{"id":8653,"date":"2013-02-06T19:40:43","date_gmt":"2013-02-06T18:40:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=8653"},"modified":"2014-12-19T08:18:27","modified_gmt":"2014-12-19T07:18:27","slug":"broschuere-geschichte-der-knastarchitektur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/broschuere-geschichte-der-knastarchitektur","title":{"rendered":"Brosch\u00fcre: Geschichte der Knastarchitektur"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Geschichte-der-Knastarchitektur_cover.jpg\" rel=\"lightbox[8653]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-8659\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Geschichte-der-Knastarchitektur_cover-176x250.jpg\" alt=\"Geschichte der Knastarchitektur: Die Suche nach dem richtigen Vernichtungsbau\" width=\"141\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Geschichte-der-Knastarchitektur_cover-176x250.jpg 176w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Geschichte-der-Knastarchitektur_cover-422x600.jpg 422w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Geschichte-der-Knastarchitektur_cover.jpg 582w\" sizes=\"(max-width: 141px) 100vw, 141px\" \/><\/a><em>bei <a title=\"Edition Irreversibel\" href=\"http:\/\/editionirreversibel.noblogs.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"home\">Edition Irreversibel<\/a> ist der Text <strong>Die Suche nach dem richtigen Vernichtungsbau &#8211; Geschichte der Knastarchitektur<\/strong> als neu aufgelegte Brosch\u00fcre erschienen. Zur Einf\u00fchrung geben wir hier das Vorwort wieder, die Brosch\u00fcre als <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Geschichte-der-Knastarchitektur.pdf\">PDF-Download<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Vorwort<\/strong><\/p>\n<p><span class=\"dropcap\">W<\/span>enn wir als Anarchist_innen dar\u00fcber reden, den Knast zu zerst\u00f6ren, meinen wir damit nicht nur das mit Stachedldraht umz\u00e4unte Geb\u00e4ude am Rande der Stadt, sondern das gesellschaftliche Prinzip der Einsperrung, des Strafens und der Logik der Autorit\u00e4t. Diese Instrumente der Herrschaft haben im Laufe der letzten Jahrhunderte eine enorme Wandelbarkeit bewiesen und ver\u00e4ndern stetig ihre Funktionsweisen. Da diese Wandlungen schlicht die Anpassung von Strafe an gesellschaftliche Umst\u00e4nde darstellen, ist eine Analyse dieser Ver\u00e4nderungen unabdingbar f\u00fcr eine revolution\u00e4re Kritik.<\/p>\n<p>Unserem heutigen Verst\u00e4ndnis von Bestrafung ging die mittelalterliche Folter und somit die uneingeschr\u00e4nkte und willk\u00fcrliche Machtaus\u00fcbung der Herrschenden sowie die mit dem Aufkommen des Kapitalismus einhergehende Vermenschlichung und Moralisierung von Bestrafung voraus und erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts \u00e4hneln die Bestrafungsmethoden unserem heutigen Bild von in Zellen eingesperrten H\u00e4ftlingen. In diesem st\u00e4ndigen Prozess haben sich auch die Strukturen der Abschreckung und die Funktion der \u00d6ffentlichkeit\u00a0 ver\u00e4ndert. Aus einem dem Spektakel beiwohnenden gr\u00f6hlenden Mob wurde eine disziplinierte \u00d6ffentlichkeit, die der Strafe nicht mehr beiwohnt und f\u00fcr die die drohende Strafe und der Regelbruch immerzu auf subtilem Wege pr\u00e4sent ist. Ohne Frage gehen dieser gesellschaftlichen Pr\u00e4senz von Bestrafung in jedem Aspekt des Lebens die klare\u00a0 Ausformulierung von Gesetzen und Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten voraus.\u00a0 Diese zielen auf die Sanktionierung, die Dressur und schlie\u00dflich die Wiedereingliederung in die disziplinierte Routine (Stundenpl\u00e4ne, regelm\u00e4\u00dfige T\u00e4tigkeiten, Arbeit, Schweigen, Aufmerksamkeit, Respekt, Gewohnheiten etc.) in den jeweiligen Strukturen der Disziplin (Schule, Fabrik, Kaserne etc.). Die Strafe ist nunmehr kein brandmarkender zeremonieller Terrorakt gegen\u00fcber einem besiegten Feind des sich r\u00e4chenden Souver\u00e4ns, sondern eine vom Gesellschaftsk\u00f6rpers und\u00a0 Verwaltungsapparat\u00a0 ausge\u00fcbte Z\u00fcchtigung eines kriminellen Rechtssubjet, das unterworfen und manipuliert wird, damit es in Zukunft solche kriminalisierten T\u00e4tigkeiten vermeidet.