{"id":823,"date":"2009-07-18T13:28:01","date_gmt":"2009-07-18T11:28:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=823"},"modified":"2009-07-23T13:11:48","modified_gmt":"2009-07-23T11:11:48","slug":"ich-will-selbst-die-kontrolle-ueber-mich-und-mein-leben-haben-eindruecke-aus-dem-knast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/ich-will-selbst-die-kontrolle-ueber-mich-und-mein-leben-haben-eindruecke-aus-dem-knast","title":{"rendered":"&#8220;Ich will selbst die Kontrolle \u00fcber mich und mein Leben haben&#8230;\u201d &#8211; Eindr\u00fccke aus dem Knast"},"content":{"rendered":"<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><em>Wir dokumentieren hier einen pers\u00f6nlichen Bericht von einem Gefangenen im Knast in Frankreich. Er berichtet ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit, von den Haftbedingungen, wie er sie erlebt, von der Wirkung der \u00dcberwachung, von besonderen Erlebnissen und von der Kraft gegenseitiger Hilfe und Solidarit\u00e4t. Autor: anonym; \u00dcbersetzung: anonym. Quelle: <a href=\"http:\/\/breakout.blogsport.de\/2009\/07\/16\/ich-will-selbst-die-kontrolle-ueber-mich-und-mein-leben-haben-eindruecke-aus-dem-knast-3\/\">breakout.blogsport.de<\/a><\/em><\/p>\n<p>Gottesdienst. Ein gro\u00dfer Raum, &#8220;Mehrzwecksaal&#8221; genannt, ohne Fenster und mit grauem Stoff an der Decke, den man kaum von dem vielen Staub unterscheiden kann. Dicke, eckige L\u00fcftungsrohre gehen durch den Raum, aber den L\u00e4rm der L\u00fcftungsanlage hat man schnell wieder vergessen. An den W\u00e4nden einige St\u00fccke naiver Kunst, von Gefangenen gebaut, gebastelt oder gemalt &#8212; die bringen etwas Farbe in den Raum.<br \/>\nDrei oder vier Stuhlreihen stehen im Halbkreis um den Altar. Etwa vierzig Gefangene sind da: Vorn links sitzen die \u00e4lteren wei\u00dfen M\u00e4nner aus der so genannten &#8221; Kinderficker- Etage&#8221;, dann die Schwarzen, die Russen, die Deutschen, die jugendlichen Els\u00e4sser. Die gr\u00f6\u00dfte Gruppe der Gefangenen fehlt hier beim christlichen Gottesdienst: die \u00fcberwiegend arabischst\u00e4mmigen Banlieu-Bewohner. <!--more--><br \/>\nEs ist eine der wenigen Gelegenheiten, Gefangene aus anderen Abteilungen zu treffen. Da reicht die Zeit vor und nach dem Gottesdienst nicht zum Quatschen &#8211; die ganze Zeit gibt es viel Wichtigeres zu bereden, zumindest unter denen, die sich schon extra in die letzte Reihe setzen.<br \/>\nDie ersten Male habe ich mich noch \u00fcber die Abwechslung gefreut: ein neuer Raum, andere Menschen, Franz\u00f6sisch h\u00f6ren und dabei was lernen. Aber je mehr ich verstehe und je \u00f6fter ich in dem fensterlosen Raum mit den Neonr\u00f6hren an den W\u00e4nden sitze, desto mehr kotzt mich alles an. Allein schon, dass ich hier sitzen und zuh\u00f6ren muss. Ich k\u00f6nnte ja auch in der Zelle bleiben, aber dort verbringe ich ja schon zwanzig Stunden am Tag.<br \/>\nDer Pastor sagt, das Gef\u00e4ngnis sei eine Probe, die Gott uns gestellt habe, und dass Gott uns in schweren Zeiten wie dieser am n\u00e4chsten sei. Als w\u00e4ren es nicht Menschen gewesen, die uns hier hereingebracht haben: Vertreter der Justiz, die seit Sarkozy noch repressiver und rassistischer ist, und \u00fcberhaupt eine Gesellschaft, der nichts Besseres einf\u00e4llt, als zehntausende Menschen wegzusperren, statt sich mit wirklichen Problemen und Ursachen auseinander zu setzen.