{"id":7645,"date":"2012-09-05T09:43:10","date_gmt":"2012-09-05T08:43:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=7645"},"modified":"2015-01-31T16:11:25","modified_gmt":"2015-01-31T15:11:25","slug":"stein-fuer-stein-kaempfen-gegen-das-gefaengnis-und-seine-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/stein-fuer-stein-kaempfen-gegen-das-gefaengnis-und-seine-welt","title":{"rendered":"Stein f\u00fcr Stein. K\u00e4mpfen gegen das Gef\u00e4ngnis und seine Welt"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Stein-f\u00fcr-Stein.-K\u00e4mpfen-gegen-das-Gef\u00e4ngnis-und-seine-Welt_brosch\u00fcre-cover.jpg\" rel=\"lightbox[7645]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright size-medium wp-image-7646\" title=\"Stein f\u00fcr Stein. K\u00e4mpfen gegen das Gef\u00e4ngnis und seine Welt - Brosch\u00fcre - cover\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Stein-f\u00fcr-Stein.-K\u00e4mpfen-gegen-das-Gef\u00e4ngnis-und-seine-Welt_brosch\u00fcre-cover-176x250.jpg\" alt=\"Stein f\u00fcr Stein. 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Sie kann <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/Stein-f\u00fcr-Stein.-K\u00e4mpfen-gegen-das-Gef\u00e4ngnis-und-seine-Welt-brosch\u00fcre.pdf\">hier<\/a> heruntergeladen werden.<\/em><\/p>\n<h5 style=\"text-align: center;\">Text der R\u00fcckseite:<\/h5>\n<p>&#8220;F\u00fcnf Jahre Unruhen in den belgischen Gef\u00e4ngnissen. F\u00fcnf Jahre Revolten, Meutereien und Ausbr\u00fcche. F\u00fcnf Jahre Agitation, Aktionen und Angriffe gegen das Gef\u00e4ngnis und seine Welt. F\u00fcnf Jahre Schmerzen, Isolierung, Strafen, Pr\u00fcgel und auch Tote. F\u00fcnf Jahre Worte, die auf die Freiheit hindeuten und die notwendige Zerst\u00f6rung von allem, was ihr im Weg steht, als Konsequenz aufstellen. F\u00fcnf Jahre ohne geradlinige Flugbahn, ohne andere Logik, ohne anderen Rhythmus als die Pulsierungen des Lebens selbst und des Kampfes f\u00fcr die Freiheit, zu dem es anregt. Dies wird also zwangsl\u00e4ufig nur ein Versuch sein, die lebendige Kraft zu teilen, diese aus Fleisch und Knochen gebildete Kraft. Sie, die so viele Gefangene von drinnen wie drau\u00dfen, so viele Gef\u00e4hrten, so viele Unbekannte und Anonyme ermutigt hat, gegen die Gef\u00e4ngnisbestie anzuk\u00e4mpfen.&#8221;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Das Buch \u201e<em>Brique par Brique, se battre contre la prison et son monde [Belgique 2006-2011]<\/em>\u201c, das im Jahr 2012 bei \u201eTumult Editions\u201c erschien, und dem die hier \u00fcbersetzten Texte entnommen wurden, fasst auf mehr als 300 Seiten Flugbl\u00e4tter, Plakattexte, Briefe von Gefangenen, Berichte \u00fcber Revolten und Ereignischronologien zusammen. Die verschiedenen Jahre, in die das Buch unterteilt ist, werden jeweils von einer Einleitung begleitet, w\u00e4hrend sich im Anhang noch einige allgemeinere Texte rund um die Fragestellung des Gef\u00e4ngnisses befinden.<\/p>\n<p>Die vorliegende \u201eprovisorische Brosch\u00fcre\u201c enth\u00e4lt die Einleitungen zum Buch und zu den jeweiligen Jahren, sowie ein Text mit allgemeineren Reflexionen. Diese \u201eEinleitungen\u201c sind im urspr\u00fcnglichen Buch in die oben genannte Sammlung von Dokumenten eingebettet, was sie hiermit etwas aus Zusammenhang rei\u00dft. Dennoch hielten wir es f\u00fcr sinnvoll, sie vorerst alleinstehend in dieser \u201eprovisorischen Brosch\u00fcre\u201c zu ver\u00f6ffentlichen, um die Zeit bis zum geplanten Druck einer umfassenderen \u00dcbersetzung dieses Buches zu \u00fcberbr\u00fccken. Schlie\u00dflich denken wir, dass die Entwicklungen und Reflexionen, welche diese Jahre des Kampfes begleiten, in diesen Einleitungen durchaus gut genug zusammengefasst und wiedergegeben werden, um auch ohne die \u201eDokumente\u201c, die ihren Einfluss und ihren praktischen Niederschlag besser veranschaulichen, ihre Wirkung zu tun.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Diese \u201eprovisorische Brosch\u00fcre\u201c erschien im September 2012 in Z\u00fcrich.<br \/>\nDer Druck einer umfassenderen \u00dcbersetzung des Buches ist geplant.<\/p>\n<p>F\u00fcr Vorbestellungen des Buches:<br \/>\nkonterband-editionen@riseup.net<\/p>\n<p>Originaltitel des Buches:<br \/>\nBrique par brique, se battre contre la prison et son monde [Belgique 2006-2011]<\/p>\n<p>Erschienen bei:<br \/>\nTumult Editions<br \/>\nBo\u00eete Postale 187<br \/>\n80, Rue du progr\u00e8s<br \/>\n1210 Bruxelles<\/p>\n<p>tumult.uitgaves@gmail.com<\/p>\n<hr \/>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Stein f\u00fcr Stein<\/h3>\n<p>Diese paar Worte zur Einleitung haben keinen anderen Zweck, als die Intentionen dieses Buches offen darzulegen. Dies ist nicht die Arbeit irgendeines Universit\u00e4ren auf der Suche nach Zahlen und Statistiken, und auch nicht der Blick irgendeines Aasgeiers von Journalisten im Dienste der Macht. Dieses Buch entstand schlicht und einfach aus den lebendigen Parcours von Individuen, die gegen das Gef\u00e4ngnis und seine Welt revoltieren, von Individuen, die sich innerhalb der Kn\u00e4ste befanden oder sich noch immer dort befinden, und von Individuen, die sich auf der anderen Seite der Mauer befinden, in dem Gef\u00e4ngnis unter offenem Himmel, das die heutige Gesellschaft ist. Es bietet also nur die Spuren, welche diese Individuen hinterlassen haben, Spuren, die zusammen ein wahres Kaleidoskop der Revolte ergeben, das in seiner Gesamtheit unm\u00f6glich in den Seiten eines Buches erfasst werden kann. Diese Spuren sind es, die den roten Faden dieses Buches bilden. Jenen gleichen Faden, der im Laufe der Jahre f\u00e4hig war, Solidarit\u00e4ten und Komplizenschaften unter den revoltierenden Individuen zu kn\u00fcpfen; der die Ablehnung dieser Gef\u00e4ngnis-Welt und das Verlangen nach Freiheit in eine attraktive und explosive Mischung verwandelt hat.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre Unruhen in den belgischen Gef\u00e4ngnissen. F\u00fcnf Jahre Revolten, Meutereien und Ausbr\u00fcche. F\u00fcnf Jahre Agitation, Aktionen und Angriffe gegen das Gef\u00e4ngnis und seine Welt. F\u00fcnf Jahre Schmerzen, Isolierung, Strafen, Pr\u00fcgel und auch Tote. F\u00fcnf Jahre Worte, die auf die Freiheit hindeuten und die notwendige Zerst\u00f6rung von allem, was ihr im Weg steht, als Konsequenz aufstellen. F\u00fcnf Jahre ohne geradlinige Flugbahn, ohne andere Logik, ohne anderen Rhythmus als die Pulsierungen des Lebens selbst und des Kampfes f\u00fcr die Freiheit, zu dem es anregt. Dieses Buch wird also zwangsl\u00e4ufig nur ein Versuch sein, die lebendige Kraft zu teilen, diese aus Fleisch und Knochen gebildete Kraft. Sie, die so viele Gefangene von drinnen wie draussen, so viele Gef\u00e4hrten, so viele Unbekannte und Anonyme ermutigt hat, gegen die Gef\u00e4ngnisbestie anzuk\u00e4mpfen. W\u00e4hrend wir diese Linien niederschreiben, fliegen unsere Gedanken bereits woanders hin, entfliehen diesen Seiten, zu jenen, mit denen wir den Kampf geteilt haben, zu jenen, die noch immer drinnen sind, zu anderen Projekten des Angriffs und des Kampfes. Dem Himmel entgegen fliegend, dem Horizont der Freiheit entgegen.<\/p>\n<p>Dies einmal gesagt, Akademiker, Journalisten und Politiker, legt dieses Buch beiseite. Letztere werden darin so oder so nicht ein einziges Wort finden, das ihnen gefallen k\u00f6nnte, und das ist gewollt. Sie, die stets zu Diensten der Macht stehen (der heutigen oder der morgigen). Sie, die schon immer auf die Rebellen und Revoltierenden gespuckt haben, ob sie nun in den Kn\u00e4sten verbannt sind oder sich eingesperrt im sozialen Gef\u00e4ngnis befinden. Sie, die vielleicht die brutalen Aspekte des Gef\u00e4ngnisses denunziert haben, um sich anschliessend um den Tisch zu setzen, um die Knastbestie zu perfektionieren. Nein, dieses Buch geh\u00f6rt auf ewig jenen, die gegen das k\u00e4mpfen, was aus dieser Welt ein grosses Gef\u00e4ngnis unter offenem Himmel macht. Sie sind im \u00dcbrigen seine Autoren.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis kann die Verteidiger des Gef\u00e4ngnisses gewiss nicht verschonen, ebenso wie er nicht mit seinen falschen Kritiker haushalten kann, die nur einige Aspekte von ihm kritisieren. Wenn wir von den Verw\u00fcstungen angewidert sind, die das Gef\u00e4ngnis bei den Menschen verursacht, dann weil wir \u00fcberzeugt sind, dass jede Form von Einschliessung mit dem Ziel konzipiert wurde, die Pers\u00f6nlichkeit der Individuen zu brechen, sie in gehorsame und f\u00fcgsame Wesen zu verwandeln. Wenn wir mit den Aufruhren und Meutereien in den Gef\u00e4ngnissen solidarisch sind, dann weil wir f\u00fcr die Zerst\u00f6rung von jeglicher Autorit\u00e4t sind. Wenn wir das Verbrechen gegen das Eigentum verteidigen, dann weil wir f\u00fcr die allgemeine Enteignung sind, f\u00fcr eine Welt ohne Geld, ohne Sklaven und ohne Bosse. Wenn wir schliesslich gegen die Richter, die Polizei und die Gerichte k\u00e4mpfen, dann nicht weil wir sie f\u00fcr ungerecht halten, sondern weil wir sie ohne Ausnahme als die Verteidiger der etablierten Ordnung betrachten, mit der wir reinen Tisch machen wollen. Was wir wollen, ist die Freiheit, und daf\u00fcr ist die Zerst\u00f6rung der Gef\u00e4ngnisse, der Justiz und des Staates notwendig. Wir glauben nicht, dass mit dem Verschwinden der Herrschaft auch die Konflikte unter den Menschen verschwinden werden, wir denken bloss, dass diesen Konflikten unter den betroffenen Individuen entgegengetreten werden muss. So haben wir, um gegen das Gef\u00e4ngnis zu k\u00e4mpfen, nie das Bed\u00fcrfnis versp\u00fcrt, glauben zu machen, dass die Gefangenen Engel seien, und auch nicht, dass jene draussen besser oder schlechter seien; denn darum geht es nicht. Die Frage des Gef\u00e4ngnisses ist die Frage nach dem Leben, das wir wollen. Wollen wir in einer Welt leben, in der das Geld und die Autorit\u00e4t regieren. Eine Welt von Sklaven und Meistern. Eine Welt unterteilt in Arme und Reiche. Eine Welt, die f\u00fcr ihre eigene Aufrechterhaltung mittels Kriegen, Repression, Massakern und Einsperrung einen erbarmungslosen Kampf gegen alles f\u00fchrt, was sich nicht in ihre Ordnung einf\u00fcgt. Oder wollen wir im Gegenteil lieber in einer Welt von freien Individuen leben.<\/p>\n<p>Ausgehend davon ist es unm\u00f6glich, das Gef\u00e4ngnis zu verbessern. Ein vergoldeter K\u00e4fig wird immer ein K\u00e4fig bleiben, ein nachsichtiges Gesetz wird immer ein Gesetz sein. Sicherlich, der Kampf im Alltag, drinnen wie draussen, kann uns in Richtung Freiheit voranbringen, und tats\u00e4chlich ist er eine Lebensnotwendigkeit. Aber wir betonen stets vielmehr die Tatsache, dass jede befreiende Idee, die im Herzen und im Kopf eines Individuums entsteht, jede individuelle oder kollektive Geste der Revolte, jeder Versuch, das Band abzureissen, das uns die Autorit\u00e4t um den Hals gelegt hat, uns ver\u00e4ndert, uns einen Vorgeschmack von Freiheit gibt, uns auf den aufregenden Weg der Eroberung des Lebens, unseres Lebens stellt. Uns auf Messers Schneide stellt, in diesem offenen Kampf gegen diese Welt. Somit ist die Revolte nicht etwas \u201estrategisches\u201c oder \u201efunktionales\u201c, um dieses oder jenes von Seiten der Herrschaft zu erlangen, um einige zus\u00e4tzliche Kr\u00fcmel zu erhalten. Vielmehr ist sie ein Lebensschrei, eine Pulsierung, die ebenso notwendig ist, wie zu atmen. Was die Revolten in den belgischen Gef\u00e4ngnissen dieser letzten Jahre \u201egegeben\u201c haben, kann nicht auf die Berechnung der gewonnenen Meter oder Zentimeter reduziert werden, und auch nicht auf eine kalte Bilanz von \u201eSiegen\u201c und \u201eNiederlagen\u201c. Sie haben vor allem das gegeben, was jeder Z\u00e4hlbarkeit, jedem Quantifizierungsversuch entgeht: Das Verlangen, zu leben, den Enthusiasmus, den Mut, die Entschlossenheit, die Wechselbeziehung unter revoltierenden Individuen, den Traum einer freien Welt, die greifbare M\u00f6glichkeit, ohne Burgfrieden und ohne Kompromisse zu k\u00e4mpfen und anzugreifen. Kurzum, sie haben das gegeben, wovor sich alle Autorit\u00e4ten f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nur hoffen, dass die Seiten dieses Buches diesen Elan der Revolte und der Freiheit durchblicken lassen, w\u00e4hrend wir im Hinterkopf behalten, dass keine der Schriften oder Gesten, die hier reproduziert werden, geschrieben oder getan wurden, um sich eines Tages in einem Buch wiederzufinden. Daraus folgt logischerweise, dass dieses Buch nicht danach strebt, vollst\u00e4ndig zu sein, weder bez\u00fcglich der Texte, Briefe, Flugbl\u00e4tter und Plakate dieser letzten f\u00fcnf Jahre, noch bez\u00fcglich der Aktionen, Angriffe, Revolten oder Meutereien. Gewisse Dinge werden zwangsl\u00e4ufig im Schatten bleiben, aber es ist der ewige Schatten der Individuen, die in Richtung Freiheit streben, dieser Schatten, der die etablierte Ordnung und die Autorit\u00e4t auf ewig weiter bedrohen wird.<\/p>\n<p>Ein Gefecht mag manchmal hoffnungslos, der Kampf zu hart und die Freiheit zu fern scheinen. Niemand wird uns jemals irgendeine Garantie, irgendeine Sicherheit geben k\u00f6nnen, dass alles zum Besten enden wird. Sich dessen Bewusst zu werden, mag uns gewiss traurig machen, es enth\u00fcllt aber gleichzeitig die Waffe, die nie blockiert ist. Kein Wort k\u00f6nnte diese Waffe umfassen, kein Buch k\u00f6nnte mehr als eine schwache Suggestion von ihr enth\u00fcllen, keine Tat k\u00f6nnte etwas anderes als einen leichten Duft von ihr verbreiten. Nur diejenigen, die nach der Freiheit verlangen und voller Hingabe [frz.: \u00e0 corps perdu] k\u00e4mpfen, k\u00f6nnen sie kennen und in ihre Haut eingravieren.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>2006<\/em><\/strong><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Die Revolte bahnt sich einen Weg<\/h3>\n<p>Es ist gewiss keine einfache Aufgabe, auf die Keime einer Geschichte, auf ihren Ursprung zur\u00fcckzukommen, um ihre Wurzeln auszugraben und freizulegen. Keine Entwicklung kann auf ein banales Ursache-Wirkung-Verh\u00e4ltnis hinunter gebrochen werden. Das unerwartete Zusammenlaufen von Umst\u00e4nden und anwesenden Verlangen kann auf neue Pfade f\u00fchren, die in der Summe der Umst\u00e4nde noch nicht \u2013 und sei es auch nur heimlich \u2013 enthalten waren. Die Lupe, mit der man gewisse Dinge im Detail untersucht, bedingt zwangsl\u00e4ufig auch die Schlussfolgerungen und verkleinert im Allgemeinen die Wichtigkeit der individuellen Entscheidungen, der Begegnung zwischen verschiedenen Triebkr\u00e4ften und des Willens der Akteure der Geschichte.