{"id":8210,"date":"2012-12-25T18:16:10","date_gmt":"2012-12-25T17:16:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=8210"},"modified":"2014-12-24T15:50:35","modified_gmt":"2014-12-24T14:50:35","slug":"das-ist-alles-dreck-da-drinnen-leben-nach-dem-knast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/das-ist-alles-dreck-da-drinnen-leben-nach-dem-knast","title":{"rendered":"\u201eDas ist alles Dreck da drinnen\u201c &#8211; Leben nach dem Knast"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Gef\u00e4ngnis.jpg\" rel=\"lightbox[8210]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-8212\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Gef\u00e4ngnis-250x187.jpg\" alt=\"Gef\u00e4ngnis\" width=\"156\" height=\"117\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Gef\u00e4ngnis-250x187.jpg 250w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Gef\u00e4ngnis.jpg 454w\" sizes=\"(max-width: 156px) 100vw, 156px\" \/><\/a><em><span class=\"dropcap\">I<\/span>n der Tageszeitung taz erschien am <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Leben-nach-dem-Knast\/!107984\/\" target=\"_blank\">23. Dezember 2012<\/a> ein Interview mit Klaus Witt. Er sass 30 Jahre lang im Knast, davon mehrere in Sicherungsverwahrung, er spricht \u00fcber die Schwierigkeiten sich nach der Entlassung im Leben drau\u00dfen zurecht zu finden.<\/em><br \/>\n<em> Bereits im M\u00e4rz 2010 kam Klaus Witt in einem Bericht der <a href=\"http:\/\/www.rbb-online.de\/kontraste\/ueber_den_tag_hinaus\/terrorismus\/sicherungsverwahrung.html\" target=\"_blank\">rbb-Sendung Kontraste<\/a> zu Wort.<\/em><\/p>\n<p><strong>taz: Herr Witt, Sie wurden vor neun Monaten aus der Sicherungsverwahrung entlassen. Lange Jahre wussten Sie nicht, wann und ob dieser Tag kommen w\u00fcrde. Wie feiern Sie dieses Jahr Weihnachten?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Witt: Hm.<\/p>\n<p><strong>Weihnachtsbaum, Geschenke auspacken\u2026<\/strong><\/p>\n<p>1997 feierte ich mit meiner damaligen Lebensgef\u00e4hrtin. Das war das sch\u00f6nste Weihnachten, an das ich mich erinnern kann. Da hatte ich sogar einen Weihnachtsbaum aufgestellt.<\/p>\n<p><strong>Das war in der kurzen Phase in Freiheit. Wie war es in den \u00fcbrigen 30 Jahren im Gef\u00e4ngnis?<\/strong><\/p>\n<p>Ach \u2026<\/p>\n<p><strong>Egal?<\/strong><\/p>\n<p>Schei\u00dfegal. Ich habe einen Horror vor der Zeit.<\/p>\n<p><strong>Was ist nicht schei\u00dfegal?<\/strong><\/p>\n<p>Freiheit. Das Wichtigste ist, dass ich meine Entscheidungen alleine treffen kann. Aber die Freiheit genie\u00dfen, weil man Geld und einen Job hat, ist was anderes.<\/p>\n<p><strong>Wie war der erste Tag in Freiheit?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin einen Tag vor der Entlassung zu den Bullen. Ich hatte mir vorher \u00fcber einen Kumpel eine Wohnung besorgt und brauchte Geld f\u00fcr die Kaution. Ich sage: Ich muss noch mal zur Zahlstelle, brauche Geld. Wie viel denn, fragt der. Ich sage: 1.600. Die sagen, das muss ich mir genehmigen lassen. Ich sage: Erstens ist das mein Geld, und zweitens ich werde morgen entlassen! Da ist der runter zum Teilanstaltsleiter, und der sagt, ich d\u00fcrfe nur 400 Euro mitnehmen. Ich sage: Warum? Und der sagt: Wegen Fluchtgefahr.<\/p>\n<p><strong>Und dann?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe gedacht, ich h\u00f6re nicht richtig. Mit so einem Mist haben die mir die Bude versaut.