<br \/>\nWenn ich so dar\u00fcber gr\u00fcble und mich \u00e4rgere, kann ich mich richtig hineinsteigern und tue damit sicher vielen Christen unrecht. Aber die Rolle der Kirche hier im Knast kann ich nur als Mittel zur Herrschaftssicherung verstehen &#8211; die Botschaft: Ihr m\u00fcsst alles hinnehmen und f\u00fcr eine bessere Zeit beten. Gott will es so, dass ihr arm seid. Hauptsache, ihr tut nichts Verbotenes, auch wenn ihr sonst kaum Chancen habt.<\/p>\n<p>Ich will selbst die Kontrolle \u00fcber mich und mein Leben haben. Ich will weder von einer Justiz gerichtet, noch von einem Gott &#8220;auf die Probe gestellt&#8221; werden. Aber was sind denn hier die M\u00f6glichkeiten, das eigene Leben in die Hand zu nehmen? Hier, wo alles kontrolliert und Bewegung extrem eingeschr\u00e4nkt wird?<br \/>\nHungerstreik? F\u00fchrt wahrscheinlich zur Zwangsern\u00e4hrung und schw\u00e4cht den K\u00f6rper noch mehr, als es der Bewegungsmangel schon macht. Sogar die Kontrolle \u00fcber den eigenen K\u00f6rper k\u00f6nnte man dadurch noch verlieren. Aufstand? In einem anderen Knast haben sich die Gefangenen neulich geweigert, nach dem Hofgang wieder in die Zellen zu gehen. Nach wenigen Stunden kamen die Spezialbullen von der Knastaufstands-Bek\u00e4mpfungs-Einheit &#8220;Eris&#8221; und pr\u00fcgelten alle rein. Die angeblichen Anf\u00fchrer wurden verlegt oder kamen in den &#8220;Bunker&#8221; (d.h. Einzelhaft in einem feuchten Keller f\u00fcr eine bestimmte Zeit).<br \/>\nAusbruch? Mauern, Z\u00e4une, NATO-Draht, Kameras, Wacht\u00fcrme &#8211; so viele Hindernisse, dass es aussichtslos erscheint&#8230;<\/p>\n<p>Der Gottesdienst ist vorbei und ich schrecke hoch aus meinen Gr\u00fcbeleien.<br \/>\nWir quatschen noch ein bisschen, aber bald m\u00fcssen wir raus. Auf dem Weg zur\u00fcck in die Zelle gibt es vier Gittert\u00fcren zu \u00fcberwinden: Vor jeder T\u00fcr steht man eine Weile, manchmal muss man vor einer Kamera herumfuchteln, bis in einer unsichtbaren Zentrale jemand auf einen Knopf dr\u00fcckt und sich die T\u00fcr mit einem metallenen Knacken entriegelt. Auf der heimatlichen Etage wartet die Schlie\u00dferin oder der Schlie\u00dfer des Tages und schlie\u00dft uns ein. Am Anfang habe ich oft &#8220;Danke&#8221; gesagt, ohne dar\u00fcber nachzudenken, als w\u00fcrde mir jemand aus Freundlichkeit die T\u00fcr aufhalten. So schnell war es &#8220;normal&#8221;, eingeschlossen zu werden. Oder so sehr habe ich mir vielleicht eine gewisse &#8220;Normalit\u00e4t&#8221; gew\u00fcnscht, die sich in so kleinen Gesten ausdr\u00fcckt. Auf einer Augenh\u00f6he sein, sich gleichberechtigt gegen\u00fcberstehen- T\u00fcr aufhalten &#8211; &#8220;Danke!&#8221;<\/p>\n<p>Wieder in der Zelle. Zwei Menschen auf acht Quadratmetern, zwanzig Stunden am Tag. Essen, Toilette, Sport, Lesen, Schreiben, W\u00e4sche waschen, Schlafen, alles auf diesen acht Quadratmetern. Zwei Meter breit, vier Meter lang. In der T\u00fcr ist ein kleines Guckloch, in dem abends in regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden ganz kurz das Auge eines Schlie\u00dfers auftaucht.