{"id":7556,"date":"2012-08-23T23:55:21","date_gmt":"2012-08-23T22:55:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=7556"},"modified":"2012-08-24T10:49:52","modified_gmt":"2012-08-24T09:49:52","slug":"thomas-meyer-falk-gewalt-in-den-knaesten-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-gewalt-in-den-knaesten-2012","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Gewalt in den Kn\u00e4sten 2012"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[7556]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" title=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Wenn von Gef\u00e4ngnissen die Rede ist, schwingt meist eine von Gewalt gepr\u00e4gte Empfindung mit. So mag es dann wenig \u00fcberraschend sein, wenn der ehemalige nieders\u00e4chsische Justizminister und im Hauptberuf Kriminologie lehrende Professor Christian Pfeiffer, zusammen mit Steffen Bieneck, Mitte August 2012 eine Studie \u00fcber \u201eViktimisierungserfahrungen im Justizvollzug\u201c (abrufbar unter <a title=\"http:\/\/www.kfn.de\/versions\/kfn\/assets\/fob119.pdf\" href=\"http:\/\/www.kfn.de\/versions\/kfn\/assets\/fob119.pdf\">http:\/\/www.kfn.de<\/a>) ver\u00f6ffentlicht, die von einem hohen Ma\u00df an Gewalterfahrungen beredtes Zeugnis gibt.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<em>\u00dcber die Studie<\/em><\/p>\n<p>Als \u201eForschungsbericht Nr. 119\u201c beschreiben Bieneck und Pfeiffer auf 35 Seiten die Ergebnisse einer in f\u00fcnf Bundesl\u00e4ndern (Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Sachsen und Th\u00fcringen) im Zeitraum April 2011 bis Mai 2012 durchgef\u00fchrten Studie. Befragt wurden 6.384 Gefangene (bzw. diese nahmen an der Studie teil, denn insgesamt wurden an 11.911 Inhaftierte Frageb\u00f6gen verteilt, jedoch nur knapp die H\u00e4lfte gab dann auch die Frageb\u00f6gen ausgef\u00fcllt zur\u00fcck).<\/p>\n<p>\u00dcber 25% der erwachsenen M\u00e4nner, 25% der Frauen und sogar fast 50% der Jugendlichen berichteten, in den letzten vier Wochen des Erhebungszeitraums Opfer k\u00f6rperlicher \u00dcbergriffe seitens anderer Gefangener geworden zu sein. Sexuelle Gewalterfahrungen berichteten 4,5% der M\u00e4nner, 3,6% der Frauen und 7,1% der Jugendlichen.<br \/>\nOpfer \u201eindirekter Viktimisierung\u201c, wie die Autoren der Studie das Verbreiten von Ger\u00fcchten, bzw. das sich \u00fcber die Betroffenen lustig Machen bezeichnen, berichteten \u00fcber 50% der M\u00e4nner, 63% der Frauen und 57% der Jugendlichen. Direkt durch verbale Gewalt angegangen wurden nach der Studie jeweils knapp 40% der erwachsenen Frauen und M\u00e4nner, bzw. 54% der jugendlichen Inhaftierten.<\/p>\n<p><em>Folgen der Gewalt<\/em><\/p>\n<p>Die meisten der Gefangenen, die Opfererfahrungen berichten, beklagen als unmittelbare Folge ein Gef\u00fchl der Hilflosigkeit, gefolgt von Zorn, Depression und Schlafst\u00f6rungen. Berichtet werden jedoch auch blaue Flecken, Blutungen, offene Wunden, Knochenbr\u00fcche und innere Verletzungen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Jugendliche \u00fcberwiegend darauf verzichten, Vorf\u00e4lle zur Anzeige \u2013 sei es der Polizei oder auch nur der Anstalt \u2013 zu bringen (57,5% berichteten, von einer Meldung Abstand genommen zu haben), wurde bei den erwachsenen M\u00e4nnern in 53,7% und bei den Frauen in 60% der F\u00e4lle der Vorfall angezeigt.