<\/p>\n<p>Es ist hier gewiss nicht unser Ziel, einen soziologischen Blick auf die Unruhen und Revolten zu richten, die seit Jahren in den belgischen Gef\u00e4ngnissen w\u00fcten. Ein solches Vorhaben, die Aktivit\u00e4t par excellence der Akademiker und Journalisten, w\u00fcrde unvermeidlich den Ort tr\u00fcben, an dem f\u00fcr viele Leute alles begann: sich in einer unhaltbaren und unertr\u00e4glichen Umgebung dennoch f\u00fcr das Unwahrscheinliche, das Unfassbare und das Unm\u00f6gliche entscheiden. Die Verweigerung einer journalistischen Herangehensweise befreit uns dennoch nicht von der Verpflichtung, zu versuchen, den komplexen und vielf\u00e4ltigen Kontext aufzuzeichnen, in dem sich der Kampf entwickelte. Und sei es nur, um die Vernunft zufriedenzustellen, die in unserem Innersten danach schreit, die Gr\u00fcnde und Umst\u00e4nde zu kennen.<\/p>\n<p>Wie das soziale Panorama in den belgischen Gef\u00e4ngnissen von 2006 beschreiben? Man k\u00f6nnte zun\u00e4chst auf den v\u00f6lligen Verfallszustand der ganzen Einsperrungsmaschinerie verweisen. Viele Gef\u00e4ngnisse, die in den 70er Jahren gebaut wurden, sind nie renoviert worden. Einige Gef\u00e4ngnisse standen wortw\u00f6rtlich kurz vor dem Zusammensturz. W\u00e4hrend in anderen die Bedingungen kaum dem Bild entsprachen, das die Demokratie gerne von sich selber gibt. Die belgischen Gef\u00e4ngnisse schienen vielmehr die Funktion von Kloaken zu haben, in denen man die Abf\u00e4lle stapelt, um den Verwesungsprozess zu beschleunigen, als jene, die der \u201emodernen\u201c Konzeption der Einschliessung entspricht, das heisst, der zeitweiligen Isolierung der Individuen, ihrer Dressierung und ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Diese faktische Situation, kombiniert mit einem exponentiellen Wachstum der H\u00e4ftlingszahl, hat zu \u00fcberbelegten, schlecht unterhaltenen und nicht-funktionierenden Gef\u00e4ngnissen gef\u00fchrt. Die kleine Anzahl neuer Gef\u00e4ngnisse, die in den 90er Jahren gebaut wurden, schaffte es kaum, dem abzuhelfen. Die Problematik der \u201e\u00dcberbelegung\u201c ist in diesen letzten Jahren unabl\u00e4ssig immer dringender geworden. In den meisten Gef\u00e4ngnissen liegt die Zahl der H\u00e4ftlinge leicht 30 Prozent \u00fcber der \u201ewirklichen Kapazit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p>Aber es w\u00fcrde von wenig Intelligenz zeugen, es hierbei zu belassen. Denn die \u00dcberbelegung, die geringe Hoffnung, eine bedingte Freilassung zu erreichen und die skandal\u00f6sen Bedingungen der Einschliessung k\u00f6nnen nicht als \u201eGr\u00fcnde\u201c betrachtet werden, sondern bloss als Umst\u00e4nde, welche die Unruhen beg\u00fcnstigen werden. In vielen L\u00e4ndern ist die Situation in jeglicher Hinsicht \u00e4hnlich, man sieht dort aber nicht, dass st\u00e4ndig Revolten ausbrechen. Zun\u00e4chst m\u00fcsste die Verbindung zwischen den Umst\u00e4nden in den Gef\u00e4ngnissen und gewissen Umst\u00e4nden draussen gemacht werden. Denken wir beispielsweise an die wachsenden Spannungen in gewissen Quartieren der grossen St\u00e4dte, wo die Illusion einer m\u00f6glichen \u201eIntegration in den Sozialstaat\u201c zusehends an Boden verliert; wo der Traum einer \u201efixen Arbeit\u201c nicht mehr mit derselben Gier ersehnt wird. F\u00fcgen wir dem noch die grosse soziale Explosion vom November 2005 an, die zuerst die Banlieues entflammte, um sich dann \u00fcber ganz Frankreich auszubreiten&#8230; Es gewitterte bei den Nachbarn, und einige Schauer haben auch Belgien erreicht. Man darf die Inspiration und den Mut, welche die Explosion vom November 2005 verleihen konnte, nicht a posteriori untersch\u00e4tzen. In jenem selben Novembermonat waren in mehreren belgischen Gef\u00e4ngnissen bereits Revolten ausgebrochen. Und einige Monate sp\u00e4ter, im Februar-M\u00e4rz 2006, werden die Unruhen im Gef\u00e4ngnis von Ittre den Ton dessen angeben, was f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre zu erwarten war.<\/p>\n<p>Diese Referenz auf die Unruhen, die in Ittre unerwartet ausbrachen, l\u00e4sst das schwierige Vorhaben dieser Aufzeichnung der Revolten in den belgischen Gef\u00e4ngnissen teilweise erkennen. Wir brauchen nicht um den heissen Brei zu reden: die ganze Geschichte von Meutereien und Revolten, die in diesem Buch erfasst werden, wird stets von der bescheidenen, aber konstanten und aktiven Pr\u00e4senz von Anarchisten und Antiautorit\u00e4ren durchdrungen sein. Die ganze Erz\u00e4hlung wird, wie es gerade kommt, zwischen den sozialen Umst\u00e4nden, den Revolten innerhalb der Mauern und der Entwicklung dieser subversiven Pr\u00e4senz draussen hin und her springen. Im \u00dcbrigen sei betont, dass diese Spannungen innerhalb der Mauern schon vor dem Auftauchen dieser Pr\u00e4senz existierten. Bereits im Verlaufe der vergangenen Jahre, ja sogar Jahrzehnte, gab es Meutereien und auch Wellen von Meutereien. Denken wir beispielsweise an die zerst\u00f6rerische Meuterei von 2003 im Br\u00fcsseler Gef\u00e4ngnis von Saint-Gilles. Das einzige, was wir hier tun k\u00f6nnen, besteht im Grunde darin, dem Leser m\u00f6glichst viele Werkzeuge, Analysen und einige Entw\u00fcrfe anzubieten, damit er oder sie eigene Schlussfolgerungen ziehen kann. Dieses Buch wird also eine gegenseitige Anstrengung erfordern.<\/p>\n<p>Wie bereits gesagt wurde, w\u00e4re es eine Sisyphusarbeit, zu den \u201eUrspr\u00fcngen\u201c dieser anarchistischen Pr\u00e4senz hinab zu tauchen. Und sei es nur, weil sie zuallern\u00e4chst das Ergebnis von individuellen Entscheidungen und Kampfparcours ist. Dennoch w\u00fcrden wir nicht vergessen wollen, die Diskussionen unter Anarchisten zu erw\u00e4hnen, die infolge der Verhaftung von drei Gef\u00e4hrten in Aix-la-Chapelle stattfanden, nur einen Steinwurf von der belgischen Grenze entfernt. Im Juni 2004, nach einer Schiesserei mit der deutschen Polizei und einer langen Verfolgungsjagd, wurden diese drei Gef\u00e4hrten verhaftet und schliesslich f\u00fcr den Versuch, den Klauen der Justiz zu entfliehen, zu langen Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt. Ihre Verhaftungen, ihre Parcours und ihre k\u00e4mpferische Haltung haben Fragen auf den Tisch gebracht, die nicht nur zu einer st\u00e4rkeren Aufmerksamkeit gegen\u00fcber der Solidarit\u00e4t mit verhafteten Gef\u00e4hrten und gegen die Repression f\u00fchren werden, sondern vor allem gegen\u00fcber dem Kampf f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Gef\u00e4ngnisse.<\/p>\n<p>Innert einiger Monate (von M\u00e4rz bis Mai 2006) brechen in verschiedenen Gef\u00e4ngnissen Meutereien aus. In Nivelles geht ein ganzer Gef\u00e4ngnisfl\u00fcgel in Flammen auf. Der Aufbau von Verbindungen zwischen rebellischen Gefangenen und Gef\u00e4hrten draussen f\u00fchrt zu einer Vervielfachung der Initiativen: Flugbl\u00e4tterverteilungen vor den Toren der Gef\u00e4ngnisse, Plakate und Sprayereien in den Strassen der St\u00e4dte oder in den kleinen St\u00e4dtchen rund um die abgelegenen Gef\u00e4ngnisse. Diese Agitation greift haupts\u00e4chlich konkrete Missbr\u00e4uche innerhalb der Mauern an: die Anprangerung der Verpr\u00fcgelungen, der Misshandlungen, der Folter, etc. Auch wenn das Gef\u00e4ngnis in seiner Gesamtheit auf eine ziemlich rudiment\u00e4re Weise in Frage gestellt wird, scheint der Kampf, den die Gef\u00e4hrten draussen zu f\u00fchren versuchen, vor allem in Richtung eines solidarischen Verfolgens der Ereignisse drinnen zu gehen, mit der Durchbrechung der Stille als Hauptansetzpunkt. Es schien also nicht unlogisch \u2013 durch die zahlreichen enthusiastischen Kontaktaufnahmen und die guten Begegnungen vor den Toren der Gef\u00e4ngnisse ermutigt \u2013 zu einem Moment der Versammlung aufzurufen, zu einer nationalen Demonstration in Solidarit\u00e4t mit dem Kampf der Gefangenen. W\u00e4hrend Wochen wurden tausende Flugbl\u00e4tter vor den Gef\u00e4ngnissen verteilt, ausgehend von der Vorstellung, dass es zun\u00e4chst die Angeh\u00f6rigen und Freunde der Gefangenen sind, die sich an Protesten gegen das Gef\u00e4ngnis beteiligen k\u00f6nnten. Auch wenn die Zahl sicherlich nicht der beste Ratgeber ist, um gewisse Aktivit\u00e4ten einzusch\u00e4tzen, dr\u00e4ngte die sp\u00e4rliche Beteiligung an der Demonstration (abgesehen von den Anarchisten und Antiautorit\u00e4ren) eine kritische Kurs\u00e4nderung auf.<\/p>\n<p>Wie es ein R\u00fcckblick auf diese Periode darstellte:<\/p>\n<p>\u00abEs wurde notwendig, mit einigen Illusionen \u00fcber die Familien und Freunde von Gefangenen Schluss zu machen, um in der Entwicklung einer antiautorit\u00e4ren Perspektive gegen das Gef\u00e4ngnis weiterzukommen. Dass ein Gefangener revoltiert, bedeutet nicht zwingend, dass ihn seine Familie dabei unterst\u00fctzt, indem sie ebenfalls revoltiert. Und weil sich Menschen mit den d\u00fcsteren Seiten der Demokratie (mit ihren Kerkern) konfrontiert sehen, bedeutet das nicht zwangsl\u00e4ufig, dass sie diese in Frage stellen. In den Kontakten mit den Angeh\u00f6rigen der Gefangenen kommt man ausserdem oft ziemlich schnell zu Bruchpunkten. Zum Beispiel w\u00fcrden viele alles daf\u00fcr tun, ihre Geschichte einem beliebigen Schreiberling erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend wir die Journalisten lieber vor ihre Verantwortung als Lakaien der Herrschaft stellen. Und w\u00e4hrend die meisten Eltern st\u00e4ndig auf der Unschuld ihres Kindes beharren, um davon zu \u00fcberzeugen, dass es unsere Unterst\u00fctzung verdient, w\u00fcrden wir den Schwerpunkt lieber auf die der Delinquenz zugrunde liegenden sozialen Verh\u00e4ltnisse legen und w\u00fcrden wir den Aufbau von Verbindungen mit bestimmten Gefangenen sicherlich nicht auf der \u00ab Schuld \u00bb oder \u00ab Unschuld \u00bb begr\u00fcnden. Einen Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis zu f\u00fchren, indem man dem Schema von Familien und Angeh\u00f6rigen der Gefangenen folgt, hat sich von da an als Sackgasse herausgestellt, es sei denn, man hat, wie so viele klassische Abolitionisten, lediglich die Ambition, einer \u2018kritischen Stimme\u2019 \u00fcber die Missbr\u00e4uche in der Gef\u00e4ngnisinstitution Geh\u00f6r zu verschaffen.<br \/>\nZweitens wurde es notwendig, der immer w\u00e4hrenden Frage der Forderungen ein Ende zu setzen. Auf dem Plakat, das zur nationalen Demonstration aufrief, wurden einige Forderungspunkte wieder aufgegriffen, die von den Gefangenen vorangestellt wurden. Die damalige Argumentation war, dass diese Forderungen, durch ihren Inhalt, innerhalb der Mauern mehr Raum \u00f6ffnen k\u00f6nnten und einer Schw\u00e4chung dieser Institution entgegen gehen w\u00fcrden. Es versteht sich von selbst, dass die Abschaffung der Isolation zu fordern, dem, was wir anstreben, n\u00e4her steht, als einen Fernseher pro Zelle zu fordern. Doch selbst die wichtigsten Verbesserungen k\u00f6nnen, im Sinne von unmittelbaren Resultaten, nur durch eine Perfektionierung des Gef\u00e4ngnisses entrissen werden. So w\u00fcrde die Abschaffung der Isolation in Praxis zweifelsohne die Verwandlung des ganzen Gef\u00e4ngnisses in einen riesigen Isolationstrakt bedeuten. Aber es geht nicht so sehr darum, \u00fcber den Inhalt der Forderungen zu debattieren, die aus dem Gef\u00e4ngnis heraus vorangestellt werden. Die Diskussion sollte vor allem darum gehen, was wir mit diesen Forderungen und den Spannungen anfangen, die sie begleiten. Man k\u00f6nnte die Entscheidung treffen, sie trotz allem zu unterst\u00fctzen, w\u00e4hrend man die notwendigen Kommentare dazu abgibt, in der Hoffnung, einen Raum zu \u00f6ffnen, um eine allgemeinere Perspektive voranzutragen, oder aber, wie dies in Belgien infolge der Reflexionen nach der Demonstration geschah, f\u00fcr nichts geringeres als die Zerst\u00f6rung der Gef\u00e4ngnisse zu k\u00e4mpfen und den Kampf nicht zu einer Unterst\u00fctzung von etwaigen Forderungen zu machen. Konkret wird dies zweifellos die eventuellen Kontakte mit Gefangenen erschweren, denn die Grundlage f\u00fcr eine gegenseitige Verbindung ist folglich nicht mehr eine partielle Missbilligung der Einschliessung, sondern eine umfassende Kritik der ganzen Maschinerie. Im Verlaufe der drei Jahre Agitation in den belgischen Gef\u00e4ngnissen hat es, abgesehen von einigen spezifischen Situationen, nie Forderungsplattformen gegeben \u2013 weder drinnen noch draussen. Die Entscheidung f\u00fcr einen Kampf ohne Forderungen und die tats\u00e4chliche Situation haben also erm\u00f6glicht \u2013 wie ein kritischer Text \u00fcber die Gefahren einer eventuellen assistenzialistischen Tendenz und \u00fcber die Zwiesp\u00e4ltigkeit, die damals in den Beziehungen mit Gefangenen bestand, dazumals betonte \u2013 die M\u00f6glichkeit geschaffen, \u201eBr\u00fccken zu anderen Fronten zu schlagen, vom Partiellen zum Allgemeinen zu springen. Dies sind einige Wege, um die gegenw\u00e4rtigen Schw\u00e4chen zu verlassen, in denen die Begeisterung daf\u00fcr, voran zu rennen, oft untergeht. Denn, wenn man f\u00fcr weniger k\u00e4mpfen will, dann bietet uns der Staat in seinem Angebot bereits genug Parteien, Gewerkschaften, NGO`s, soziale Einrichtungen, engagierte Intellektuelle, solidarische K\u00fcnstler, Arrivisten, Psychologen, Statistiker, P\u00e4dagogen&#8230; 1\u201c<br \/>\nEs ist gewiss nicht n\u00f6tig, sich in den Schatten der Mauern zu stellen, um einen Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis anzugehen. Es versteht sich von selbst, dass die echte Kommunikation in jedem Kampf ihre Wichtigkeit hat, umso mehr, wenn sie neben den allt\u00e4glichen demokratischen Mystifizierungen noch durch die Zensur, die Mauern und den Stacheldraht behindert wird. Aber es gibt tausend-und-eine Art, die Kommunikation aufzufassen. Eine Korrespondenz mit Gefangenen aufrechtzuerhalten, ersch\u00f6pfende Verbindungen mit den Familien aufzubauen, Woche f\u00fcr Woche vor die Tore der Kn\u00e4ste zur\u00fcckzukehren, kann Sinn machen, kann aber nicht die Grundlage des Kampfes bilden. \u00dcber die Mauern hinaus zu kommunizieren, kann auch durch die gemeinsame Revolte passieren, wo auch immer man sich befindet, durch die Sprayereien und Plakate auf der Strasse, indem man seine eigene Perspektive vorantr\u00e4gt, die die anderen einl\u00e4dt, sie aber nicht zum Referenzpunkt macht. Der Kampf, den wir f\u00fchren wollen, wird somit zum einzigen Referenzpunkt, unabh\u00e4ngig von den soziologisierenden Analysen \u00fcber potentielle \u00ab Subjekte \u00bb, denen man sich anschliessen kann.\u201c 2<\/p>\n<p>Der Sommer, der auf die Demonstration folgte, war von zahlreichen Ausbr\u00fcchen gezeichnet; vor allem vom kollektiven Ausbruch von 28 Gefangenen in Termonde. Dort hatten einige Gefangene \u00fcber Nacht die anwesenden W\u00e4rter \u00fcberw\u00e4ltigt und anschliessend alle Zellen der Sektion ge\u00f6ffnet (130 H\u00e4ftlinge). In so manchen Gef\u00e4ngnissen wurde dieser Ausbruch mit viel Freude gefeiert, umso mehr, da er, sowohl drinnen wie draussen, jenen eine unsch\u00e4tzbare Dosis Mut gab, denen es in den Fingern juckte.