{"id":7424,"date":"2012-07-31T10:31:00","date_gmt":"2012-07-31T09:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=7424"},"modified":"2012-07-31T10:37:59","modified_gmt":"2012-07-31T09:37:59","slug":"fuer-eine-gesellschaft-ohne-knaeste-von-der-anarchistischen-gruppe-freiburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/fuer-eine-gesellschaft-ohne-knaeste-von-der-anarchistischen-gruppe-freiburg","title":{"rendered":"F\u00fcr eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste! von der Anarchistischen Gruppe Freiburg"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Kran.png\" rel=\"lightbox[7424]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright size-medium wp-image-7433\" title=\"Kran mit Abrisskugel gegen Kn\u00e4ste und Mauern\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Kran-84x250.png\" alt=\"Kran mit Abrisskugel gegen Kn\u00e4ste und Mauern\" width=\"84\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Kran-84x250.png 84w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Kran-202x600.png 202w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Kran.png 600w\" sizes=\"(max-width: 84px) 100vw, 84px\" \/><\/a><em>In Freiburg findet vom 4. Juli bis zum 8. August die knastkritische Veranstaltungsreihe \u201e<a href=\"http:\/\/www.breakthrough.tk\/\" target=\"_blank\">breakthrough! F\u00fcr eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste<\/a>\u201c der Anarchistischen Gruppe Freiburg statt. In diesem Rahmen ist ein unter dem Titel &#8220;<\/em><strong>F\u00fcr eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste!<\/strong><em>&#8221; ein Text erschienen.\u00a0 Dieser steht auch als <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/F\u00fcr-eine-Gesellschaft-ohne-Kn\u00e4ste.pdf\">pdf zum download<\/a> bereit. Am Freitag, den 3. Augst werden wir selber in Freiburg zu Gast sein im Rahmen einer <a href=\"http:\/\/ag-freiburg.org\/cms\/index.php?option=com_eventlist&amp;view=details&amp;id=105:vortrag-knast-als-feld-politischer-auseinandersetzung&amp;Itemid=15\" target=\"_blank\">Infoveranstaltung<\/a>.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">\u00a0F\u00fcr eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste!<\/h3>\n<p>Wenn in der (radikalen) Linken \u00fcber Staat und Recht diskutiert wird, wird oft ausschlie\u00dflich der repressive Charakter des b\u00fcrgerlichen Staates betrachtet und kritisiert. Eine grunds\u00e4tzliche Reflexion \u00fcber Staat, Recht und Knast in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft findet hingegen selten statt.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDiese Haltung mag einerseits in \u201elinken Altlasten\u201c begr\u00fcndet sein, die im Staat nach wie vor ein Instrument pers\u00f6nlicher Herrschaft der Bourgeoisie sehen oder aber auf pers\u00f6nlicher direkter Erfahrung mit den Repressionsorganen beruhen: Selbstverst\u00e4ndlich st\u00f6\u00dft sich linke Politik, die die bestehenden Verh\u00e4ltnisse \u00fcberwinden m\u00f6chte, immer wieder an dem Staat und den b\u00fcrgerlichen Gesetzen.<\/p>\n<p>Slogans wie \u201eFreiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen\u201c oder auch \u201eFreiheit stirbt mit Sicherheit\u201c sind verst\u00e4ndliche und notwendige Reaktionen auf die Repression, die linke Praxis fast t\u00e4glich erfahren muss. Staats-, Rechts-, und Knastkritik darf unserer Meinung nach jedoch nicht erst dort anfangen, wo mal wieder eine Demonstration von Polizist_innen* niedergekn\u00fcppelt, Hausdurchsuchungen gegen Antifaschist_innen stattfinden oder linke Aktivist_innen f\u00fcr Aktionen in den Knast