<\/p>\n<p>Wer sein schlimmstes Erlebnis nicht anzeigte, gab \u00fcberwiegend an, dies deshalb nicht getan zu haben, \u201eweil man das im Gef\u00e4ngnis nicht\u201c mache, gefolgt von der Angabe, nicht als Verr\u00e4ter gelten zu wollen oder Angst vor weiteren \u00dcbergriffen gehabt zu haben.<\/p>\n<p><em>Mediale Rezeption der Studie<\/em><\/p>\n<p>Schon am Tag des Erscheinens der Studie berichtete die Wochenzeitung \u201eDie Zeit\u201c in ihrem \u201e<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/34\/DOS-Gefaengnisse-Deutschland-Gewalt\" target=\"_blank\">Dossier<\/a>\u201c vom 16.08.2012 unter der Schlagzeile \u201eDie Schlechterungsanstalt\u201c ausf\u00fchrlich \u00fcber die Studie aus Hannover. Auch die meisten \u00fcberregionalen, wie auch viele lokale Zeitungen griffen die Studie auf.<br \/>\nDie ZEIT breitete auf drei Seiten die ungeschminkte Realit\u00e4t des aktuellen Justizvollzugs aus; erw\u00e4hnte den Foltermord in der Jugendstrafanstalt Siegburg (am 11. November 2006 ermordeten drei Gefangene ihren Zellenkollegen), berichtete von sexuellem Missbrauch unter Gefangenen, Schl\u00e4gereien wegen Streit um Drogengesch\u00e4fte. Nicht fehlen durfte auch die \u201eRussland-Deutsche Subkultur\u201c, die als lebender Leichnam durch die K\u00f6pfe und Beh\u00f6rdenflure seit vielen Jahren zu geistern pflegt: danach h\u00e4tten \u201eRussland-Deutsche\u201c Gefangene viele Kn\u00e4ste in Deutschland \u201eim Griff\u201c, w\u00fcrden sich nur nach den Geboten der \u201eDiebe im Gesetz\u201c (aus Sowjetzeiten stammende Regeln dortiger Lager) richten und den \u201eheiligen Abschtschjak\u201c (eine Art Sozialkasse) finanziell unterst\u00fctzen, und dies nur unter Zwang und auch Anwendung von Gewalt.<\/p>\n<p><em>Kritische Bewertung<\/em><\/p>\n<p>Manche ZeitungsleserInnen d\u00fcrfte ein ebenso grausiges wie wohliges Schaudern \u00fcberkommen haben, als sie von der Gewaltstudie lasen. \u201eEs geschieht den Verbrechern doch recht. Sie waren es, die die Gesetze gebrochen, die Regeln verletzt haben, sollen sie sich doch untereinander selbst zerfleischen; was beschweren die sich denn jetzt, wenn sie beleidigt oder geschlagen werden, dazu noch von Ihresgleichen. Alles Pack!\u201c, so oder so \u00e4hnlich d\u00fcrften nicht wenige gedacht haben.<\/p>\n<p>Andere m\u00f6gen vielleicht Mitgef\u00fchl empfinden; denn auch T\u00e4ter k\u00f6nnen zu Opfern werden.<br \/>\nZumal die Studie ausdr\u00fccklich feststellt, dass jene Inhaftierten, die schon in ihrer Kindheit physische Gewalt erleben mussten, sp\u00e4ter h\u00e4ufiger selbst (erneut) Opfer von \u00dcbergriffen im Gef\u00e4ngnis wurden.