<\/p>\n<p>Aber auch die W\u00e4rter begannen, sich zu regen und sich neu zu organisieren. W\u00e4hrend der vergangenen Monate sind die W\u00e4rter in mehreren Gef\u00e4ngnissen in Streik getreten. Den W\u00e4rtergewerkschaften gelang es, eine gemeinsame Front zu bilden. Durch ihre Aktionsmethode (den Streik mit den Gefangenen als Tauschobjekt), haben sie ihre Bosse oft zum Nachgeben gezwungen. Umso leichter, da sich ihre jeweiligen Interessen in Wirklichkeit sehr gut deckten (mehr Sicherheit, mehr Personal, mehr Repression). Durch die Streiks zeichneten sich die Konturen eines Konfliktes ab, der sich als ebenso konstant erweisen wird, wie die Revolte der Gefangenen: die Bildung einer gemeinsamen Front durch die W\u00e4rter, um auf der einen Seite den Gefangenen und auf der anderen dem Staat entgegenzutreten. Der Zusammenhalt innerhalb der Gewerkschaften erm\u00f6glichte ihnen auch, die unangenehmen Aff\u00e4ren zu decken, auch wenn jedermann die Wahrheit wusste. Ein \u201esuspekter Todesfall\u201c im Gef\u00e4ngnis? W\u00e4rterstreik, um die Untersuchung zu behindern. Anprangerung der von den W\u00e4rtern verwalteten Regime oder Dealereien? Streik, um sich gegen die \u201eBedrohungen\u201c und die \u201eUnsicherheit\u201c zu sch\u00fctzen. Die W\u00e4rter haben die Revolten und die Unruhen im Gef\u00e4ngnis mittels Streiks und Arbeitsniederlegungen bek\u00e4mpft, w\u00e4hrend sie die f\u00f6derale Polizei dazu zwangen, f\u00fcr sie ihre Aufgabe zu \u00fcbernehmen, und somit die Gefangenen einer Art \u201ekollektiven Bestrafung\u201c unterzogen. W\u00e4hrend die Achtung gegen\u00fcber dem Beruf des Gef\u00e4ngnisw\u00e4rters in gewissen Quartieren leicht unter Null herab fiel und Anlass f\u00fcr zahlreiche Agressionen gegen\u00fcber W\u00e4rtern gab, die auf der Strasse wiedererkannt wurden, formierten die W\u00e4rter weiterhin eine gemeinsame Front, indem sie sich gegenseitig durch \u201esolidarische Streiks mit Kollegen\u201c unterst\u00fctzten. Diese \u201eW\u00e4rtereinheit\u201c zu durchbrechen und zu zerst\u00f6ren wird sich als eine ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe im Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis erweisen. So manche Male war die Feindseligkeit ihnen gegen\u00fcber sehr greifbar.<\/p>\n<p>Eine Veranschaulichung dieser Spannung kann man in den Aufruhren finden, die infolge der Ermordung von Fay\u00e7al im Br\u00fcsseler Gef\u00e4ngnis von Forest ausgebrochen sind. Der junge Fay\u00e7al wurde in provisorische Haft genommen. Er wurde von den W\u00e4rtern und den \u00c4rzten mittels Injektionen des Beruhigungsmittels Haldol ermordet, als er in die Isolationszelle gesteckt werden sollte. W\u00e4hrend mehrerer Tage brachen auf den Strassen von Br\u00fcssel Aufruhre aus, welche auf die Polizei, offizielle Geb\u00e4ude und L\u00e4den abzielten. Ein Versammlungs- und Ausgangsverbot wurde erlassen und Hunderte Jugendliche wurden pr\u00e4ventiv in mehreren Polizeikommissariaten und in der Kaserne der f\u00f6deralen Polizei festgehalten. Eine Woche nach dem Mord fand auf Aufruf der Familie von Fay\u00e7al ein einheitlicher Gedenkmarsch statt. Die Familie rief zur Ruhe auf. Ein Aufruf zur Ruhe, den sie sp\u00e4ter \u00f6ffentlich bereuen wird, nachdem sie verstand, dass sie \u201evon den Institutionen gefickt\u201c worden ist. Im weiteren Verlauf h\u00e4ufen sich die Aufruhre, die Beschimpfungen, die Bedrohungen und Aggressionen gegen\u00fcber W\u00e4rtern, die von ihrer Arbeit zur\u00fcckkehren. Es wird sogar entschieden, die W\u00e4rter von Saint-Gilles, Forest und Berkendael w\u00e4hrend ihrer Fahrt vom Bahnhof zum Gef\u00e4ngnis polizeilich eskortieren zu lassen. Gleichzeitig erleiden die B\u00fcros der W\u00e4rtergewerkschaften mehrere Angriffe und praktisch simultan finden in mehreren Gef\u00e4ngnissen (Forest, Saint-Gilles, Ittre) Protestbewegungen von Gefangenen statt.<\/p>\n<p>Diese Ereignisse haben das Pulverfass in Brand gesteckt. Im Oktober 2006 z\u00e4hlt man nicht weniger als f\u00fcnf Meutereien in f\u00fcnf verschiedenen Gef\u00e4ngnissen. Manchmal waren die Sch\u00e4den sehr betr\u00e4chtlich (wie bei der vollst\u00e4ndigen Zerst\u00f6rung des alten Isolationsblocks im Gef\u00e4ngnis von Lantin oder der Brandstiftung eines Teils des Gef\u00e4ngnisses von Ittre). Das, was schon seit ziemlich langer Zeit in den Gef\u00e4ngnissen br\u00fctete, zeigte sich nun auf explosive Weise. Diese Revolten haben betr\u00e4chtliche Br\u00fcche in den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen drinnen verursacht, Br\u00fcche, die sich nie auf Forderungslisten, auf politische Verhandlungen, auf Dialoge zwischen Vertretern der Gefangenen und den Gef\u00e4ngnisdirektionen beschr\u00e4nkt haben. Nein, die Revolte war direkt, ohne Dialog, und zielte darauf ab, ein H\u00f6chstmass an Schaden an der Gef\u00e4ngnisinfrastruktur anzurichten.<\/p>\n<p>Einige werden vielleicht sagen, dass eben dies eine Schw\u00e4che war. Sie h\u00e4tten geordnete Forderungsplattformen, formelle H\u00e4ftlingsvereine und einen politischen Kampf bevorzugt. Doch diese Revolten konnten nicht in die Zwangsjacke der Politik und ihrer Sprache gezw\u00e4ngt werden; sie gr\u00fcndeten im sozialen G\u00e4rungsprozess und in den individuellen Entscheidungen, w\u00e4hrend sie sich wenig Illusionen dar\u00fcber machten, von ihren Kerkermeistern irgendetwas positives zu erhoffen. Der explosive Charakter dieser Revolten machte ein politisches \u00dcbersetzen (oder besser, Verraten) unm\u00f6glich. Sie suchten nicht nach der Er\u00f6ffnung eines politischen Dialogs \u00fcber m\u00f6gliche Verbesserungen der Gef\u00e4ngnisse. Es w\u00e4re hier angebracht, auch die Vielfalt der Vorw\u00e4nde zu betonen, die den Revolten Anlass gaben. Manchmal br\u00fctete die Idee einer Meuterei w\u00e4hrend Wochen innerhalb beschr\u00e4nkter Kreise von rebellischen Gefangenen, zu anderen Zeiten brach sie quasi \u201espontan\u201c, infolge spezifischer Vorw\u00e4nde aus. Aber weil eine Meuterei als Antwort auf \u2013 beispielsweise \u2013 eine Durchsuchung w\u00e4hrend den Besuchszeiten, eine Besuchsverweigerung, den Tod eines H\u00e4ftlings, einen W\u00e4rterstreik, die unertr\u00e4gliche \u00dcberbelegung,&#8230; beginnt, bedeutet das noch nicht, dass alles gesagt ist. Sei es innerhalb oder ausserhalb der Mauern, \u201edie kleinen Taten und die unbedeutenden Zwischenf\u00e4lle sind oft die Verabredung der Insurrektionen und der Revolutionen mit der Geschichte\u201c.<\/p>\n<p>Aber dies k\u00f6nnte uns nicht vergessen lassen, dass die Revolte auch Ideen braucht, dass die Wut alleine nur eine Zeit lang dauert und Gefahr l\u00e4uft, sich anschliessend zu verlieren. Bis zu einem gewissen Punkt k\u00f6nnte man sagen, dass im Laufe der Jahre zwischen einigen Gefangenen selbst ein sehr bescheidener informeller Raum der Diskussion und des Austausches von Ideen entstanden ist. Zwischen Gefangenen und Gef\u00e4hrten draussen. Und zwischen Gefangenen und Ex-Gefangenen und deren jeweiligen Milieus. Die unz\u00e4hligen Flugbl\u00e4tter, die verteilt und nach drinnen geschickt wurden, haben neben anderem dazu beigetragen. Ebenso wie das regelm\u00e4ssige Erscheinen der Zeitschrift La Cavale, die w\u00e4hrend Jahren vor allem in Belgien, aber auch in anderen L\u00e4ndern die Funktion einer \u201eKorrespondenz des Kampfes gegen das Gef\u00e4ngnis\u201c \u00fcbernehmen wird; und sich als der \u201eZement\u201c zwischen gewissen rebellischen Gefangenen und Anarchisten draussen erweisen wird.<\/p>\n<p>Dennoch kommen wir nicht umhin, festzustellen, dass dieser informelle Raum der Diskussion immer zu beschr\u00e4nkt blieb. Vielleicht, weil er von der Dringlichkeit der Revolte absorbiert wurde. Vielleicht, weil es an langfristigen Perspektiven mangelte. Vielleicht, weil die Hindernisse, welche die Gef\u00e4ngnisse aufstellen, um die Wechselbeziehung und die Kommunikation zu verhindern, sich als zu gross erwiesen. Vielleicht aus Mangel an Ausl\u00f6sern, um diesen Raum auszuarbeiten (beispielsweise durch eine Koordination von einer Anzahl Diskussionen, Initiativen und Aktivit\u00e4ten). Abgesehen von diesem Raum, zeigte sich die Zirkulation der Ideen und der Erfahrungen vor allem in der Praxis der Revolte, und es schien so, dass die Kampfdynamiken durch die Taten in Gang gebracht wurden, mit allen positiven und negativen Seiten, die daraus abgeleitet werden k\u00f6nnen. Abgesehen davon, k\u00f6nnten wir nicht ignorieren, dass das Terrain des Kampfes gegen das Gef\u00e4ngnis nicht gerade das \u201esympathischste\u201c ist, in dem Sinne, dass es praktisch unmittelbar die Infragestellung der Welt in ihrer Gesamtheit erfordert. Ansonsten wird man bald von den institutionellen Maskenbildnern der Unterdr\u00fcckung und Einsperrung eingefangen und eingegliedert. Die Frage, die sich folglich aufdr\u00e4ngt, besteht darin, zu wissen, wie einem Kampf Sauerstoff gegeben werden kann, der sich dennoch auf dieses Terrain wagt, und worin die best\u00e4ndige Suche nach einer angemessenen Mischung zwischen Begegnungen, Aktionen, Diskussionen und Perspektiven den Rhythmus angibt. Was die anarchistische Pr\u00e4senz im Kampf gegen die Gef\u00e4ngnisse in Belgien betrifft, so kann man sagen, dass diese Suche stattgefunden hat, was jedoch nicht heissen will, dass immer Antworten gefunden wurden.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><strong>2007<\/strong><\/em><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">\u00dcber den Schatten der Mauern hinaus<\/h3>\n<p>Der Zerst\u00f6rungsfaden, den die Revolten vom Oktober 2006 durch mehrere Gef\u00e4ngnisse gewebt haben, setzte seinen Lauf ab Januar 2007 fort, als die Gefangenen von Merksplas in Aufstand traten und das Gef\u00e4ngnis f\u00fcr Stunden \u201e\u00fcbernahmen\u201c. Diese beeindruckende Meuterei, welche die W\u00e4rter wortw\u00f6rtlich aus dem Gef\u00e4ngnis verjagte, gab sowohl den Leitungen wie den W\u00e4rtergewerkschaften zu verstehen, dass etwas Feuerl\u00f6scher hier und da nicht ausreicht, um die Unruhen zu ersticken. Aber sie brauchten noch viel Zeit, um zu realisieren, dass die Taktik der Verlegung der widerspenstigen H\u00e4ftlinge jedes Mal Gefahr lief, auch die Erfahrungen der Revolte in das n\u00e4chste Gef\u00e4ngnis zu verlegen&#8230;<\/p>\n<p>Auf rechtlicher Ebene trat 2007 ein Teil des ber\u00fchmten \u201eDupont Gesetzes\u201c in Kraft. Es wurden Strafanwendungsgerichte gegr\u00fcndet, um die Entscheidungen \u00fcber alles zu treffen, was die Urlaubszeiten, die Anfragen auf bedingte Freilassung und die Bedingungen betrifft, die mit den Anfragen f\u00fcr eine solche Freilassung einhergehen. In Anbetracht des vorherrschenden Sicherheitsdiskurses wurden diese Gerichte vor allem als Einrichtungen pr\u00e4sentiert, die daf\u00fcr gedacht sind, den \u201eMissbr\u00e4uchen\u201c und den \u201efalschen Einsch\u00e4tzungen\u201c bei der Gew\u00e4hrung der bedingten Freilassungen entgegenzuwirken. In Wahrheit werden diese Gerichte eine Tendenz best\u00e4tigen, die sich schon seit einigen Jahren abzeichnete: die Reduzierung der Anzahl bedingter Freilassungen, und gewiss keine bedingte Freilassung f\u00fcr diejenigen, die f\u00fcr Delikte im Bereich \u00dcberf\u00e4lle und Banditentum verurteilt wurden. Auch wenn sich hinter einer solchen Politik offensichtlich Gr\u00fcnde von politischem und ideologischem Charakter befinden (der Schutz des heiligen Privateigentums), l\u00e4sst sie keinen Zweifel dar\u00fcber aufkommen, dass weder die Justiz noch die Polizei Lust hatten, zuzusehen, wie ein Teil der \u201eBanditen\u201c mit freien H\u00e4nden da steht, in einer Periode, in der die Zahl der \u00dcberf\u00e4lle und der gewaltsamen Diebst\u00e4hle unabl\u00e4ssig anstieg. Das Gef\u00e4ngnis zeigt sich hier deutlich als ein Werkzeug zur \u201eVerwaltung\u201c der Delinquenz: w\u00e4hrend sich der Staat keine Hoffnungen mehr machte, gewissen illegalen Praktiken mittels Gef\u00e4ngnisstrafen ein Ende setzen oder gewisse Individuen \u201eumzuerziehen\u201c zu k\u00f6nnen, entschied er sich, die Delinquenz zu verwalten, sie mit dem Gef\u00e4ngnis und einer flexiblen Verwaltung der abzusitzenden Zeit zu dosieren. Diejenigen, die um die Jahrhundertwende infolge eines Aufflammens von bewaffneten Angriffen verurteilt wurden, werden keine bedingte Freilassung erhalten und erst am Ende ihrer Strafe rauskommen. Trotz dieser \u201eflexiblen\u201c Verwaltung der Strafdauer, kann dennoch nicht jede Verurteilung unendlich lange ausgedehnt werden. In den Jahren, die auf das Jahr 2007 folgen, befindet sich eine grosse Anzahl Personen, die ihre ganze Strafe abgesessen haben (oft zwischen 5 und 9 Jahren), wieder draussen und begegnet auf der Strasse einer immer gr\u00f6sseren Verbreitung der Praxis von bewaffneten Angriffen und Diebst\u00e4hlen. Die Statistiken von 2009 zeigten einen H\u00f6chstwert in Br\u00fcssel mit im Durchschnitt f\u00fcnf bewaffneten \u00dcberf\u00e4llen pro Tag, mit insgesamt mehr als 70 Prozent der H\u00e4ndler in Br\u00fcssel (von den Kleinh\u00e4ndlern bis zu den Superm\u00e4rkten, ohne die Juweliere und Banken zu vergessen), die im Laufe der letzten f\u00fcnf Jahre mindestens einmal \u00fcberfallen wurden&#8230;<\/p>\n<p>Drinnen ermutigten die Meutereien, die bewiesen, dass es m\u00f6glich war, wichtige Ver\u00e4nderungen in der Haltung von zahlreichen Gefangenen. Auf der einen Seite blieb diese unumg\u00e4ngliche Tatsache bestehen, dass viele es bevorzugen, auf \u201eden grossen Moment\u201c zu \u201ewarten\u201c, in dem sich eine grosse Anzahl H\u00e4ftlinge auflehnt. Auf der anderen Seite aber regten die Revolten zur Verbreitung einer Verweigerungs-, Widerstandshaltung in allen m\u00f6glichen Formen an. Dieses Zusammenspiel zwischen den grossen offensiven Momenten und einer latenten Widerstandshaltung hat viel dazu beigetragen, dass die Unruhen im Laufe der Jahre weitergingen. Umso mehr, da eine steigende Anzahl Gefangener, durch Kontakte, die zwischen den k\u00e4mpfenden Gefangenen drinnen und den Gef\u00e4hrten draussen aufrechterhalten wurden, mit einer gewissen Zirkulation von libert\u00e4ren Ideen innerhalb der Mauern Bekanntschaft machten. Obwohl die \u201eKommunikation mit Gefangenen\u201c sicherlich nicht die Grundlage f\u00fcr einen antiautorit\u00e4ren Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis bilden kann (denn w\u00e4re dies der Fall, w\u00fcrde sie unvermeidlich dazu f\u00fchren, \u201edie Gefangenen\u201c als Kategorie und Subjekt eines Kampfes hinzustellen, der alle betreffen k\u00f6nnte und sollte), gibt es keinen Zweifel daran, dass wir die Verbreitung von anarchistischen Ideen