{"id":672,"date":"2009-01-15T23:42:15","date_gmt":"2009-01-15T21:42:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=672"},"modified":"2012-05-02T04:34:28","modified_gmt":"2012-05-02T03:34:28","slug":"thomas-meyer-falk-knastshop-massak-ein-erlebnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-knastshop-massak-ein-erlebnis","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Knastshop Massak &#8212; ein Erlebnis!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[672]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Gefangene d\u00fcrfen (situationsbedingt) nicht einfach im n\u00e4chstgelegenen Supermarkt einkaufen, sondern erhalten die von ihnen gew\u00fcnschten und ben\u00f6tigten Nahrungs-\/K\u00f6rperpflegemittel, welche sie sich privat kaufen m\u00f6chten, vom jeweiligen Anstaltskaufmann. Hierzu schlie\u00dft der Anstaltsleiter einen Vertrag mit einem externen H\u00e4ndler, der dann exklusiv, also wie bei einem Monopol, die Gefangenen der betreffenden Anstalt beliefern kann.<br \/>\nSeit Dezember 2007 m\u00fcssen die Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bruchsal ihren Bedarf \u00fcber die Firma Massak Logistik GmbH (<a href=\"http:\/\/www.massak.de\" target=\"blank\">www.massak.de<\/a>) decken. Wie schon seinerzeit bef\u00fcrchtet (vgl. &#8220;<a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=678\">Kapitalismus im Knast<\/a>&#8220;), n\u00fctzt der Firmeninhaber die monopolartige Situation, um Preise zu verlangen, wie sie ihm belieben.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nUnd die JVA hat ihm hierf\u00fcr faktisch einen Persilschein ausgestellt, da nur im Falle von Forderung &#8220;unangemessener Preise&#8221; (\u00a712 des Vertrages zwischen H\u00e4ndler und JVA vom 12.09.2007) eine fristlose K\u00fcndigung m\u00f6glich ist, und im \u00fcbrigen Massak nur vertraglich verpflichtet wurde, &#8220;marktgerechte Waren zu handels\u00fcblichen Preisen&#8221; feil zu bieten (\u00a74 a.a.O.). Diese Klausel ist so schwammig, dass wohl letztlich erst bei Erreichen der Wuchergrenze juristische Schritte Erfolg versprechen.<\/p>\n<p>Das Justizministerium Baden-W\u00fcrttemberg (Az.: 4514.2005\/080) verteidigte die Vertragsgestaltung der JVA mit dem Hinweis, dass es &#8220;keinesfalls Wartelisten von interessierten Lebensmittelh\u00e4ndlern&#8221; gebe, die Gefangene beliefern wollten.<br \/>\nDa also weitere Schritte in diesem Bereich vorerst wenig Erfolg versprachen, kam ich auf die Idee, das Mitte 2008 in Kraft getretene Verbraucherinformationsgesetz (VIG) zu nutzen, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, wie es denn die Firma mit dem Lebensmittelrecht halte. Wenn schon teure Preise, dann doch auch exzellenter Service und penible Einhaltung der grundlegendsten Bestimmungen &#8212; sollte man zumindest denken.<\/p>\n<p>Nun \u00fcberforderte es auch mein Budget, alle einschl\u00e4gigen Beh\u00f6rden anzuschreiben, in deren Bezirk Massak t\u00e4tig ist; in fast f\u00fcnfzig St\u00e4dten beliefert sie die dortigen Gef\u00e4ngnisse. Prim\u00e4r ist sie in Bayern, Baden-W\u00fcrttemberg, Th\u00fcringen und Sachsen t\u00e4tig; seit kurzem jedoch auch in Niedersachsen (Sehnde &#8211; und von dort h\u00f6rt man Entsetzensschreie, was Massaks Preispolitik anbetrifft).<br \/>\nIch beschr\u00e4nkte mich also auf Anfragen bei den St\u00e4dten, bzw. Landkreisen Karlsruhe, Bamberg, N\u00fcrnberg, Gera und Torgau.