<\/p>\n<p><strong>Was haben Sie in Freiheit als Erstes gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mir Papiere besorgt, eine AOK-Karte, und was man so macht: das Leben genie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Zum Beispiel?<\/strong><\/p>\n<p>Die wilden Zeiten sind ja vorbei. Man genie\u00dft gewisse Sachen. Aber man stellt nach 13 Jahren Knast auch fest, dass man bestimmte Sachen \u00fcberbewertet hat.<\/p>\n<p><strong>Das hei\u00dft?<\/strong><\/p>\n<p>Man merkt, dass man aus einer anderen Generation kommt. Ich hatte eine Beziehung zu einer Fotografin. Da habe ich so Sachen gemerkt wie Unzuverl\u00e4ssigkeit, und da habe ich gesagt: Das passt mir nicht.<\/p>\n<p><strong>Wie lange ging die Beziehung?<\/strong><\/p>\n<p>Vier Wochen. Bis vor Kurzem hatte ich wieder eine Beziehung. Doch irgendwann kommt immer die Frage nach meiner Vergangenheit. Sie hatte damit vielleicht keine Probleme, aber das Umfeld. Da merkt man, das man ein Einzelg\u00e4nger geworden ist.<\/p>\n<p><strong>Erz\u00e4hlen Sie freim\u00fctig von Ihrer Vergangenheit oder kommt die Fragen eher vom Gegen\u00fcber?<\/strong><\/p>\n<p>Das kommt darauf an. Wenn der Kontakt intensiver wird, spiele ich mit offenen Karten. Ich habe keinen Bock, lange rumzumachen. Arbeitsm\u00e4\u00dfig spielt sich sowieso nichts ab. Ich bin zum Arbeitsamt und habe gesagt: Finanziert mir einen F\u00fchrerschein, dann habe ich eine M\u00f6glichkeit. Da haben die sich krummgemacht bis zum Abwinken. L\u00e4uft nicht.<\/p>\n<p><strong>Mit welcher Begr\u00fcndung?<\/strong><\/p>\n<p>Der Arbeitgeber soll das vorfinanzieren. Da sag ich: Ich muss doch erst mal einen Arbeitgeber finden. Der Weg ist doch ein anderer. Wenn ich einen F\u00fchrerschein habe, finde ich leichter Arbeit. Aber wenn ich zum Arbeitgeber gehe, fragt der mich: Was haben Sie denn die letzten 30 Jahre gemacht? Das Jobcenter wollte mir was auf 400-Euro-Basis vermitteln. Sind die beknackt? Das ist \u00fcberhaupt nicht drin.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie eine Idee, was Sie machen k\u00f6nnen, damit Sie nicht wieder kriminell werden?<\/strong><\/p>\n<p>Da gibt es keine Idee. Ich gehe ab und zu pokern, weil ich das ganz gut kann. Verdiene da ein paar Mark. Ich merke aber deutlich: Du hast keine Chance, auf die F\u00fc\u00dfe zu kommen.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie Angst, wieder in den Knast zu kommen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, eigentlich nicht. Ich w\u00fcrde es nicht mehr \u00fcberstehen. Ich w\u00fcrde einen Schlussstrich ziehen.<\/p>\n<p><strong>Wie wirkte sich das Gef\u00e4ngnis auf Sie aus?<\/strong><\/p>\n<p>Das hat viel kaputtgemacht. Man soll ja drau\u00dfen soziale Kontakte aufbauen. Man hat aber keine Gemeinsamkeiten mit den Menschen drau\u00dfen. Die haben andere Interessen. In der Kneipe zu sitzen, geht mir zum Beispiel auf den Z\u00fcnder. Dieses Gelaber. Ich habe es mal in einem Fu\u00dfballverein f\u00fcr alte Herren versucht. Da hat man hinterher zusammengesessen. Die sprechen \u00fcber Arbeit, Familie. Da hast du keinen Bezug zu. Willst du da irgendeine Geschichte erfinden?<\/p>\n<p><strong>Sie haben eine Knastidentit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Mentalit\u00e4t im Knast habe ich nichts am Hut. Das ist auch alles Dreck da drinnen. Im Prinzip bist du einsam. Du bist allein und musst damit klarkommen. Die letzte Freundin sagte immer zu mir: H\u00f6r doch mal auf, nachzudenken.<\/p>\n<p><strong>Wor\u00fcber denken Sie denn nach?