gegen das Gef\u00e4ngnis, sowohl drinnen wie draussen, f\u00fcr extrem Wichtig halten. Vergessen wir auch nicht den Kontext einer programmierten Verdummung (denken wir nur an die verallgemeinerte Einf\u00fchrung des Fernsehers und der Play-Station in jede Zelle) und eines \u201eideologischen Gefechts\u201c, in dem nicht nur Sozialarbeiter und Psychologen darauf versessen sind, \u201ebrave B\u00fcrger\u201c zu rekrutieren, sonder es auch eine gewisse Pr\u00e4senz von reaktion\u00e4ren Ideologien gibt \u2013 wie vor allem der Islamismus \u2013, die den Gesetzes\u00fcbertretern, im Tausch gegen ein Beitritt in die religi\u00f6sen R\u00e4nge, eine neue Chance anbieten. Der Bekehrungseifer von dieser Seite ist drinnen sehr pr\u00e4sent, was aber nicht heissen will, dass der Islamismus viel Erfolg davontr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Im Jahr 2007 begannen sich starke Verbindungen zwischen der anarchistischen Pr\u00e4senz und einigen rebellischen Individuen drinnen zu schmieden, Verbindungen, die dem Pr\u00fcfstein der Zeit standhielten. Der Anlass f\u00fcr diese Begegnungen waren keine \u201emilitanten\u201c Vorstellungen, die Beziehungen aufzufassen. Diese Verbindungen stellten den Gef\u00e4hrten draussen gleichzeitig die komplexe Frage, wie Kampfinitiativen entwickelt werden k\u00f6nnten, die diesen kameradschaftlichen und komplizenhaften Beziehungen \u00fcber die Mauern hinaus Leib und Seele geben. Denn nat\u00fcrlich, einige von ihnen sind drinnen besonders oft konfrontiert mit direkter Repression (Isolierung, Bunker, restriktive Massnahmen, etc.) und versuchen, sich zu verteidigen. Umso besser, wenn dies mit \u201eUnterst\u00fctzung\u201c von draussen geschieht. Aber eine Dynamik von \u201ek\u00e4mpferischer Unterst\u00fctzung\u201c gegen\u00fcber einer Anzahl k\u00e4mpfender Gefangener reduziert \u2013 zun\u00e4chst auf kaum wahrnehmbare, dann auf fatale Weise \u2013 die Autonomie und das Aktionsspektrum von jedem und jeder, der oder die versucht, einem Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis Gewicht zu verleihen. Dennoch kann man nicht behaupten, dass es die direkte \u201eUnterst\u00fctzung\u201c unter allen Umst\u00e4nden zu verweigern gilt, um diese Autonomie nicht zu kompromittieren. Die Erfahrungen, die von der anarchistischen Pr\u00e4senz in Belgien gemacht wurden, sind gleichzeitig vielf\u00e4ltig und widerspr\u00fcchlich im Bezug auf diese Fragen. Die Kritik an einer Art \u201eAssistenzialismus\u201c gegen\u00fcber den H\u00e4ftlingen war sehr pr\u00e4sent, und zu Recht. Abgesehen davon schlugen wenige Initiativen diese Richtung ein. Doch ein \u201eKampf\u201c, dem es nicht gelingt, gegen\u00fcber den \u201eK\u00e4mpfenden\u201c Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung zu beweisen, auch wenn sie sich drinnen befinden, ist dazu verurteilt, im Stillstand und im Groll zugrundezugehen. Denn der Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis spielt sich auf einem Terrain ab, auf dem sich die Repression konzentriert und auf direktem Weg den Geist und den K\u00f6rper der eingesperrten Individuen angreift.<\/p>\n<p>Aus dem schwankenden Parcours der anarchistischen Pr\u00e4senz betreffend dieser Frage, k\u00f6nnen zwei Schlussfolgerungen gezogen werden.<br \/>\nErstens, je mehr sich der Einfallswinkel um eine spezifische Situation oder Frage \u201ebeschr\u00e4nkt\u201c, desto mehr zeichnen sich Grenzen ab was die Autonomie und die m\u00f6gliche Tragweite der fraglichen Kampfinitiative betrifft. Wenn zum Beispiel eine Platzierung unter Isolation angegriffen wird, indem \u201einterne Gr\u00fcnde\u201c als Ausgangspunkt genommen werden (die gesetzlichen Fristen der Isolierung, die \u201eLegitimit\u00e4t\u201c der Entscheidung der Platzierung unter Isolation), und wenn sich die Kritik nicht ausweitet, um sie mit der Isolation eines jeden in dieser Gesellschaft zu verbinden, dann l\u00e4uft die Initiative ernsthaft Gefahr, entweder vor den Toren des Gef\u00e4ngnisses oder in einem Duell zwischen einigen Individuen und der ganzen staatlichen Maschinerie zu enden. Ein Duell, in dem die anderen vor allem dazu neigen w\u00fcrden, die Rolle von Zuschauern zu \u00fcbernehmen. Dies schm\u00e4lert selbstverst\u00e4ndlich nicht die Tatsache, dass es notwendig und wichtig ist, auf Ver\u00e4nderungen der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse im Innern (worauf eine Platzierung unter Isolation beispielsweise hindeutet) direkt zu reagieren, aber indem man eben davon profitiert, den Einfallswinkel m\u00f6glichst weit zu vergr\u00f6ssern. Die Spannung zwischen den Anforderungen einer spezifischen Situation und dem Bed\u00fcrfnis, ein m\u00f6glichst breites Aktionsspektrum zu entfalten, kann jedenfalls nicht auf ideologische Weise abgelegt werden. Diese Spannung muss schlichtwegs ein kritischer Drehpunkt der Kampfdynamik in ihrer Gesamtheit sein.<br \/>\nZweitens, je mehr die Kampfperspektiven vertieft sind, desto weniger Panik und Inkoh\u00e4renz taucht auf, wenn sich gewisse dringende Situationen zeigen (wie zum Beispiel eine Platzierung unter Isolation oder auch ein kurzentschlossener Hungerstreik 1). Eines der wichtigsten Elemente, um zu verhindern, vom Teufelskreis \u201eRevolte, Repression, Revolte gegen die Repression, wieder Repression und so weiter\u201c verschluckt zu werden, ist, eine Initiative zu bewahren, die uns eigen ist. Die Knastwelt funktioniert auf der Grundlage der Routine und versucht den H\u00e4ftlingen (und ihren Kampfgef\u00e4hrten draussen) immer und \u00fcberall ihren eigenen Rhythmus aufzuzwingen. Diese Routine bewusst zu durchbrechen, bringt diesen Mechanismus durcheinander und kreiert die Verwirrung, die die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse, und sei es auch nur aus diesem Grund, stets f\u00fcr die Gefangenen beg\u00fcnstigt. Wenn der Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis in \u201eder Reaktion auf die Dringlichkeiten\u201c versinkt, nimmt uns der Staat den Kampf wieder weg. Es ist sicher, dass eine Armada von \u201eAnw\u00e4lten, Journalisten und kritischen Akademikern\u201c dem Staat gelegentlich Beistand leistet in der Rekuperation von der Wut gegen die Einsperrung, aber letztendlich gibt es wenig auszuschm\u00fccken und sch\u00f6nzureden, wenn diese Wut in ihrem Innern ein rudiment\u00e4res Verlangen nach Freiheit hegt. F\u00fcr den Staat war es viel interessanter, auf Versuche zu setzen, dieses Knurren auf eine falsche F\u00e4hrte zu f\u00fchren und dem Kampf seine Initiativef\u00e4higkeit zu nehmen.<\/p>\n<p>Um den Faden unserer Geschichte wieder aufzunehmen, sollten wir noch eine wichtige Entwicklung betonen. Ab dem Jahr 2007, als der Staat gerade Pl\u00e4ne f\u00fcr eine ausgefeiltere \u201eAufteilung\u201c der Knastbev\u00f6lkerung skizzierte, eine Aufteilung in verschiedene Kategorien mit verschiedenen Regimen, \u00fcbersprang die Agitation diese bereits bestehenden Barrieren leicht. Es gab keine spezifischen Kategorien (wie die Langzeitstrafen beispielsweise), die sich als Hauptprotagonisten profilierten. Der Virus der Revolte erreichte viele Gefangene, jenseits aller Kategorien. Sei es in den Haftanstalten, in denen sich vor allem Personen in Pr\u00e4ventivhaft befanden, oder in den Sektionen f\u00fcr Langzeitstrafen. Sowohl in der psychiatrischen Sektion, wie in den \u201enormalen\u201c Sektionen brechen Revolten aus. Zus\u00e4tzlich zeichnet sich w\u00e4hrend des ganzen Jahres 2007 eine besonders interessante Tendenz ab: die Revolten in den Gef\u00e4ngnissen scheinen auch die Revolten in den geschlossenen Zentren f\u00fcr illegale Migranten zu sch\u00fcren. Diese Tendenz wird sich im Laufe der folgenden Jahre noch mehr hervorheben und die Gef\u00e4hrten draussen dazu ermutigen, auf der Verweigerung zu beharren, prinzipielle Trennungen zwischen den unterschiedlichen Formen der Einsperrung zu machen. \u00dcbrigens d\u00fcrfen wir nicht vergessen, dass viele Gefangene, da sie \u00fcber keine g\u00fcltigen Papiere verf\u00fcgen, in die geschlossenen Zentren verlegt werden, nachdem sie ihre Strafe abgesessen haben. Wie wir bereits weiter vorne darlegten, erm\u00f6glichten diese Verlegungen auch, Erfahrungen der Revolte zirkulieren zu lassen. Und die physische Infrastruktur der geschlossenen Zentren (viele kollektive Aktivit\u00e4ten, Schlafs\u00e4le, weniger \u201edurchtrainierte\u201c W\u00e4rter und mehr Ausbruchsm\u00f6glichkeiten) l\u00e4sst den Meutereien mehr \u201eRaum\u201c als das Gef\u00e4ngnis. Es ist \u00fcbrigens auch um diese Zeit, dass die Politiker beginnen, ein spezielles geschlossenes Zentrum f\u00fcr Ex-H\u00e4ftlinge und Widerspenstige zu erw\u00e4hnen, was sp\u00e4ter zu einem spezifischen Kampf gegen den Bau dieses Zentrums (der \u201eCaricole\u201c) in Steenokkerzeel Anlass geben wird. 2<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie die Erfahrungen rund um die Aufruhre noch immer in Erinnerung haben, die in den Quartieren von Br\u00fcssel ausbrachen, nachdem Fay\u00e7al im Gef\u00e4ngnis von Forest ermordet wurde, machen die Gef\u00e4hrten draussen, vorsichtig aber konkret, ihre ersten Schritte, um den Kampf gegen die Gef\u00e4ngnisse aus dem Schatten der Mauern herauszuholen. Sie richten sich haupts\u00e4chlich den tumultreichen Quartieren zu, in denen sie schnell Bekanntschaft mit der latenten Feindschaft machen werden, die viele Personen gegen\u00fcber dem Gef\u00e4ngnis, der Justiz und nat\u00fcrlich der Polizei hegen. Diese Begegnung wird diese Tendenz, auf die Strasse zuzugehen, noch mehr ermutigen. Die Frage der Entwicklung von Projektualit\u00e4ten wird auf den Tisch gebracht. Mit dem best\u00e4ndigen Aufbau eines Kontaktnetzes drinnen, dem Beitragen zu diesem bescheidenen, aber tats\u00e4chlich existierenden informellen Raum und den Erfahrungen von Solidarit\u00e4t mit den Meutereien, wird die Frage ambiti\u00f6ser: Wie wollen wir, hier auf der Strasse, als Gefangene einer Welt der Autorit\u00e4t und des Geldes, einen Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis und seine Welt aufbauen? Abgesehen von der Vertiefung und Verbreitung von anarchistischen Ideen, welche Kampfvorschl\u00e4ge k\u00f6nnen gemacht werden, um die Revolte auch auf der Strasse zu verbreiten und unsere Aktivit\u00e4t nicht auf die Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung der Revolten drinnen zu beschr\u00e4nken? Ausgehend von diesen Fragen hat eine lange Suche ohne Ende begonnen, auf der einige F\u00e4hrten ausprobiert wurden und andere unerkundet geblieben sind. Diese Suche, und hier stossen wir uns erneut an der Schwierigkeit unserer Geschichte, bezog sich nicht nur auf den Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis, sondern auch auf die Perspektiven, die Methoden und die Ideen einer anarchistischen Pr\u00e4senz (\u201eBewegung\u201c zu sagen, w\u00e4re wirklich \u00fcbertrieben), die dabei war, neue Wege zu erforschen.<br \/>\nDer Hauptvorschlag, so k\u00f6nnte man sagen, war die oft genannte Verbreitung der Revolte, was im Verlaufe der Jahre viele Farben erhalten und weiter vertieft werden wird: die Verteidigung einer rebellischen Haltung gegen\u00fcber jeglicher Autorit\u00e4t, die Identifizierung und Belichtung der Strukturen und Menschen des Gef\u00e4ngnisses und seiner Welt als m\u00f6gliche Angriffsziele, die H\u00e4ufung von simplen, einfachen und reproduzierbaren direkten Aktionen und Angriffen gegen diese Strukturen. Man k\u00f6nnte einige Bereiche grob unterscheiden, die von dieser feindlichen Identifizierung durchleuchtet wurden, wenn wir im Hinterkopf behalten, dass diese Unterscheidungen in dem Sinne \u201eabstrakt\u201c sind, dass wir sie hier im Nachhinein machen, w\u00e4hrend sie auf ganz nat\u00fcrliche Weise unter den von den eigentlichen Kampfererfahrungen und den damit einhergehenden Diskussionen gegebenen Impulsen erkundet wurden. Oder, um noch deutlicher zu sein: es handelt sich damit nicht im Geringsten um einen vorher festgelegten oder vorher konzipierten Angriffsplan, dem im Laufe der Jahre wortgetreu gefolgt wurde, sondern vielmehr schlicht um Parcours von Revolte und Kritik, die sich entwickeln, gen\u00e4hrt durch die Erfahrungen, die libert\u00e4ren Ideen und das Vorstellungsverm\u00f6gen, w\u00e4hrend sie zur logischen Schlussfolgerung des Angriffs gelangen. Wenn wir die Bereiche der Sabotagen, der Angriffe, der Aufruhre, der Aktionen, etc. \u00fcberfliegen, k\u00f6nnten wir also folgendes unterscheiden:<\/p>\n<p>\u2015 Die repressiven Strukturen (Institutionen der Justiz, Polizeidienste, Gef\u00e4ngnisw\u00e4rtergewerkschaften, Strafvollzugspersonal und -direktion, Sicherheitsindustrie, soziale Kontrolle (beispielsweise durch die Video\u00fcberwachung, die \u00f6ffentlichen Transporte, die neuen \u201eDienstleistungen\u201c wie die Friedensbewahrer [frz.: Gardiens de la paix], die alle nicht polizeilichen \u00f6ffentlichen Sicherheitsaufgaben aus\u00fcben, etc.)<br \/>\n\u2015 Das \u00f6konomische Netz rund um die Gef\u00e4ngnisse (Unternehmen, welche den Gef\u00e4ngnissen Dienstleistungen erbringen, welche die Arbeit im Gef\u00e4ngnis organisieren, die an der Renovierung oder am Bau der Gef\u00e4ngnisse beteiligt sind. Institutionen, die direkt in die Verwaltung des Gef\u00e4ngnisses eingreifen, wie die Universit\u00e4ten, die Arbeitsvermittlungsbeh\u00f6rden, die Tempor\u00e4rarbeitsagenturen, die Ausbildungs- und Rekrutierungsdienste)<br \/>\n\u2015 Alles, was daf\u00fcr sorgt, dass diese Welt ein Gef\u00e4ngnis unter offenem Himmel bleibt (Schulen, Verwaltungseinrichtungen, Lohnarbeit, Urbanismus).<\/p>\n<p>Als Perspektive lud eine solche Art und Weise, den Kampf zu leben und zu teilen, jeden und jede dazu ein, die Feindseligkeiten dort aufzunehmen, wo er oder sie sich befindet. Es ging also nicht darum, grosse Organisationen zu bilden, die Kr\u00e4fte derjenigen zu \u201ekonzentrieren\u201c, die gegen das Gef\u00e4ngnis k\u00e4mpfen wollten, eine \u201eGegenmacht\u201c zu werden, die dem Knastmastodon gleich kommt. Nein, es ging um die Verstreuung im sozialen Gewebe von Ideen gegen das Gef\u00e4ngnis und seine Welt und von Gesten der Revolte. Nicht, \u201eeine Heerschar\u201c gegen das Gef\u00e4ngnis zu formieren, die leicht kontrollierbar ist und in ihrem Innern zwangsl\u00e4ufig autorit\u00e4re Beziehungen reproduziert, sonder dazu anzuspornen, als \u201everstreute Haufen\u201c zu k\u00e4mpfen, jeder und jede nach den eigenen Verlangen, den eigenen Geschm\u00e4ckern und den eigenen Anspr\u00fcchen. Letztendlich war es ein Versuch, der manchmal mit Erfolg gekr\u00f6nt war, manchmal weniger, den Schwerpunkt nicht mehr innerhalb der Mauern zu platzieren, sondern ihn, in einer Dynamik von Revolten und ihren Beziehungen und Komplizenschaften, \u00fcberall zu verstreuen.