<br \/>\nAus Torgau erreichte mich die Mitteilung, dass in Sachsen das VIG nicht anwendbar sei, da es an einer landesrechtlichen Umsetzung fehle, was man bedaure. Die Stadt Gera lie\u00df mich wissen, in der dortigen JVA verkaufe Massak angeblich keine k\u00fchlpflichtigen Lebensmittel.<br \/>\nF\u00fcndig wurde ich in Karlsruhe, Bamberg und N\u00fcrnberg.<\/p>\n<p>Karlsruhe:<br \/>\nDas dortige Landratsamt ist auch f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe hier in der JVA Bruchsal zust\u00e4ndig. Bei der Kontrolle am 20.03.2008 (Massak war also schon knapp vier Monate hier t\u00e4tig) wurde festgestellt, dass keinerlei geeignete K\u00fchleinrichtungen f\u00fcr k\u00fchlpflichtige Waren vorhanden waren.<\/p>\n<p>Bamberg:<br \/>\nAuch hier war mangelnde K\u00fchlung bei einer Kontrolle am 11.02.2008 festzustellen, die zu einer m\u00fcndlichen Verwarnung Anlass gab.<br \/>\nIn einer anderen Betriebsst\u00e4tte von Massak (denn er betreibt auch EDEKA-Superm\u00e4rkte) wurden bei Kontrollen 2005, 2007 und 2008 Hygienem\u00e4ngel festgestellt.<\/p>\n<p>N\u00fcrnberg:<br \/>\nMit Bescheid vom 08.12.2008 teilte mir das Ordnungsamt der Stadt mit, man habe die Firma Massak am 11.06.2007 mit einer Geldbu\u00dfe von 300,&#8211; \u20ac belegen m\u00fcssen, weil bei einer Betriebskontrolle im Verkaufsraum der JVA N\u00fcrnberg sensorisch verd\u00e4chtiger Leberk\u00e4se und Pizza-Leberk\u00e4se vorgefunden wurde, der in dieser Weise nicht h\u00e4tte verkauft werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Man mag sich gar nicht vorstellen, was alles ans Tageslicht gelangen w\u00fcrde, wenn systematisch in allen St\u00e4dten, in denen diese Firma sich mittlerweile in Gef\u00e4ngnissen festgesetzt hat, nachgeforscht werden w\u00fcrde. Und es stellt sich die Frage, weshalb Vollzugsanstalten \u00fcberhaupt einen solchen H\u00e4ndler mit der Belieferung beauftragen!<\/p>\n<p>Es geht nicht um Korinthenkackerei, wie der Volksmund kleinliches Verhalten nennt, aber wenn ein H\u00e4ndler schon Preise verlangt, welche zumindest in Teilen \u00fcber denen au\u00dferhalb der Gef\u00e4ngnisse liegen, sollte man erwarten k\u00f6nnen, dass so grundlegende Vorgaben, wie l\u00fcckenlose K\u00fchlkette bis zum Endverbraucher beachtet werden.<\/p>\n<p>Vor circa acht Monaten teilte mir Herr Werner Massak (Gesellschafter und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer o.g. Firma) mit, er f\u00fchle sich durch meinen Vorhalt in einem Artikel von mir, in welchem ich ihn als Kapitalisten bezeichnete, tief getroffen! Ob mir denn der Begriff &#8220;soziale Marktwirtschaft&#8221; nichts sage?<br \/>\nNach den Erfahrungen im abgelaufenen Jahr kann man nur feststellen, dass er selbstverst\u00e4ndlich ein Kapitalist ist &#8212; und von sozialem Engagement haben zumindest Gefangene in Bruchsal nichts wahr genommen, daf\u00fcr jedoch mit \u00c4rger davon Kenntnis erhalten, dass Massak in der JVA Sehnde gerade &#8220;K\u00fchltheken-Artikel&#8221; erheblich g\u00fcnstiger verkauft, als bei uns hier (und wenn man sich an meine obige \u00c4u\u00dferung erinnert, wonach die Inhaftierten in Sehnde entsetzt sind \u00fcber dessen hohe Preise, mag sich jede\/r selbst vorstellen, wie es uns ergeht in der JVA Bruchsal).<\/p>\n<p>Es bed\u00fcrfte sicherlich energischen Einwirkens auf den Kaufmann, um ihn zu einer moderateren Preispolitik zu bewegen.