m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ohne eine Einbettung in eine grunds\u00e4tzliche Gesellschaftskritik bleibt die Kritik an Repression, Knast und Strafe affirmativ und reproduziert die herrschenden Verh\u00e4ltnisse. Anstelle einer blo\u00dfen Kritik an polizeilichen \u201eExzessen\u201c und staatlichen \u201e\u00dcbergriffen\u201c sollen folgend Staat und Recht als spezifische historische Formen kapitalistischer Vergesellschaftung verstanden und kritisiert werden. Dabei erheben wir mit diesem Text nicht den Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit oder gar einer abgeschlossenen, endg\u00fcltigen Analyse, er ist vielmehr eine Einladung und Aufforderung zur Diskussion.<\/p>\n<p><strong>Kapitalistischer Normalvollzug<\/strong><\/p>\n<p>Der Kapitalismus basiert auf Privateigentum (an Produktionsmitteln), Verwertungsdruck und brutaler Konkurrenz unter Menschen, Unternehmen und Staaten. Um zu \u00fcberleben, sind alle Menschen gezwungen, sich gegen andere durchzusetzen. Seien es jene, die nicht \u00fcber Produktionsmittel verf\u00fcgen, im Kampf um Arbeitspl\u00e4tze und Bef\u00f6rderungen, oder jene, die dar\u00fcber verf\u00fcgen, in Konkurrenz um Auftr\u00e4ge und Profite, um Gewinnanteile und Wachstumsraten. Dieser Leistungsterror und Zwang zum Egoismus zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Leben, angefangen in der Schule, sp\u00e4ter in der Uni, in der Ausbildung und im Berufsleben.<\/p>\n<p>Gleichzeitig werden alle Lebensbereiche, egal ob Bildung oder Freizeit, Wissenschaft oder technischer Fortschritt Verwertungsinteressen untergeordnet und dienen somit nicht der Befriedigung menschlicher Bed\u00fcrfnisse. Der gr\u00f6\u00dfte Widerspruch im Kapitalismus zeigt sich darin, dass er zum einen einen enormen \u00dcberfluss an Waren und wachsender technologischer M\u00f6glichkeiten zur Abschaffung von Mangel, Hunger, Krankheit, Armut und zur Automatisierung der Produktion hervorbringt, zum anderen aber auf soziales Elend, Hunger, Krieg und Umweltzerst\u00f6rung angewiesen ist, um fortzubestehen.<\/p>\n<p>Das permanente Konkurrenzverh\u00e4ltnis, das menschliche Beziehungen zunehmend \u00fcberschattet, sowie die Notwendigkeit, die kapitalistische Akkumulation trotz aller ihr innewohnenden Widerspr\u00fcche aufrecht zu erhalten, f\u00fchren zu einer Gesellschaft, in der Gewalt allgegenw\u00e4rtig ist.<\/p>\n<p>Am deutlichsten wahrnehmbar ist diese, wenn sie physisch ausge\u00fcbt wird. Weniger offensichtlich, aber dennoch allgegenw\u00e4rtig, ist die \u201estrukturelle\u201c Gewalt: Auch ohne direkte k\u00f6rperliche Einwirkung ist es m\u00f6glich, Herrschaft \u00fcber Menschen auszu\u00fcben, ihre Selbstbestimmung einzuschr\u00e4nken bis ganz zu nehmen oder Zw\u00e4nge unterschiedlichster Form durchzusetzen. Dazu z\u00e4hlen unter anderem famili\u00e4re Machtstrukturen, allt\u00e4gliches Erleben von Sexismus und Patriarchat, Leistungsdruck in Schule und Beruf, sowie Zwangsma\u00dfnahmen durch Sozial-, Ausl\u00e4nder- und Arbeits\u00e4mter.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu fr\u00fcheren Gesellschaftsformen erscheinen Gewalt, Ausbeutung und Herrschaft im Kapitalismus jedoch \u201enur\u201c in vermittelter Form. Basierte die Beziehung von Herr und Sklave oder Feudalherr und Leibeigenem un\u00fcbersehbar auf pers\u00f6nlicher, also \u201eunvermittelter\u201c Herrschaft, \u201eherrscht\u201c im eigentlichen Sinne im Kapitalismus niemand.<\/p>\n<p>Diese \u201eunpers\u00f6nliche\u201c Form der Herrschaft ist mehr als nur ein politischer Fortschritt gegen\u00fcber vergangenen Gesellschaften, vielmehr ist sie unabdingbar f\u00fcr den Fortlauf der kapitalistischen Produktion.