<\/p>\n<p>Diese Pr\u00e4vention von \u201eVerbrechen\u201c ist der einzige Zweck der Strafe und ihre Techniken sind die Umformung von Gewohnheiten, die Einzw\u00e4ngung des K\u00f6rpers, die Dressur des Verhaltens\u00a0 und das Brechen des Individuums, also von Psyche, Subjektivit\u00e4t, Pers\u00f6nlichkeit, Bewusstsein und Gewissen. Die Zielscheibe dieses neuen Zugangs und Zugriffs der Strafe auf das Individuum sind seine Vorstellungen von Vorteilen, Nachteilen, Interessen, Vergn\u00fcgen und Missvergn\u00fcgen, denn so wirkt der Strafapparat auf die gesamte \u00d6ffentlichkeit ein und erf\u00fcllt seine Funktion: Mit jedem \u201eVerbrechen\u201c wird eine darauf folgende Strafe verbunden und der wahrgenomme Nachteil der Strafe soll dem eingebildeten Vorteil des \u201eVerbrechens\u201c \u00fcberwiegen . Somit wird die selbst\u00e4ndige Macht der Strafgewalt, also die Schuldsprechung und Urteilsverk\u00fcndung anhand von sich erneuernden Gesetzen in jedem gesellschaftlichen Aspekt wirksam und wird nicht mehr als Machtaus\u00fcbung der Regierenden \u00fcber die Regierten wahrgenommen, sondern als unmittelbare Reaktion des Gesellschaftsk\u00f6rpers auf ein \u201eVerbrechen\u201c. Die offensichtliche Institutionalisierung dieser Bestrafung ist das Gef\u00e4ngnis, das ab einem gewissen Punkt die nahezu einzige Methode zur Erreichung des strategischen Ziels der Strafgewalt wurde: Die Unterdr\u00fcckung der gesellschaftlich verbreiteten Gesetzwidrigkeiten.<br \/>\nEine Analyse der Entwicklung des Gef\u00e4ngnisses, die die sich ver\u00e4ndernden Funktionen und Methoden grunds\u00e4tzlich hinterfragt, beginnt zumeist bei der Architektur und ihrer Konzeption. Der nachfolgende Text unternimmt einen solchen Versuch, kann aber keine Analyse von neueren Trends nach den 80\u2032ern liefern.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen diese Entwicklungen nicht verpassen, sie erst im Nachhinein betrachten oder als blo\u00dfe Zuschauer_innen beobachten. Beispielweise profitieren immer mehr Firmen durch zunehmende Privatisierung von Gef\u00e4ngnissen und es lohnt sich neuerdings wieder in die Arbeitskraft von Gefangenen zu investieren. So werden es nicht nur mehr und gr\u00f6\u00dfere Profiteure, die hinter dem Gesch\u00e4ft mit den Kn\u00e4sten stehen, sondern auch die Aufgabe der Arbeit ver\u00e4ndert sich innerhalb des Gef\u00e4ngnisses. Andere neuere Entwicklungen wie bsp. die Fu\u00dffesseln ver\u00e4ndern die Methode der Bestrafung so grunds\u00e4tzlich, dass sie sich sich \u00fcber die Mauer des Gef\u00e4ngnisses hinaus ausdehnen und dieses nicht mehr ben\u00f6tigen. Dar\u00fcber hinaus zeigen Sicherheitsverwahrung und unbefristete Aufenthalte in Psychatrien und Heimen die Tendenz zum lebensl\u00e4nglichen Wegsperren und zur Strafe auf ungewisse Dauer.<\/p>\n<p>Allgemein gibt es immer mehr \u00dcberfl\u00fcssige f\u00fcr diese Gesellschaft, immer mehr Menschen die weggesperrt werden.<br \/>\nMit der sich vermehrenden Einsperrung, mit der noch vereinzelten Rebellion von Gefangenen, der Verschiebung und Ausdehnung von Kriminalit\u00e4t, der Ausbreitung von materieller Armut und Unzufriedenheit und mit den sich verh\u00e4rtenden autorit\u00e4ren Prozessen in Staat und Gesellschaft gibt es immer mehr Punkte an denen es zu Revolten kommt und das Konfliktpotential innerhalb des sozialen Gef\u00e4ngnis w\u00e4chst. An diesen Punkten wollen wir intervenieren, mit unseren Ideen pr\u00e4sent sein und unser Konzept von revolution\u00e4rer Kritik intensivieren und verbreiten. Jedoch m\u00fcssen wir f\u00fcr diese Kritik nicht auf irgendeine Krise warten oder einer Masse hinterherrennen, denn ihre Schlagkraft entwickelt sie nur, wenn sie im hier und jetzt praktiziert wird und durch unsere eigene Selbst-Organisation entsteht. Revolution\u00e4re Kritik ist deshalb immer praktisch und sucht sich die Mittel f\u00fcr den Angriff selbstbestimmt aus. Diese Mittel beinhalten das Bed\u00fcrfnis, unser Leben in die eigenen H\u00e4nde nehmen zu wollen. Und so ist auch dieses Bed\u00fcrfnis Ausgangspunkt f\u00fcr die Kritik an dem Bestehenden, denn wir wollen nicht analysieren inwiefern Institutionen und Beziehungen in bestimmten Punkten und Momenten mit Vorstellungen von \u201eIdealen\u201c zusammensto\u00dfen, sondern warum sie grunds\u00e4tzlich unsere Bed\u00fcrfnis und Sehns\u00fcchte nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Unsere Revolution\u00e4re Kritik lehnt deshalb auch jeden \u00fcber uns stehenden Wert und jedes Dogma ab, da sie immer von der Gegenwart ausgeht und somit Teil eines existierenden Kampfes ist. Dieser Kampf zielt auf einen Bruch ab, aus dem sich die soziale Revolution entwickeln kann. Und um in jedem Aspekt des Kampfes die eigene Autonomie beizubehalten, verweigert diese Kritik jeden Kompromiss mit der Macht.