{"id":786,"date":"2009-07-10T12:09:09","date_gmt":"2009-07-10T11:09:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=786"},"modified":"2014-12-26T23:07:17","modified_gmt":"2014-12-26T22:07:17","slug":"thomas-meyer-falk-knast-und-kriminalitaetsfurcht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-knast-und-kriminalitaetsfurcht","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Knast und Kriminalit\u00e4tsfurcht"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" title=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" class=\"alignleft size-full wp-image-662\" \/>Sicherheitsgef\u00fchl und Kriminalit\u00e4tsfurcht beherrschen vielfach die Diskussion, wenn \u00fcber den Strafvollzug und die dort einsitzenden Gefangenen die Rede ist. Medien und Politik tun das ihre, um bestehende Vorurteile zu verst\u00e4rken und tendenziell Stimmung gegen Gefangene zu machen.<\/p>\n<p>Schaut man sich die einschl\u00e4gigen Statistiken, von welchen im Folgenden die Rede sein soll an, so wird deutlich, wie sehr die Stimmungsmache Wirkung zeigt.<\/p>\n<p><strong>A.) Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)<\/strong><\/p>\n<p>In der PKS ver\u00f6ffentlicht das Bundesministerium des Inneren allj\u00e4hrlich die der Polizei bekannt gewordenen Straftaten, bietet also einen Einblick in das Hellfeld der Kriminalit\u00e4tsentwicklung in Deutschland (das Dunkelfeld, also jene Delikte, die nicht zur Anzeige gebracht werden, wird nicht erfasst).<!--more--><br \/>\nErfasste die PKS 1993 circa 6,75 Millionen F\u00e4lle, so waren es f\u00fcr 2008 nur noch 6,11 Millionen. Davon waren \u00fcber 55 % der Delikte Diebstahl oder Betrug.<br \/>\nWichtig zum Verst\u00e4ndnis ist, die Zahl der Delikte in Bezug zur Einwohnerzahl zu setzen, denn es macht einen Unterschied, ob wenige Menschen viele Taten oder viele Menschen wenige Straftaten begehen. Vor 16 Jahren, also 1993 z\u00e4hlte das Statistische Bundesamt circa 80,9 Millionen Einwohner, 2008 waren es schon 82,2 Millionen.<\/p>\n<p>Das bedeutet, im Vergleich der Jahre 1993 und 2008 stellen wir einerseits einen R\u00fcckgang der erfassten Delikte um etwa 636 000, zugleich aber eine Zunahme der Bev\u00f6lkerungszahl um 1,2 Millionen fest.<\/p>\n<p>Der subjektive Eindruck vieler B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, es w\u00fcrden immer mehr und immer schwerere Straftaten begangen, l\u00e4sst sich statistisch nicht belegen. Vielmehr ist das Gegenteil richtig.<\/p>\n<p>Sexualdelikte, die immer gerne von Politik und Medien heran gezogen werden, um Gesetzesversch\u00e4rfungen zu begr\u00fcnden (aktuell die Bestrebungen der Bundesministerin von der Leyen, auf dem R\u00fccken missbrauchter Kinder eine umfassende Internetzensur \u2013 erfolgreich \u2013 durchzusetzen), werden in ihrer Zahl, so schockierend und traurig jeder Einzelfall ist, \u00fcbersch\u00e4tzt. Wie hoch sch\u00e4tzen Sie den Anteil von Sexualtaten an der Gesamtkriminalit\u00e4t? 5 %? 10 %? 20 %? 30 %?.<br \/>\nEs sind exakt 0,9 %! Wobei man nat\u00fcrlich ber\u00fccksichtigen muss, dass es sich dabei um die zur Anzeige gebrachten F\u00e4lle handelt (vgl. obige Bemerkung zum Dunkelfeld).<br \/>\nDie Zahl der T\u00f6tungsdelikte sinkt ebenso wie die Zahl der Raub\u00fcberf\u00e4lle.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend somit trotz steigender Bev\u00f6lkerungszahl (1993 \u2013 2008) die Zahl der erfassten Straftaten, wie auch die Anzahl der schweren Gewalttaten sank, stieg die Zahl der Gefangenen und Sicherungsverwahrten.<\/p>\n<p><strong>B.) Gefangenenstatistik<\/strong><\/p>\n<p>Die Zahl der Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten sank von 1965 bis 1995 auf 46.516 (1965: 49.573), um seitdem wieder zu steigen, auf zwischenzeitlich 62.348 (f\u00fcr 2008).