{"id":8353,"date":"2013-01-10T11:47:39","date_gmt":"2013-01-10T10:47:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=8353"},"modified":"2015-01-31T15:46:00","modified_gmt":"2015-01-31T14:46:00","slug":"keine-zukunft-nur-vergeltung-reflexionen-uber-die-augustrevolte-von-einem-jungen-anarchistischen-rioter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/keine-zukunft-nur-vergeltung-reflexionen-uber-die-augustrevolte-von-einem-jungen-anarchistischen-rioter","title":{"rendered":"Keine Zukunft, Nur Vergeltung: Reflexionen \u00fcber die Augustrevolte &#8211; Von einem jungen anarchistischen Rioter."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/August-2011-Revolt-Anarchy-in-the-UK-cover.jpg\" rel=\"lightbox[8353]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright size-medium wp-image-6821\" title=\"August 2011 Revolt - Anarchy in the UK - cover\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/August-2011-Revolt-Anarchy-in-the-UK-cover-174x250.jpg\" alt=\"August 2011 Revolt - Anarchy in the UK - cover\" width=\"174\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/August-2011-Revolt-Anarchy-in-the-UK-cover-174x250.jpg 174w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/August-2011-Revolt-Anarchy-in-the-UK-cover-419x600.jpg 419w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/August-2011-Revolt-Anarchy-in-the-UK-cover.jpg 577w\" sizes=\"(max-width: 174px) 100vw, 174px\" \/><\/a><em><span class=\"dropcap\">I<\/span>m August 2011 verbreitete sich in viele St\u00e4dten in Gro\u00dfbritannien eine Revolte, bei welcher die Bewohner_innen ihrer Wut \u00fcber die bestehenden Zust\u00e4nde freien Lauf liessen. Im Mai 2012 erschien eine englischsprachige Brosch\u00fcre &#8220;<a title=\"Englischsprachige Brosch\u00fcre zu der Revolte im Sommer 2011 in Gro\u00dfbritannien erschienen\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/englischsprachige-broschuere-zu-der-revolte-im-sommer-2011-in-grosbritannien-erschienen\" target=\"_blank\"><strong>August 2011 Revolt: Anarchy in the UK<\/strong><\/a>&#8221; bei <a href=\"http:\/\/darkmatter.noblogs.org\/\" target=\"_blank\">Dark Matter Publications<\/a>. Den Haupttext der Brosch\u00fcre gibt es mittlerweile in deutschsprachiger \u00dcbersetzung, \u00fcbernommen von\u00a0<a href=\"http:\/\/magazinredaktion.tk\/nofuture.php\" target=\"_blank\">magazinredaktion.tk.<\/a><\/em><\/p>\n<p>Der Augustaufstand entz\u00fcndete das graue Dunkel der allt\u00e4glichen st\u00e4dtischen Schinderei; das Leben barst auf die Stra\u00dfen, von denen uns das Landesrecht sagt, dass dort nur selbstkontrollierte Drohnen laufen d\u00fcrfen \u2013 unter dem wachsamen Auge der Video\u00fcberwachung. Ich kann nicht wirklich etwas Tiefsinniges anbieten oder in irgendeine bessere Zukunft weisen oder irgendwelche Vorhersagen treffen \u2013 au\u00dfer dass nichts vorbei ist! Es war einer der lebendigsten Momente meines kurzen Lebens, jedenfalls bis jetzt. Es war <i>mein<\/i> Augenblick, <i>unser<\/i> Augenblick \u2013 der Augenblick loszumachen und unsere Wut aus dem K\u00e4fig zu lassen, hinaus auf die Stra\u00dfen der Gef\u00e4ngnisgesellschaft, wo der Schleier gel\u00fcftet wurde und wir sehen, wie unsere individuelle Isolation auf den Stra\u00dfen von einer Massenl\u00e4hmung herkommt, wo wir unseren Feinden, den Bullen entgegentreten konnten, vereint gegen sie und die von ihnen gesch\u00fctzte \u00f6ffentliche Ordnung.