<br \/>\nAm anderen Ende der Zelle ist das Fenster, gross und breit, mit doppeltem Gitter. Ein grobes Gitter, ungef\u00e4hr so, wie man es sich vorstellt. Davor ist noch ein feineres, engmaschiges Gitter, durch das man gerade so zwei Finger hindurch stecken kann. Wenn man zur T\u00fcr hereinkommt, sind rechts zwei Schr\u00e4nke, auf der linken Seite Waschbecken und Klo. Eine Wand aus Glassteinen schirmt die Toilette optisch ab vom Doppelstockbett aus Metall. Zwei kleine Tische, zwei St\u00fchle, ein Fernseher. Mehr passt auch gar nicht in die Zelle.<br \/>\nMein Mitbewohner ist nett, ich mag ihn sehr. Oft ist es sch\u00f6n, zu zweit zu sein. Gemeinsam essen, \u00fcber Gott und die Welt reden, sich austauschen \u00fcber Briefe und anderes, l\u00e4stern \u00fcber die Justiz oder rumbl\u00f6deln&#8230; Aber zwanzig Stunden am Tag? Nur wenn wir beide im Bett liegen, sehen wir uns nicht, oder wenn einer von uns auf der Toilette sitzt. Jede Bewegung des anderen kriegt man mit. Man kann kaum weggucken, man muss sich fast schon beobachten.<br \/>\nNur selten bin ich mal allein, und nie l\u00e4nger als zwei Stunden. Dann merke ich erst wieder etwas, das ich sonst verdr\u00e4nge. Dass man sich des Alleinseins hier nie sicher sein kann. St\u00e4ndig h\u00f6re ich Schritte und Schl\u00fcsselklappern auf dem Flur oder das Klappern und Quietschen der Gittert\u00fcr, die zum Treppenhaus f\u00fchrt. Unvermittelt steht ein Schlie\u00dfer in der Zelle, um das Gitter zu kontrollieren oder Briefe zu bringen. Man kann einen Zettel mit der Aufschrift &#8220;Toilette&#8221; unter der T\u00fcr hindurch schieben, dann kommt erst mal niemand rein, oder klopft wenigstens.<br \/>\nNat\u00fcrlich denke ich \u00fcber die \u00dcberwachung und Kontrolle nicht die ganze Zeit nach. Ich vergesse es einfach, verdr\u00e4nge es, es ist Alltag geworden, &#8220;Normalit\u00e4t&#8221; Es f\u00fchlt sich dann auch nicht besonders schlimm an, hier zu sein. Wahrscheinlich ist die Verdr\u00e4ngung ein wichtiger Selbstschutz &#8212; w\u00fcrde ich immer an die \u00dcberwachung denken, w\u00e4re ich vielleicht schon verr\u00fcckt geworden.<\/p>\n<p>Wie viele andere Menschen, die in Zwangsverh\u00e4ltnissen stecken, tr\u00f6ste auch ich mich damit, dass alles noch viel schlimmer sein k\u00f6nnte. Das stimmt ja auch, immerhin haben wir genug zu essen, ein Dach \u00fcber dem Kopf, es ist mehr oder minder sauber, es gibt ein paar Aktivit\u00e4ten, wie Sport und Schule,&#8230; Vielen Menschen auf der Welt geht es weitaus beschissener auch ausserhalb von Kn\u00e4sten. Aber das ist nat\u00fcrlich kein Grund, sich mit schlechten Verh\u00e4ltnissen abzufinden.<\/p>\n<p>Mit die sch\u00f6nsten Dinge sind die Briefe. Manchmal mit Bildern und Fotos, aber vor allem mit Geschichten, mit Infos, mit Fragen, oft voll R\u00fcckhalt, Vertrauen, Liebe. Das hilft sehr, genauso das Antworten.<br \/>\nZum Gl\u00fcck habe ich viele sch\u00f6ne Erinnerungen, viele Menschen, an die ich gern denke. Ideen f\u00fcr die Zukunft. B\u00fccher und Zeitschriften sind auch sehr wichtig f\u00fcr mich: viele Anregungen und Ideen zum &#8220;Weltver\u00e4ndern&#8221;, B\u00fccher, die ich schon lange lesen wollte, und ein Thema, das erst hier interessant geworden ist: das Wegsperren von Menschen.<\/p>\n<p>Ein Knacken im Lautsprecher \u00fcber der T\u00fcr: &#8220;F\u00fcr den Hofgang bitte Knopf dr\u00fccken!