<br \/>\nBefanden sich 1995 ungef\u00e4hr 0,057 % der Bev\u00f6lkerung in Strafhaft oder Sicherungsverwahrung, waren es 2008 schon 0,076 %, was immerhin einer Steigerung von 33,38 % entspricht (im selben Zeitraum 1995 \u2013 2008 sank die in der PKS erfasste Zahl der F\u00e4lle um 8,32 %!).<\/p>\n<p>Noch frappierender ist die Situation f\u00fcr in der Sicherungsverwahrung untergebrachten Menschen. Die SV ist nach dem Gesetz als Ma\u00dfregel der Besserung und Sicherung f\u00fcr die (angeblich) schwersten F\u00e4lle von \u201eGewohnheitsverbrechern\u201c gedacht, wobei die SV \u2013 nach diversen \u201eReformen\u201c &#8211; mittlerweile auch gegen Erstt\u00e4ter und nach Jugendstrafrecht Verurteilte (dann auch nachtr\u00e4glich) verh\u00e4ngt werden darf.<\/p>\n<p>Deren Zahl, d.h. der in SV Untergebrachte, sank von 1965, als 1430 in SV sa\u00dfen, auf 183 im Jahr 1995. Seinerzeit wurde sogar die Abschaffung der SV diskutiert und es gab entsprechende parlamentarische Initiativen, unter anderem von den GR\u00dcNEN.<br \/>\nAber zwischenzeitlich stieg die Belegung der SV um sage und schreibe 152 %! Zum Stichtag 30.11.2008 waren in Deutschland 461 in Sicherungsverwahrung untergebracht, so viele, wie seit Anfang der 70&#8217;er Jahre nicht mehr. Und auch f\u00fcr Frauen wird das Klima h\u00e4rter: Waren \u00fcber, man kann sagen Jahrzehnte, keine Frauen in Sicherungsverwahrung oder nahezu keine (von 1980 \u2013 1990 je 1; bis 2006 keine) sind zum Stichtag 30.11.2008 drei Frauen in SV.<\/p>\n<p>Auch die Lockerung des Vollzugs, um dadurch Gefangenen eine Reintegration in die Gesellschaft zu erm\u00f6glichen, etwa in Form des \u201eOffenen Vollzugs\u201c (dabei kann der\/die Gefangene tags\u00fcber in Freiheit arbeiten, muss aber abends und am Wochenende ins Gef\u00e4ngnis) nimmt sukzessive ab; trotz steigender Gefangenenzahl nimmt die Zahl derer, die im Offenen Vollzug untergebracht sind, ab. Wer \u00fcbrigens in der SV sitzt, hat so gut wie keine Chance auf den Offenen Vollzug. Waren es 2004 noch 8 von 334 Verwahrten, ging die Zahl auf 7 im Jahr 2008 zur\u00fcck, bei nunmehr jedoch 461 Verwahrten (ein R\u00fcckgang von 36 %).<\/p>\n<p><strong>C.) Res\u00fcmee<\/strong><\/p>\n<p>Strafvollzug, Verbrechen im Allgemeinen eignen sich als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr \u00c4ngste und als Instrument \u201eSicherheitspolitik\u201c zu betreiben und Auflage, bzw. Einschaltquote zu steigern. Objektiv rechtfertigen lassen sich die Steigerungen der Zahl der Gefangenen und Verwahrten ebenso wenig, wie der R\u00fcckgang der Vollzugslockerungen. Letztlich sind Gefangene auch nur Spielball von Politik, Justiz und Medien. Angesichts der aufgezeigten irrationalen Entwicklungen sollte \u00fcber Alternativen zu Knast mehr denn je nachgedacht werden.<\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><br \/>\nPKS 2008, Hrsg. Bundesministerium des Inneren;<br \/>\nStatistisches Jahrbuch 2008, Hrsg. Bundesministerium f\u00fcr Arbeit und Soziales;<br \/>\nBestand der Gefangenen und Verwahrten, Fachserie 10 des Statistischen Bundesamtes,  <a href=\"http:\/\/www.destatis.de \">www.destatis.de <\/a><\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA \u2013 Z. 3113<br \/>\nSch\u00f6nbornstr. 32<br \/>\nD-76646 Bruchsal<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com \">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sicherheitsgef\u00fchl und Kriminalit\u00e4tsfurcht beherrschen vielfach die Diskussion, wenn \u00fcber den Strafvollzug und die dort einsitzenden Gefangenen die Rede ist. Medien und Politik tun das ihre, um bestehende Vorurteile zu verst\u00e4rken und tendenziell Stimmung gegen Gefangene zu machen. 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