{"id":6884,"date":"2012-05-20T17:47:06","date_gmt":"2012-05-20T16:47:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=6884"},"modified":"2013-01-16T23:44:01","modified_gmt":"2013-01-16T22:44:01","slug":"freiheit-nach-fast-16-jahren-einzelhaft-finneisens-festabgang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/freiheit-nach-fast-16-jahren-einzelhaft-finneisens-festabgang","title":{"rendered":"Freiheit nach fast 16 Jahren Einzelhaft: Finneisens Festabgang"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/G\u00fcnther-Finneisen-am-21.-Januar-2012.jpg\" rel=\"lightbox[6884]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright size-medium wp-image-6978\" title=\"G\u00fcnther Finneisen am 21. Januar 2012\" alt=\"G\u00fcnther Finneisen am 21. Januar 2012\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/G\u00fcnther-Finneisen-am-21.-Januar-2012-250x125.jpg\" width=\"250\" height=\"125\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/G\u00fcnther-Finneisen-am-21.-Januar-2012-250x125.jpg 250w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/G\u00fcnther-Finneisen-am-21.-Januar-2012-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/G\u00fcnther-Finneisen-am-21.-Januar-2012.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Finneisen f\u00e4ngt am 21. November 2011 um 8 Uhr an zu leben. Die Sonne ist gerade aufgegangen, strahlt \u00fcber das Feld und l\u00e4sst sein Gesicht orangerot erscheinen. Er hat die letzte Woche kaum geschlafen, weil dieser Tag immer n\u00e4her r\u00fcckte. Weil in Finneisens Universum die Zeit schon seit vielen Jahren r\u00fcckw\u00e4rts darauf zulief. Dabei wurde dieser Tag immer irrealer. Zuletzt hat er sich nur gew\u00e4lzt im Bett, hat sich zur Zerstreuung einen Fernseher geben lassen. Es half nichts. Und nun ist es so weit. Finneisen ist durch eine kleine Stahlt\u00fcr neben der Pforte der Justizvollzugsanstalt Rosdorf hinein in die Welt getreten.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie ersten Minuten in Freiheit seit dem 10. Oktober 1979. Mit seinen Ausbr\u00fcchen hatte er zwar dieses Gef\u00fchl, frei zu sein, schon erzwungen: bei der Flucht aus der JVA Hannover etwa, dann aus Hameln, sp\u00e4ter aus Lingen und beim letzten \u201eAusritt\u201c, wie er sagt, aus der JVA Celle. Er tauchte f\u00fcr ein paar Jahre in S\u00fcdafrika, Frankreich, Holland und Spanien unter. Doch er wurde immer wieder gefasst.<\/p>\n<p>Die wirkliche Freiheit beginnt heute, an diesem fr\u00fchlingshaften Wintermorgen. Seine Strafe ist bis zum letzten Tag verb\u00fc\u00dft. Finneisens Festabgang. \u201eDas davor war alles Theorie\u201c, sagt er und dreht sich eine Kippe.<\/p>\n<p><em>16 Jahre sicher verwahrt<\/em><\/p>\n<p>Die letzten sechs Monate sa\u00df er im Normalvollzug. In einem Knast, der auf einem Acker steht, kurz vor Rosdorf in Niedersachsen.<\/p>\n<p>In der Zeit davor, in der JVA Celle, war nichts normal. Finneisen hauste rund 16 Jahre von anderen Menschen isoliert. Ein St\u00fcck Fleisch in einem Hochsicherheitstrakt. Die Nieders\u00e4chsische Justiz hielt es f\u00fcr angemessen, Finneisen auf diese Art daf\u00fcr zu bestrafen, dass er 1995 bei seiner Flucht aus derselben Anstalt einen Beamten als Geisel genommen hatte. Nach nur drei Tagen schnappte ihn ein Sondereinsatzkommando, und diesmal wurde er sicher verwahrt.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/Isolationshaft-in-Deutschland\/!66422\/\" target=\"_blank\">taz sp\u00fcrte Finneisen 15 Jahre sp\u00e4ter im Hochsicherheitstrakt auf<\/a>. All die Jahre hatte er nur sich selbst in der Einzelhaft. Regul\u00e4r darf diese Sanktion f\u00fcr h\u00f6chstens drei Monate verh\u00e4ngt werden. Eine Verl\u00e4ngerung muss das Justizministerium genehmigen. Bei Finneisen geschah dies jahrelang. Doch wen interessiert ein verurteilter Verbrecher?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Kriminologe Johannes Feest den Fall als \u201eFolter\u201c brandmarkte, wollte sich die Anti-Folter-Stelle des Bundes nicht \u00e4u\u00dfern. Selbst Amnesty International war nicht bereit gewesen, die fast 16-j\u00e4hrige Isolation zu bewerten. Gegen die Inhaftierung von Prominenten wie Bradley Manning oder Julia Timoschenko protestiert Amnesty International per Pressemitteilung.