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich gab es kein Z\u00f6gern \u2013 ich konnte es kaum erwarten, die Ausschreitungen \u00fcber London hinausgreifen zu sehen und die Bilder aus der brennenden Hauptstadt machten mich ungeduldig, mich dem Aufstand anzuschlie\u00dfen. Ich glaube das scheidet alle \u2013 diejenigen, f\u00fcr die es unsere Erhebung war und diejenigen, die sie als etwas Fremdes, Seltsames, Problematisches und Be\u00e4ngstigendes ansahen. Bei der n\u00e4chstbesten Gelegenheit, als sich die Gesetzeslosigkeit ausbreitete, waren wir da drau\u00dfen, euphorisch, beim Versuch, sie weiter auszubreiten: Durch die Konsumtempel randalieren, die Polizei bek\u00e4mpfen, kaputt hauen und verbrennen. Wir gingen los, um dezentralisierte und chaotische Zerst\u00f6rung und Pl\u00fcnderungen zu entfesseln. Wenn wir uns wie ein gro\u00dfer K\u00f6rper empfunden und auf ihn vertraut h\u00e4tten, dann h\u00e4tten diejenigen von uns, die in der Gegend randalierten, in der ich war, deutlich mehr erreichen k\u00f6nnen, was die Bek\u00e4mpfung der Bullen, gezielte Angriffe und Pl\u00fcnderung angeht. Es gibt immer ein n\u00e4chstes Mal und ich wei\u00df, dass sich viele darauf freuen und sich genau auf das vorbereiten.<\/p>\n<p>Der Riot ist eine Form anarchistischer Organisation, ein Zusammenkommen f\u00fcr bestimmte Zwecke (Zerst\u00f6rung und Pl\u00fcnderung), und es ist ein kollektiver Weg, auf dem sich die einbezogenen Individuen ihre eigenen W\u00fcnsche erf\u00fcllen k\u00f6nnen, auf der Grundlage kleiner Gruppen von Freunden oder Mitverschworenen, die sich informell im gr\u00f6\u00dferen K\u00f6rper organisieren, bereit sich aufzuteilen und beweglich und dezentralisiert zu bleiben. Es gibt keine F\u00fchrer, au\u00dfer diejenigen, die mit gutem Beispiel vorangehen (man k\u00f6nnte es Propaganda der Tat nennen), und es kann keine Repr\u00e4sentanten geben, au\u00dfer den Rekuperatoren nach den Ereignissen \u2013 wie es nach den st\u00e4dtischen Ausschreitungen in Gro\u00dfbritannien in den 80ern geschah, aber nicht dieses Mal \u2013, und niemand ist wegen irgendeiner ideologischen Sache dabei, sondern f\u00fcr uns selbst. Wir greifen den Feind direkt an, wir nehmen uns unmittelbar das, was wir wollen und befriedigen unsere eigenen Sehns\u00fcchte.<\/p>\n<p>Ich rief Kumpel in der Kleinstadt an, aus der ich komme, und sie begehrten auch auf! All unser Hin und Her \u00fcber \u201eAnarchismus\u201c schien bedeutungslos, da ich wei\u00df, dass meine Freunde die wirkliche Anarchie viel mehr lieben, als viele der politischen \u201eAnarchisten\u201c, die ich getroffen habe und die nicht den Anschein machen, als ob sie auch nur einen Tropfen des Geistes der Revolte und der Anarchie in sich haben. F\u00fcr mich zeigte sich hier die gez\u00e4hmte Belanglosigkeit der Aktivisten und ihres Politzirkusses. Es passierte wirklich, war menschlich und nicht durch Repr\u00e4sentation und Politik verkr\u00fcppelt. Die Erhebung war vergn\u00fcglich, erhebend, befriedigend, ernsthaft und ein Ausdruck von Leuten, die gegen das aufbegehren, das uns jeden Tag niederh\u00e4lt und qu\u00e4lt. Ich erinnere mich, wie ich gedacht habe, dass ich gerade die bislang besten Augenblicke meines ganzen Lebens durchlebe und dass diese von vielen anderen auf der ganzen grauen Gef\u00e4ngnisinsel-Tierfabrik Gro\u00dfbritannien geteilt werden \u2013 f\u00fcr einen Moment machte unsere Wut den von mir jeden Tag an meiner eigenen Haut erfahrenen Krieg explizit, als wir das Land demolierten und verbrannten, alles ausgel\u00f6st durch die Gewalt der Autorit\u00e4ten \u2013 der Hinrichtung Mark Duggans durch die Polizei. Der Schock und das Entsetzen der Medien in der Folgezeit, als von ihnen interviewte Randalierer Sachen sagten wie <i>Es war eine der besten Zeiten meines Lebens<\/i> und dass sie all das jederzeit wieder tun w\u00fcrden, selbst wenn sie w\u00fcssten, dass sie erwischt w\u00fcrden, brachten mich zum Lachen.