, Kinder hat. Das ist die infamste Seite der Repression. Man muss aber blind sein, um nicht zu merken, dass diese Ermittlungen entgegengesetzte Wirkung hatte. Das Gef\u00e4ngnis ist ein Kampfterrain, und ich fahre hier Tag f\u00fcr Tag damit fort, zusammen mit den vielen Proletariern, die hier drin lebendig begraben sind, zu k\u00e4mpfen. Meine Stimmung bleibt gut, ich bleibe klarsichtig und gelassen.<\/p>\n<p><em>Gibt es einen speziellen Fragment des t\u00e4glichen Lebens in der Haftanstalt, den zu erleben Dir widerfahren ist und \u00fcber den Du Lust hast, mit uns zu sprechen?<\/em><\/p>\n<p>Vor Wochen spielte ich zusammen mit anderen H\u00e4ftlingen Fu\u00dfball, nach f\u00fcnfzehn Minuten flog der Ball raus. Die Wachen haben niemanden raus gelassen, um ihn zu holen und gesagt, dass das Spiel beendet sei. Der sechste Trakt hat zwei Mal die Woche die M\u00f6glichkeit zum Fu\u00dfball spielen. Es ist der einzige Moment sozialen Miteinanders und kreativer Regeneration. Die Antwort war unvermittelt und spontan. Alle haben wir damit begonnen, gegen die T\u00fcr zu treten und zu schreien und die Wachen zu beschimpfen. Diese sind im Rudel herbeigekommen. Sie haben harsch gefragt, wer es gewesen sei, und die Antwort hat gelautet: ALLE. Die Schlie\u00dfer sind in Panik geraten und zum Schichtleiter gerannt, um zu berichten. Dieser kam nach zehn Minuten mit dem Ball wieder. Er hielt eine pathetische Rede \u00fcber Respekt und anderen Bl\u00f6dsinn. Es ist ein aufregender Moment gewesen, der mich hat nachdenken lassen, im Knast passiert nie etwas, es herrscht die Polizei und ich habe Angst. Zu sehen, dass wir auch im Gef\u00e4ngnis all das, was uns zusteht bekommen k\u00f6nnen, wenn man auf entschlossene Art gemeinsam gegen die Ungerechtigkeiten rebelliert und man das Bewusstsein hat, dass das, was wir uns aufmachen, uns zur\u00fcck zu nehmen, unser Leben ist. Diesmal war es ein Ball, morgen, wer wei\u00df&#8230;<\/p>\n<p><em>Gibt es einen speziellen Fragment des No TAV Kampfes, an dem Du Teilgenommen hast und \u00fcber den Du Lust hast, mit uns zu sprechen?<\/em><\/p>\n<p>Das allt\u00e4gliche Leben letztes Jahr im Camp in Chiomonte. Du kamst am Bahnhof an und es schien Dir, im Wunderland angekommen zu sein, die Luft war anders, und nicht nur, weil Du im Gebirge warst, sondern weil man Solidarit\u00e4t und Freiheit atmen konnte. Du arbeitetest, diskutiertest, k\u00e4mpfest, manchmal betrankst Du dich mit Leuten, die Du nie gesehen hattest, es kam Dir aber vor, sie ein Leben lang schon zu kennen. Du kehrtest nach Mailand zur\u00fcck und \u00fcberlegtest: Verdammt, wie hie\u00dfen die \u00fcberhaupt? Das, weil die einzige Identit\u00e4t und Zugeh\u00f6rigkeit NO TAV war. Das leben gr\u00fcndete g\u00e4nzlich auf Autonomie und Selbstorganisation. Das ist das, was Du in der Stadt versuchst zu machen und im kleinen lebst. Dort erlebtest Du das in seiner h\u00f6chsten Ausdrucksform. Ich spreche in der Vergangenheitsform, weil ich von einer Erinnerung erz\u00e4hle, aber alles, was ich geschildert habe, das lebt man auch au\u00dferhalb der Camps die es vergangenen Sommer gab. Das gemeinschaftliche Leben und die Wiederaneignung des Lebens sind zusammen mit dem Mut der NO TAV das trojanische Pferd Bewegung gewesen.<\/p>\n<p><em>Was h\u00e4ltst Du von der Tatsache, dass die Bewegung in Folge von Euren Verhaftungen weiter geht und viel mehr noch, einen starken Auftrieb erlebt hat?<\/em><\/p>\n<p>Es ist das Ergebnis der langwierigen Arbeit, die von den Bewohnern des Susatals und der Genoss_innen geleistet wurde. \u201eMan startet gemeinsam und kehrt gemeinsam zur\u00fcck\u201c ist nicht nur eine Parole, sondern die Tatsache, die es dem Staat, der mit den Verhaftungen versucht hat, zu spalten nicht gelingt, abschlie\u00dfend zu verstehen, n\u00e4mlich die Solidarit\u00e4t, das Vertrauen, die Erinnerung an jeden im Kampf erlebten Moment.