&#8221; Manchmal ist die Stimme kaum zu verstehen, aber es gibt kaum andere Durchsagen. Einer von uns beiden springt auf und dr\u00fcckt auf den Knopf, drau\u00dfen \u00fcber der T\u00fcr geht eine rote Lampe an. Wir machen uns schnell fertig: Man wei\u00df nicht, wie schnell sie kommen. Oft sitzen wir noch lange herum, bevor es wirklich losgeht. Auf dem Flur m\u00fcssen wir neben den T\u00fcren an der Wand warten. Nach ein paar Minuten hei\u00dft es &#8220;Los!&#8221;. H\u00e4ndesch\u00fctteln auf dem Gang mit Freunden und Bekannten: &#8220;Hallo, wie geht`s?&#8221;- &#8220;Geht so. Und dir?&#8221;- &#8220;Ja, wie immer halt. Normal.&#8221;&#8230;<br \/>\nEs geht in der Meute die Treppe hinunter, gefolgt von den W\u00e4chtern. Unten durch einen Metalldetektor und ins Freie. Zwischen Mauern mit Stacheldraht gehen wir durch einen Gang zu den H\u00f6fen. Links ist &#8220;unser&#8221; Hof. Wenn alle drin sind, wird die T\u00fcr abgeschlossen &#8211; erst nach etwa anderthalb Stunden geht sie wieder auf. Unser Hof hat eine Wiese, noch ist sie gr\u00fcn. Eine Runde auf dem Schotter dauert ungef\u00e4hr hundertf\u00fcnfzig Schritte: F\u00fcnfzig, f\u00fcnfundzwanzig, f\u00fcnfzig, f\u00fcnfundzwanzig, dann wiederholt es sich. An der Seite steht ein Blechdach zum Schutz vor Sonne und Regen, gest\u00fctzt auf Betons\u00e4ulen. Ein Wasserhahn an der Wand tropft immer.<br \/>\nAuf dem Weg zum Gulli ist etwas entstanden, das wir unser Feuchtbiotop nennen. Immerhin eine kleine Abwechslung: einmal pro Runde der Schritt \u00fcber den kleinen Wasserlauf. Zeitungen fliegen umher oder vermodern langsam im Wasser. M\u00fclleimer gibt es nicht.<br \/>\nDie Betonmauer rund um den Hof ist etwas \u00fcber zwei Meter hoch, darauf sind noch mal knapp zwei Meter Zaun, mit einem \u00dcberhang zu unserer Seite. An diesem \u00dcberhang h\u00e4ngt so genannter NATO-Draht, das sind Stacheldrahtrollen von etwa achtzig Zentimetern Durchmesser. Die Metallb\u00e4nder darin stehen unter Spannung und sind besetzt mit kleinen Klingen und Widerhaken.<br \/>\nAuf drei Seiten \u00fcberragt das Hauptgeb\u00e4ude des Knastes die Mauern. Ein f\u00fcnfstockiger Betonklotz in Plattenbauweise, der vom Hof wie eine Festung aussieht. \u00dcber der Mauer an der vierten Seite des Hofes thront ein Wachturm. Oft klettern Gefangene soweit an der Mauer hoch, dass sie auf einen der anderen H\u00f6fe hin\u00fcbergucken und -br\u00fcllen k\u00f6nnen. Der W\u00e4chter im Turm ignoriert das meistens, aber manchmal wird derjenige auch rausgeholt. \u00dcber den H\u00f6fen sind Drahtseile gespannt, um Befreiungen per Hubschrauber zu erschweren.<\/p>\n<p>Manchmal ist es sch\u00f6n, den Himmel zu betrachten: vorbeiziehende Wolken, Sonne, ein paar V\u00f6gel. Wenn es mal regnet, dann ist das auch ein richtiges Erlebnis. Irgendwie eine Art Beweis daf\u00fcr, dass wir noch auf der Welt sind. Wenn ich die Regentropfen sp\u00fcre, merke ich, dass dieses seltsame Raumschiff, dieser von der Au\u00dfenwelt abgeschnittene Knastkomplex, doch auf der Erde steht&#8230;<br \/>\nWenn ich auf dem Hof herumgehe, kommt es mir vor, als w\u00e4re ich in ein Zeitloch gefallen, als ich hierher kam. Die ersten Tage vor drei Monaten scheinen eine Ewigkeit her zu sein. Andererseits hat sich seitdem kaum etwas ge\u00e4ndert. Was passiert ist, das Wenige, das aus dem Alltag herausragt, l\u00e4sst sich kaum zuordnen: Es k\u00f6nnte gestern gewesen sein, letzte Woche oder vor einem Monat. Und auch morgen, n\u00e4chste Woche oder n\u00e4chsten Monat wird nicht viel anderes passieren. Die einzelnen Tage vergehen meistens schnell, schnell ist auch wieder eine Woche um. Aber es ist nur eine von vielen, die schon vorbei sind und die noch kommen.