{"id":8838,"date":"2013-03-18T20:47:06","date_gmt":"2013-03-18T19:47:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=8838"},"modified":"2013-04-14T21:28:46","modified_gmt":"2013-04-14T20:28:46","slug":"in-der-telefon-zelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/in-der-telefon-zelle","title":{"rendered":"In der Telefon-Zelle"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Gef\u00e4ngnis.jpg\" rel=\"lightbox[8838]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright\" alt=\"Gef\u00e4ngnis\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Gef\u00e4ngnis-250x187.jpg\" width=\"156\" height=\"117\" \/><\/a><em>In der <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2013%2F03%2F15%2Fa0084&amp;cHash=ff9dfce8a8b6fde2f74d72aef66a105e\" target=\"_blank\">Tageszeitung taz<\/a><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2013%2F03%2F15%2Fa0084&amp;cHash=ff9dfce8a8b6fde2f74d72aef66a105e\" target=\"_blank\"> erschien am 15. M\u00e4rz<\/a> ein Artikel \u00fcber die Schwierigkeiten der Telefonie hinter den Gittern. Im Focus mal wieder die Firma Telio, \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/tag\/telio\" target=\"_blank\">nicht zum ersten Mal gesprochen<\/a> wird.<\/em><\/p>\n<p>Wenn Erol Yilmaz in der T\u00fcrkei anruft, muss er auf Telio zur\u00fcckgreifen. Er hat keine Wahl, und das ist teuer<\/p>\n<p>Erol Yilmaz m\u00fcsste seinen Telefonanbieter dringend wechseln. &#8220;Die Preise sind unglaublich&#8221;, sagt der Mann, dessen richtiger Name der taz bekannt ist. <!--more-->F\u00fcr jede Minute, die er mit seiner Familie telefoniert, bucht das Unternehmen Telio neun Cent von seinem Benutzerkonto ab. Ortstarif. Ferngespr\u00e4che kosten 20 Cent, Anrufe auf das Handy 60 Cent. Wenn Yilmaz am Ende des Ramadans in der T\u00fcrkei anruft, um seinem Onkel ein frohes Fest zu w\u00fcnschen, zahlt er 80 Cent pro Minute. Ein g\u00e4ngiger Tarif f\u00fcr regul\u00e4re Festnetzanschl\u00fcsse betr\u00e4gt 4,9 Cent pro Minute in die T\u00fcrkei. Doch Erol Yilmaz&#8217; Problem besteht darin, dass er keine Wahl hat. Denn sein Telefon h\u00e4ngt in der JVA Berlin-Tegel. Zwar kann er dank Telio jeden Abend mit seiner Frau und den beiden Kindern sprechen; sonst bleiben ihm daf\u00fcr nur Briefe und Besuche: Viermal im Monat, je drei\u00dfig Minuten. Aber die Preise machen ihn fertig.<\/p>\n<p>Immerhin geh\u00f6rt Yilmaz in Tegel zu den Besserverdienern. Er arbeitet in der Redaktion der Gefangenenzeitung <i>Lichtblick,<\/i> befindet sich in der h\u00f6chsten Lohngruppe und verdient 14 Euro pro Tag. Wer keinen Job in der Redaktion, der K\u00fcche oder der W\u00e4scherei findet, erh\u00e4lt nur Taschengeld &#8211; rund 30 Euro im Monat. Davon bezahlen die Gefangenen Sonderw\u00fcnsche wie Kaffee und Zigaretten. Viele m\u00fcssen zus\u00e4tzlich Prozesskosten abstottern.<\/p>\n<p>Wer aus Serbien, Marokko oder Russland stammt, hat es noch schwerer als Yilmaz. Anrufe dorthin kosten noch mehr: bis zu 1,40 Euro pro Minute. Die Preisgestaltung ist klug gew\u00e4hlt, denn etwa jeder dritte Inhaftierte in Deutschland stammt aus dem Ausland.