<\/p>\n<p>Draussen, anstatt die Verteilung von Flugbl\u00e4ttern vor den Gef\u00e4ngnistoren zu konzentrieren, gingen die Gef\u00e4hrten direkt in die Quartiere, in denen sich die Frage des Gef\u00e4ngnisses letztendlich ebenso sehr jeden Tag stellt. Diese Flugbl\u00e4tter sprachen nie nur von der Solidarit\u00e4t mit den Meutereien, sondern versuchten, die Frage des Gef\u00e4ngnisses mit all jenen zu verbinden, die in den Quartieren existierten, die mit der t\u00e4glichen Realit\u00e4t der Ausbeutung, mit der Bewahrung der Ordnung zu tun haben&#8230;<br \/>\nAuch die Vorstellung von \u00ab Solidarit\u00e4t \u00bb wurde ausgefeilt. Es gibt einen grossen Unterschied zwischen einer Solidarit\u00e4t mit den Taten oder mit ihren angeblichen Autoren. Der weit bekannte Slogan \u00ab Solidarit\u00e4t mit allen k\u00e4mpfenden Gefangenen \u00bb l\u00e4sst zweifelsohne ausser Acht, wer denn \u00aball diese Gefangenen\u00bb sein sollen und vor allem, worauf unsere Solidarit\u00e4t eigentlich basieren sollte. Wenn wir uns auf ein leicht rhetorisches Spiel einlassen, k\u00f6nnten wir den Slogan in \u00ab Solidarit\u00e4t mit dem Kampf der Gefangenen \u00bb umwenden. Die Betonung wird somit auf die Revolte gelegt, in der wir uns sicherlich einfacher wiedererkennen k\u00f6nnen, als in diesem oder jenem Gefangenen. Abgesehen von der Tatsache, dass es uns wenig Perspektiven bietet, ist das Herbeieilen bei jeder Revolte mit einer Verherrlichung der Gefangenen im Mund oder im Schreiber oft eine Verkennung der Realit\u00e4t. Denn das Gef\u00e4ngnis ist nichts als die Wiederspiegelung der elenden Gesellschaft draussen. Nat\u00fcrlich, es ist gewiss m\u00f6glich einige Komplizen unter den Gefangenen zu finden \u2013 einige verabscheuen nicht nur das Gef\u00e4ngnis, sondern stellen auch die Herrschaft im Allgemeinen in Frage \u2013, aber alle Gefangenen als soziale Rebellen durchgehen zu lassen, erweist sich nur als angenehmer Zeitvertreib f\u00fcr jene, die sich damit zufriedengeben, vorgefertigte Ideologien zu fabrizieren. \u00bb 3<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><strong>2008<\/strong><\/em><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Die Revolten gehen weiter<\/h3>\n<p>Unterdessen sind es bereits zwei Jahre, in denen Revolten, Meutereien und Ausbr\u00fcche in einem konstanten Rhythmus in den Gef\u00e4ngnissen aufeinanderfolgen. Die Funken haben sich bereits auf die geschlossenen Zentren ausgebreitet, die nun eine sehr intensive Periode der Revolte kennen. Aber sie haben auch die Strasse erreicht. Durch die Entfaltung einer permanenten Agitationsaktivit\u00e4t in einer gewissen Anzahl unruhiger Quartiere, haupts\u00e4chlich in Br\u00fcssel (im Speziellen Molenbeek, Saint-Gilles, Anderlecht und Forest), wurde es f\u00fcr die anarchistische Pr\u00e4senz draussen m\u00f6glich, bis zu einem gewissen Punkt, \u201elosgel\u00f6st\u201c von den Bedingungen drinnen und vom Aufeinanderfolgen der Ereignisse, ihren eigenen Rhythmus innerhalb des Kampfes zu finden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Politiker zum ersten Mail die Worte \u201eBau von neuen Gef\u00e4ngnissen\u201c zu nuscheln beginnen, verst\u00e4rkt der Staat sp\u00fcrbar die Repression gegen die Bewegungen der Sans-Papiers. Gruppen von Sans-Papiers organisierten seit kurzem Geb\u00e4udebesetzungen; etwa nach dem Muster von dem, was 2005 und 2006 geschah, als insgesamt mehr als 100 Geb\u00e4ude von Sans-Papiers besetzt waren, die eine allgemeine Regularisierung forderten. Vielleicht aus Angst vor einem m\u00f6glichen erneuten Aufkommen einer solchen Besetzungswelle griff der Staat ziemlich schnell auf den Schlagstock zur\u00fcck. Gleichzeitig war in den warmen Quartieren von Br\u00fcssel die Revolte am br\u00fcten. Es gab viele \u201ekleine\u201c Unruhen, bei denen Gruppen von einigen dutzend Personen zum Beispiel eine Polizeipatrouille angriffen, ein Kommissariat besetzten, einige L\u00e4den verw\u00fcsteten, etc. Nat\u00fcrlich machen solche Ausbr\u00fcche der Revolte, genauso wie die Praxis, Autos in Brand zu stecken, in den \u00e4rmeren Quartieren der St\u00e4dte seit langem Teil des Panoramas aus, aber man kann sagen, dass sie 2008 sp\u00fcrbar angestiegen sind, und diese Tendenz wird sich weiterhin w\u00e4hrend mehr als zwei Jahren bekr\u00e4ftigen. In gewissen Bereichen der Gesellschaft schien die soziale Temperatur anzusteigen und die Dynamik, welche die Gef\u00e4hrten gegen die Gef\u00e4ngnisse und die geschlossenen Zentren am entwickeln waren, schien gut damit \u00fcbereinzustimmen.<\/p>\n<p>Innerhalb der Mauern wuchs die Verbreitung von Texten, von Flugbl\u00e4ttern und Publikationen unabl\u00e4ssig an. Auf der einen Seite gab es die Verlegungen von Gefangenen, die in Kontakt mit Gef\u00e4hrten draussen waren, was dazu f\u00fchrte, dass es schlussendlich, in einer grossen Anzahl Gef\u00e4ngnisse, mindestens einen oder zwei Gefangene gab, die solche subversiven Lekt\u00fcren verbreiteten. Auf der anderen Seite sind die Verbindungen mit gewissen Gefangenen derart vertieft und durch die von beiden Seiten der Mauern aus laufende Agitation gest\u00e4rkt gewesen, dass wahre libert\u00e4re Kameradschaften das Tageslicht erblickten. Im \u00dcbrigen wurde immer deutlicher, dass es ein Fehler ist, zu denken, dass man mit Gefangenen nur vom Gef\u00e4ngnis sprechen kann und muss. Wie gross auch die Kraft ist, mit der die Revolte hochgehen kann, sie neigt dazu, sich ziemlich schnell niederschlagen zu lassen, wenn sie im Innern der Mauern isoliert wird, sowohl auf konkrete und praktische Weise, wie auf inhaltlicher Ebene. Es geht darum, Br\u00fccken zwischen den Revolten zu schlagen, die sich auf verschiedenen Terrains der Gesellschaft befinden, sie miteinander sprechen zu lassen. Die Situationen korrespondieren zu lassen, in welchen sich Leute mit zumindest einigen Aspekten der Herrschaft und der Macht konfrontieren, auf eine anti-politische und anti-institutionelle Weise. Umso mehr, da das Gef\u00e4ngnis ganz und gar kein isoliertes Universum ist, sondern eben gerade ein fundamentales Element der autorit\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse, welche diese Gesellschaft regeln. Dort, wo die Macht versucht, Trennungen aufzuzwingen, um die Konflikte zu isolieren oder sie demokratisch zu l\u00f6sen, indem ein einzelner Aspekt ihres Regimes etwas verbessert wird, m\u00fcssen willentlich Br\u00fccken geschlagen werden. Die Revolte von Gefangenen innerhalb der Mauern mit der Revolte von Gefangenen ausserhalb der Mauern kommunizieren, in Dialog treten lassen. Den Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis nicht auf den Kampf gegen einzig diese Institution mit ihren Stacheldr\u00e4hten und ihren Mauern reduzieren, sondern ihn auf alle Formen der Einsperrung ausweiten, auf alles, was aus dieser Welt ein grosses Strafvollzugslager unter offenem Himmel macht. Dem f\u00fcgt sich an, dass die Umst\u00e4nde, die sich ab 2008 abzeichnen, diese Aufgabe nur vereinfachen werden: De facto br\u00fctete es an verschiedenen Orten und in verschiedenen Bereichen. De facto dr\u00fcckte sich ein immer gr\u00f6sser anwachsender Teil dieser Unzufriedenheit durch eine anti-institutionelle Revolte aus (was, lasst uns darin klar sein, nicht heissen will, dass es sich um eine \u201eanarchistische\u201c oder \u201erevolution\u00e4re\u201c Revolte handelt). De Facto inspirierten sich diese Revolten gegenseitig, oft auf indirekte Weise, aber manchmal auch auf sehr direkte und konkrete Weise. Jeder Akt der Rebellion erh\u00f6hte den Druck, sowohl auf der Strasse wie in den Gef\u00e4ngnissen und geschlossenen Zentren, und liess die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse kippen, er\u00f6ffnete neue Horizonte f\u00fcr die Diskussion und den Austausch von Ideen und gab denjenigen Kraft und Mut, die der Versiegelung ihres Herzes und der Abschaltung ihres Hirns nahe waren. Die Spannung stieg an, weil die verschiedenen Revolten einander kreuzten, weil man sich nicht entwaffnet vor einer intensiven Situation wieder fand, sowohl auf praktischer wie theoretischer Ebene. Sicher gab es Illusionen, aber zumindest hatten diese Illusionen den s\u00fcssen Geschmack der Freiheit.<\/p>\n<p>Mitte 2008 wird im Gef\u00e4ngnis von Brugge ein Isolationsmodul er\u00f6ffnet, ein anderes in jenem von Lantin. Ebenso wie in Frankreich (QHS), in Spanien (FIES) und vor allem in den Niederlande (EBI) 1, verf\u00fcgt der belgische Staat heute \u00fcber eine angepasste Infrastruktur, um zu versuchen, die schwierigen, widerspenstigen oder \u201ezur Flucht neigenden\u201c Gefangenen lebendig zu begraben. Ebenso wie in anderen L\u00e4ndern liefen diese Isolationsmodule auf dem Grat ihrer eigenen Legalit\u00e4t. Das Regime wird w\u00e4hrend einer \u201eVersuchs\u201c-Periode durch Experimentierungen an den Gefangenen in der Praxis verfeinert werden. Einige Jahre sp\u00e4ter wird ihm eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden.<\/p>\n<p>Gegen Ende des Jahres scheint sich die Spannung in den Gef\u00e4ngnissen zu verringern. Einerseits schien es dem Staat zu gelingen, die Initiative durch eine energischere und entschiedenere Repression bis zu einem gewissen Grad wieder in die Hand zu nehmen. Andererseits, einmal abgesehen von der Er\u00f6ffnung der Isolationsmodule, kamen auch die ersten juridischen (und somit nicht mehr \u201enur\u201c disziplin\u00e4ren) Strafmassnahmen gegen Gefangene auf, die sich an Revolten beteiligten. Neben den \u00fcblichen disizplin\u00e4ren Massnahmen (Bunker, striktes Zellenregime, Aufhebung der Besuche und Aktivit\u00e4ten, etc.), verteilen die Gerichte Gef\u00e4ngnisstrafen (oft zwischen 9 und 14 Monaten \u2013 sp\u00e4ter werden die Strafen h\u00e4rter und bis zu einigen zus\u00e4tzlichen Jahren gehen). Schliesslich muss man sagen, dass eine Anzahl Gefangener, die zu Beginn der Unruhen dem Ende ihrer Strafen bereits n\u00e4her kamen und sich aktiv an der Agitation beteiligten, auf die Strasse hinaus kommt. Es sollte angemerkt werden, dass, wie wir bereits gesagt haben, von bedingten Freilassungen nicht die Rede war. Der Grossteil der rebellischen Gefangenen kam bei Strafende raus. Dennoch w\u00e4re es schwer \u00fcbertrieben, zu behaupten, die Agitation habe der Resignation Platz gemacht. Die Zahl der individuellen Revolten (die Zelle in Brand stecken, die W\u00e4rter angreifen und ausbrechen) stieg sichtbar an. Aber es scheint durchaus, dass gewisse \u201cReflexe\u201c von gegenseitiger Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t, die viele Gefangene in diesen letzten Jahren wiederentdeckt haben, immer mehr verschwinden. Die Ersch\u00f6pfung spielt darin gewiss eine Rolle. Und dort, wo sich die Solidarit\u00e4t und die latente Rebellion zur\u00fcckziehen, zeigen sich praktisch unmittelbar einige verh\u00e4ngnisvolle Mentalit\u00e4ten, wie beispielsweise \u201eethnische\u201c Raufereien unter H\u00e4ftlingsgruppen. Es ist hier vielleicht passend, etwas bei der \u201eDenunziations-Mentalit\u00e4t\u201c zu bleiben. Das Gef\u00e4ngnis, ebenso wie die Justiz und allgemeiner die Gesamtheit der sozialen Ordnung, setzt f\u00fcr einen Grossteil seiner allt\u00e4glichen Verwaltung des Widerstands, auf die Denunziation im Tausch gegen Reduzierungen der Strafe, finanzielle Vorteile, Beg\u00fcnstigungen, eine hierarchische Position im \u201edelinquenten Milieu\u201c, etc. Das Netz von Spitzeln und Verr\u00e4tern innerhalb der \u201edelinquenten\u201c Milieus erlaubt dem Staat, die Delinquenz zu verwalten, ja sie sogar bis zu einem gewissen Grad zu steuern. Laut den offiziellen Zahlen der f\u00f6deralen Polizei sind die Spitzel die entscheidenden Elemente in 40 bis 60 Prozent der Untersuchungen, bei denen es sich um Akte von \u201eBanditentum\u201c handelt. Innerhalb der Mauern geht dieses kleine Spiel weiter.<br \/>\nLetztendlich geht es vielleicht nicht so sehr darum, zu wissen, wie man jegliche \u201eDenunziation\u201c ausradieren kann (was auf die Zerst\u00f6rung der Repression und des Staates hinauslaufen w\u00fcrde), sondern darum, inwiefern und wie die Mentalit\u00e4t der Denunziation bek\u00e4mpft wird. Wird ein notorischer Denunziant angegriffen oder kann er ruhig auf den Hof hinaus gehen? Werden die Verbindungen mit jemandem, der denunziert, entschieden abgebrochen, oder werden sie aufrechterhalten, um \u201eBeg\u00fcnstigungen\u201c zu erhalten (Drogen, Informationen, Schutz), die ein Denunziant liefern k\u00f6nnte? Es wurde schon fast zu einer Nebenbemerkung, zu sagen, dass die Intoleranz gegen\u00fcber der Denunziation viel an Boden verloren hat, und dass das Prinzip \u201enichts gesehen, nichts geh\u00f6rt, nichts zu deklarieren\u201c oft ausgetauscht wird mit taktischen Spielen mit Richtern, Untersuchungsbeamten, Polizisten, W\u00e4rtern,&#8230;<\/p>\n<p>Aber es ist vor allem die Revolte, die den Verrat und die Denunzianten schwinden l\u00e4sst, wie sie es in jenen Jahren in zahlreichen belgischen Gef\u00e4ngnissen getan hat. Ebenso wie die Revolten auch ein frontaler und sp\u00fcrbarer Angriff gegen die H\u00e4ndlermentalit\u00e4t gewesen sind, die tief in die Gesellschaft und die Delinquenz vorgedrungen ist. Eine Mentalit\u00e4t, die denkt, dass alles k\u00e4uflich, aushandelbar, dealbar ist, selbst die eigene Person. W\u00e4hrend jegliche Ethik, jegliches Bewusstsein in den Hintergrund gedr\u00e4ngt wird. Drinnen wie draussen kann diese Mentalit\u00e4t, die grosse Sch\u00e4den anrichtet, nur dadurch bek\u00e4mpft werden, dass man sich f\u00fcr etwas anderes auflehnt.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><strong>2009<\/strong><\/em><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Nichts wird ohne Antwort bleiben<\/h3>\n<p>Zur gleichen Zeit, wie die Intensit\u00e4t des Konfliktes in und um die Gef\u00e4ngnisse abzunehmen scheint, und sich viele Aktivit\u00e4ten der anarchistischen Pr\u00e4senz eher um die geschlossenen Zentren fokussieren, geschah, was sich niemand zu erhoffen traute. Innerhalb von weniger als zwei Monaten werden die beiden neuen Isolationsmodule (von Lantin und von Brugge) durch Meutereien zerst\u00f6rt. Es ist nicht nur, dass diese Revolten die Module verw\u00fcstet haben (was sie f\u00fcr lange Zeit unbrauchbar machte, jenes von Lantin wird erst 2011 seine Tore wieder \u00f6ffnen). Sie durchbrachen auch die ganze Logik, die hinter diesen Modulen steckt, ihren Bestehensgrund. In Lantin gelang es der Gef\u00e4ngnisdirektion und der Presse mehr als einen Monat lang, die Zerst\u00f6rung zu verschweigen. Die Gefangenen, die etwas mit der Revolte zu tun hatten, werden in den Bunker von Brugge verlegt. Jeglicher Kontakt mit der Aussenwelt wird abgebrochen. In Brugge war es nicht m\u00f6glich, die Revolte zu verbergen. Umso mehr, da das dortige Isolationsmodul, dank der unerbittlichen Kritik und dem Widerstand von gewissen Gefangenen, die sich dort befanden, in den Medien bereits f\u00fcr Skandal gesorgt hat.