{"id":7324,"date":"2012-07-17T22:32:31","date_gmt":"2012-07-17T21:32:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=7324"},"modified":"2012-07-17T22:39:14","modified_gmt":"2012-07-17T21:39:14","slug":"joe-bausch-knast-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/joe-bausch-knast-rezension","title":{"rendered":"Joe Bausch: Knast &#8211; Rezension"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Joe-Bausch-Knast.jpg\" rel=\"lightbox[7324]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-7327\" title=\"Joe Bausch-Knast\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Joe-Bausch-Knast-157x250.jpg\" alt=\"Joe Bausch-Knast\" width=\"110\" height=\"175\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Joe-Bausch-Knast-157x250.jpg 157w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Joe-Bausch-Knast.jpg 315w\" sizes=\"(max-width: 110px) 100vw, 110px\" \/><\/a>Von der <a href=\"http:\/\/www.strafvollzugsarchiv.de\/index.php?action=archiv_beitrag&amp;thema_id=7&amp;beitrag_id=527&amp;gelesen=527\" target=\"_blank\">Webseite des Strafvollzugarchivs<\/a> \u00fcbernehmen wir eine Buchbesprechung von Johannes Feest.<\/em><\/p>\n<p>Es gibt nur wenige schreibende Vollzugspraktiker. Und diese wenigen beschreiben kaum jemals ihre Praxis. Das vorliegende Buch ist die Ausnahme von dieser Regel.<\/p>\n<p>Joe Bausch, Knastarzt und Tatort-Star, betont, dass sein Buch \u201ekeine Autobiographie\u201c sei (S.15). Seine Erfahrungen aus 25 Jahren in der JVA Werl werden jedoch immer wieder von autobiographischen Einsch\u00fcben unterbrochen. Und das ist gut so, denn dadurch gewinnen die Schilderungen an Tiefe und an pers\u00f6nlicher Glaubw\u00fcrdigkeit.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nBei der Darstellung seiner Erlebnisse im Knast bedient sich der Autor unterschiedlicher Stilmittel: er beschreibt Aspekte seines Berufsalltags, er erz\u00e4hlt Geschichten \u00fcber Gefangene, er theoretisiert und er macht Verbesserungsvorschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Besonders eindrucksvoll sind die Berichte aus der Praxis des Knastarztes. Bausch betont seine Rolle als die eines \u201eHausarztes\u201c (von 910 Gefangenen und Sicherungsverwahrten). Zu dieser Rolle geh\u00f6rt es nicht nur, den Patienten gut zuzuh\u00f6ren, sondern auch \u201eseinen R\u00fccken auch schon mal f\u00fcr seine Patienten breitzumachen\u201c (S. 12), d.h. sich mit dem \u00fcbrigen Personal und dem Anstaltsleiter auseinanderzusetzen. Aber Bausch erw\u00e4hnt auch die andere Seite seiner Rolle, die der \u201eAbsicherungsmedizin\u201c (S. 172): hier steht der Anstaltsarzt eher im Dienste des Anstaltsleiters, wenn es gilt die Arbeitsf\u00e4higkeit, Arrestf\u00e4higkeit, Transportf\u00e4higkeit etc. der Gefangenen zu attestieren. Der Umgang mit \u201eSimulanten\u201c erinnert ihn an ein Simultanschachturnier: \u201eeiner gegen achtzig. F\u00fcnfig Partien gewinne ich, f\u00fcnfzehn verliere ich und f\u00fcnfzehn gehen unentschieden aus. Wenn ich am Ende des Tages diesen Schnitt hinbekomme, bin ich gut\u201c (S. 175 f). Die aus dieser Doppelrolle entstehenden Konflikte werden jedoch nicht weiter verfolgt. Ebenso wenig die f\u00fcr die Knastmedizin fundamentale Tatsache, dass die Patienten keine freie Arztwahl haben.<\/p>\n<p>Bausch vermittelt, wie spannend er seinen Beruf bis heute empfindet. Das kommt in den immer wieder eingestreuten Stories zum Ausdruck, die zeigen, welche Einblicke in die Welt drau\u00dfen die Sprechstunde des Anstaltsarztes er\u00f6ffnet. Mit ihm lernen wir den ehemaligen Kindersoldaten ebenso kennen wie die Kindsm\u00f6rderin, den Mafioso, den Ausbrecherk\u00f6nig und den Heiratsschwindler. Auch wenn der Autor einleitend betont, dass er seine Erfahrungen so verfremdet habe, \u201edass sie niemandem zuzuordnen sind\u201c (S.7), so sind diese Einzelschicksale doch sehr plastisch und einf\u00fchlsam beschrieben.