{"id":8940,"date":"2013-03-18T09:58:47","date_gmt":"2013-03-18T08:58:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=8940"},"modified":"2013-06-12T09:48:59","modified_gmt":"2013-06-12T08:48:59","slug":"den-riegel-vorgeschoben-die-situation-aelterer-inhaftierter-in-deutschen-gefaengnissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/den-riegel-vorgeschoben-die-situation-aelterer-inhaftierter-in-deutschen-gefaengnissen","title":{"rendered":"Den Riegel vorgeschoben &#8211; Die Situation \u00e4lterer Inhaftierter in deutschen Gef\u00e4ngnissen"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/JVA-Tegel.jpg\" rel=\"lightbox[8940]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-8941\" title=\"JVA Tegel\" alt=\"JVA Tegel\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/JVA-Tegel-250x187.jpg\" width=\"175\" height=\"131\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/JVA-Tegel-250x187.jpg 250w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/JVA-Tegel.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 175px) 100vw, 175px\" \/><\/a>In der Wochenzeitung <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2013\/11\/47320.html\" target=\"_blank\">Jungle World<\/a> erschien vor ein paar Tagen ein Artikel \u00fcber die Lebenssituation von Gefangenen im hohen Lebensalter.<\/em><\/p>\n<p><strong>Auf Inhaftierte, die sich im Rentenalter befinden, sind deutsche Gef\u00e4ngnisse kaum vorbereitet.<\/strong><br \/>\n<!--more--><br \/>\n<em>von Johannes Spohr<\/em><\/p>\n<p>Die Zahl der \u00e4lteren Inhaftierten steigt in Deutschland seit Jahren rapide. Zwischen 1994 und 2005 hat die Zahl der m\u00e4nnlichen Inhaftierten, die \u00fcber 60\u00a0Jahre alt sind, dem Statistischen Bundesamt zufolge um mehr als 200\u00a0Prozent zugenommen. In der \u00d6ffentlichkeit wird diese Entwicklung meist mit dem allgemeinen demographischen Wandel in der Bundesrepublik in Verbindung gebracht. Ob es sich tats\u00e4chlich schlichtweg um eine Folge des Alterns der Bev\u00f6lkerung handelt, wird kaum er\u00f6rtert. Ein ver\u00e4nderter Umgang mit \u00bbAlterskriminalit\u00e4t\u00ab, die immer rigidere Verurteilungspraxis der Gerichte und die gr\u00f6\u00dferen Kapazit\u00e4ten der Gef\u00e4ngnisse k\u00f6nnen diese Entwicklung ebenfalls beg\u00fcnstigen.<\/p>\n<p><b>Mittlerweile besch\u00e4ftigen sich auch die Justizvollzugsanstalten (JVA),<\/b> soziale Einrichtungen, Strafrechtler und Sozialwissenschaftler mit dieser Situation. Diskutiert wird seitens der Beh\u00f6rden beispielsweise, ob \u00e4ltere Inhaftierte getrennt untergebracht werden sollten, wie in Singen am Bodensee. Dort befindet sich eine Au\u00dfenstelle der JVA Konstanz, im bisher einzigartigen \u00bbSeniorenknast\u00ab sind etwa 40 \u00fcber 62j\u00e4hrige inhaftiert. Es sollen eine st\u00e4rkere Au\u00dfenorientierung des Vollzugs sowie mehr Freizeit- und Reintegrationsma\u00dfnahmen als im allgemeinen Vollzug gew\u00e4hrleistet werden. Mehrere JVA besitzen spezielle Trakte f\u00fcr \u00e4ltere Menschen, ein \u00fcbergreifendes Konzept gibt es bislang jedoch nicht.