{"id":682,"date":"2007-12-14T22:58:36","date_gmt":"2007-12-14T20:58:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=682"},"modified":"2013-01-17T00:26:28","modified_gmt":"2013-01-16T23:26:28","slug":"thomas-meyer-falk-knast-bruchsal-%e2%80%93-weitere-entsozialisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-knast-bruchsal-%e2%80%93-weitere-entsozialisierung","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Knast Bruchsal \u2013 weitere Entsozialisierung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[682]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" alt=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Gefangene in der JVA (Justizvollzugsanstalt) Bruchsal durften bislang zwei Mal pro Monat in einem im Keller der Anstalt eingerichteten Verkaufsraum die Waren des t\u00e4glichen Bedarfs einkaufen. Am Einkaufstag wurden die Insassen in Kleingruppen zum Verkaufsraum vorgelassen; dort \u00fcbergaben sie ihre Bestelllisten den als Einkaufshelfern t\u00e4tigen Mitgefangenen, die dann die Waren in die Wagen luden und zur Kasse brachten.<br \/>\nSah man etwas im Regal, das einen besonders ansprach, so rief man dem Einkaufshelfer zu, dies oder jenes wolle man auch noch. Oder ein Produkt, das einem doch nicht gefiel, lie\u00df man wieder ins Regal zur\u00fccklegen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAb Dezember ist jetzt eine Firma Massak GmbH t\u00e4tig; bis November war es der Konzern REWE.<br \/>\nNun gibt man f\u00fcnf (!) Tage vor dem Einkaufstag der JVA eine Bestellliste, die der Firma gefaxt\/gemailt wird. Am Einkaufstag erh\u00e4lt man dann einen oder mehrere K\u00f6rbe (je nach Bestellmenge), in welchen die Waren gepackt liegen. Man unterschreibt den Beleg und schleppt sein K\u00f6rbchen in die Zelle.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich hat das etwas entsozialisierendes \u2013 ja entw\u00fcrdigendes!<\/p>\n<p>Die Anstalt freilich \u201everkauft\u201c diese Neuerung als grandiose Verbesserung. So hei\u00dft es in einem Schriftsatz der JVA Bruchsal vom 05.11.2007: \u201eAuch am Markt gewinnt der Einkauf \u00fcber Internet oder Katalogbestellung, auch im Lebensmittelsektor, immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung (&#8230;). Auch f\u00fcr die Gefangenen ergeben sich (somit) Vorteile\u201c.<\/p>\n<p>Damit versucht die JVA, das Argument, die \u00c4nderung verletze den Angleichungsgrundsatz des \u00a7 3 Strafvollzuggesetz, auszuhebeln. In \u00a7 3 Abs. 1 hei\u00dft es: \u201eDas Leben im Vollzug soll den allgemeinen Lebensverh\u00e4ltnissen soweit als m\u00f6glich angeglichen werden\u201c.<\/p>\n<p>Der t\u00e4gliche Lebensmitteleinkauf findet aber unver\u00e4ndert in Superm\u00e4rkten statt. Gefangene verlernen folglich auch diese soziale Fertigkeit.<\/p>\n<p>Am 06.12.2007 fand der erste Einkauf unter der Regie der Firma Massak statt. Da ich mich zuvor schon brieflich \u00fcber die Preisliste beschwert hatte, wollte Herr Massak mit mir sprechen. Als rhetorischen Trick aus der Mottenkiste empfand ich seinen Gespr\u00e4chseinstieg: Er lie\u00df wissen, er h\u00e4tte so gerne allen Gefangenen zur Gesch\u00e4ftser\u00f6ffnung eine Pizza spendiert. Leider habe meine Beschwerde ihn gehindert, da er f\u00fcrchtete, ich w\u00fcrde mich beschweren, wenn er hygienerechtliche Bestimmungen nicht einhalte.<br \/>\nEr beliefere \u00fcber 40 Anstalten und wirkliche Probleme gebe es nirgends, er hoffe, so werde es sich auch hier gestalten und ich m\u00f6ge mich doch nicht gleich beschweren, sondern erst das Gespr\u00e4ch suchen.<\/p>\n<p>Tja, mit dem \u201esuchen\u201c ist das so eine Sache: So wei\u00df offiziell kein Insasse, wer der Anstaltskaufmann ist, denn Firmenname\/Logo, Firmenadresse findet sich auf keiner Bestellliste, auch nicht auf der Einkaufsquittung, die man beim Einkauf erh\u00e4lt.<br \/>\nEs gibt einschl\u00e4gige Bestimmungen, die einen Verk\u00e4ufer zur Angabe dieser Daten zwingen, aber scheinbar gelten diese nicht f\u00fcr besagte Firma (deren Namen erfuhr ich en passant, da ich gegen den Wegfall des Einkaufs im Laden vor Gericht zog).<\/p>\n<p>Kulant, auch dies sei erw\u00e4hnt, um nicht den Eindruck zu hinterlassen, ich w\u00fcrde nur kritisieren, geregelt wurde das Malheur, dass mir Eier mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum verkauft wurden (Herr Massak entschuldigte sich pers\u00f6nlich und \u00fcbergab eine kleine Aufmerksamkeit als \u201eEntsch\u00e4digung\u201c).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Insassen bedeutet die Neuregelung auch l\u00e4ngere Einschlusszeiten in ihren Zellen: Waren n\u00e4mlich die Zellen bislang an Einkaufstagen stets ge\u00f6ffnet, so sind sie nun w\u00e4hrend der Ausgabe der Waren mehrere Stunden verschlossen.<\/p>\n<p>Schritt f\u00fcr Schritt entwickelt sich der Knast immer mehr zu einem \u201eWegschlie\u00df-\/Verwahrvollzug; symptomatisch f\u00fcr die Lethargie vieler Gefangenen ist die von mir vielfach geh\u00f6rte \u00c4u\u00dferung: \u201eIch bin froh, dass nun w\u00e4hrend des Einkaufs die Zellen geschlossen sind. So habe ich meine Ruhe.\u201c<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com \">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gefangene in der JVA (Justizvollzugsanstalt) Bruchsal durften bislang zwei Mal pro Monat in einem im Keller der Anstalt eingerichteten Verkaufsraum die Waren des t\u00e4glichen Bedarfs einkaufen. 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