<\/p>\n<p>Dem Justizminister De Clerck gelang es 2009, etwas zu erlangen, was noch nie gesehen wurde. Um der \u00dcberbelegung kurzfristig entgegenzuwirken, ohne gezwungen zu sein, auch nur einen Gefangenen eine Sekunde zu fr\u00fch herauszulassen, hat der Minister beschlossen, ein Gef\u00e4ngnis in den Niederlanden zu mieten. Belgische Gefangene wurden also nach Tilburg deportiert, wo sie unter einem belgischen Regime gefangen gehalten, aber von holl\u00e4ndischen W\u00e4rtern \u00fcberwacht wurden. Zuerst sagte der Minister, es w\u00fcrde sich um \u201efreiwillige Verlegungen\u201c handeln, aber schnell wurde klar, dass Tilburg mit Gefangenen gef\u00fcllt werden wird, die gegen ihren Willen deportiert wurden. Ausserdem hoffte der Minister, dass das ferne Gef\u00e4ngnis von Tilburg die ideale Strafkolonie werden k\u00f6nnte, um die Hitzk\u00f6pfe etwas abzuk\u00fchlen. Damit war nichts. Trotz allen Versuchen, den Widerstand und die Revolten abzuschirmen, und sie somit von der Aussenwelt zu isolieren, sind in Tilburg regelm\u00e4ssig Aufruhre ausgebrochen. Das, was sich die Feinde des Gef\u00e4ngnisses erw\u00fcnschten, wurde Realit\u00e4t: die Revolte \u00fcbersprang nicht nur die Gef\u00e4ngnismauern, sondern schaffte es auch, eine Grenze zu \u00fcberspringen. In dieser selben Periode ver\u00f6ffentlichte der Minister seinen \u201eMasterplan\u201c f\u00fcr den Bau von mindestens 7 neuen Gef\u00e4ngnissen und, zus\u00e4tzlich zum Ausbau der bereits bestehenden geschlossenen Zentren f\u00fcr Minderj\u00e4hrige, die Er\u00f6ffnung eines Jugendgef\u00e4ngnisses im alten Gef\u00e4ngnis von Tongeren (welches bereits in ein \u201eGef\u00e4ngnismuseum\u201c verwandelt wurde).<\/p>\n<p>Zu dieser selben Zeit schienen die in diesem Buch bereits erw\u00e4hnte \u201eIdentifizierung des Feindes\u201c und die \u201everstreuten Angriffe\u201c gut geschliffen. Zahlreiche Institutionen und Unternehmen wurden durch die Agitation und durch zahlreiche anonyme Sabotagen gebrandmarkt. Nach dem Vorbild des Staates, k\u00f6nnte man versuchen, herauszufinden, wer die Verantwortlichen dieser betr\u00e4chtlichen Verbreitung sind. Oder auch, ob diese denn wirklich \u201esozial\u201c ist. Aber der Staat kann nur gem\u00e4ss seiner eigenen Logik \u00fcberlegen und, in wirklichen und konkreten Begriffen, ist es ihm v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, dass sich Individuen in der Revolte von anderen wiedererkennen und sich daraufhin selbst auflehnen k\u00f6nnen. Sicher hat die anarchistische Pr\u00e4senz diese Verbreitung der Revolte immer vor allen verteidigt und allen vorgeschlagen, die gegen das Gef\u00e4ngnis k\u00e4mpfen wollten. Aber es hat weder Hand noch Fuss, den Anarchisten alleine die F\u00e4higkeit zuzuschreiben, sich f\u00fcr die direkte Aktion und den Angriff zu entscheiden. Eine solche Argumentation ist bloss ein miserabler Versuch, diejenigen zu isolieren, die k\u00e4mpfen. Die Anarchisten waren nie die einzigen, die gegen das Gef\u00e4ngnis revoltieren. Das Gegenteil zu behaupten, zeugt nur von Blindheit und von der Unf\u00e4higkeit, den diffusen sozialen Charakter der Feindlichkeit gegen\u00fcber den Gef\u00e4ngnissen und der Justiz zu verstehen, der zumindest im Kontext von St\u00e4dten wie Br\u00fcssel oder Charleroi mehr als deutlich vorhanden ist. Jene, die nach \u201eunwiderlegbaren Beweisen\u201c f\u00fcr diese soziale Verbreitung suchen, werden eher entt\u00e4uscht sein, wenn sie sich in die Annalen der offiziellen Presse vertiefen, einer Presse, die deutlich nie die Absicht hat, zur Revolte zu ermutigen. Aber sprechen wir lieber \u00fcber eine Episode, die sich gegen Ende des Jahres 2009 abspielte, um unseren Vorschlag zu veranschaulichen. W\u00e4hrend ein Kampf, der spezifisch gegen den Bau eines neuen geschlossenen Zentrums ausgerichtet war, das eigens konzipiert ist, um die widerspenstigen H\u00e4ftlinge darin einzuschliessen, begann, Leib und Seele anzunehmen, geben die Misshandlungen, die w\u00e4hrend eines W\u00e4rterstreiks im Gef\u00e4ngnis von Forest durch Polizisten ver\u00fcbt wurden, Anlass f\u00fcr eine ganze Reihe von verstreuten Feindlichkeiten. In Andenne lehnen sich Gefangene auf, in Br\u00fcssel brennen einige Autos von Europarlamentariern, in Anderlecht zieht eine Gruppe von vermummten Personen durch mehrere Strassen, widmet sich dem Einschlagen von Scheiben und steckt das lokale Polizeikommissariat in Brand (dasjenige der Polizeizone, welche die W\u00e4rter w\u00e4hrend ihres Streiks ersetzte). Am Folgetag zog eine von Antiautorit\u00e4ren organisierte und seit einigen Wochen vorgesehene Demonstration gegen die geschlossenen Zentren und die Gef\u00e4ngnisse durch Anderlecht und Molenbeek. W\u00e4hernddessen flammten weiterhin Fahrzeuge von Unternehmen auf, die mit der Verwaltung der Gef\u00e4ngnisse oder anderem in Verbindung stehen, w\u00e4hrend zu Neujahr die Fassade des Gef\u00e4ngnisses von Forest mit Kalaschnikovs beschossen wurde.<\/p>\n<p>Wie in den vorhergehenden Jahren, schienen die Sommermonate die idealen Umst\u00e4nde f\u00fcr Ausbr\u00fcche zu bieten. Diese folgen rasch aufeinander (man spricht von mehreren dutzend). Ausserdem verbreitete sich, zum Schrecken der Gef\u00e4ngnisdirektionen, der W\u00e4rtergewerkschaften und der braven B\u00fcrger, eine neue Ausbruchsmethode: die Geiselnahme von Gef\u00e4ngnispersonal, um die \u00d6ffnung der Tore des Gef\u00e4ngnisses zu erzwingen. Nach einigen erfolgreichen Ausbr\u00fcchen mit Geiselnahmen, hat sich die Methode ausgebreitet. Umso mehr, da es eine Methode ist, die in Reichweite von allen liegt: man braucht kein Netzwerk von Komplizen draussen, man braucht weder allzu viele Pl\u00e4ne noch schwierige und komplizierte Vorbereitungen zu machen, man braucht nichts aussergew\u00f6hnliches (ein spitzer Gegenstand reicht aus),&#8230; 1 Der verzweifelte Versuch der W\u00e4rter, dieser Tendenz entgegenzuwirken, indem sie selbst die Verfolgung der Ausbrecher aufnehmen, wird daran nichts \u00e4ndern. Schliesslich ist es nicht \u00fcberraschend, dass in einer Welt, in der die Sicherheits- und Kontrollmassnahmen immer mehr verst\u00e4rkt werden, auch die Revolte in einem gewissen Sinne \u201ebrutaler\u201c wird. Dies gesagt, versteht sich von selbst, dass nat\u00fcrlich jeder lieber auf eine \u201esanftere\u201c Weise, durch beispielsweise das \u00dcberklettern der Mauer ausbrechen w\u00fcrde, anstatt ein Messer unter die Kehle eines W\u00e4rters legen zu m\u00fcssen. Aber dies \u00e4ndert nichts an der Tatasche, dass diese Verbreitung der Methode der Geiselnahme eine logische Antwort auf die Verst\u00e4rkung Sicherheitsmassnahmen und auf die rohere Repression ist. Ab diesem Sommer haben zahlreiche W\u00e4rterstreiks eine bessere Bewaffnung der W\u00e4rter gefordert (Schilder, Helme, Taser, Tr\u00e4nengas, etc.). Im Jahr 2011 wird im Gef\u00e4ngnis von Saint-Gilles zum ersten Mal offiziell eine Interventionstruppe gebildet (offizi\u00f6s war dies bereits der Fall), die ausgebildet und bewaffnet ist, um w\u00e4hrend Unruhen, Aufruhren, Geiselnahmen, etc. zu intervenieren.<\/p>\n<p>Dies bewahrheitete sich im \u00dcbrigen auch auf der Strasse. Von Br\u00fcssel bis Charleroi wuchs die Anzahl der bewaffneten Angriffe weiter an und alles deutete darauf hin, dass es sich um eine soziale Tendenz handelte: die \u00dcberf\u00e4lle waren immer weniger das Werk von, um es so zu sagen, \u201eprofessionellen Banditen\u201c. Zeitgleich nahmen gewisse \u00dcberf\u00e4lle, angesichts der verst\u00e4rkten Sicherheitsmassnahmen und der steigenden Anzahl Polizisten \u201emit lockerem Abzug\u201c, einen brutaleren Charakter an. Man z\u00f6gerte nicht mehr, mit automatischen Waffen das Feuer gegen die Polizeipatrouillen zu er\u00f6ffnen, die ziemlich \u00fcberrascht dasteht angesichts der \u00fcberlegenen Feuerkraft beispielsweise einer Kalaschnikov. Angesichts der besseren Sicherung der Banken und anderer Tempel des Geldes, ging man die Direktoren bei sich zu Hause aufsuchen, um sie zu zwingen, die Koffer zu \u00f6ffnen. Andererseits stieg die Zahl der Unruhen und Aufruhre weiter an, und nicht alles waren einfache \u201eAufwallungen\u201c, bei Weitem nicht. Nehmen wir das Beispiel von mehreren Quartieren in Br\u00fcssel, vor allem Anderlecht, in denen es zur Gewohnheit geworden ist, vor einem Aufruhr die Elektrizit\u00e4t und die \u00f6ffentliche Beleuchtung zu kappen; oder auch grosse Mengen \u00d6l \u00fcber die \u00f6ffentliche Strasse auszusch\u00fctten, um die Polizeifahrzeuge ausrutschen zu lassen. Regelm\u00e4ssig wurden der Polizei Hinterhalte gestellt und noch h\u00e4ufiger entdeckte diese, dass es hier und da f\u00fcr sie vorbereitete \u00dcberraschungen gab (Verstecke von Molotovcocktails, von Pneus, um die Strasse mit brennenden Barrikaden zu blockieren, von Steinehaufen, von Eisenstangen, etc.). In einem solchen Kontext gibt es nichts zu z\u00f6gern: \u00d6l ins Feuer werfen und m\u00f6glichst klar \u00fcber unsere eigenen Absichten, unsere Ideen, unsere Gr\u00fcnde, unsere Verlangen sein, dies ist die Herausforderung, die sich gegen\u00fcber der anarchistischen Pr\u00e4senz in diesem Moment abzeichnete.<\/p>\n<p>Aufgrund der Intention dieses Buches haben wir beschlossen, keine Dokumente und Texte bez\u00fcglich des Kampfes einzuf\u00fcgen, der Ende Sommer 2009 gegen den Bau eines neuen geschlossenen Zentrums f\u00fcr widerspenstige illegale Migranten, die \u201eCaricole\u201c in Steenokkerzeel beginnen wird. Lasst uns dennoch anmerken, dass dieser Kampf, trotz seines spezifischen Ansetzwinkels, stets entschieden hat, alle Formen der Einsperrung ohne Unterscheidungen oder Abstufungen zu bek\u00e4mpfen. Die Agitation der anarchistischen Pr\u00e4senz, die spezifisch von den Revolten in den Gef\u00e4ngnissen ausging, hat sich zugunsten dieses spezifischen Kampfes etwas verringert. Doch die theoretischen und praktischen Verbindungen, Verbindungen, die im Feuer des Gefechts geschmiedet wurden, sind nicht durchtrennt worden.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><strong>2010 &amp; 2011<\/strong><\/em><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Nichts ist vorbei, alles geht weiter<\/h3>\n<p>Wie w\u00e4re es m\u00f6glich, einer Geschichte ein Ende zu stricken, die sich weiterhin fortwebt? Dynamiken ver\u00e4ndern sich, die Angriffswinkel wechseln, die Bedingungen wandeln sich&#8230; aber die Ideen bleiben. Vertieft vielleicht, aber das Fundament der Frage bleibt unver\u00e4nderlich: die Revolte gegen das Gef\u00e4ngnis und die Welt, die damit einhergeht. Aus diesem Blickwinkel wehren wir uns nicht gegen die Idee, in dieses Buch auch noch einige j\u00fcngere Texte einzuf\u00fcgen. Texte von 2010 und 2011. Es liegt uns auch daran, zu erw\u00e4hnen, dass die Publikation La Cavale etwa um diese Zeit aufgeh\u00f6rt hat, was aber nicht verhindern wird, dass die Korrespondenz zwischen drinnen und draussen \u00fcber andere Kan\u00e4le und Zeitungen mit einem breiteren Winkel fortbesteht.<\/p>\n<p>Die Unm\u00f6glichkeit eines Endes der Geschichte in Betracht ziehen. Vielleicht aus Angst, eine Art definitive Bilanz aus einem Kampfes ziehen zu m\u00fcssen, der keiner geradlinigen Flugbahn gefolgt ist, sonder vielmehr den Pfaden der Verlangen und Revolten, launisch wie die Freiheit selbst. Vielleicht, weil eine Bilanz immer nur provisorisch sein kann und die Erfahrungen nicht in beschr\u00e4nkte Rahmen gezw\u00e4ngt werden k\u00f6nnen. Oder eben gerade weil man, insbesondere auf dem Gebiet der Gef\u00e4ngnisse, nicht von einer fruchtbaren \u201eBefreidigung\u201c sprechen kann, die \u201eden Kampf\u201c ersetzt h\u00e4tte. Die Spannungen drinnen bleiben bestehen. Die Frage ist nicht so sehr, zu wissen, ob die Situation explodieren wird, sondern schlicht und einfach die Art und Weisen der Explosion.<\/p>\n<p>Die Frage, die sich am Ende jedes Buches stellt, diese schreckliche Frage: \u201eUnd wie hat es geendet?\u201c, \u201eWieso h\u00f6rt es da auf?\u201c, m\u00fcsste vielleicht umgekehrt werden. Ab hier beginnen neue Geschichten.<br \/>\nAb 2010 ruft der Staat tats\u00e4chlich alle Mann an Deck, um seinen Gef\u00e4ngnisapparat zu modernisieren und die latenten Unruhen zu begraben. Die Pl\u00e4ne der neuen Gef\u00e4ngnisse sind gezeichnet, die Unternehmen wurden gew\u00e4hlt und ein Jahr sp\u00e4ter, in Marche-en-Famenne, legt man den ersten Stein eines neuen Gef\u00e4ngnisses. In einem Versuch, die W\u00e4rtergewerkschaften miteinzubeziehen, Gewerkschaften, die ziemlich streits\u00fcchtig sind, willigt man systematisch in all ihre Forderungen ein. Diese Forderungen haben stets mit der Verst\u00e4rkung der Position der W\u00e4rter gegen\u00fcber den Gefangenen und gegen\u00fcber den Gef\u00e4ngnisdirektionen zu tun (die nicht immer mit der mafi\u00f6sen und clanhaften Verwaltung einverstanden sind, welche von den W\u00e4rtern gewollt oder durchgesetzt wird). Es versteht sich von selbst, dass sich die Interessen der W\u00e4rter und der Direktion stets decken (die effiziente Einsperrung der Gefangenen), doch es scheint, dass die \u201egemeinsame Front der W\u00e4rter\u201c einen breiten Raum von Autonomie gegen\u00fcber der Direktionen erhalten hat. Gleichzeitig befinden sich diese Direktionen oft in einem Kr\u00e4ftemessen mit dem Justizministerium und selbst mit dem Generalkommando der belgischen Gef\u00e4ngnisse, das von Hans Meurisse geleitet wird.<\/p>\n<p>Unter dem ausdr\u00fccklichen Befehl des Staates, reduzieren die Medien, als gute Wortf\u00fchrer der Macht, die Anzahl Neuigkeiten \u00fcber das, was drinnen passiert. Im Speziellen was die Revolten und Meutereien betrifft, die weiterhin stattfinden. Man versucht, sie so gut wie m\u00f6glich zu verschweigen, um den Modernisierungsprozess der Gef\u00e4ngnisse nicht zu behindern. Wenn jedoch etwas in den Medien herauskommt, dann ist das immer aus dem Blickwinkel, das bestehende Regime, den Bau von neuen Gef\u00e4ngnissen, die Reduzierung der M\u00f6glichkeiten auf bedingte Freilassung, etc. zu legitimieren.