<\/p>\n<p>Auf dem Hof sind mal zwanzig Gefangene, mal vierzig. Sie stehen herum, rauchen, quatschen, sitzen unterm Blechdach oder auf der Wiese, spielen Schach oder Karten oder gehen im Kreis, die hundertf\u00fcnfzig Schritte weit, immer rechts herum. Selten geht jemand in die andere Richtung, und auch nur, wenn nicht so viele andere unterwegs sind, damit man sich nicht st\u00e4ndig ausweichen muss.<br \/>\nEine Gruppe, die in der Ecke stand, hat mich einmal darauf angesprochen: &#8220;Hier geht man so lang rum, du gehst falsch rum&#8221;, erkl\u00e4rten sie mir. Ich konnte es kaum glauben. &#8220;Das ist gut f\u00fcr den Kopf, mal was anderes zu machen&#8221;, versuchte ich zu erkl\u00e4ren. Wei\u00df aber nicht, ob sie es verstanden haben.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich ist es mitten am Nachmittag ganz dunkel geworden in unserem Zimmer (so nenne ich die Zelle oft, um es mir selber sch\u00f6n zu reden). Wir sind im obersten Stockwerk und durch das Gitter kommt eigentlich eine Menge Licht. Aber diesmal ist es pl\u00f6tzlich dunkel. Riesige schwarze Wolken sind aufgezogen und mit einem Mal platzen sie. Der Regen prasselt auf den Hof und wird an die Mauern gepeitscht, es blitzt und donnert. Wir dr\u00fccken die Nasen gegen das Gitter, um das Spektakel zu beobachten. Hunderte Zellenfenster schauen von drei Seiten auf den gleichen Hof. Jedes Fenster liegt in einer Art Nische &#8211; das l\u00e4sst die Fassade so aussehen wie eine riesige Bienenwabe aus Beton. Durch diese Architektur sind die Fenster voneinander getrennt und man muss sehr laut br\u00fcllen, um sich von Fenster zu Fenster zu verst\u00e4ndigen zu k\u00f6nnen. Die Stimmen werden vom Echo verzerrt und erzeugen eine ganz eigenartige Atmosph\u00e4re. An diesem Nachmittag platzt nicht nur der Himmel und ein gewaltiges Gewitter bricht los. Es erhebt sich auch ein wildes Heulen aus dutzenden Kehlen, das immer st\u00e4rker wird, immer mehr Gefangene steigen mit ein. Manche klingen wie Hirsche, B\u00e4ren oder W\u00f6lfe, andere schreien &#8220;Ajajaj!&#8221;, oder man kann sie einfach nicht beschreiben.<br \/>\nUnter anderen Umst\u00e4nden h\u00e4tte ich vielleicht peinlich ber\u00fchrt beiseite geguckt, wenn ich jemanden so schreien geh\u00f6rt h\u00e4tte. Aber diesmal w\u00fcrde ich am liebsten selber schreien, anschreien gegen das Gewitter und gegen den Knast. So Vieles klingt da mit in diesem Gebr\u00fcll: Verzweiflung; Wut; Lust am Leben; der Wunsch, sich frei bewegen zu k\u00f6nnen; der Hass auf den Knast, auf die Justiz und auf alles, was uns hierher gebracht hat. Die Sehnsucht nach Menschen, die wir nicht sehen d\u00fcrfen.<br \/>\nVor allem sp\u00fcre ich eine Verbundenheit. So ein Gef\u00fchl, mit all den anderen, die da schreien oder nur stumm lauschen, im selben Boot zu sitzen, das gleiche Schicksal zu teilen, \u00c4hnliches zu f\u00fchlen. Der Regen prasselt und schl\u00e4gt gegen die Mauern, Blitze zucken, Donner rollen, die Stimmen \u00fcberschlagen sich, Menschen trommeln an die Gitter oder h\u00e4mmern auf die Heizungsrohre&#8230;<\/p>\n<p>Ein paar Freunde, mit denen man \u00fcber fast alles reden kann, sind echt was wert, gerade hier