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin unzufrieden. Wie will man mit 374 Euro am Leben teilnehmen? Wie soll das gehen? Soll ich mich in meine Wohnung zur\u00fcckziehen und vorm Fernseher verbl\u00f6den? Man ist dazu verdammt, nicht am Leben teilzunehmen. Ich konnte mir ja im Knast mehr leisten. Ich habe 260 Euro verdient und bekam Essen und Trinken umsonst. Ich konnte ansparen, und wenn ich Ausf\u00fchrung hatte, konnte ich mir was leisten.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie noch daran, einen regul\u00e4ren Job zu finden?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin 60, und mit meiner Biografie ist das unrealistisch. Es gibt so viele Arbeitslose, die haben Berufe gelernt, und jetzt komme ich und sage: Hallo, ich will Arbeit haben. Ja, wer sind Sie denn? Ja, ich bin der, der 30 Jahre in der Kisten gesessen hat. Du kriegst den Knast nicht aus dem Kopp raus.<\/p>\n<p><strong>Aber Sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Dann w\u00e4re ich tot.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie sich jetzt Ziele gesetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Mit der letzten Frau hatte ich mir eine Zukunft vorgestellt. Das war sehr intensiv, wir hatten schon eine Wohnung, und dann ist alles geplatzt. Das ist momentan ein Problem. Ich lebe dahin, von einem Tag in den anderen. Das Gute ist, ich hau mir keine Drogen in den Sch\u00e4del. Wenn ich anders gestrickt w\u00e4re, w\u00e4re ich vielleicht eine Gefahr f\u00fcr die Allgemeinheit.<\/p>\n<p><strong>Weil der Frust so gro\u00df ist?<\/strong><\/p>\n<p>Richtig. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass da einer mal Amok l\u00e4uft, dass er sich sagt: Ich habe versucht, mit allen Mittel auf die Beine zu kommen. Man hat mir keine Chance gegeben.<\/p>\n<p><strong>Woran liegt das?<\/strong><\/p>\n<p>Die m\u00fcssten Programme f\u00fcr Leute wie mich haben, damit man eine Chance hat, legal zu leben. Aber das ist nicht der Fall. Ich rede nicht von den Jungen, aber die Leute im Knast werden ja immer \u00e4lter. Entweder gehen sie krank und kaputt raus, als Fall f\u00fcrs Pflegeheim, oder sie haben keine Chance.<\/p>\n<p><strong>Denken Sie jetzt als 60-J\u00e4hriger \u00f6fter an Ihre Kindheit, wo es noch keine Kriminalit\u00e4t gab?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war ja als Kind schon kriminell. Ich habe schon mit zehn Jahren geklaut.<\/p>\n<p><strong>Was haben Sie geklaut?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe in der Nollendorfstra\u00dfe gewohnt, bin zum KaDeWe gelaufen und habe Spielzeug geklaut.<\/p>\n<p><strong>Gab es nichts Positives in Ihrer Kindheit?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcrsorgeerziehung ist nichts Positives. Ich versuche, mich nicht mit der Vergangenheit zu besch\u00e4ftigen. Das bringt nichts. Das war einmal und ist nicht mehr.<\/p>\n<p><strong>Wie kam es, dass Sie schon als Kind geklaut haben?<\/strong><\/p>\n<p>Wahrscheinlich soziale Umst\u00e4nde. Mutter Alkoholikerin, im Heim gelebt. Ich habe jetzt zu zwei Bekannten aus dem Heim wieder Kontakt. Wir sind die einzigen \u00dcberlebenden.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberlebenden?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Wir haben uns unterhalten und einer sagte: Wir sind \u00dcberlebensk\u00fcnstler. Wir haben es geschafft durch diese ganze Schei\u00dfe. Aber wir haben nat\u00fcrlich auch einen Haufen Defizite.<\/p>\n<p><strong>Was machen die anderen?<\/strong><\/p>\n<p>Bei einem wei\u00df ich es nicht. Er ist in Thailand oder in Haft. Der andere wohnt in Oranienburg. Wir haben uns zuf\u00e4llig in einer Kneipe getroffen. Davor hatten wir uns 50 Jahre nicht gesehen.