<\/p>\n<p><strong>Die Herrschaft des Rechts<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDie Binde \u00fcber den Augen der Justitia bedeutet nicht blo\u00df, da\u00df ins Recht nicht eingegriffen werden soll, sondern da\u00df es nicht aus Freiheit stammt.\u201c<\/em> ((Theodor W. Adorno\/Max Horkheimer: Die Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Philosophische Fragmente. Fischer (2009), S. 22))<\/p>\n<p>Warum also f\u00fchrt die dem Konkurrenzprinzip innewohnende Gewaltt\u00e4tigkeit nicht zu unmittelbarer und pers\u00f6nlicher Herrschaft? Warum organisiert sich der Staat nicht als \u201eprivater Apparat der herrschenden Klasse\u201c sondern nimmt \u201edie Form eines unpers\u00f6nlichen, von der Gesellschaft losgel\u00f6sten Apparats der \u00f6ffentlichen Macht an?\u201c ((Eugen Paschukanis: Allgemeine Rechtslehre und Marxismus. Haufe (1991), S. 145)).<\/p>\n<p>Die Antwort auf diese Frage liegt im gesellschaftlichen Austauschprozess begr\u00fcndet: Da die Waren \u201enicht selbst zu Markte gehen und sich selbst austauschen\u201c, m\u00fcssen die Menschen die Austauschbeziehung selbst schaffen ((MEW 23, S. 99)). Im Kapitalismus, also einer auf Warentausch und Privateigentum beruhenden Gesellschaft, ist dieser Prozess jedoch mehr, als der Tausch einer beliebigen \u201eWare A\u201c gegen eine beliebige \u201eWare B\u201c. Die in ihrem Nutzen und Zweck also eigentlich komplett verschiedenen Gebrauchswerte lassen sich \u00fcberhaupt nur als Tauschwerte gleichsetzen, da sie eine gemeinsame Qualit\u00e4t besitzen, sozusagen auf ein gemeinsames \u201eDrittes\u201c reduzierbar sind. Dieses gemeinsame \u201eDritte\u201c liegt jedoch nicht in den nat\u00fcrlichen, sondern in den gesellschaftlichen Eigenschaften der Waren, n\u00e4mlich Produkte gleicher menschlicher Arbeit und damit \u201eWerte\u201c zu sein ((Vgl. MEW 23, S. 52)).<\/p>\n<p>Die tauschenden Warenbesitzer_innen vollziehen dabei einen ihren Waren nicht un\u00e4hnlichen Prozess: In der Gleichsetzung der Waren als Tauschwerte, setzen sie sich selbst einander gleich und vollziehen damit eine weitere Abstraktion: Sie m\u00fcssen sich wechselseitig als Privateigent\u00fcmer_innen mit gleichen Rechten anerkennen. Aus menschlichen Individuen mit konkreten Eigenschaften und Bed\u00fcrfnissen werden Vertragspartner_innen, also juristische Subjekte als \u201eAbstraktion des Menschen \u00fcberhaupt\u201c ((Vgl. Paschukanis (1991), S. 112)).<\/p>\n<p>\u00c4hnlich dem Wert der im Austausch als etwas \u201egemeinsames\u201c, als quasi nat\u00fcrliche Eigenschaft der Waren erscheint, erscheint das Recht nun als das \u201eDritte\u201c, \u201egemeinsame\u201c, als quasi nat\u00fcrliche Eigenschaft der Menschen juristische Subjekte zu sein. Die gesellschaftlich-arbeitsteiligen Produktionsverh\u00e4ltnisse stellen sich somit gleicherma\u00dfen dar als \u201eungeheure Warensammlung\u201c, sowie \u201eunendliche Kette von Rechtsverh\u00e4ltnissen\u201c ((Ebd., S. 75)).<\/p>\n<p>Da der Warenaustausch augenscheinlich ein \u201ewahres Eden der angeborenen Menschenrechte\u201c ist und der Tausch der \u00c4quivalente (inklusive des Kaufs und Verkaufs der Ware Arbeitskraft) in \u201eFreiheit\u201c und \u201eGleichheit\u201c erfolgen ((MEW 23, S. 189)), werden unmittelbare Gewalt und Herrschaft zur Aufrechterhaltung der Verh\u00e4ltnisse \u00fcberfl\u00fcssig. Das b\u00fcrgerliche Selbstverst\u00e4ndnis schlie\u00dft sogar formal die eigene Gewaltt\u00e4tigkeit der Individuen aus, \u00fcber denen sich der Staat als au\u00dfer\u00f6konomisches \u201eDrittes\u201c nach dem Motto \u201eDu sollst keine anderen Gewaltt\u00e4ter neben mir haben\u201c erhebt.