<\/p>\n<p><em>Hat die Tatsache, dass ihr verhaftet wurdet, weil ihr Euch an den NO TAV Kampf beteiligt habt die Wahrnehmung der Gefangenen Euch gegen\u00fcber beeinflusst?<\/em><\/p>\n<p>Nicht so sehr, weil die Kommunikationsmedien des Staates keinen reinen Wein einschenken, wenn sie von den NO TAV sprechen h\u00f6rt es sich an, als spr\u00e4chen sie von ALQAEDA. Die H\u00e4ftlinge interessieren sich f\u00fcr Politik nur um zu sehen, ob fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mal Amnestie oder Straferlass Thema sind. Als sie begriffen haben, dass ich aus politischen Gr\u00fcnden hinter Gittern war, haben sie mich gefragt, ob ich etwas f\u00fcr die Amnestie oder den Straferlass tun k\u00f6nnte. Das war ihr erster Eindruck, dann habe ich ihnen im Zuge von Gespr\u00e4chen erkl\u00e4rt, wie ich denke und dass ich auf jeden Fall f\u00fcr jeden Kampf von unten einen Beitrag leisten kann, wobei ich klar gestellt habe, dass der Staat niemals etwas schenkt, und dass man alles erdenkliche erreichen kann, wenn wir uns alle entschlossen zusammen tun. Nat\u00fcrlich sind sie alle mit der NO TAV Bewegung solidarisch, hier erleben wir die Widerspr\u00fcche und die Arglist des Staates auf der eigenen Haut, also nimmt keiner Stellung f\u00fcr ihn ein.<\/p>\n<p><em>Wie wurde und wie wird die Situation Lucas im Inneren der Haftanstalt erlebt? Wie verbreitete sich die Nachricht dessen, was ihm geschehen war?<\/em><\/p>\n<p>Jener tag ist sehr \u00fcbel gewesen. Ich habe versucht Mao und Nick zu treffen, um \u00fcber das Geschehene zu sprechen, und um zu sehen, ob wir zum Zeichen der Solidarit\u00e4t mit Luca irgendeinen Protest veranstalten k\u00f6nnten. Leider ist es mir nicht gelungen, sie zu treffen. Einige H\u00e4ftlinge haben mich gefragt, was passiert war, mehr aber nicht. Ab und zu, h\u00f6rte man den einen oder den anderen, der LOS, NO TAV! rief, wenn die Nachrichten liefen. Pers\u00f6nlich habe ich mich noch nie so ohnm\u00e4chtig gef\u00fchlt, wie an jenem Tag. Ich bin froh, dass Luca es geschafft hat, und dass er sich langsam erholt. FORZA LUCA!<\/p>\n<p><em>Wie wurde und wie wird die Situation Lucas im Inneren der Haftanstalt erlebt? Wie verbreitete sich die Nachricht dessen, was ihm geschehen war?<\/em><\/p>\n<p>Wie ich vorhin erkl\u00e4rt habe, ist es schwierig, das was im Susa Tal und in ganz Italien passiert, wenn man TV guckt und Zeitung liest. Auch ich tu\u2019 mich schwer, die Dinge zu verstehen. Das, weil die Medien es verm\u00f6gen, mit unglaublicher Leichtigkeit zu l\u00fcgen. Ich erinnere noch einmal daran, dass sie eine Woche lang das Video mit dem jungen Mann ausgestrahlt haben, der einen BePo verulkte. Das, was sie zu jener Episode gesagt haben ist irre gewesen, wegen der Nat\u00fcrlichkeit, mit der sie ihre schwachen Standpunkte argumentativ st\u00fctzten, was aber, wenn man es im TV sieht, leicht irre f\u00fchren kann.<\/p>\n<p><em>Drau\u00dfen wird \u00fcber eine Kampagne f\u00fcr die Befreiung der NO TAV Gefangenen nachgedacht. Was haltet ihr da drinnen davon?<\/em><\/p>\n<p>Was ihr bisher gemacht habt, ist grandios. Wenn dann noch der Wille besteht, eine breitere und eingehendere Kampagne f\u00fcr unsere Befreiung zu machen, k\u00f6nnen wir nur froh dar\u00fcber sein. Das Wichtige ist, dass nicht vergessen wird, dass es am 3. Juli schon andere Verhaftungen gegeben hat und dass auch diese Leute das Susa Tal verteidigt haben. Ich m\u00f6chte Euch auch bitten, den gesamten politischen Diskurs nicht allein auf uns zu konzentrieren, sondern die Gelegenheit zu nutzen, um dem Kampf gegen den Knast und die Solidarit\u00e4t mit denen, die an diesen unmenschlichen Orten die Staatsgewalt hinnehmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Vorweg: Du bist als Kind in Italien angekommen. Wir haben erfahren, dass man Dich im Knast mit Landsleuten zusammengelegt hat, sobald Du angekommen bist. Hattest Du Gelegenheit, Deine Wurzeln wiederzufinden?