<\/p>\n<p>Nachdem die Ausgegrenzten des Westens in Ausschreitungen explodierten, redeten die Laberk\u00f6pfe der Gesellschaft von \u201ewilden Jugendlichen\u201c und hoffen darauf, dass die Herrschaftseinrichtungen in Zukunft gr\u00fcndlichere Anstrengungen unternehmen, diese Unkontrollierbaren zu z\u00e4hmen. Die Linke will die Ausgegrenzten durch Ausbildung und Arbeit integrieren, die Rechte uns durch Gesetz und Familie disziplinieren. Gesellschaftliche Aufl\u00f6sung verursacht Chaos und er\u00f6ffnet M\u00f6glichkeiten f\u00fcr ein weites Spektrum menschlicher Verhaltensweisen, einschlie\u00dflich Anarchie, weil es mehr als alles andere eine Entwertung des monolithischen Systems ist, ein Zerfall des einheitlichen Realit\u00e4tstunnel, der zu Individual- und Kleingruppenautonomie f\u00fchrt.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich scheint es in der hochtechnologisierten st\u00e4dtischen Gef\u00e4ngnisgesellschaft mehr und mehr so, dass es nur die Wahl gibt zwischen vollst\u00e4ndiger Unterwerfung oder vollst\u00e4ndiger Revolte. Unterwerfung nimmt viele Formen an: Der ironische Fatalismus all derjenigen, die mit ersch\u00f6pften Augen auf die Welt schauen, aber sich an die Ordnung halten; verbitterte Konsumenten und Kinder der unverfroren heuchlerischen, nach Geld verr\u00fcckten Gesellschaft; Zyniker, die sich anscheinend nichts Besseres vorstellen k\u00f6nnen, was sie mit sich selbst anfangen sollen, als das was ihnen die mit dem Hamsterrad hausieren gehende Gesellschaft anbietet; solche, die den Kopf in den Sand des Idealismus stecken, um sich von ihren individuellen F\u00e4higkeiten und den daraus folgenden Verantwortlichkeiten zu distanzieren; solche die die Diktate des Systems als ihre eigenen Werte annehmen, sich eifrig zu einem Zahnrad verst\u00fcmmelnd, das mit der geringsten Reibung funktioniert. Herrschaft wird mehr als von allem anderen durch die unterw\u00fcrfigen Haltung best\u00e4rkt, die vor allem Unbekannten in Panik ger\u00e4t \u2013 von der Weigerung, \u00fcber das eigene Leben nachzudenken und durch irgendeine andere Brille zu gucken, als der von der Gesellschaft verschriebenen, der gesellschaftlichen Hysterie gegen\u00fcber psychoaktiven Substanzen Rechnung tragend, die die verstaatlichten Linsen enth\u00e4uten, durch die die Wirklichkeit gesehen wird.<\/p>\n<p>Soweit ich das sehen kann, ist es unwahrscheinlich, dass ein Aufstand \u00fcber die ausgegrenzten und unzufriedenen, oft vor\u00fcbergehend aufst\u00e4ndischen Minderheiten hinausgreift. Weltweit sind die vom kapitalistischen System Ausgeschlossenen oder die, die zu ihm in einer prek\u00e4ren, randst\u00e4ndigen Beziehung stehen, eine riesige und wachsende Anzahl. In den kapitalistischen Kernl\u00e4ndern (\u201eDer Westen\u201c oder \u201eErste Welt\u201c) sind die Ausgeschlossenen eine kleinere Minderheit, wenn auch eine wachsende. Wenn der gesellschaftliche Krieg eskaliert und die Bev\u00f6lkerung des \u201eWestens\u201c polarisiert wird, kann die Verbundenheit und die Unterst\u00fctzung der Mehrheit f\u00fcr den Staat deutlicher als das gesehen werden, was sie ist: als aktive Teilnahme an der Repression und Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<p>Das vertieft den feindseligen Abgrund zwischen der eingeschlossenen Mehrheit und der ausgeschlossenen Minderheit. Besonders da viele der ausgeschlossenen Minderheit im \u201eWesten\u201c Immigranten und Nachfahren von Immigranten au\u00dferhalb des Kerns sind, aus L\u00e4ndern, dessen Ausgegrenzte durch ein globales System und die Gro\u00dfm\u00e4chten brutal enteignet, ausgebeutet und ermordet werden, deren Gewalt nur ansteigen wird \u2013 alles mit der stillen (und gar nicht so stillen!) Unterst\u00fctzung der Eingeschlossenen. Nat\u00fcrlich unterstelle ich nicht, dass die Ausgeschlossenen eine Art \u201erevolution\u00e4res Subjekt\u201c sind, ein Agent der Geschichte wie die eigentumslosen Lohnsklaven in der Einbildung der Marxisten \u2013 das einzige revolution\u00e4re Subjekt ist f\u00fcr