im Knast. Immer dieselbe Handvoll Menschen kann einem auch mal auf den Keks gehen, das ist ja kein Wunder. Aber ohne Freunde hier w\u00e4re es schlimm, ich will es mir gar nicht vorstellen. Wir quatschen viel, machen zynische Witze \u00fcber die Justiz und tauschen Neuigkeiten aus, spielen Doppelkopf, f\u00fchren Smalltalk mit anderen Gefangenen und geben uns S\u00fc\u00dfigkeiten oder Briefmarken weiter. Manchmal reden wir auch \u00fcber Pl\u00e4ne f\u00fcr die Zukunft, das macht Freude: Reisen, in die Berge oder ans Meer. Freundinnen und Freunde wiedertreffen. Durch die Stadt oder durch den Wald spazieren und immer weitergehen k\u00f6nnen &#8211; ohne Mauern, ohne Stacheldrahtrollen. Auch gr\u00f6ssere Pl\u00e4ne kommen vor: Wie kann der Weg in eine Gesellschaft aussehen, in der Kn\u00e4ste \u00fcberfl\u00fcssig sind? In der Menschen ihre Interessen und F\u00e4higkeiten ausleben und einbringen k\u00f6nnen und die Bed\u00fcrfnisse von allen bestm\u00f6glich befriedigt werden? Eine Gesellschaft, in der Menschen ihr Leben selbst gestalten und mitbestimmen k\u00f6nnen, was um sie herum passiert? &#8230;<\/p>\n<p>Einiges h\u00e4tte ich noch zu erz\u00e4hlen, zum Beispiel vom ersten Mal auf dem Sportplatz, nach knapp einem Monat im Knast: weiter Blick, weiter Himmel, der monstr\u00f6se Knastkomplex hundert Meter weit weg, am Rand Blumen und hohes Gras&#8230;<br \/>\nOder von der Zwiesp\u00e4ltigkeit der Besuche k\u00f6nnte ich erz\u00e4hlen: Freude und Aufregung, Verbindung nach drau\u00dfen, Kraft und Mut, aber auch viel Sehnsucht, hinterher, wenn mir alles dort drau\u00dfen noch weiter weg vorkommt, was f\u00fcr zwei Stunden pl\u00f6tzlich so nah war.<\/p>\n<p>Wenn ich noch einmal lese, was ich geschrieben habe, merke ich, wie viel fehlt. Es ist ja auch klar, dass sich monatelanges Knastleben nicht auf wenigen Seiten vollst\u00e4ndig beschreiben l\u00e4sst. Meine Stimmung geht auf und ab und dabei \u00e4ndern sich auch meine Gedanken und Einsch\u00e4tzungen. Mehr als ein paar kleine Einblicke in mein pers\u00f6nliches Erleben kann ich hier nicht geben. Vor allem bin ich mir nicht sicher, ob deutlich wird, wie wichtig gegenseitige Hilfe und Vertrauen sind und die Solidarit\u00e4t untereinander und von au\u00dfen. Es ist gut und wichtig zu wissen, das ich hier nicht vergessen werde, dass wir nicht allein sind. So unterst\u00fctzt kann man schon einiges durchstehen.<br \/>\nNeulich beim Hofgang war da mal ein bunter Haufen Leute auf einem Dach gleich hinter der Knastmauer. Sie haben gewunken und gerufen, ein Transparent ausgerollt und Sprechch\u00f6re gebr\u00fcllt &#8211; es war Wahnsinn. Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte, au\u00dfer ein bisschen winken.<br \/>\nDa waren pl\u00f6tzlich Mensch von drau\u00dfen, gar nicht weit weg von uns und von allen drei H\u00f6fen auf dieser Seite des Knastes gut zu sehen. Auf dem Hof gerieten alle in Aufregung, br\u00fcllten herum und versuchten, das Transparent zu entziffern. Nach einer Viertelstunde war der Spuk schon wieder vorbei, die Leute auf dem Dach winkten ein letztes Mal und gingen nach Hause. Aber die Erinnerung daran ist noch lebendig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir dokumentieren hier einen pers\u00f6nlichen Bericht von einem Gefangenen im Knast in Frankreich. 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