<\/p>\n<p>Problematischer ist es, wenn Bausch die Arztrolle verl\u00e4sst und allgemeinere Aussagen \u00fcber Verbrechen und Strafen macht. Am deutlichsten wird das in einem Kapitel, welches mit \u201eKleine Typologie der Verbrecher\u201c \u00fcberschrieben ist. Hier verf\u00e4llt der Autor in die Haltung einer ganz altmodischen, stereotypisierenden Kriminologie: als Praktiker erkenne man \u201erelativ schnell, was ein H\u00e4ftling auf dem Kerbholz\u201c habe (S.140). Jedem Verbrechertypus k\u00f6nne man ganz bestimmte Eigenschaften zuschreiben. Die Bankr\u00e4uber seien \u201egewalt- und risikobereit und auch im Knast immer gut f\u00fcr eine Geiselnahme oder einen Ausbruch\u201c (S.141). \u201eDer Betr\u00fcger\u201c wirke wie ein Junkie, der den n\u00e4chsten Schuss braucht (S.142). Einbrecher und Diebe seien \u201eeher vorsichtige, \u00e4ngstliche, vermeidende Typen\u201c (S. 143). \u201eDer Vergewaltiger f\u00e4llt meist dadurch auf, dass er nur mit einer geringen oder gar nicht vorhandenen Einsichtsf\u00e4higkeit in seine Schuld aufwarten kann\u201c (S.144\u201c). Nur bei den M\u00f6rdern findet er das Spektrum \u201egro\u00df und uneinheitlich\u201c (S. 146). An anderer Stelle beschreibt er, wie er, zur Vorbereitung f\u00fcr bestimmte B\u00fchnenrollen, viel \u00fcber \u201eT\u00e4tertypen\u201c gelesen habe. Das war aber wohl eher die \u00e4ltere Kriminologie und nicht die durch den Labeling Approach f\u00fcr Zuschreibungsprozesse sensibilisierte.<\/p>\n<p>Bausch hat kriminalpolitisch das Herz am rechten Fleck. Er engagiert sich f\u00fcr die Substitution von Schwerstabh\u00e4ngigen (S. 168) und er fragt sich mit Recht, warum T\u00fcrken, Polen, Letten und selbst Holl\u00e4nder \u201eihre Strafen nicht zu Hause verb\u00fc\u00dfen\u201c d\u00fcrfen (S. 210), \u00fcbersieht allerdings, dass es diese M\u00f6glichkeit seit Jahren gibt (vgl. das \u00dcberstellungs\u00fcbereinkommen). Er findet, dass die SV und die Ma\u00dfregelvollzugskliniken \u201ebesser miteinander verzahnt werden\u201c sollten (S. 260) und er h\u00e4lt eine \u201eangemessene Sterbebegleitung im Knast\u201c f\u00fcr \u201ewichtig\u201c (S. 265). Abolitionist ist er allerdings nicht: \u201eOhne Gef\u00e4ngnisse kann eine Gesellschaft nicht auskommen\u201c (S. 284).<\/p>\n<p>Insgesamt hat Joe Bausch ein sehr lesbares und informatives Buch geschrieben. Die Lesbarkeit beruht nicht unerheblich darauf, dass er immer wieder zu eing\u00e4ngigen Formeln greift. Hier ist allerdings Vorsicht und Differenzierung geboten, um die echten Weisheiten von nur scheinbaren zu trennen. Probleme habe ich, zum Beispiel, mit den folgenden S\u00e4tzen:<br \/>\n* \u201eIm Knast ist alles echt\u201c (S.13). Wirklich? K\u00f6nnte man nicht auch das Gegenteil behaupten?<br \/>\n* \u201eBetr\u00fcger sind Betr\u00fcger und bleiben es auch im Knast\u201c (S. 157). Bei so starken Zuschreibungen bleibt den Betreffenden nicht viel anderes \u00fcbrig.<br \/>\n* \u201eDie Drogen kommen in der Regel \u00fcber Besucher in den Knast\u201c (S.166). Das korrigiert er allerdings eine Seite sp\u00e4ter, indem er auf Beamte hinweist, welche sich etwas \u201edazuverdienen\u201c wollen.<br \/>\n* \u201eDer Knast ist ein Spiegelbild der Gesellschaft\u201c (S. 209). Das \u00fcbersieht den un-normalen Charakter der totalen Institution, weshalb die Angleichung an normale Lebensverh\u00e4ltnisse (\u00a7 3 Abs.1 StVollzG) eine st\u00e4ndige Aufgabe darstellt.<\/p>\n<p><strong>Joe Bausch: Knast. Berlin: Ullstein 2012. 284 Seiten, \u20ac 19,99<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Webseite des Strafvollzugarchivs \u00fcbernehmen wir eine Buchbesprechung von Johannes Feest. Es gibt nur wenige schreibende Vollzugspraktiker. Und diese wenigen beschreiben kaum jemals ihre Praxis. Das vorliegende Buch ist die Ausnahme von dieser Regel. 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