<\/p>\n<p>Die allgemeine Gleichheit der Menschen vor dem \u201eRechtsstaat\u201c ist somit kein Schein oder Betrug, den die \u201eHerrschenden\u201c erzeugen, um ihre Unterdr\u00fcckung aufrecht zu erhalten, sondern \u201evielmehr ein realer Proze\u00df der Verrechtlichung der menschlichen Beziehungen, der die Entwicklung der Waren- und Geldwirtschaft [&#8230;] begleitet\u201c ((Paschukanis (1991), S. 19)).<\/p>\n<p>Markt und Gesetz fragen also nicht nach der Geburt, ihnen gelten alle potentiellen Warenbesitzer_innen als gleich. Der b\u00fcrgerliche Gleichheitsbegriff stammt aber keineswegs aus der Freiheit. Er gr\u00fcndet im Warentausch und somit auch in der Konkurrenz zur Realisierung des Warenwerts. Eine solche Gleichheit ist nicht ohne die sklavische Abh\u00e4ngigkeit von der hinter dem R\u00fccken der wirtschaftenden Subjekte in Gestalt des Wertgesetz wirkenden \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen zu denken ((Ebd., S. 112)).<\/p>\n<p>Genauso wird durch den Staat samt seiner Staatsb\u00fcrger_innen nicht die Gesellschaft als Gewalt- und Konkurrenzverh\u00e4ltnis aufgehoben. Weit entfernt davon besteht sie als seine \u201eVoraussetzung\u201c, als andere Seite derselben Medaille weiter ((MEW 1, S. 354)).<\/p>\n<p><strong>Die repressive Gleichheit<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6gen Freiheit und Gleichheit formal gegeben, sowie durchaus eine politische Emanzipation im Vergleich zu unmittelbaren Knechtschaftsverh\u00e4ltnissen sein, so bringen dennoch das Wertgesetz und der Zwang zur Konkurrenz immer wieder ihr genaues Gegenteil hervor:<\/p>\n<p>Die zynische Bemerkung des franz\u00f6sischen Schriftstellers Anatole France, dass das Gesetz in seiner erhabenen Gleichheit es Reichen und Armen gleicherma\u00dfen verbietet, zu betteln, unter den Br\u00fccken zu schlafen und Brot zu stehlen, bringt dieses Verh\u00e4ltnis auf den Punkt. Diese Liste Frances l\u00e4sst sich beliebig erweitern, beispielsweise um Gesetze wie das Asylrecht oder die Residenzpflicht, die konkret nur von wenigen Menschen \u201egebrochen\u201c werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die kapitalistische Gesellschaft ben\u00f6tigt zwar f\u00fcr ihre Reproduktion die formale Gleichheit und Freiheit aller, kann aber aufgrund ihrer Verfasstheit als Konkurrenz- und Warengesellschaft kein \u201esch\u00f6nes Leben\u201c f\u00fcr alle Menschen gew\u00e4hrleisten. Sie f\u00f6rdert vielmehr den Krieg aller gegen alle um die eigene Selbstverwertung, in dem Erwerbslose, Kranke, Alte und Menschen mit Behinderungen an, oder oft \u00fcber den Rand der eigenen Existenz gedr\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p>Dieser Widerspruch zwischen den formal garantierten und f\u00fcr die kapitalistische Reproduktion notwendigen Rechten und des kapitalistischen Alltags kann nicht ohne die Drohung von Disziplin und Strafe aufrechterhalten werden, soll der allt\u00e4gliche Konkurrenzkrieg nicht letztlich in Betrug, Raub oder offener Gewalt umschlagen. Gleichzeitig gilt es f\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Staat, als Nationalstaat in unternehmerischer Standortkonkurrenz zu anderen Staaten stehend, tagt\u00e4glich den Spagat zwischen \u201eStaatspleite\u201c und drohender Bev\u00f6lkerungsrevolte gegen das kapitalistische Elend zu leisten.