<\/p>\n<p><em>\u201cDaher lasst uns nicht \u00fcber das sprechen, was Sie uns Inhaftierten antun, sondern \u00fcber das, was wir Ihnen antun k\u00f6nnen.\u201c<\/em> \u2013 ehemaliger Gefangener der JVA K\u00f6ln-Ossendorf<\/p>\n<p>Wenn wir die Institution des Gef\u00e4ngnisses zerst\u00f6ren wollen, m\u00fcssen wir herausfinden, welche Verantwortlichen an diesem riesigen Apparat mitwirken. Kein Mensch kann sich f\u00fcr das Mitwirken und Teilhaben an diesem Gef\u00e4ngnisapparat hinter der Ausrede verstecken nur seinen Job zu machen. F\u00fcr uns zeigt der folgende Text sehr deutlich auf, dass beispielsweise diejenigen, die die Architektur des Gef\u00e4ngnisses entwickelt haben, in vollem Bewusstsein schlicht die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Isolation und Unterwerfung des Individuums herbeif\u00fchren wollten. Diese individuelle Verantwortung tragen von den Verantwortlichen des Justizapparats und Richter_innen, die die Dauer, Intensit\u00e4t und Eigenheit der Strafe an das Individuum anpassen, \u00fcber die Polizist_innen, Knastw\u00e4rter_innen und -Sozialarbeiter_innen, Psychater_innen, \u00c4rzt_innen, Stellvertreter_innen und Direktor_innen bis hinzu all den Mitwirkenden an diesem Straf- und Knastkomplex, all jene globalen und lokalen Firmen, Institutionen und Menschen, die Kn\u00e4ste konstruieren, finanzieren, entwickeln, betreiben, rechtfertigen und sch\u00fctzen und von ihnen profitieren.<\/p>\n<p><em>\u201eWir brauchen daher nicht das Bild von Monstern auf die W\u00e4rter zur\u00fcckzuwerfen, das sie uns anh\u00e4ngen (\u2026) Wir betrachten sie als das, was sie sind: Menschen, die sich Tag f\u00fcr Tag entscheiden, den Schl\u00fcssel in den Schl\u00f6ssern der Zellen umzudrehen. Weil wir nicht denken, dass es m\u00f6glich ist, die Henker zu \u201ebekehren\u201c oder zu \u201e\u00fcberzeugen\u201c, bedeutet das nicht, dass wir ihnen ihre Menschlichkeit abstreiten. Es ist diese Spannung, diese ethische Spannung nach der Freiheit, die nicht eine andere Version der \u201eJustiz\u201c mit ihren Gesetzen und Bestrafungen sein will, die uns so verschieden macht und in der wir unsere Kraft und unseren Mut sch\u00f6pfen, um die Autorit\u00e4t weiterhin mit den Waffen der Antiautorit\u00e4t zu bek\u00e4mpfen.<\/em><br \/>\n<em> Dies erm\u00f6glicht uns im \u00dcbrigen, ohne Missverst\u00e4ndnisse zum Angriff \u00fcberzugehen. Denn selbst wenn das Gef\u00e4ngnis eine Maschinerie ist, der es gelingt, die Verantwortung der Folter, die die Einschlie\u00dfung in Wirklichkeit ist, ins Endlose zu verteilen und somit das verschwommene Gesicht eines tentakligen und anonymen Monsters annimmt, so tragen gewisse Personen paradoxerweise spezifische Verantwortungen. Sie zu identifizieren ist eine Lebensnotwendigkeit f\u00fcr jedes Projekt des Kampfes gegen das Gef\u00e4ngnis. Verstehen, wer, wo und wie die F\u00e4den zieht.\u201c<\/em> \u2013 aus Stein f\u00fcr Stein. K\u00e4mpfen gegen das Gef\u00e4ngnis und seine Welt (Belgien 2006 \u2013 2011)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Edition Irreversibel, Februar 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir als Anarchist_innen dar\u00fcber reden, den Knast zu zerst\u00f6ren, meinen wir damit nicht nur das mit Stachedldraht umz\u00e4unte Geb\u00e4ude am Rande der Stadt, sondern das gesellschaftliche Prinzip der Einsperrung, des Strafens und der Logik der Autorit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":8659,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[462,30],"tags":[50,576,37,374,74],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8653"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8653"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8653\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10180,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8653\/revisions\/10180"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8659"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8653"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8653"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8653"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}