<\/em><\/p>\n<p>Ich kam als 17-J\u00e4hriger in Italien an, ich war bereits ein Heranwachsender. Wer mich kennt, wei\u00df, dass ich allerorten versuche, meine Wurzeln und meine Traditionen zu behaupten. Also, ernsthaft, die Tatsache, dass man mit den gleichen Leuten in einer Zelle sitzt, f\u00fchrt entweder dazu, dass man diese hasst, oder dass man sie lieb gewinnt. F\u00fcr mich gilt Letzteres. Manchmal kommt es mir vor, als sei ich in S\u00fcdamerika und nicht in Italien. Das, weil ich st\u00e4ndig Spanisch spreche und gerade Gelegenheit bekomme, Gewohnheiten zu erinnern und zu erleben, die ich lange nicht mehr erlebte. Alles ist aber auf v\u00f6llig nat\u00fcrliche Weise passiert, weil ich nie vergessen habe, wer ich bin und woher ich komme. Das Wichtige ist aber nicht die Staatsangeh\u00f6rigkeit Deiner Zellengenossen, sondern die menschliche Qualit\u00e4t. Diese erlaubt es, den Knast mit gr\u00f6\u00dferer Gelassenheit zu erleben. Wir haben alle unterschiedliche Geschichten, gegen die Langeweile und die Depression macht man aber gemeinsame Front.<\/p>\n<p><em>Nach der Prophezeiung der Maya wird die Welt am 21.12.2012 verschwinden. Werden die Kn\u00e4ste Deiner Meinung nach stehen bleiben?<\/em><\/p>\n<p>Wir sind Inca und keine Maya, wir hatten die Lamas, sie das Rad. Leider haben wir uns nie getroffen, sonst&#8230; von wegen griechische Zivilisation und r\u00f6misches Reich! Da h\u00e4tten wir jetzt statt Gott Pachamama und der unsterbliche Atahuslpa w\u00e4re immer noch Reggeaton tanzend an der Macht. Die Kn\u00e4ste werden aus zwei Gr\u00fcnden nicht stehen bleiben: Erstens, wegen der \u00dcberbelegung, die sie vor Dezember zum Einsturz bringen wird. Zweitens, weil der Knast wie der TAV ein nutzloses, lebensfeindliches Werk ist. Wer Wind s\u00e4t, erntet Sturm. Die Schmerzgrenze der Menschenwesen, die hier drin sind, hat einen Limit. So wie die Sklaverei abgeschafft wurde, werden eines Tages auch diese absto\u00dfenden Orte niedergerissen werden und von ihnen blo\u00df Tr\u00fcmmer zur\u00fcck bleiben.<\/p>\n<p>Ich bedanke mich bei Allen f\u00fcr die Solidarit\u00e4t. Ich sende eine Umarmung an alle NO TAV in Italien und in der ganzen Welt. Der Unsere hei\u00dft Widerstand, wir m\u00fcssen stolz darauf sein, dass wir gegen die Gewalt des Staates die keinen eines Blickes w\u00fcrdigt k\u00e4mpfen. Wir k\u00f6nnen jeden Morgen in den Spiegel scahuen. Ich wei\u00df nicht, ob Staatsanwalt Caselli das auch kann. Vielleicht hat er die Nacht vom 28. M\u00e4rz 1980 vergessen.<\/p>\n<p>A SARA DURA!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Radiocane Seite zur Initiative<\/p>\n<p>Radiocane Sendung mit Ausz\u00fcgen aus den R\u00fcckmeldungen<\/p>\n<p>Originalabschrift der R\u00fcckmeldung von Mau<\/p>\n<p>Originalabschrift der R\u00fcckmeldung von Giorgio<\/p>\n<p>Originalabschrift der R\u00fcckmeldung von Marcelo<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Monate nach den augenblicklich j\u00fcngsten Verhaftungen gegen die No-Tav Bewegung werden sechs der 42 Betroffenen der repressiven Aktion vom 26.01.2012 weiter in verschiedenen italienischen Haftanstalten festgehalten. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":6137,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[297,9],"tags":[131,702,191,437,436,272,273],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6635"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6635"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6635\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10814,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6635\/revisions\/10814"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6137"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6635"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6635"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6635"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}