mich das Individuum. Es ist schlicht eine Frage des Potentials. Das ineinandergreifende Ger\u00fcst der gesellschaftlichen Beziehungen, die Institutionen wie Familie, Bildung, Arbeit und das Recht domestizieren das Individuum. Wo ein gesellschaftlicher Zusammenbruch auftritt, wird eine umfassende Umwertung des Lebens m\u00f6glich. Wie anderswo hervorgehoben wurde, wurden die klassischen anarchistischen und aufst\u00e4ndisch-antikapitalistischen Bewegungen aus dem Umbruch der gesellschaftlichen Beziehungen geboren, in dem die Eliten Bev\u00f6lkerungen von der d\u00f6rflichen Landwirtschaft in die st\u00e4dtische Industrialisierung verschoben. Fabriken, Gewerkschaftlertum und sozialistische Parteien t\u00f6teten den aufst\u00e4ndischen Geist, und Sozialdemokratie und Konsum h\u00e4mmerten den letzten Nagel in den Sarg des westlichen Proletariats. Nun steht eine feindselige Minderheit von widerspenstigen und nihilistischen \u201einneren Feinden\u201c gegen eine Gesellschaft von Konsumenten und B\u00fcrgern, die das System internalisiert haben und deren sozialisiertes Gruppendenken ein endloser geschlossener Schaltkreis aus F\u00fcgsamkeit ist (die politische Linke und die meisten \u201eAnarchisten\u201c sowie \u00d6koaktivisten selbstredend eingeschlossen, zumindest in Gro\u00dfbritannien).<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich brachte der Augustaufstand zum Vorschein, dass die Mehrheit der britischen \u201eAnarchisten\u201c und \u201eRevolution\u00e4re\u201c feige Staatsb\u00fcrger sind, die, auch wenn sie gerne jammern und sich \u00fcber die \u201e\u00dcbel\u201c der Welt beklagen, im Grunde als passive Sklaven zufrieden sind. Momentan scheinen die meisten der britischen \u201eAnarchisten\u201c einfach bitterfroh zu sein, hinter den Staatssozialisten und Liberalen herzulaufen, als das impotente \u201egute Gewissen\u201c und\/oder als schwarzgekleidete und Kraftausdr\u00fccke benutzende Krawallmacher am Rand. Das ist erb\u00e4rmlich. Sie sprechen die Sprache der Politik, davon, ein vern\u00fcnftiges und programmatisches anarchistisches Projekt aufzubauen, und das Ergebnis ist ein Anarchismus, der weder Fisch noch Fleisch ist. Sowohl als politische Pragmatiker wie als anarchistische Aufr\u00fchrer scheiternd, hinkt der b\u00fcrgerliche Anarchismus traurig hinterher. Die Idee, dass vern\u00fcnftige Ideen von einer gesellschaftlichen Transformation die Leute zum Rebellieren verleiten, ist vollst\u00e4ndig falsch, obschon sie Linke und Liberale zur politischen Philosophie \u201eAnarchismus\u201c bringen, wobei sie im Allgemeinen so bleiben wie sie waren, auch wenn sie sich Anarchisten nennen. Ich hatte NIEMALS irgendeinen unpolitischen Freund oder Bekannten, der sich f\u00fcr das langweilige Gesabber von \u201esozialem Anarchismus\u201c interessiert h\u00e4tte, aber viele, die am Anarchismus als einer extremen Position der stolzen Revolte interessiert waren. \u201eErnsthaft mit den Leuten reden\u201c meint im Allgemeinen, am laufenden Band sublinke Rhetorik herzustellen, die als linke Politik scheitert, weil sie zu unrealistisch ist, und die als anarchistische Agitation scheitert, weil sie nicht mit den Gewissheiten der Gesellschaft bricht. Die Linke hat sich als gesellschaftliche Kraft zur Verbesserung der bestehenden Gesellschaft hinsichtlich des Grads und der Bedingungen der Ausbeutung bewiesen, indem sie als eine Barriere gegen die Exzesse der Elite in den hochindustrialisierten und postindustriellen L\u00e4ndern fungiert, w\u00e4hrend sie in den nicht- und halbindustrialisierten L\u00e4ndern als Avantgarde der kapitalistischen Art zu produzieren agiert. Die Linke (inklusive dem linken Anarchismus) ist ein Ausdruck des gesellschaftlichen Kampfes um die Bedingungen der sozialen Unterdr\u00fcckung. Der Punkt ist aber, aufst\u00e4ndische Durchbr\u00fcche zu erzeugen, Fluchtlinien jenseits der Normalit\u00e4t, die \u00fcber Repr\u00e4sentation und Vermittlung hinausgehen und die die Zerst\u00f6rung verbreitern, die es braucht, um uns selbst zu befreien (oder wenigstens unsere Sehnsucht nach Rache und befreiten Momenten zu befriedigen).