<\/p>\n<p>Die Gleichheit wird somit f\u00fcr jene, die sich ihr nicht f\u00fcgen wollen oder k\u00f6nnen, eine repressive. Ihr geht es darum, sie wieder \u201egleich\u201c zu machen, also wieder in das b\u00fcrgerliche Regelwerk einzuf\u00fcgen. Ebenso schnell schl\u00e4gt die vermittelte Herrschaft zur unvermittelten um, wenn dem Individuum, das mit den Normen und Regeln der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft nicht zurechtkam, diese im Knast verst\u00e4rkt in Form von Zwangsarbeit, Dem\u00fctigung und Vereinzelung angetan werden.<\/p>\n<p><strong>Von der Lust am Strafen\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Ohne Frage erzeugt das staatliche Gewaltmonopol durch seine offen zur Schau gestellte Macht, hochger\u00fcstete Kn\u00e4ste sowie hohe Strafen ein Klima der Angst, das potentielle \u201eStraft\u00e4ter_innen\u201c abschreckt. Die mehrheitliche Akzeptanz von Herrschaft und Strafe sowie die Unf\u00e4higkeit Regeln auch nur im Kopf zu hinterfragen, geschweige denn aktiv zu \u00fcberschreiten, l\u00e4sst sich jedoch nicht nur durch staatliche Abschreckung erkl\u00e4ren. Vielmehr ist sie Resultat davon, dass den Menschen die herrschende Ordnung mit ihren Regeln und Gesetzen l\u00e4ngst als quasi \u201enat\u00fcrlich\u201c und alternativlos erscheint.<\/p>\n<p>Gleichzeitig entwickelt sich aus dem Befolgen dieser Regeln, die eben nicht Produkt einer freien und solidarischen Gesellschaft, sondern eines entfremdeten Zusammenlebens sind, eine unterschwellige Unzufriedenheit mit der eigenen Situation, die sich letztlich als Ressentiment gegen\u00fcber jenen \u00e4u\u00dfert, die diese Regeln nicht befolgen. Daraus resultiert ein regelrechtes Verlangen nach Bestrafung derjenigen, die gegen das versto\u00dfen, an was man selbst glaubt, sich halten zu m\u00fcssen (\u201eWenn das alle machen w\u00fcrden\u2026\u201c, \u201eIch muss ja auch\u2026 und kann nicht einfach\u2026\u201c).<\/p>\n<p>Die bestehenden Eigentumsverh\u00e4ltnisse erkl\u00e4ren, warum ein Gro\u00dfteil der begangenen \u201eStraftaten\u201c \u201eEigentumsdelikte\u201c (~66,7%, 2011<sup>11<\/sup>) darstellen: viele Menschen sind dazu gezwungen, Lebensmittel in den Superm\u00e4rkten zu \u201eklauen\u201c, um zu \u00fcberleben; sind gezwungen, schwarz zu fahren, weil die hohen Ticketpreise nicht mehr bezahlt werden k\u00f6nnen; sitzen eine sogenannte \u201eErsatzfreiheitsstrafe\u201c ab, weil Rechnungen, Miete oder Strafbefehle nicht mehr bezahlt werden konnten; sitzen in Abschiebehaft, weil sie vor Kriegen, politischer Verfolgung, oder einfach um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen, fl\u00fcchten mussten.<\/p>\n<p>In der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung ist es jedoch \u201egenau andersherum\u201c, es herrscht ein weitverbreitetes Vorurteil, dass Mord (Real: ~0,1%, 2011 ((www.bmi.bund.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/Broschueren\/2012\/PKS2011.html))) und Sexualdelikte (Real: ~0,8%, 2011 ((www.bpb.de\/izpb\/7786\/aufgaben-und-ausgestaltung-des-strafvollzugs))) die meist begangenen \u201eStraftaten\u201c seien und dass dementsprechend auch die Zusammensetzung im Knast aussehe. Diese verzerrte Wahrnehmung tr\u00e4gt immer wieder auch zur Legitimierung der Existenz von Knast und Strafe bei.<\/p>\n<p>Wir wollen an dieser Stelle explizit nicht ausdr\u00fccken, dass jeder Bruch der bestehenden Gesetze automatisch eine emanzipatorische Tat sei. Im Gegenteil findet sich in vielen \u201eVerbrechen\u201c, wie z.B. in \u201eBetrugshandlungen\u201c oder auch im \u201eorganisierten Verbrechen\u201c die kapitalistische Aneignungs- und Verwertungslogik wieder.