<\/p>\n<p>Ein wesentliches Manko der Studie ist freilich, dass nicht nach Gewaltaus\u00fcbung durch Bedienstete gefragt wurde; denn auch wenn k\u00f6rperliche \u00dcbergriffe von Beamten auf Gefangene m\u00f6glicherweise weniger h\u00e4ufig geschehen m\u00f6gen als unter den Gefangenen, so erleben sicher nicht wenige Gefangene durch Vollzugsbedienstete zumindest das, was die Autoren \u201eindirekte, verbale oder psychische Viktimisierung\u201c nennen. Opfererfahrungen, die gleicherma\u00dfen zu Zorn, Hilflosigkeit, Depression, Schlafst\u00f6rungen oder dem Gef\u00fchl der Erniedrigung f\u00fchren. Hier stricken die Autoren der Studie an dem Bild der stets guten und f\u00fcrsorglichen Staatsbediensteten, das einem Realit\u00e4ts-Check kaum standhalten w\u00fcrde.<br \/>\nZugleich blenden sie damit wesentliche Ursachen f\u00fcr Gewalt innerhalb der Subkultur der Inhaftierten aus, denn diese sehen ja allt\u00e4glich, wie die Beamten mit ihnen selbst umgehen. Das ist gewiss nicht die alleinige Ursache f\u00fcr Gewalt unter Gefangenen, dennoch sollte sie nicht unerw\u00e4hnt bleiben.<\/p>\n<p>Ob nun in dem ZEIT-Dossier oder in anderen Berichten, stets wird die erw\u00e4hnte \u201eSubkultur\u201c als Wurzel, wenn schon nicht allen, so doch vielen \u00dcbels identifiziert. Dabei wird dann \u00fcbersehen, dass es sich um einen \u201esekund\u00e4ren Anpassungsmechanismus\u201c handelt, wie die Professoren Feest und Bung (AK-Strafvollzugsgesetz, 6.A., \u00a7 3 Rz.16) schreiben, der in einer totalen Institution wie dem Gef\u00e4ngnis die Funktion hat, den sch\u00e4dlichen Folgen der Institutionalisierung entgegenzuwirken.<br \/>\nUnd ferner, dass die dann unter den Gefangenen ausge\u00fcbte Gewalt \u201einstitutionelle Ursachen\u201c haben kann und Teil einer Selbstbehauptungsstrategie darstellt.<\/p>\n<p>Eine solche (selbstkritische) Sicht der Dinge ist freilich kaum von Vollzugspraktikern zu erwarten; erst recht nicht, wenn eine bayerische Justizministerin Merk (die ZEIT, a.a.O., S.14) mit den Worten zitiert wird: \u201eDas System Strafvollzug funktioniert\u201c. Das Gef\u00e4ngnis, so Merk weiter, mache H\u00e4ftlinge zu brauchbareren Menschen. \u201eEs w\u00e4re traurig, wenn ich daran nicht glauben w\u00fcrde \u2013 und unsere praktischen Erfahrungen geben mir recht\u201c, lobpreist Merk sich und den bayerischen Vollzug.<\/p>\n<p>Nach der Verhaftung und auch noch w\u00e4hrend des Strafprozesses interessiert sich die \u00d6ffentlichkeit (auch) f\u00fcr die \u201eT\u00e4terInnen\u201c; aber sobald sie in die Strafanstalt eingeliefert sind, erlischt jegliches Interesse. Dabei w\u00fcrde dann Aufmerksamkeit besonders Not tun, denn Gewalt braucht den Schutz des geschlossenen Raums, des Verschweigens und des Wegschauens. Aber dort, wo hingesehen, auf Menschen geachtet wird, selbst wenn diese zuvor Verachtenswertes getan haben m\u00f6gen, geht Gewalt zur\u00fcck.<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<\/em><br \/>\n<em> c\/o JVA \u2013 Z. 3113<\/em><br \/>\n<em> Sch\u00f6nbornstr. 32<\/em><br \/>\n<em> D-76646 Bruchsal<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\" target=\"blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn von Gef\u00e4ngnissen die Rede ist, schwingt meist eine von Gewalt gepr\u00e4gte Empfindung mit. 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