<\/p>\n<p>Nicht nur in der JVA Tegel: Deutschlandweit verdient Telio in \u00fcber 90 Gef\u00e4ngnissen bei allen Anrufen der H\u00e4ftlinge mit. Das Unternehmen ist Marktf\u00fchrer und l\u00e4ngst auch im Ausland aktiv: In einigen L\u00e4ndern Europas und sogar in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat Telio Telefonanlagen in Gef\u00e4ngnissen installiert. Im Jahr 2011 lag der Umsatz nach eigenen Angaben<i> <\/i>bei insgesamt 15 Millionen Euro, in Deutschland bei vier Millionen.<\/p>\n<p>Das Unternehmen geh\u00f6rt \u00fcber eine Reihe von Beteiligungsgesellschaften der Hamburger Unternehmerfamilie M\u00f6hrle. Deren Holding residiert an der Hamburger Binnenalster. Das <i>Manager Magazin<\/i> sch\u00e4tzt das Verm\u00f6gen der M\u00f6hrles auf 850 Millionen Euro. Familienoberhaupt Peter M\u00f6hrle, inzwischen 80 Jahre alt, hat einst die Baumarktkette Max Bahr aufgebaut und vor einigen Jahren verkauft. \u00dcber eine Stiftung unterst\u00fctzt die Familie die Pflege von Denkm\u00e4lern in Hamburg und Umgebung. Sie stiftete den Peter-M\u00f6hrle-Preis, mit dem die HafenCity Universit\u00e4t kreative Bachelorarbeiten auszeichnet.<\/p>\n<p>An die CDU spendet Peter M\u00f6hrle j\u00e4hrlich bis zu 25.000 Euro. Vor allem investiert die Familie aber in Immobilien und in Unternehmen mit langfristigen Profitaussichten &#8211; Unternehmen wie Telio.<\/p>\n<p>Im Jahr 1998 gegr\u00fcndet, schl\u00fcpfte das Start-up in eine Marktnische. Telefonieren konnten H\u00e4ftlinge in einigen Gef\u00e4ngnissen schon vorher, meistens \u00fcber M\u00fcnztelefone der Telekom und ebenfalls zu hohen Tarifen. Oft mussten sich Hunderte H\u00e4ftlinge ein Telefon teilen.<\/p>\n<p>&#8220;Die Gef\u00e4ngnisdirektoren wollten nicht, dass in ihren Anstalten Bargeld kursiert&#8221;, sagt der Kriminologe und Strafvollzugsexperte Johannes Feest. Zu gro\u00df war die Sorge davor, dass H\u00e4ftlinge untereinander auf dem Schwarzmarkt handeln. Auch Kartentelefone l\u00f6sten das Problem nicht: Angeblich missbrauchten Gefangene die Karten als Ersatzw\u00e4hrung. &#8220;Die Anstalten wollten den \u00c4rger loswerden, damit schlug die gro\u00dfe Stunde von Telio&#8221;, sagt Feest.<\/p>\n<p>Die Telio-Apparate brauchen weder M\u00fcnzen noch Telefonkarten. Auf 20 Gefangene kommt ein Telefon, jeder Nutzer bekommt eine Benutzer- und eine PIN-Nummer. Meldet er sich damit an, erkennt das Telefon, wie hoch sein Guthaben ist und welche Nummern er anrufen darf. Die H\u00e4ftlinge sollen ehemalige Opfer oder Komplizen nach M\u00f6glichkeit nicht erreichen. Wo es Gesetze und Richter erlauben, k\u00f6nnen Vollzugsbeamte Telefonate mith\u00f6ren und aufzeichnen.<\/p>\n<p>&#8220;Telio-Anlagen erm\u00f6glichen maximale Kontrolle bei minimalem Aufwand&#8221;, schreibt das Unternehmen in seiner Werbebrosch\u00fcre.<\/p>\n<p>Telio installiert und wartet die Telefonanlagen, verwaltet die Gespr\u00e4chsguthaben und unterh\u00e4lt f\u00fcr seine Kunden eine Beschwerde-Hotline. Die Justizvollzugsanstalten m\u00fcssen sich um kaum etwas selbst k\u00fcmmern. Vor allem: Sie m\u00fcssen nichts bezahlen. Telio finanziert sich ausschlie\u00dflich \u00fcber die Gespr\u00e4chskosten der H\u00e4ftlinge.