<\/p>\n<p>Aber bei Finneisen geht es nicht so offensichtlich um Politik. Er sieht nicht einmal verwegen aus. An seinen schwarzen Turnschuhen l\u00f6st sich hinten die Sohle. Seine Jeans und die braune Lederjacke hatte er zuletzt 1995 an. Finneisen zeigt seinen zerknitterten Entlassungsschein. \u201eSorgf\u00e4ltig aufbewahren!\u201c steht da und \u201eVorhandenes Guthaben: 386,18 EUR\u201c. Finneisen sagt: \u201eIch Kapitalistenschwein.\u201c Er lacht.<\/p>\n<p><em>Ein Gl\u00fchwein am Morgen<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcnfzehn Minuten dauert die Fahrt nach G\u00f6ttingen. Am Nachmittag holt ihn sein Bruder hier ab. In der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone werden die B\u00fcdchen f\u00fcr den Weihnachtsmarkt zusammengeschraubt. Ein Gl\u00fchwein w\u00e4re nicht schlecht, sagt Finneisen, es ist kurz vor 9 Uhr. Dann sitzt er in einem Caf\u00e9, trinkt seinen ersten Latte macchiato und ist fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p>Am selben Tag klingeln Reporter der Bild bei Finneisens greiser Mutter. Fu\u00df in die T\u00fcr. Sie wittern eine geile Schlagzeile. Sie wollen Verbrecherfotos knipsen. Auflage, Auflage, Auflage. Doch die Jungs haben sich verrechnet, Finneisen und sein Bruder \u00e4ndern den Treffpunkt. Die Familie verabredet sich woanders. Nur drei Tage, dann will er wieder weg.<\/p>\n<p>Zu viel N\u00e4he h\u00e4lt Finneisen nicht aus. Sein Ziel ist Berlin. Dort m\u00f6chte er eine Ladenwohnung mieten. Davon spricht er immer wieder. Er will sich ein Atelier schaffen und sieht sich schon darin sitzen. Auch mit Kabarett k\u00f6nnte er seinen Unterhalt verdienen. Er w\u00fcrde sich eine Wollm\u00fctze aufsetzten und w\u00e4re dann \u201eHein von der Werft\u201c. Finneisen spricht nun betont norddeutsch nasal.<\/p>\n<p>\u201eWas mir den Arsch gerettet hat, ist mein Humor. Ich habe noch nie nach hinten geguckt.\u201c Hinten ist die Abgeschlossenheit des Trakts. Tote Zeit. Sie hat seine Feinmototik ruiniert und das Konzentrationsverm\u00f6gen. Namen verwandeln sich nach kurzer Zeit in Rauschen. Jetzt aber ist Finneisen offiziell obdachlos, endlich.<\/p>\n<p>Finneisen ist intelligent und hat Ideen. Er m\u00fcsste es schaffen.<\/p>\n<p>Am 12. Dezember schickt er einen Brief: \u201eich laufe nun auch schon einige tage in berlin rum. und das kannste mir voll glauben, alleine kreuzberg hat mir sicher nen marathon eingebracht.\u201c Finneisen ist \u201eim handyzeitalter angekommen\u201c. Er l\u00e4uft noch viele Marathons durch Berlin, auf der Suche nach der Ladenwohnung.<\/p>\n<p><em>Unter F\u00fchrungsaufsicht<\/em><\/p>\n<p>Einen Monat sp\u00e4ter, am 12. Januar, sieht Finneisen aus, als sei nur eine d\u00fcnne Haut \u00fcber die Knochen gespannt. Sein Gesicht wirkt verdorrt. Weil er immer noch keine Krankenversicherung hat, fehlen ihm Medikamente. In Finneisen br\u00fctet eine lebensbedrohende Krankheit, aber seine Vorgeschichte macht es nicht leicht, alle Dokumente zusammenzubekommen.<\/p>\n<p>Finneisen betritt das Amtsgericht in Wedding. Er hat einen Termin mit der Bew\u00e4hrungshelferin. Wenn er hier nicht erscheint, k\u00f6nnte er wieder in den Knast gesteckt werden. Finneisen steht unter F\u00fchrungsaufsicht und musste deswegen schon beim Landeskriminalamt \u201eKlavier spielen\u201c, sagt er. So bezeichnen Menschen, die das Gef\u00e4ngnis von innen kennen, die Abnahme ihrer Fingerabdr\u00fccke. Die Beschwerde gegen die F\u00fchrungsaufsicht hatte Finneisen noch am ersten Tag in G\u00f6ttingen in den Briefkasten geworfen. \u201eIch empfinde das als zweite Bestrafung\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Denn Finneisen ist nicht auf Bew\u00e4hrung drau\u00dfen. Jede Minute seiner Haftzeit hat er abgesessen. Trotzdem muss er sich die kommenden f\u00fcnf Jahre lang regelm\u00e4\u00dfig melden. Fr\u00fcher habe begr\u00fcndet werden m\u00fcssen, wenn einer unter F\u00fchrungsaufsicht kam. Heute, sagt Finneisen, sei es andersherum.