<\/p>\n<p>Das Wegsperren \u201eb\u00f6ser\u201c Menschen soll ein Gef\u00fchl von Sicherheit suggerieren, da die vermeintliche Bedrohung des b\u00fcrgerlichen Friedens aus dem Sichtfeld der Gesellschaft entfernt wurde. Allerdings wird durch das Wegsperren etwaiger \u201eSt\u00f6renfriede\u201c keinesfalls eine \u201eSicherheit\u201c hergestellt, sondern eine reine Symptombek\u00e4mpfung durchgef\u00fchrt. Die hohen R\u00fcckfallquoten (zwischen 40 und 70 % ((www.bpb.de\/izpb\/7786\/aufgaben-und-ausgestaltung-des-strafvollzugs))) zeigen zudem auf, dass der Knast, im Sinne dieser Gesellschaft, keinesfalls \u201ebessere\u201c Menschen schafft und \u201eStraft\u00e4ter_innen\u201c selten \u201eresozialisiert\u201c.<\/p>\n<p>\u201eResozialisierung\u201c wiederum, ist vor dem Hintergrund dieser Gesellschaftsordnung kaum mehr als eine Farce: Der_die ehemalige Straft\u00e4ter_in soll wieder in die Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft \u201eintegriert\u201c werden und in ihr \u201efunktionieren\u201c. \u201eResozialisierung\u201c oder \u201eReintegration\u201c bedeutet somit nicht eine konsequente Forderung nach Freiheit, sondern dass sich das Individuum fortan wieder bedingungslos den Regeln und der Logik dieser Gesellschaft unterwerfen muss.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste!<\/strong><\/p>\n<p>So lange die Organisierung der Produktion nicht grundlegend ge\u00e4ndert und jegliche Herrschaft \u00fcberwunden wird, wird die Schlie\u00ad\u00dfung von Kn\u00e4sten und \u00e4hn\u00adli\u00adchen An\u00adstal\u00adten nicht m\u00f6glich sein. Es muss darum gehen, diese Zust\u00e4nde, die Men\u00adschen dazu zwin\u00adgen \u201ekri\u00admi\u00adnell\u201d zu wer\u00adden, als zusammenh\u00e4ngend und einander bedingend zu begreifen, zu kritisieren und schlussendlich als Ganzes abzuschaffen. Gleichzeitig m\u00fcssen wir jedoch Forderungen nach Verbesserungen der beschissenen Lebensumst\u00e4nde im Knast, aber auch au\u00dferhalb der Mauern, unterst\u00fctzen und als Grundlage f\u00fcr den radikalen Bruch mit den herrschenden Verh\u00e4ltnissen nutzen.<\/p>\n<p>Wir, als Teil einer k\u00e4mpfenden Bewegung, m\u00fcssen damit anfangen uns solidarisch zusammenzuschlie\u00dfen, zu organisieren und zu vernetzen und schlussendlich Gef\u00e4ngnisausbr\u00fcche organisieren, Kaufhausraube planen, Fabriken besetzen, Polizeistationen abrei\u00dfen und uns daran machen, gemeinsam etwas Besseres als Staat, Nation und Kapital zu schaffen: eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der es kein Eigentum, keine Grenzen, aber auch keine Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen, also keinen Sexismus, keine Homophobie, keinen Rassismus und alle anderen Unterdr\u00fcckungsmechanismen, und somit auch keine Kn\u00e4ste mehr geben wird!<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen\/Quellen<\/strong><\/p>\n<p>2. Auflage, Stand: Sommer 2012<\/p>\n<p>Text als gelayoutetes <a href=\"http:\/\/www.ag-freiburg.org\/IMG\/PDF\/2012-07-21-fuer-eine-gesellschaft-ohne-knaeste.pdf\">PDF<\/a> (auf<a href=\"http:\/\/issuu.com\/agfreiburg\/docs\/2012-07-21-fuer-eine-gesellschaft-ohne-knaeste\"> Issuu<\/a>) zum selbstausdrucken und verteilen.<\/p>\n<p>*Wir verwenden in diesem Text \u201e_in\u201c oder \u201e_innen\u201c (Gender Gap), welches die Funktion hat, dass nicht nur weiblich oder m\u00e4nnlich sozialisierte Menschen beachtet werden, sondern auch Menschen, die sich selbst zwischen bzw. au\u00dferhalb der Zweigeschlechtlichkeit verorten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Freiburg findet vom 4. Juli bis zum 8. August die knastkritische Veranstaltungsreihe \u201ebreakthrough! F\u00fcr eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste\u201c der Anarchistischen Gruppe Freiburg statt. 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