<\/p>\n<p>&#8220;Unser Gesch\u00e4ftsmodell ist mit dem normaler Telefonanbieter nicht vergleichbar&#8221;, sagt Telios Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Oliver Drews. &#8220;Wir bedienen keinen Massenmarkt mit Millionen Kunden.&#8221; 23.000 H\u00e4ftlinge telefonieren in Deutschland \u00fcber das Unternehmen, viele laut Drews nur ein paar Minuten pro Monat. Von den Einnahmen muss Telio die Sicherheitsvorkehrungen finanzieren, die sich die Anstalten f\u00fcr ihre Telefonanlagen w\u00fcnschen. Zumindest liegen die Tarife unter denen, die die Telekom an \u00f6ffentlichen Telefonzellen verlangt.<\/p>\n<p>Im Jahr 2012 konnten Inhaftierte ihre Telefonkosten zumindest kurzzeitig senken. Der Berliner Anbieter Rufpin wollte an den Anrufen der H\u00e4ftlinge mitverdienen. Er bewarb eine Call-by-Call-Nummer speziell f\u00fcr H\u00e4ftlinge, \u00fcber die diese f\u00fcr insgesamt 39 Cent ins Ausland telefonieren konnten. Der Gro\u00dfteil davon ging an Rufpin, Telio blieb nur der Ortstarif.<\/p>\n<p><em>Free-TV f\u00fcr 12,95 Euro<\/em><\/p>\n<p>Das lie\u00df sich der Marktf\u00fchrer nicht lange bieten. Er erwirkte beim Landgericht Hamburg, dass Rufpin sein Angebot einstellt. Die Gefangenen telefonieren wieder zu h\u00f6heren Tarifen.<\/p>\n<p>&#8220;Die hohen Kosten sind nat\u00fcrlich ein Problem&#8221;, sagt Kriminologe Feest. &#8220;Telefonate sind wichtig, um Kontakte nach drau\u00dfen zu erhalten und damit auch f\u00fcr eine erfolgreiche Resozialisierung.&#8221; Daf\u00fcr also, dass der Gefangene nach seiner Entlassung in Freiheit zurechtkommt. Auch der Saarbr\u00fccker Strafverteidiger Christoph Clanget kritisiert die hohen Tarife. Er richtet seinen Vorwurf aber nicht an Telio, sondern an die Justizministerien. &#8220;\u00dcberall bem\u00fcht sich die Verwaltung, Kosten niedrig zu halten. Aber wenn irgendwelche Gefangenen zahlen, ist der Preis egal.&#8221;<\/p>\n<p>Die Ministerien behaupten dagegen, dass an Telio kein Weg vorbeif\u00fchre. Die Installation und den Betrieb der Telefonanlagen in den Gef\u00e4ngnissen schreiben sie \u00f6ffentlich aus. Die Tarife sind eines der Auswahlkriterien. Oft gebe aber nur ein Anbieter ein Angebot ab &#8211; und zwar Telio.<\/p>\n<p>Anders lief es bei der JVA Berlin-Heidering, die demn\u00e4chst ihren Betrieb aufnimmt. Hier bewarben sich drei Telefonanbieter. Die Telekom gab das teuerste Angebot ab und schied aus. Telio landete auf Platz zwei. &#8220;Unser Angebot sah vor, dass sich der Staat an den Kosten beteiligt&#8221;, sagt Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Drews. So habe man die Gefangenen entlasten wollen. Das Land Berlin wollte aber kein Geld ausgeben. Die Senatsverwaltung sagt: &#8220;Der Zuschuss h\u00e4tte aus dem laufenden Haushalt gar nicht erbracht werden k\u00f6nnen.&#8221;<\/p>\n<p>Den Zuschlag erhielt schlie\u00dflich die LIM GmbH, ein Unternehmen aus Cottbus, das sich auf dem Markt etablieren will. Auch ohne staatlichen Zuschuss bot das Unternehmen billigere Tarife als Telio. 10 Cent f\u00fcr Gespr\u00e4che ins deutsche Festnetz, 30 Cent auf Handys, 15 bis h\u00f6chstens 80 Cent ins Ausland. Achim Dosdall, LIM-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, sagt: &#8220;Wenn ich erfolgreich sein will, brauche ich die Akzeptanz der Gefangenen. Die erreiche ich nicht durch Mondpreise.