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, das Licht auf die Entwicklungen drinnen und die soziale Ordnung in ihrer Gesamtheit zu richten: Es versteht sich von selbst, dass der Staat, mit immer instabileren sozialen Bedingungen, nicht ohne einen gut funktionierenden Repressionsapparat auskommen kann. In einem solchen Kontext ist der Bau von neuen Gef\u00e4ngnissen sicher ein Schl\u00fcsselmoment, ein Drehmoment. W\u00e4hrend die Spannungen sowohl auf der Strasse wie innerhalb der Mauern nicht zur Ruhe kommen, sondern weiter ansteigen, gibt es keinen Zweifel dar\u00fcber, was die Tatsache betrifft, dass sich uns die Frage stellen m\u00fcsste, mit der wir dieses Buch gerne schliessen w\u00fcrden: Wie diesen Drehmoment in den allgemeinen sozialen Kontext stellen? Wie einen Kampf ins Auge fassen, der diesem Drehmoment Einhalt gebieten w\u00fcrde? Wie daf\u00fcr sorgen, dass dieser Modernisierungsmoment, dieser fragile Moment, mindestens ein grosses Chaos f\u00fcr die staatliche Verwaltung, ja sogar ein wahres Debakel wird?<\/p>\n<hr \/>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Einige Anmerkungen \u00fcber den Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis<\/h3>\n<p>Die Anpassungsf\u00e4higkeit des menschlichen Wesens \u00fcbersteigt jede Vorstellung. Man kann einen Menschen unter fast alle m\u00f6glichen Bedingungen stellen, selbst unter Bedingungen, in denen es nur den Tod als roten Faden der Geschichte gibt, und es wird ihm noch immer gelingen, sich anzupassen, sein Verhalten mit der Stimmgabel des feindlichen Milieus in Einklang zu bringen. Diese F\u00e4higkeit ist einerseits aussergew\u00f6hnlich und macht aus dem Menschen seine Eigenart als Mensch. Andererseits ist sie unendlich tragisch, denn die Macht begegnet darin nicht nur unerbittlichen Gegnern, sondern auch der Resignation, die im Grunde genommen der Lebenshauch, sei er auch faulig, der Macht selbst ist.<\/p>\n<p>Einige werden sagen, es handelt sich hierbei um den \u00dcberlebensinstinkt, andere werden auf die unersch\u00f6pfliche Kreativit\u00e4t verweisen, die der Mensch im Verlaufe der Geschichte darin bewiesen hat, seinen N\u00e4chsten in die Knie zu zwingen und in Ketten zu legen. Wieder andere werden aus der Standfestigkeit, die die Revolte der Menschen gegen die unertr\u00e4glichen Bedingungen auszeichnet, Mut sch\u00f6pfen. Wie dem auch sein, im Gef\u00e4ngnis findet man das alles auf konzentrierte Weise. Aber ist es m\u00f6glich, das Gef\u00e4ngnis zu kritisieren, ohne unmittelbar von dieser Gesellschaft zu sprechen, die auf der Autorit\u00e4t und der Macht basiert?<\/p>\n<p>Nichts auf dieser Welt kann f\u00fcr sich betrachtet werden. Unser ganzes Leben ist mit demjenigen von anderen verbunden (auch, ja sogar vor allem auf einer konfliktuellen Ebene), genauso wie alle Strukturen der Gesellschaft, die im Namen ihres Wohls errichtet wurden \u2013 wir sprechen wohlgemerkt vom Wohl \u201eder Gesellschaft\u201c, was wir von jenem der Individuen unterscheiden, die Teil von ihr ausmachen \u2013, unter einander verbunden sind. Die physische Struktur eines Spitals, einer Schule, eines Sanatoriums oder einer Fabrik gleicht jener des Gef\u00e4ngnisses. Die Mechanismen, die sich in ihr abspielen, und die ihre Form ausmachen, befinden sich im Einklang und in permanentem Dialog untereinander. Das Gef\u00e4ngnis als eine getrennte Frage zu betrachten, seine Problematik von der Gesamtheit der sozialen Frage loszul\u00f6sen, w\u00fcrde darauf hinaus laufen, daran vorbeizugehen, was sich uns stellt. Oder schlimmer noch, das Spiel der Macht zu spielen, die ihre Strukturen nie als eine Gesamtheit pr\u00e4sentiert, sondern als Elemente, die voneinander getrennt (und somit zu eventuellen Verbesserungen f\u00e4hig) sind. Wenn diese Elemente zwar durchaus ihr Fundament bilden, so ist die Macht der Zement, der sie in die Mauer der Autorit\u00e4t verwandelt. Die Hindernisse auf dem Weg zur Freiheit sind nicht diese getrennten Elemente, die sogar relativ einfach zu bek\u00e4mpfen w\u00e4ren, sondern diese Mauer, die aus diesen Elementen und dem scheinbar unersch\u00fctterlichen Zement der Macht gebildet ist.<\/p>\n<p><em>Das Gef\u00e4ngnis und die Gesellschaft als Lager unter offenem Himmel<\/em><\/p>\n<p>Obwohl der Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis nicht eine Frage von Statistiken, von Nummern und Zahlen ist \u2013 was gerade der ihm zugrunde liegenden Logik entsprechen w\u00fcrde, alle Menschen auf Inhaftierungsnummern und auf richterliche Dossiers zu reduzieren \u2013, kommt man nicht umhin, die Feststellung zu machen, dass sich niemals zuvor so viele Leute in einer der verschiedenartigen Einschliessungsstrukturen des Staates eingesperrt gefunden haben. Die Konzentrations- und Internierungslogik ist nach den Nazilagern nicht begraben worden. Ganz im Gegenteil wurde sie ausgefeilt und auf die Gesamtheit der Gesellschaft ausgeweitet. Die steigende Anzahl Gefangener \u2013 im Sinne von Personen, denen die Freiheit, die ihnen der Staat zugestand, weggenommen wurde \u2013 geht mit einer Diversifizierung der Einschlie\u00dfung einher: Gef\u00e4ngnisse, geschlossene Zentren f\u00fcr illegale Migranten, Erziehungsanstalten, geschlossene Zentren f\u00fcr Minderj\u00e4hrige, psychiatrische Einrichtungen und seit kurzem das eigene Haus (verwandelt in ein K\u00e4fig durch die Einf\u00fchrung der elektronischen Fu\u00dffessel).<br \/>\nAber ausschlie\u00dflich diese Tendenz zu betrachten und sie von der Gesamtheit der Richtung loszul\u00f6sen, die von der Gesellschaft eingeschlagen wird, w\u00fcrde uns bloss dazu f\u00fchren, die falschen Fragen zu stellen. Es handelt sich n\u00e4mlich um eine doppelte Bewegung. Einerseits der Ausbau der Einschliessungsstrukturen. Andererseits der viel ausgereiftere Ausbau der sozialen Kontrolle, vor allem durch die neuen Technologien. Die Zahl der Gef\u00e4ngnisse steigt weiter an, genauso wie die Zahl der Personen, die darin eingeschlossen sind. Die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit ist es, die sich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in ein grosses Lager unter offenem Himmel verwandelt. Man k\u00f6nnte sogar sagen, dass der Ausbau der Einschliessungsf\u00e4higkeit im Vergleich zur viel \u201eeffizienteren\u201c pr\u00e4ventiven Repression gewissermassen ein Archaismus darstellt.<\/p>\n<p>Das Gef\u00e4ngnis beschr\u00e4nkt sich nicht nur auf die vier Mauern, und nicht einmal im weiteren Sinne auf die technologische Kontrolle oder auf die Psychiatrisierung des Menschen. Die Einschliessung \u2013 verstanden als Umz\u00e4unung, Restriktion oder Abschaffung der M\u00f6glichkeiten, die ein Mensch in Freiheit erfassen k\u00f6nnte \u2013 operiert in jeder sozialen Unterdr\u00fcckung. Es w\u00e4re fast schon grotesk, mittels Kraftausdr\u00fccken und autorit\u00e4ren Mechanismen von ihr zu sprechen, w\u00e4hrend man doch nur ein Auge darauf zu werfen braucht, wie die Einschliessung in der Familie oder in einem religi\u00f6sen Kontext Gestalt annimmt. In diesem Sinne kann das Gef\u00e4ngnis als nichts anderes betrachtet werden, als die Konsequenz aller autorit\u00e4ren Beziehungen, die aus dem, was man \u201eunsere Welt\u201c nennt, die Schweinerei macht, die sie ist. Und umgekehrt. Denn die Herrschaft in ihrer Gesamtheit siedelt sich nach dem Abbild des Gef\u00e4ngnisses im K\u00f6rper und Geist der Menschen an. Das Gef\u00e4ngnis ist die offenkundige, sichtbare und greifbare Verk\u00f6rperung jeder autorit\u00e4ren Logik; ebenso wie die Autorit\u00e4t nie etwas anderes aufbauen kann, als Gef\u00e4ngnisse, auch wenn diese viele Formen und viele Farben annehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Lasst uns also gleich auf den Punkt kommen: innerhalb des gegenw\u00e4rtigen sozialen Kontextes ist es unm\u00f6glich, das Gef\u00e4ngnis abzuschaffen. Selbst wenn die Mauern in die Luft gesprengt und die T\u00fcren der Zellen aufgebrochen w\u00fcrden, solange das Autorit\u00e4tsprinzip nicht den Todesstoss erhalten hat, w\u00fcrde es unter einer anderen Form wieder auftauchen. Schlimmer noch: man kann sich darauf gefasst machen, dass, solange es Staaten geben wird (egal welche Form sie annehmen), eine hypothetische Reduzierung der physischen Einschliessung nur durch eine wirkliche Reduzierung der Freiheit m\u00f6glich ist, das heisst, indem man sich darum k\u00fcmmert, dass wir alle zu W\u00e4rtern und Gefangenen im grossen Gef\u00e4ngnis der Gesellschaft geworden sind. Hierin liegt die traurige Trag\u00f6die beispielsweise der K\u00e4mpfe gegen die Isolationstrakte&#8230; Sie k\u00f6nnen nicht anders, als auf die Zerst\u00f6rung aller Gef\u00e4ngnisse (das heisst, auf eine soziale Revolution, die das Autorit\u00e4tsprinzip zugunsten der Experimentierungen mit der Freiheit vertreibt), oder aber auf die Verallgemeinerung in allen Gef\u00e4ngnissen und in allen Bereichen von gewissen Massnahmen hinauslaufen, die den Isolationsregimes eigen sind. Die entscheidende Zerst\u00f6rung der Gef\u00e4ngnisse wird eine Konsequenz, besser gesagt, eine Lebensnotwendigkeit der sozialen Revolution sein, die sich jeglicher Autorit\u00e4t entledigen will.<\/p>\n<p>Muss man daraus nun schliessen, dass heute, in einer Zeit, da der revolution\u00e4re und freiheitliche Elan gewiss nicht so stark umgeht wie die Herrschaft und ihre falschen autorit\u00e4ren Kritiker, ein Kampf gegen das Gef\u00e4ngnis keinen Sinn macht? Muss man daraus schliessen, dass er von Anfang an zum Scheitern und zur Niederlage verurteilt w\u00e4re? Wenn wir dazu k\u00e4men, diese Frage mit Ja zu beantworten, dann w\u00fcrden wir nie mehr einen Kampf angehen. Denn dasselbe k\u00f6nnte man gewissermassen \u00fcber jeden beliebigen Konflikt, jeden beliebigen Kampf, jeden beliebigen Versuch sagen, sich aufzulehnen und der Revolte freien Lauf zu lassen \u2013 nicht f\u00fcr eine einfache Verbesserung, nicht f\u00fcr einige zus\u00e4tzliche Kr\u00fcmel, sondern, um die Autorit\u00e4t zu zerst\u00f6ren. Aber bei der Subversion und somit der sozialen Revolution geht es nicht um Teilsiege oder um Resultate, die mit den Massst\u00e4ben der Herrschaft messbar sind. Die Zerst\u00f6rung der Gef\u00e4ngnisse beginnt nirgends anders \u2013 genauso wie die radikale Umw\u00e4lzung aller bestehenden sozialen Verh\u00e4ltnisse \u2013, als im jetztigen Konflikt, in der Entscheidung, die Resignation in tausend St\u00fccke zu brechen und an der Revolte Geschmack zu finden. Jede Weigerung, dem Gef\u00e4ngnisregime und seinen Dienern zu gehorchen, jeder Akt der Revolte, jeder Moment, in dem das Verlangen nach Freiheit \u00dcberhand nimmt \u00fcber die Trag\u00f6die der Anpassung an die Umst\u00e4nde, untergr\u00e4bt die so sehr gehassten Mauern.<\/p>\n<p><em>Delinquenz und Rebellion<\/em><\/p>\n<p>Das romantische Bild des Banditen, der mit allen Gesetzen bricht, der letzte heroische Kampf des Gesetzlosen mit den Verteidigern des Staates, die volkst\u00fcmlichen Geschichten der zahlreichen Robin Hoods&#8230; sind sehr sch\u00f6ne Geschichten. Sie geben Hoffnung und schliesslich geht es nicht so sehr darum, zu wissen, ob sie \u201ewahr\u201c sind oder nicht; sind Vorstellung und Traum \u201ewahr\u201c? Dennoch inspirieren, ermutigen und leiten sie zahlreiche Schritte, zahlreiche Abenteuer, zahlreiche Parcours von Menschen.<\/p>\n<p>Man sollte aber diese bezaubernde Kraft der Vorstellung, die wahre Essenz der Revolte, und das delinquente Milieu, so wie es heute existiert, nicht miteinander verwechseln. Es ist ziemlich einfach: einer der St\u00fctzpfeiler dieser Welt ist das Geld. Und es gibt legale und illegale Wege, es sich zu verschaffen. So gibt es beispielsweise die legale Pl\u00fcnderung und den legalen Diebstahl, der von den Bossen, den Reichen, den M\u00e4chtigen, und zugunsten von ihnen ausge\u00fcbt wird. F\u00fcr Gew\u00f6hnlich nennt man dies \u201eLohnarbeit\u201c (den K\u00f6rper, die Energie und den Geist des Arbeiters pl\u00fcndern), \u201eAbbau von nat\u00fcrlichen Ressourcen\u201c (die Erde pl\u00fcndern), \u201eHandel\u201c (mit Geld Geld machen, die Bed\u00fcrfnisse der Leute in Geld umwandeln, von ihren Verlangen und Tr\u00e4umen schmarotzen, indem sie in k\u00e4ufliche Waren umgewandelt werden). Die illegalen Wege, wohl wissend, das dieser Begriff denjenigen geh\u00f6rt, die von ihm profitieren, sind also die Pl\u00fcnderung (Waren nehmen, ohne zu bezahlen), der Drogenhandel (die Drogenabh\u00e4ngigkeit in Geld umwandeln), der Diebstahl und der \u00dcberfall (mit Gewalt das Eigentum eines anderen in Beschlag nehmen) und so weiter. Es ist also deutlich, dass die Tatsache, dass jemand die Grenzen der Legalit\u00e4t \u00fcberschreitet, nicht bedeutet, dass er dabei ist, die Grundlagen dieser Welt umzuw\u00e4lzen. Aber man kann das Kind nicht mit dem Bad aussch\u00fctten.<\/p>\n<p>Gehen wir die Frage aus einem anderen Blickwinkel an. Unser Kampf gegen diese Welt der Autorit\u00e4t und des Geldes kann im wahren Sinn des Wortes nur delinquent sein: vom rechten Weg abkommen und mit den herrschenden Normen brechen. Es ist nicht unvorstellbar, einer Welt, die in eine Minderheit von Reichen und eine \u00fcberwiegende Mehrheit von Armen unterteilt ist, ein Ende zu setzen, ohne deswegen daf\u00fcr zu sorgen, dass das heilige Eigentum von seinem Podest f\u00e4llt. Der unm\u00f6gliche und unausstehliche Moralismus des Privateigentums hat mit irgendeinem \u201eRespekt vor dem Wohl des anderen\u201c nichts zu tun, sondern hat vor allem daf\u00fcr gesorgt, dass die Armen weniger moralische Bedenken haben, sich gegenseitig zu bestehlen oder sich den Reichen zu verkaufen, anstatt das Geld bei jenen holen zu gehen, die sich oben auf der sozialen Leiter befinden. Es ist nicht m\u00f6glich, die delinquente Spannung bei den Armen durch die Moral, die Religion, die Ideologie und die Repression auszuradieren. Anstatt zu versuchen, diese Spannung auszuradieren, hat sich der Staat f\u00fcr einen anderen Weg entschieden: die Delinquenz nicht mehr zu beseitigen, sondern sie zu verwalten, sie einzubinden und sich ihr zu bedienen. Das beste Beispiel daf\u00fcr ist eine der einfachsten Arten, welche die Gesellschaft offeriert, um rasch ziemlich viel Geld anzusammeln (oder zumindest die Illusion davon zu umarmen): der Drogenhandel. Dadurch, dass er sie illegal macht, l\u00e4sst der Staat den Preis der Drogen auf dem Markt aufbl\u00e4hen, und gleichzeitig profitiert er von den Konsequenzen, die ihm zugute kommen: Schwarzhandel, Stimulierung der Umwandlung der Delinquenz in Unternehmertum, D\u00e4mpfung der sozialen Spannungen durch eine breite soziale Bet\u00e4ubung, und so weiter. Durch den Justizapparat \u2013 und somit die Gef\u00e4ngnisstrafe \u2013 verwaltet und leitet der Staat ein Teil dieser Branche der Delinquenz. Mittels der Drohung mit Verfolgungen und Gef\u00e4ngnisstrafen sichert er sich zus\u00e4tzlich ein breites Netz von Denunzianten und Spitzeln. Und vergessen wir auch nicht die zahlreichen historischen Beispiele, in denen der Staat jene rekrutiert, die nicht z\u00f6gern, die Gesetze zu \u00fcbertreten, um die Revolution\u00e4re und die aufst\u00e4ndischen Massen zu massakrieren. Kurz gefasst: das delinquente Milieu oder die Delinquenz kann sicher nicht als eine Art Gegenpol der staatlichen oder sonstigen Macht betrachtet werden.