<br \/>\nWer zudem als Gefangener nicht wie ein Luchs aufpasst, dass auch all jene Waren, die man laut Quittung bezahlt hat, im Korb landen, macht rasch Verlustgesch\u00e4fte, denn immer wieder kommt es vor, dass &#8212; selbstverst\u00e4ndlich &#8220;rein versehentlich&#8221; &#8211; Waren, die man bezahlt hat, nicht im Warenkorb vorzufinden sind. Hier w\u00e4re es sicherlich interessant zu wissen, wie hoch die entsprechenden Eink\u00fcnfte der Firma alleine aus<br \/>\nnicht-gelieferten, jedoch abgerechneten Waren sind. Gerade unter Gefangenen findet man Personen, die Schwierigkeiten haben, den \u00dcberblick zu behalten und dann nicht reklamieren.<\/p>\n<p>Auch nicht unerheblich d\u00fcrften jene Einnahmen sein, die aus falsch abgerechneten Waren erzielt werden: Die Firma weist beispielsweise ein Angebot in ihren Preislisten aus, berechnet letztlich jedoch den regul\u00e4ren Preis. Immer wieder findet man dann am &#8220;Schwarzen Brett&#8221; einen Aushang der Massak Logistik GmbH (per mail \u00fcbrigens erreichbar unter: info@massak.de), in welcher man wortreich das Versehen bedauert. Wer seine Kaufquittung vorlege, bekomme n\u00e4chstes Mal selbstverst\u00e4ndlich seinen Schaden ersetzt. Weshalb die Firma nicht von sich aus den Schaden ausgleicht &#8211; dies k\u00f6nnte sie mit etwas Aufwand durchaus &#8211; wei\u00df niemand.<br \/>\nDa jedoch nicht alle Gefangenen den Aushang lesen, oder aber ihre Quittung l\u00e4ngst weggeworfen haben, nimmt Massak auch auf diese Weise weitere Gelder ein.<\/p>\n<p>Einige Gefangene, die sich zu Weihnachten etwas Besonderes zu Essen g\u00f6nnen wollten, wurden entt\u00e4uscht, da Massak trotz seiner vertraglichen Verpflichtung, alle Artikel auch vorr\u00e4tig zu haben, nicht jedem Insassen die bestellte Ware lieferte. Am Tag nach dem Einkauf bekamen manche Gefangene nur den lapidaren Hinweis, man werde ihnen die Kaufbetr\u00e4ge f\u00fcr die nicht gelieferten Artikel erstatten.<br \/>\nZivilrechtlich eine eigenwillige Rechtsauffassung, denn am Einkaufstag wurden die Kaufbetr\u00e4ge von den Konten abgebucht, damit lag ein g\u00fcltiger Kaufvertrag vor. Dass es Massak unm\u00f6glich gewesen sein soll, bspw. Cordon-bleu zu beschaffen, erscheint zumindest zweifelhaft. Insofern k\u00f6nnten die betroffenen Gefangenen die Firma sogar auf Schadenersatz wegen Nichterf\u00fcllung in Anspruch nehmen.<\/p>\n<p>Der Anstaltsleiter der JVA Bruchsal, Thomas M\u00fcller, lie\u00df mir am 24.12.2008 ausrichten, man werde Massak nicht k\u00fcndigen, da sich zum einen fast niemand beschwert h\u00e4tte und zum anderen nur ganz wenige Strafgefangene betroffen gewesen w\u00e4ren.<br \/>\nHier zeigt sich tats\u00e4chlich die leider zu oft anzutreffende Feigheit &#8212; Feigheit der Gefangenen!<br \/>\nDenn auf den Fluren murren sie kr\u00e4ftig, aber auch nur eine schriftliche Beschwerde anzubringen (von weiterf\u00fchrenden Aktionen erst gar nicht zu reden) trauen sich nur wenige. Es k\u00f6nnte ja &#8220;\u00c4rger&#8221; geben&#8230;<br \/>\nLassen wir uns \u00fcberraschen, was Massak 2009 fertig bringt (oder auch nicht); er dehnt seine T\u00e4tigkeit jedenfalls weiter aus, soll k\u00fcnftig auch Sportschuhe und Trainingsanz\u00fcge liefern.<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<\/em><br \/>\n<em> c\/o JVA \u2013 Z. 3113<\/em><br \/>\n<em> Sch\u00f6nbornstr. 32<\/em><br \/>\n<em> D-76646 Bruchsal<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com \">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gefangene d\u00fcrfen (situationsbedingt) nicht einfach im n\u00e4chstgelegenen Supermarkt einkaufen, sondern erhalten die von ihnen gew\u00fcnschten und ben\u00f6tigten Nahrungs-\/K\u00f6rperpflegemittel, welche sie sich privat kaufen m\u00f6chten, vom jeweiligen Anstaltskaufmann. 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