<\/p>\n<p>Finneisen erscheint zweimal im Monat in Wedding. Wenn alles gut geht, muss er nach einem halben Jahr nur noch monatlich hin.<\/p>\n<p><em>Wohlmeinend-bevormundend<\/em><\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch mit der Frau vom Amt, die mehr redet als zuh\u00f6rt, dauert etwa eine halbe Stunde. Ihre Art lie\u00dfe sich als wohlmeinend-bevormundend bezeichnen. Wahrscheinlich ist sie weniger selbstst\u00e4ndige Straft\u00e4ter gewohnt.<\/p>\n<p>Nein, einen Schwerbehindertenausweis will er sich nicht ausstellen lassen, trotz Krankheit, sagt Finneisen. Und ja, beim Jobcenter sei er gewesen. Auch die Sachbearbeiterin habe gesagt, bei seiner Vorgeschichte und seinem Alter sei es \u201eunm\u00f6glich\u201c sei, einen Job zu bekommen.<\/p>\n<p>\u201eDann erz\u00e4hlen Sie doch einmal, wie es mit der Ladenwohnung weitergegangen ist\u201c, bittet die Frau. \u201eIch schaue mir noch ein Projekt an\u201c, sagt er. Finneisen ist bei vielen Wohnungsbesichtigungen schr\u00e4g angeschaut worden. Er wiederum findet es merkw\u00fcrdig, wie die Leute den Maklern bereitwillig die intimsten Fragen beantworten, noch bevor sie sich eine Wohnung \u00fcberhaupt angeschaut haben.<\/p>\n<p><em>\u201eDas ist Hardcore in Berlin\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aber eigentlich bestehen ganz andere Probleme: \u201eDie wollen fast alle eine Erkl\u00e4rung vom vorigen Vermieter. Was soll ich da angeben? JVA?\u201c Das kennt die Frau vom Amt. \u201eDas ist Hardcore in Berlin\u201c, sagt sie. Dann ist die halbe Stunde um. Beim n\u00e4chsten Mal werde Finneisen mit ihrer Kollegin vorliebnehmen m\u00fcssen. \u201eSoll ich auch Ersatz suchen, wenn ich in Urlaub fahre\u201c, fragt Finneisen. Er lacht.<\/p>\n<p>Mitte April wohnt er immer noch bei Bubi. Wenn der kein Herz f\u00fcr entlassene Straft\u00e4ter h\u00e4tte, w\u00fcrde Finneisen auf der Stra\u00dfe sitzen. Stattdessen besitzt er nun eine Krankenversicherung, nimmt seine Medikamente und hat etwas zugelegt. Er kauert vor dem Computer im betulichen Berlin-Lankwitz und \u00fcbt gerade mit einem Programm Gitarre spielen.<\/p>\n<p>Mit den Ladenwohnungen hat es nicht geklappt. 70 hat er sich angesehen. Er hat Pankow durchwandert, Wedding, Neuk\u00f6lln, sogar Hellersdorf. Zu manchen ging er zweimal, wenn nach dem ersten Besuch die Annonce noch mal erschien. Auf die Frage nach dem Vermieter antwortet er jetzt, dass er lange im Ausland gelebt h\u00e4tte. Er bekommt trotzdem keine Wohnung, denn Finneisen wirkt irgendwie verd\u00e4chtig.<\/p>\n<p>\u201eDas mit dem Ladenlokal habe ich aufgegeben\u201c, sagt er n\u00fcchtern. Das sei nicht das Wichtigste. Zwischenzeitlich hatte er sich \u00fcberlegt, einen ausrangierten Bus der BVG zu kaufen, das Gef\u00e4hrt auf irgendeine Wiese am Stadtrand zu schieben, einzuziehen, und alles w\u00e4re schick. Doch auch abgehalftert sind die Busse viel zu teuer. Und die Idee, in einen Lkw-Anh\u00e4nger einzuziehen, lie\u00df sich nicht verwirklichen.<\/p>\n<p><em>Baum aus Pappmach\u00e9<\/em><\/p>\n<p>Trotzdem wirkt Finneisen nicht geknickt. Er hat f\u00fcr Bubi die Wohnung gestrichen, einen Baum aus Pappmach\u00e9 gebaut und braun angemalt. Die Zweige sollen sp\u00e4ter noch hinter der Fensterscheibe weiter\u201ewachsen\u201c. Ein kleines Kunstwerk und eine \u00dcberraschung. Denn Bubi liegt schon lange im Krankenhaus. Nachdem er einen Sturz aus dem 5. Stockwerk \u00fcberlebt hat, ist er Schmerzpatient.<\/p>\n<p>Es geht voran. Nach sechs Monaten in Freiheit ist Finneisen im Internetzeitalter angekommen und hat sich seine erste E-Mail-Adresse eingerichtet. Endlich eine eigene Anschrift.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>von Kai Schlieter, erschienen in der <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/Freiheit-nach-fast-16-Jahren-Einzelhaft\/!93394\/\" target=\"_blank\">taz am 15.05.2012<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Finneisen f\u00e4ngt am 21. November 2011 um 8 Uhr an zu leben. Die Sonne ist gerade aufgegangen, strahlt \u00fcber das Feld und l\u00e4sst sein Gesicht orangerot erscheinen. 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