<\/p>\n<p>Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Innerhalb der Delinquenz gibt es auch solche, die die Regeln des Spiels nicht akzeptieren und mit ihnen brechen wie sie mit den staatlichen Gesetzen brechen. Solche, die das Geld dort suchen gehen werden, wo es sich im \u00dcberfluss befindet, und die nicht wie Soldaten den Befehlen irgendeines Mafia- oder Clanchefs gehorchen. Es liegt uns fern, hier irgendeine Kategorie von \u201esozialen Rebellen\u201c konstruieren zu wollen, aber dies beseitigt nicht die Anwesenheit des rebellischen Aspektes. Genau dieser Aspekt ist es, den viele Personen gerne bereitwillig verbergen w\u00fcrden. Der Staat, ebenso wie seine linken oder rechten Gegenspieler, will brave und folgsame Arme. Wenn der Arme mit seiner Resignation bricht und sich auf die Suche nach Mitteln macht, um die notwendige Enteignung anzugehen, dann liegt da der Anfang eines m\u00f6glichen Parcours von Rebellion und Subversion, ein Parcours, der von keiner politischen Tendenz anerkannt wird, eben weil seine letzte Konsequenz logischerweise die Zur\u00fcckweisung der Politik als eine Verwaltungsweise der Individuen ist. Diese historische Spannung lebendig zu halten und sie zu vertiefen, ist von fundamentalem Interesse f\u00fcr jegliches subversive Projekt. Fern von einer Verherrlichung des Verbrechens an sich, geht es hier um die a-legale Aneignung der Mittel, um das Privateigentum zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><em>Die Rechte der Macht<\/em><\/p>\n<p>Wie in den meisten sozialen Konflikten beziehen sich die Protagonisten des Kampfes in und gegen das Gef\u00e4ngnis oft auf ein Dokument, das einige Jahrhunderte alt ist: die Menschenrechte. Man k\u00f6nnte in der Tat sagen, dass alle Gef\u00e4ngnisregime im Widerspruch mit den Menschenrechten stehen, aber dies gilt im Grunde genommen f\u00fcr alles auf dieser Welt. Aber es ist kein Zufall, dass sowohl die M\u00e4chtigen wie ihre Kritiker so oft von den Menschenrechten sprechen. Im Namen eben dieser Rechte ist es, dass unm\u00f6gliche Allianzen geschlossen werden. Dass man sich um den Tisch setzt, um zu verhandeln, um einen Kompromiss zu finden. Der Diskurs, der sich auf die Rechte bezieht, f\u00fchrt nur zu einem Resultat: er n\u00e4hert uns dem Staat an, denn er ist derjenige, der alle Rechte vergibt und sch\u00fctzt. Und wenn eines der zugestandenen Rechte verletzt wird, so ist es der Staat, oder eine seiner Branchen, der \u00fcber die Schwere dieser Verletzung, \u00fcber etwaige L\u00f6sungen oder \u00fcber den Beschluss, die Existenz dieser Verletzung zu negieren, entscheiden wird. Die Rechte sind immer die Rechte des Staates.<\/p>\n<p>Nehmen wir beispielsweise die Rechte der Gefangenen. Diese Recht wurden vom Staat oder den Gef\u00e4ngnisdirektion formuliert und vergeben. Sie k\u00f6nnen also in jedem beliebigen Moment zur\u00fcckgenommen oder ausser Kraft gesetzt werden. Der Bunker oder die Platzierung unter Isolation ist im Grunde genommen die \u201elegale\u201c Suspendierung jeglichen Rechts. Alles, was die Gefangenen in Sachen Spielraum erhalten haben, haben sie durch den Kampf erhalten. Jeder Spielraum, der nicht das Ziel eines Kampfes gewesen ist, kann, ebenso wie im Rest der Gesellschaft, morgen wieder abgeschafft werden, falls es der Staat als w\u00fcnschenswert erachtet. All die sch\u00f6nen Worte \u00fcber die Rechte der Gefangenen schliessen die eventuellen kommenden Konflikte in einer Zwangsjacke ein, eine Zwangsjacke, die daf\u00fcr sorgt, dass die Ergebnisse immer f\u00fcr das Gef\u00e4ngnis selbst profitabel sind. Dies zeigt sich deutlich in den zahlreichen Versuchen der Direktionen, die Gefangenen formell in die Verwaltung der Einschliessung miteinzubeziehen, indem man sie an ihrer eigenen Unterdr\u00fcckung teilhaben l\u00e4sst. Innerhalb des gegebenen Rahmens k\u00f6nnen die Gefangenen also \u201eihrer Stimme\u201c Geh\u00f6r verschaffen. Und anstatt zu k\u00e4mpfen, werden Umgestaltungen ausgehandelt. Damit wollen wir nicht sagen, dass diese Umgestaltungen nicht einen wirklichen Unterschied bewirken k\u00f6nnen, aber die Frage liegt immer darin, wie sie erreicht wurden. Nehmen wir ein konkretes Beispiel, um unseren Vorschlag besser zu veranschaulichen. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen einerseits Gefangenen, die sich weigern, nach dem Hofgang in ihre Zellen zur\u00fcckzukehren, um mehr Stunden des Spaziergangs zu fodern; und andererseits Gefangenen, die versuchen, \u00fcber den Weg der Gerichte, ihre \u201eRechte\u201c auf mehr Spaziergang gelten zu machen, oder die mit der Direktion \u00fcber m\u00f6gliche Verl\u00e4ngerungen verhandeln werden. Im ersten Fall wird die Direktion entweder die Revolte niederschlagen, oder die Verl\u00e4ngerung akzeptieren m\u00fcssen&#8230; und falls sie dieses Zugest\u00e4ndnis wieder zur\u00fccknehmen w\u00fcrde, so w\u00fcsste sie, dass sie sich auf erneute Weigerungen, in die Zellen zur\u00fcckzukehren, gefasst machen kann. Im zweiten Fall wird es f\u00fcr die Direktion ausreichen, einige gesetzliche Einw\u00e4nde zu nennen oder den klagenden Gefangenen eine Verlegung in ein anderes Gef\u00e4ngnis anzubieten. Selbst im Falle, dass es ihnen gelingen w\u00fcrde, eine Verbesserung zu erhalten, w\u00fcrde die Direktion nichts daran hindern, sie im gew\u00fcnschten Moment wieder zur\u00fcckzunehmen, denn die einzige Bedrohung w\u00e4re dann eine erneute Verhandlung und gewiss nicht ein Gef\u00e4ngnis in Aufruhr.<\/p>\n<p>Die Frage liegt also nicht so sehr in einer Opposition zwischen Reformismus (die progressive Reform des Gef\u00e4ngnissystems) und Revolution (die unmittelbare Zerst\u00f6rung des Gef\u00e4ngnisses); sondern vielmehr in der Entwicklung eines Kampfparcours, im Aufbau einer widerspenstigen Spannung und in der M\u00f6glichkeit, in der geteilten Revolte Komplizenschaften zu schmieden. Alles andere wird immer ein Zeichen von Schw\u00e4che sein, w\u00e4hrend man nichts anderes als inszenierte Resultate erh\u00e4lt, die nur auf dem Papier von Wert sind.<\/p>\n<p><em>Die W\u00e4rter und die individuelle Verantwortung<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn es keinen Zweifel daran gibt, dass derjenige, der eine Uniform tr\u00e4gt, einen Teil seiner Menschlichkeit beseite legt, hat es keinen Nutzen, die W\u00e4rter als unmenschliche Monster darzustellen, die zu jeder beliebigen Form von Folter und Missbrauch f\u00e4hig sind. Dies w\u00fcrde zu sehr einer Umkehrung des Bildes gleichen, dass die Gesellschaft von \u201eden Gefangenen\u201c aufstellt, um subversiv zu sein. Es stimmt gewiss, dass die Mehrheit, ja sogar die Gesamtheit der W\u00e4rter, nach Jahren der Abstumpfung und der Gew\u00f6hnung daran, Autorit\u00e4t und Gewalt auszu\u00fcben, nicht mehr f\u00e4hig ist, sich anders zu verhalten. Aber es stimmt auch, dass es, wie wir damals gesagt haben, \u201emenschliche\u201c W\u00e4rter gibt, die sich von Zeit zu Zeit um das Schicksal eines H\u00e4ftlings sorgen oder die Augen dort verschliessen, wo die allzu w\u00f6rtliche Anwendung des Regimes den Tod bedeuten w\u00fcrde. Kann man von diesen sagen, dass sie \u201eunmenschlich\u201c sind? Zudem, wo liegt der wesentliche Unterschied zwischen dem \u201eunerbittlichen W\u00e4rter\u201c, der von seiner Macht berauscht ist, und dem Direktor \u2013 ohne Uniform und im Allgemeinen nicht pers\u00f6nlich in die Folter- und Gewaltakte verwickelt? Aus diesem Grund sprechen wir, wenn wir in diesem Text von \u201eW\u00e4rtern\u201c sprechen, von all denjenigen, die das allt\u00e4gliche Funktionieren des Gef\u00e4ngnisses formell m\u00f6glich machen: W\u00e4rter, Psychiater, Gef\u00e4ngnissozialarbeiter, Direktoren, Stellvertreter, \u00c4rzte,&#8230;<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir anders vorgehen. Anstatt die W\u00e4rter nach ihrem Grad von \u201eMenschlichkeit\u201c einzuklassieren \u2013 w\u00e4hrend wir damit verschweigen, dass sich das System ebenso sehr auf die Brutalit\u00e4t wie auf die Barmherzigkeit und das Wohlwollen, oder, besser noch, auf deren unertr\u00e4gliche Kombination st\u00fctzt \u2013, w\u00fcrden wir besser daran tun, von der Tatsache auszugehen, dass die W\u00e4rter durchaus \u201emenschliche Wesen\u201c sind, mit allen Widerspr\u00fcchen und aller Komplexit\u00e4t, die das impliziert. Selbst im Folterer f\u00e4hrt das menschliche Wesen fort, zu existieren. Es geht also nicht mehr darum, zu wissen, \u201ewer sich auf akzeptierbare Weise verh\u00e4lt und wer die Grenzen \u00fcberschreitet und infolgedessen bestraft werden wird\u201c, was uns zwangsl\u00e4ufig zu einer reformistischen Vorstellung des Kampfes f\u00fchren w\u00fcrde (selbst wenn dieser bewaffnet ist), sondern vielmehr darum, auf welche Weisen man die W\u00e4rter bezwingen kann, die \u2013 wie die Mauern, die Schranken, die Justiz und die herrschende Moral \u2013 Hindernisse auf dem Weg zur Freiheit sind. Ein Angriff gegen die W\u00e4rter wird dann nicht mehr \u201enur\u201c eine Frage von Repressalie, sondern eine Frage danach, wie ein Hindernis f\u00fcr unser Verlangen nach Freiheit beseitigt werden kann. Wenn es Tote gibt, werden wir uns also nicht hinter der Bemerkung verstecken, \u201eauf Uniformen gezielt zu haben\u201c, sondern in vollem Bewusstsein auf uns nehmen, auf einen Menschen gezielt zu haben, der, aufgrund seiner individuellen Verantwortung und seiner Entscheidung, die Funktion der Verteidigung der bestehenden Ordnung auszu\u00fcben, ein Hindernis f\u00fcr unsere Freiheit ist.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich pfeifft die Macht f\u00fcstlich auf diese Art von ethischen \u00dcberlegungen und von Suche nach Koh\u00e4rzen in dem, was wir wollen, und darin, wie wir k\u00e4mpfen. Auf Seiten der M\u00e4chtigen wird nie mit Grausamkeiten gespart. Aber wir sind nicht wie sie. Wir wollen nicht wie sie werden. Wir sind keine R\u00e4cher, die Schaffotte errichten, um die Schuldigen zu bestrafen. Wir k\u00e4mpfen schlicht mit allen Mitteln, die wir f\u00fcr angebracht halten, damit es nie wieder weder Schaffotte noch Henker geben wird. Wir brauchen daher nicht das Bild von Monstern auf die W\u00e4rter zur\u00fcckzuwerfen, das sie uns anh\u00e4ngen \u2013 w\u00e4hrend sie sich damit in die lange Tradition von denjenigen einschreiben, die ganze Bev\u00f6lkerungen als Untermenschen, Ungeziefer, Nationsverr\u00e4ter, Treulose, Niederwertige hinstellen, um sie ausl\u00f6schen zu k\u00f6nnen. Wir betrachten sie als das, was sie sind: Menschen, die sich Tag f\u00fcr Tag entscheiden, den Schl\u00fcssel in den Schl\u00f6ssern der Zellen umzudrehen. Weil wir nicht denken, dass es m\u00f6glich ist, die Henker zu \u201ebekehren\u201c oder zu \u201e\u00fcberzeugen\u201c, bedeutet das nicht, dass wir ihnen ihre Menschlichkeit abstreiten. Es ist diese Spannung, diese ethische Spannung nach der Freiheit, die nicht eine andere Version der \u201eJustiz\u201c mit ihren Gesetzen und Bestrafungen sein will, die uns so verschieden macht und in der wir unsere Kraft und unseren Mut sch\u00f6pfen, um die Autorit\u00e4t weiterhin mit den Waffen der Antiautorit\u00e4t zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Dies erm\u00f6glicht uns im \u00dcbrigen, ohne Missverst\u00e4ndnisse zum Angriff \u00fcberzugehen. Denn selbst wenn das Gef\u00e4ngnis eine Maschinerie ist, der es gelingt, die Verantwortung der Folter, die die Einschliessung in Wirklichkeit ist, ins Endlose zu verteilen, und somit das verschwommene Gesicht eines tentakligen und anonymen Monsters annimmt, so tragen gewisse Personen paradoxerweise spezifische Verantwortungen. Sie zu identifizieren ist eine Lebensnotwendigkeit f\u00fcr jedes Projekt des Kampfes gegen das Gef\u00e4ngnis. Verstehen, wer, wo und wie die F\u00e4den zieht. Wer entscheidet \u00fcber die Platzierung unter Isolation von widerspenstigen Gefangenen. Wer erm\u00f6glicht es den W\u00e4rtern, sich zu decken. Wer ist verantwortlich f\u00fcr die Entscheidung der Internierungen, etc. Diese individuellen Verantwortungen zu erkennen ist eine unumg\u00e4ngliche Aufgabe der Feinde des Gef\u00e4ngnisses.<\/p>\n<p><em>Das Gef\u00e4ngnis und seine Mentalit\u00e4t<\/em><\/p>\n<p>Innerhalb der Mauern sind die W\u00e4rter nicht die einzigen, die sich in Sachen Herrschaftstechnik bilden. Die Beziehungen unter H\u00e4ftlingen sind genauso gepr\u00e4gt von Autorit\u00e4t wie jene der Leute draussen. Einerseits formalisiert das Gef\u00e4ngnisregime diese hierarchischen Verh\u00e4ltnisse, indem es Privilegien gew\u00e4hrt, indem es einen Teil der Gefangenen direkt in die Verwaltung des Gef\u00e4ngnisses miteinbezieht und gewisse st\u00f6rende Elemente vom Rest der Gef\u00e4ngnisbev\u00f6lkerung isoliert. Andererseits werden die Gefangenen von allem im Gef\u00e4ngnis ermutigt, sich die Herrschaftstechniken anzueignen und sich darin zu bilden. Die Verh\u00e4ltnisse unter Gefangenen sind weniger durch ein Gef\u00fchl von \u201eBr\u00fcderlichkeit\u201c aufgrund der geteilten Bedingung bestimmt, als vielmehr durch die herrschende Moral dieser Gesellschaft: Konkurrenz, Erpressung, Betrug, Verrat, Spaltung, Ausschluss, Handel, Resignation, Akzeptierung, Bet\u00e4ubung, Hierarchie. Die Momente, in denen die Gefangenen in Aufstand treten, sind daher fast immer Unterbr\u00fcche, ja sogar \u00dcberwindungen dieser Verh\u00e4ltnisse. Die Insurrektion gegen das Gef\u00e4ngnis beginnt dort, wo der Verrat dem Vertrauen, die Konkurrenz der Solidarit\u00e4t, die Resignation dem Kampf Platz macht. Das Gef\u00e4ngnis unternimmt alles, was in seiner Macht steht, um aufzuzeigen, dass sich diese Unterbr\u00fcche oder diese \u00dcberwindungen f\u00fcr die aufst\u00e4ndischen Gefangenen immer zum Schlechten wenden. Es sorgt daf\u00fcr durch den Bunker, die Isolierung, die Verpr\u00fcgelungen, die Aufhebung der \u201eRechte\u201c, die Beseitigung einer Perspektive auf bedingte Freilassung, aber auch durch die Mitteilung, die es seinen Geiseln konstant zukommen l\u00e4sst: wenn du dich ruhig verh\u00e4ltst, wird alles schnell gehen.<\/p>\n<p>Der Akt des Sich-Auflehnens erweist sich somit, drinnen wie drau\u00dfen, als eine Lebensnotwendigkeit, und nicht als schlichte Formalit\u00e4t, um etwas zu erreichen. Wir werden nie aufh\u00f6ren, allem voran die intim menschliche und lebendige Seite der Revolte zu betonen, die Wichtigkeit, die sie f\u00fcr das revoltierende Individuum an sich hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcnf Jahre Unruhen in den belgischen Gef\u00e4ngnissen. F\u00fcnf Jahre Revolten, Meutereien und Ausbr\u00fcche. F\u00fcnf Jahre Agitation, Aktionen und Angriffe gegen das Gef\u00e4ngnis und seine Welt. 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