&#8221;<\/p>\n<p>Um ihren H\u00e4ftlingen noch billigere Tarife zu verschaffen, bliebe den Ministerien und Anstalten nur eine M\u00f6glichkeit: Sich selbst um die Telefonanlagen zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>So wie die JVA Celle. Dort zahlen die Gefangenen f\u00fcr alle Anrufe sechs Cent pro Minute. Egal, ob ins Festnetz, auf Handys oder ins Ausland. Die Telefonanlage wurde aus Landesmitteln bezahlt. Vor jedem Telefonat muss ein Vollzugsbeamter die Nummer erst \u00fcberpr\u00fcfen, dann w\u00e4hlen und das Gespr\u00e4ch schlie\u00dflich auf die abgeschirmte Telefonzelle der Gefangenen umstellen.<\/p>\n<p>Die JVA Celle ist ein Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis. Dort arbeiten mehr Beamte als in normalen Anstalten, Telefongespr\u00e4che m\u00fcssen sie ausnahmslos mith\u00f6ren. Ob das Personal die Verbindung vorher selbst herstellt oder nicht, spielt da keine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Andere Anstalten werden sich die JVA Celle also kaum zum Vorbild nehmen; und Telio steht schon mit einem neuen Produkt in den Startl\u00f6chern. Es hei\u00dft Multio und besteht aus Bildschirm, Tastatur und Telefonh\u00f6rer. In sieben Gef\u00e4ngnissen ist Multio bereits im Einsatz. \u00dcber die Ger\u00e4te k\u00f6nnen H\u00e4ftlinge telefonieren, DVDs oder Fernsehen schauen und theoretisch sogar im Internet surfen &#8211; zumindest streng kontrolliert auf ausgew\u00e4hlten Seiten.<\/p>\n<p>Wer alle Free-TV-Sender will, zahlt monatlich 12,95 Euro Ger\u00e4temiete. Als die JVA Tonna (Th\u00fcringen) das System im vergangen Jahr einf\u00fchrte, protestierten 14 Gefangene. Erfolglos, aber drastisch: Sie traten in den Hungerstreik.<\/p>\n<p>&#8220;Telio-Anlagen erm\u00f6glichen maxi- male Kontrolle bei minimalem Aufwand&#8221;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Das ist Telio<\/strong><\/p>\n<p>Das Hamburger Unternehmen Telio ist Marktf\u00fchrer f\u00fcr Telefonanlagen im Straf- und Ma\u00dfregelvollzug. Speziell f\u00fcr Gef\u00e4ngnisse bietet es auch Handyst\u00f6rsender und Fernsehapparate mit Internetzugang an. Die Ger\u00e4te und ihre Software sind auf die Sicherheitsanforderungen der Justizvollzugsanstalten abgestimmt. Im Jahr 1999 installierte Telio in der JVA Hamburg-Fuhlsb\u00fcttel seine erste Telefonanlage. Mittlerweile ist das Unternehmen deutschlandweit in 92 Gef\u00e4ngnissen vertreten. International ist Telio in elf europ\u00e4ischen Staaten und den Vereinigten Arabischen Emiraten aktiv und besch\u00e4ftigt insgesamt rund 80 Mitarbeiter. In den n\u00e4chsten Jahren will das Unternehmen weiter expandieren. Die Gef\u00e4ngnisse zahlen f\u00fcr Telios Ger\u00e4te und Dienstleistungen nichts. Das Unternehmen finanziert sich ausschlie\u00dflich aus den Telefongeb\u00fchren der H\u00e4ftlinge. Seit dem Jahr 2010 geh\u00f6rt Telio mehrheitlich der Hamburger Unternehmerfamilie M\u00f6hrle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Tageszeitung taz erschien am 15. M\u00e4rz ein Artikel \u00fcber die Schwierigkeiten der Telefonie hinter den Gittern. Im Focus mal wieder die Firma Telio, \u00fcber die nicht zum ersten Mal gesprochen wird. 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