<\/p>\n<p>Es scheint mir eine weitverbreitetes, unausgesprochenes Bewusstsein davon zu geben, wie ineinandergreifend und monolithisch das System ist, von dem die Bev\u00f6lkerung abh\u00e4ngt. Das ist eine Realit\u00e4t, die viele m\u00f6chtegernrevolution\u00e4re Idealisten mit idealistischem Hokuspokus zu gl\u00e4tten versuchen. Wie halbbewusst auch immer, die Bev\u00f6lkerungsmasse wei\u00df, dass diese Gesellschaft \u2013 die wirtschaftliche, technologische, wissenschaftlich spezialisierte Infrastruktur \u2013 auf \u201eZusammenarbeit\u201c (Spezialisierung und Hierarchie) beruht. Entgegen der linken Idealisten wird die Gesellschaft nicht besonders \u201eineffizient\u201c betrieben und ihre \u201eUngerechtigkeiten\u201c sind f\u00fcr ihr Funktionieren notwendig \u2013 zum Beispiel f\u00f6rdern h\u00f6here Geh\u00e4lter f\u00fcr spezialisiertere Manager\/Experten\/Techniker die Produktivit\u00e4t und den f\u00fcr das Funktionieren der massenhaften sozialen Organisation notwendigen Ehrgeiz. Sobald sie an der Macht sind, enden die linken Idealisten nat\u00fcrlich einfach als ein neues Management, das seine Ideologie so ausrichtet, dass man mit ihr die gesellschaftliche Maschine pragmatisch betreiben kann \u2013 die russische Revolution 1917 und die spanische Revolution 1936 haben das klar gezeigt. Selbst wenn sich die Leute die hierarchische Beherrschung nicht w\u00fcnschen (obwohl die Mehrheit dies anscheinend tut! \u2013 wenig \u00fcberraschend nach tausenden Jahren der autorit\u00e4ren Sozialisation), sehen sie keinen anderen M\u00f6glichkeitshorizont. Vergleiche das mit den Erfahrungen derer, die nicht vom Land, von tradiertem Wissen und von potentiell autonomen Gemeinschaften getrennt sind. Die spanischen, ukrainischen, koreanischen und mandschurischen anarchistisch\/antiautorit\u00e4ren Bauernbewegungen konnten einfach die Handvoll Staatsbeamte und die wenigen reichen Landbesitzer aus ihren D\u00f6rfern vertreiben und eine befreite Kommune ausrufen, wie es bei zahllosen Gelegenheiten der Fall war. Oder man kann zeitgen\u00f6ssischer auf die anarchische Revolte der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung in Algerien schauen, in einer Gegend wie der Kabylei, wo Dorfbewohner die Polizei, die Steuereintreiber und die Repr\u00e4sentanten des Staates verjagten, um einfach weiter ein agraisches Subsistenzleben zu f\u00fchren, das sich Einmischungen von au\u00dfen widersetzt und sich auf kommunaler Ebene durch die alten, traditionellen Dorf- und Regionalversammlungen selbst organisiert. Es geht hierbei nicht um die Idealisierung des Bauernlebens oder der Realit\u00e4t dieser Gemeinschaften, sondern darum herauszustellen, dass, w\u00e4hrend die Zivilisation uns in sich integriert hat und zunehmend technologisch ausgekl\u00fcgelt wurde, unsere F\u00e4higkeit autonom zu leben dabei aufgefressen wurde.<\/p>\n<p>Vollst\u00e4ndige Revolte ist nichts anderes als zerst\u00f6rerischer Nihilismus. Sie bei\u00dft die Hand, die uns f\u00fcttert \u2013 die Hand eines totalit\u00e4ren Systems. An diesem Punkt der Integration des menschlichen Lebens in das Herrschaftsger\u00fcst, in das \u00f6konomisch-technologisch-soziale System, ist die Wahl inWirklichkeit die zwischen Gehorsam und Chaos, dem Unbekannten, dem Gef\u00e4hrlichen.