{"id":7615,"date":"2012-09-03T06:40:36","date_gmt":"2012-09-03T05:40:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=7615"},"modified":"2014-12-26T18:57:39","modified_gmt":"2014-12-26T17:57:39","slug":"marco-camenisch-zum-tod-von-samuel-im-knast-regensdorf-august-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/marco-camenisch-zum-tod-von-samuel-im-knast-regensdorf-august-2012","title":{"rendered":"Marco Camenisch: Zum Tod von Samuel im Knast Regensdorf, August 2012"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/vogel-\u00fcber-der-knastmauer.jpg\" rel=\"lightbox[7615]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-7651\" title=\"Vogel \u00fcber der Knastmauer - Freiheit\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/vogel-\u00fcber-der-knastmauer-250x131.jpg\" alt=\"Vogel \u00fcber der Knastmauer - Freiheit\" width=\"200\" height=\"105\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/vogel-\u00fcber-der-knastmauer-250x131.jpg 250w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/vogel-\u00fcber-der-knastmauer.jpg 476w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Zum Tod von Samuel Luis Nicola, 31 Jahre<\/strong><\/p>\n<p><span class=\"dropcap\">D<\/span>ie Nachricht ging allgemeiner in der 9h-Pause um. Luis, besser als &#8220;El Faraon&#8221; bekannt, ist tot. Zuerst Unglauben, dann auch Wut, und gro\u00dfe, denn sofort ist allen klar, dass Luis nicht &#8220;gestorben ist&#8221; sondern man hat ihn sterben lassen!<\/p>\n<p>Seit einer Woche beklagte er sich \u00fcber Bauchschmerzen aber wie immer wurde er beim Arztbesuch mit der \u00fcblichen S\u00fcffisanz abgefertigit. Seit einigen Tagen ass er nicht mehr, und sagte er k\u00f6nne auch nichts mehr trinken. Dann wurde ihm am 9. August schlecht, und zwar so stark, dass er von einem anderen Gefangenen bis zum Arztdienst begleitet werden musste. Und wiederum begn\u00fcgte sich der Arzt damit ihm ein Medi zu verabreichen und ihn auf die Zelle zu schicken. Dass es ihm schlecht ging war klar, man sah es ihm klar und deutlich an. Donnerstagnacht geht es ihm wieder schlecht, seine Zellennachbarn h\u00f6ren ihn um Hilfe rufen und h\u00f6ren ihn sagen, er sei am Sterben. Sp\u00e4ter ruft er von seiner Zelle aus den Nachtw\u00e4rter um Hilfe. Die Antwort: er m\u00fcsse den n\u00e4chsten Morgen abwarten. Am n\u00e4chsten Morgen finden sie ihn tot in seiner Zelle.<br \/>\nEl Faraon war fit, rauchte nicht, nahm keine Drogen und a\u00df auch kein Fleisch. Seit einer Woche beklagte er sich \u00fcber Bauchschmerzen. Er war ein fr\u00f6hlicher Junge, schagfertig und hatte immer ein L\u00e4cheln bereit. Seit 2010 war er in Regensdorf eingesperrt, wo donnerstags seine Strafe von seinen Kerkermeistern in eine Todesstrafe umgewandelt wurde.<\/p>\n<p>Am Tag danach benahmen sich die Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter, als sei nichts geschehen, und leider war seitens verschiedener Gefangenen dieselbe Reaktion festzustellen. Die Direktion liess in den Abteilen eine Todesanzeige aufh\u00e4ngen, wo sie mit dem heuchlerischen Bedauern auch gleich ank\u00fcndigt, es werde eine Autopsie und eine Ermittlung der Staatsanwaltschaft zur Feststellung der Todesursache geben, was eigentlich schon zum Voraus der Versuch hei\u00dft, die Todesursachen Luis selbst anzulasten. Aber hier ist klar, wieso Luis gestorben ist: ihm wurde die Hilfe verweigert, man liess ihn sterben. Auf dieser Seite der Mauern ist man nicht so naiv um nicht zu wissen, dass auch im Falle von Ermittlungen die Institutionen sich gef\u00e4lligst gegenseitig beistehen werden.<\/p>\n<p>Unter Gefangenen, vor allem jenen, die Luis n\u00e4her standen aber nicht nur, wurde \u00fcber den Vorfall diskutiert und dar\u00fcber wie man darauf antworten soll. Dass das, was El Faraon geschehen ist kein Unfall ist, sondern eine Situation, in der man sich jederzeit selbst befinden k\u00f6nnte, ist allen bewusst. Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass derartiges geschieht. Was drinnen am st\u00e4rksten zutage getreten ist, ist der Wille, dass dieser Vorfall nach aussen dringt, damit er Folgen habe und nicht, wie in allen anderen von den Gef\u00e4ngnisw\u00e4rtern gef\u00e4llten Todesurteilen, es schon wieder als Schicksal durchgeht, im Stil \u201edumm gelaufen\u201c. Deswegen bitten wir um Verbreitung dieser Nachricht und Aufmerksamkeit dar\u00fcber, dass dieser Tod nicht einmal wieder vertuscht und vergessen wird, jenem Vergessen \u00fcberlassen wird, das der Gef\u00e4nisinstitution eigen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Regensdorf, 10.8.12<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Niederschrift Aushang Todesmitteilung der Direktion (Gott sei ihrer Seele gn\u00e4dig) in den Abteilen der STA (Strafanstalt) P\u00f6schwies, von Marco Camenisch, Abk. Und datenschutzrechtliche K\u00fcrzel vom Niederschreibenden:<\/strong><\/p>\n<p>\u201eBodypacker*\u201c = die Waren in ihren K\u00f6rper packen, oral\/Magen, vaginal oder anal<br \/>\n\u201eZelle f\u00fcr * in der Arrestabteilung\u201c = Ausschisszelle, wo dem \u201eKlienten\u201c ein Abf\u00fchrmittel verpasst werden kann und wo er im Falle der Verweigerung jedenfalls so lange verbleibt, bis alles vorg\u00e4ngig Eingenommene ausgeschissen wird. Wie mir von einschl\u00e4gig erfahrenen Gefangenen beschrieben wurde, muss jeder Stuhlgang vorg\u00e4ngig angemeldet werden und dnan in einem eigens daf\u00fcr beschaffenen Beh\u00e4lter und flankiert von zwei \u201eBetreuern\u201c stattfinden. Es ist mir nicht bekannt, welche\/s Abf\u00fchrmittel mit welcher Gef\u00e4hrlichkeit und ob\/wann unter \u00e4rztlicher Aufsicht, vor allem im Zusammenhang mit eventuellen harten Drogen (Kokain, Heroin, Anabolika), Verpackungsmaterialien oder Allergien, zum Einsatz gelangen, eben sowenig sind mir zur Zeit weitere Details ausser den unten und in der Presse erschienen bekannt. Gem\u00e4ss Tagi war die Urinprobe auf Koks positiv, aber der Tod soll, im Gegensatz zur Info im Aushang (wahrscheinlich die richtige), am Morgen vor der Essensabgabe stattgefunden haben.<\/p>\n<p>Strafanstalt P\u00f6schwies<br \/>\nDirektion<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Hinschied von XY<br \/>\ngeb. *.* 1973<\/strong><\/p>\n<p>Gesch\u00e4tzte Insassen,<br \/>\nWir haben die traurige Pflicht, Ihnen mitteilen zu m\u00fcssen, dass Herr XY gestern Nachmittag in der Zelle f\u00fcr mutmassliche Bodypacker der Arrestabteilung verstorben ist. Herr X war im Erweiterungsbau, Haus B untergebracht. Seine Strafe w\u00e4re am 18.7.2007 abgelaufen.<\/p>\n<p>Herr X wurde am 11.7.2007 nach versp\u00e4teter Urlaubsr\u00fcckkehr wegen Verdacht auf Drogenschmuggel in die besagte Zelle der Arrestabteilung verbracht. Dort wurde er gestern um 16.50 Uhr bei der Essensabgabe tot aufgefunden.<\/p>\n<p>Wie bei einm Todesfall in der STA \u00fcblich wurden umgehend die Kapo, die Staatsanwaltschaft und der zust\u00e4ndige Amtsarzt herbeigerufen. Gem\u00e4ss Amtsarzt ist Herr X vermutlichum ca. 15.20 Uhr gestorben. Zwecks Ermittlung der Todesursachen hat der untersuchende Stawa routinem\u00e4ssig eine Obduktion angeordnet.<\/p>\n<p>Wir bedauern seinen Tod und sprechen den Angeh\u00f6rigen des Verstorbenenunser tief empfundenes Beileid aus.<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcberzeugt, dass Gott seiner Seele gn\u00e4dig ist.<\/p>\n<p>Ulrich Graf, Direktor<\/p>\n<hr \/>\n<p>Mache weiter darauf aufmerksam, dass ich aus meiner Lagerhaft in der P\u00f6schwies wiederholt von \u00e4hnlich gelagerten F\u00e4llen berichtet und die lebensgef\u00e4hrliche Praxis des betreffenden Arztdienstes und der Lagerhaltung allgemein auch ziemlich eingehend geschildert habe. Weiter stelle ich fest, dass abgesehen von Details \u00e4hnliche Missst\u00e4nde systematisch in allen Lagern anzutreffen sind, die ich in der Schweiz durchlaufen habe.<br \/>\nBetreffend P\u00f6schwies verweise ich auf die Gefangenenpetition 2004 oder 2005 und meine in diesem Zusammenhang geschilderten Todesf\u00e4lle, Vorf\u00e4lle und Schilderungen des \u201eGesundheitswesens\u201c. Dazu noch \u00fcber den hier k\u00fcrzlich stattgefundenen Selbstmord eines 31j\u00e4hrigen zu einer kurzen Strafe verurteilten tunesischen Asylbewerbers: Die Nachricht kam im nationalen\/lokalen Teletext und der Haussender Lenzburg M1 berichtete kurz dar\u00fcber und f\u00fcgte an es wurde keine Suizidgefahr festgestellt und es sei vor sechs Jahren zum letzten Selbstmord gekommen. Tatsache ist: der Gefangene wurde Abends um 20h+ am zweiten Tag nach seiner Anlieferung bei der \u201eLebendkontrolle\u201c am Fenstergitter und Fernsehkabel erh\u00e4ngt aufgefunden. Schon am selben Tag seiner Ankunft fiel er durch lautstarkes Protestieren gegen\u00fcber W\u00e4rtern auf und drohte explizit und f\u00fcr uns vom Arbeitsraum Korberei sicht- und h\u00f6rbar sich vom zweiten Stock des Fl\u00fcgels 5, wo auch ich im untersten Stock in einer Zelle und ebenfalls im zweiten Stock zur Arbeit gefangen gehalten werden, nach unten zu st\u00fcrzen. Auch am Tag danach und Abend vor dem Suizid kam es wiederholt zu lautem Protestieren. Desweiteren kursierten danach Ger\u00fcchte, dieser habe schon vorher in anderem\/n Lager Suizidversuche unternommen.<\/p>\n<p><em>Marco Camenisch<br \/>\nJustizvollzugsanstalt Lenzburg<br \/>\nZiegeleiweg 13<br \/>\n5600 Lenzburg District<br \/>\nSchweiz <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nachricht ging allgemeiner in der 9h-Pause um. 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