<\/p>\n<p><strong>War er auch im Gef\u00e4ngnis?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. 1965 waren 40 Leute in dieser F\u00fcrsorgeerziehung. Von diesen 40 sind alle kriminell geworden. Alle! Kinderficker, M\u00f6rder, Rauschgifth\u00e4ndler. Wirklich alles vertreten, was Sie sich denken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wie erkl\u00e4ren Sie sich das?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn einer wei\u00df, wie \u201965 die Methoden waren. Das war schlimmer als Knast. So einen Arrest, wie ich ihn da gemacht habe, habe ich nie wieder erlebt. Das waren Schweine. Erzieher aus der Nazizeit, Drecks\u00e4cke. Wenn man die drau\u00dfen treffen w\u00fcrde \u2026 Es gibt einen Film mit Johnny Depp, der seine Erzieher, die ihn sexuell missbraucht haben, in einer Kneipe sieht und erschie\u00dft. Das waren Schweine, absolute Schweine.<\/p>\n<p><strong>Warum sind Sie die einzigen \u00dcberlebenden?<\/strong><\/p>\n<p>Selbstdisziplin. Ich habe im Knast Leute kennengelernt, die gemeint haben, sie w\u00e4ren stark. Die waren aber nur stark gegen\u00fcber anderen. In dem Moment, wo sie Selbstdisziplin zeigen mussten, sind sie eingebrochen. Da hat man gesehen, was das teilweise f\u00fcr Schw\u00e4chlinge sind. Nur mit Selbstdisziplin habe ich die 30 Jahre \u00fcberlebt. Das ist kein Kampf nach au\u00dfen, den musste ich mit mir selbst f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Wie?<\/strong><\/p>\n<p>Man braucht ein Ziel. Ich wollte nicht im Knast krepieren. Ich wollte raus. Okay, irgendwann kippt man um und ist tot. Die Vorstellung aber, dass ich in so einer Schweinezelle den L\u00f6ffel abgebe, hat mich verr\u00fcckt gemacht.<\/p>\n<p><strong>Hatten Sie fr\u00fcher konventionellere Ziele?<\/strong><\/p>\n<p>Als kleiner Bengel wollte ich zur See fahren.<\/p>\n<p><strong>Kennen Sie Leute, die aus dem Knast raus sind und bei denen es besser funktioniert hat, als bei Ihnen?<\/strong><\/p>\n<p>Legal?<\/p>\n<p><strong>Ja.<\/strong><\/p>\n<p>Kenne ich keine.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie, es gibt ein Happy End?<\/strong><\/p>\n<p>Was ist das?<\/p>\n<p><strong>Immerhin sind Sie entlassen worden. Als Sicherungsverwahrter brauchten Sie ein positives Gutachten.<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte ja genug andere Gutachten. Aber ich habe trotz dieser Vollidioten weiter gek\u00e4mpft. Die letzten 13 Jahre waren die schlimmsten in meinem Leben.<\/p>\n<p><strong>Weil Sie in Sicherungsverwahrung nicht wussten, wann Sie wieder rauskommen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber ich habe mir eine Grenze gesetzt, wo ich wusste, da werde ich dann eine Entscheidung f\u00e4llen.<\/p>\n<p><strong>Ausbruch?<\/strong><\/p>\n<p>Das w\u00e4re die letzte Entscheidung gewesen. Flucht ist stressig, und ich h\u00e4tte sofort was machen m\u00fcssen, um die finanziellen Mittel zu haben. Das w\u00e4re die Ultima Ratio gewesen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben sich dagegen entschieden?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mir diese Option immer offen gehalten.<\/p>\n<p><strong>Woran glauben Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Nichts vergeht, nichts kommt von nichts, und nichts vergeht in nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Tageszeitung taz erschien am 23. Dezember 2012 ein Interview mit Klaus Witt. 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