<\/p>\n<p>Die Perspektive von autonomen, vom Staat und den Gesetzen des wirtschaftlich-technologischen Systems befreiten Gebieten kann man sich unm\u00f6glich ohne einen Minderheitenkampf vorstellen, der den von der Gesellschaft in Abwehr gepflegten Konsens ersch\u00fcttert, die \u201eNormalit\u00e4t\u201c aussetzt und den M\u00f6glichkeitshorizont erweitert. Nur Zerst\u00f6rung kann uns aus der Sackgasse der allt\u00e4glichen Normalit\u00e4t herausbrechen. Revolution\u00e4re Anarchisten bek\u00e4mpfen die Staaten dieser Welt seit einigen Hundert Jahren, blutig und bitterlich. (Auch wenn wir j\u00fcngst nicht besonders blutig gewesen sind!) Bis jetzt jedenfalls haben wir das Ziel der ersten anarchistischen Verschw\u00f6rung \u2013 die Staaten Europas zu zerst\u00f6ren \u2013 nicht erreicht, ganz zu schweigen von den sp\u00e4teren Pl\u00e4nen, alle Regierungen und elit\u00e4ren Klassen der Welt zu zerst\u00f6ren! Vielleicht war die gesellschaftliche Revolution, die die Klassengesellschaft zerst\u00f6rt und sie durch eine F\u00f6deration von selbstst\u00e4ndigen Individuen und Gemeinden ersetzt, einmal eine M\u00f6glichkeit. Eine sich umfangreich ausbreitende, bewusste gesellschaftliche Ver\u00e4nderung scheint nicht l\u00e4nger anzustehen, wenn sie das jemals tat. Die einzige Gewissheit ist die Unm\u00f6glichkeit der Gegenwart.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das weltweite System sich in Verheerungen sch\u00fcttelt und dabei sogar an Fahrt gewinnt, obwohl es unm\u00f6glich scheint, so weiter zu machen, klammern sich die Eingeschlossenen an den zunehmend totalit\u00e4ren und repressiven Staat, der einzigen Barriere, die ihre Lebensweise sch\u00fctzt, inmitten des Chaos der kollabierenden Gesellschaften, der Konsequenzen der massenhaften Zerst\u00f6rung der Biosph\u00e4re unseres Planeten, der B\u00fcrgerkriege, Rohstoffkriege und Massenvertreibungen. Dies ist offensichtlich genauso eine Beschreibung der Gegenwart wie eine Zukunftsprognose. Wenn zerst\u00f6rerischer Nihilismus als das Gef\u00fchl und die Verwirklichung definiert werden kann, dass die gesellschaftlichen Umst\u00e4nde so schlecht sind, dass sie Zerst\u00f6rung w\u00fcnschenswert machen, ohne jede bestimmte (oder klare) urs\u00e4chliche Verbindung zu irgendeiner ersehnten besseren Zukunft, dann kann dieser destruktive Nihilismus nur etwas sein, das weiter wachsen wird \u2013 au\u00dferhalb einer und gegen eine Gesellschaft, deren mal aktivere, mal passivere Kollaboration mit einem zunehmend widerw\u00e4rtigen Staat immer klarer hervortreten wird, in all ihren entsetzlichen Details.<\/p>\n<p>Gro\u00dfbritannien restrukturiert sich und die Reichen und die B\u00fcrgerschaft haben den Armen und Abweichenden den offenen Krieg erkl\u00e4rt. Wie sich gezeigt hat, werden wir uns das allerdings nicht einfach so gefallen lassen, sondern Rache an ihrem korrupten und scheinheiligen System nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><b>Angry Youth (Dark Matter Publications)<\/b><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im August 2011 verbreitete sich in viele St\u00e4dten in Gro\u00dfbritannien eine Revolte, bei welcher die Bewohner_innen ihrer Wut \u00fcber die bestehenden Zust\u00e4nde freien Lauf liessen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":6821,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[1,454,297,453],"tags":[75,50,92,466,192],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8353"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8353"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8353\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10828,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8353\/revisions\/10828"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6821"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8353"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8353"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8353"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}