<\/p>\n<p>Dieter Wurm, Redakteur der Gefangenenzeitung Der Lichtblick, hat die vergangenen zw\u00f6lf Jahre in der JVA Tegel in Berlin verbracht, mittlerweile ist er 55\u00a0Jahre alt. In Tegel sitzen derzeit mehr als 50\u00a0Gefangene, die \u00fcber 60\u00a0Jahre alt sind, sollte er nicht vorher entlassen werden, wird auch Wurm in ein paar Jahren zu ihnen geh\u00f6ren. Eine getrennte Unterbringung unter \u00c4lteren ist f\u00fcr ihn jedoch nicht vorstellbar: \u00bbIch w\u00fcrde es mir nicht w\u00fcnschen. Die Haft als solche bedeutet schon Unfreiheit und da als alter Mensch behandelt zu werden, ist nat\u00fcrlich teilweise unangenehm.\u00ab<\/p>\n<p><b>Er beobachtet, dass \u00e4ltere Mitgefangene sich immer st\u00e4rker in ihre Zellen zur\u00fcckziehen,<\/b> um die mit L\u00e4rm und Stress verbundenen Situationen in der klassisch \u00bbjungen\u00ab Umgebung zu meiden. Dazu geh\u00f6rt zum Beispiel der Hofgang, f\u00fcr viele Gefangene ist er die einzige M\u00f6glichkeit, Freizeit au\u00dferhalb der Zelle zu verbringen. Wurm glaubt, die alten M\u00e4nner wollten in der Regel einfach ihre Ruhe haben. \u00bbDie sagen, \u203aich habe es durch, ich habe mein Leben gelebt, ich wei\u00df aufgrund der Lebenserfahrung, ich komme da in irgendeinen Sumpf rein, Hartz IV oder irgendwas, ohne Perspektive\u2039. Sie sind sehr resignativ aufgrund der Altersweisheit.\u00ab Das gelte vor allem f\u00fcr diejenigen mit langen Haftstrafen. Gegen die Resignation werde seitens der Anstalt nichts unternommen: \u00bbWenn man abschaltet, muss man sich um nichts einen Kopf machen. Sie ern\u00e4hren dich, sie versorgen dich gesundheitlich. Man kann vollkommen vergammeln, es interessiert keinen.\u00ab Thomas Wende*, ebenfalls Redakteur des Lichtblick, f\u00fcgt hinzu: \u00bbEs fehlt die intrinsische Motivation, man ist hospitalisiert und dann hockt man seine Zeit ab.\u00ab Vielen Bediensteten gelten die \u00c4lteren genau deshalb als \u00bbgute Gefangene\u00ab. Sie stellen seltener Antr\u00e4ge, machen keinen Stress und somit weniger Arbeit. Im schlimmsten Fall f\u00fchrt die \u00bbPrisionierung\u00ab, die Gew\u00f6hnung an die Alltagsstruktur des Gef\u00e4ngnisses sowie die fehlende Zukunftsaussicht, sogar dazu, dass manche Inhaftierte gar nicht mehr raus wollen.<\/p>\n<p>Klaus Engels war jahrelang in Tegel und anschlie\u00dfend in der Berliner JVA D\u00fcppel inhaftiert und wurde vor kurzem im Alter von 69\u00a0Jahren entlassen. Er hat \u00e4hnliche Erfahrungen gesammelt: \u00bbDie Leute werden zu wenig angesprochen. Wer sich nicht selbst darum k\u00fcmmert, interessiert auch niemanden. Wenn ich nicht so flexibel gewesen w\u00e4re, w\u00e4re ich untergegangen.\u00ab<\/p>\n<p><b>Die gesundheitliche Situation \u00e4lterer Gefangener gestaltet sich ebenfalls schwierig.<\/b> Die Gefangenen sind stark von dem f\u00fcr sie zust\u00e4ndigen Arzt abh\u00e4ngig und k\u00f6nnen keine zweite \u00e4rztliche Meinung einholen. Behandelt werde in der Regel lediglich mit Pillen, so Engels, bei gr\u00f6\u00dferen Eingriffen werde man ins Haftkrankenhaus verlegt. Eine besondere Behandlung der h\u00e4ufig mit unterschiedlichen, gleichzeitig auftretenden Krankheiten belasteten \u00e4lteren Menschen gebe es kaum. Drastische M\u00e4ngel werden bei der zahn\u00e4rztlichen Behandlung beklagt. \u00bbDie Leute haben keine Z\u00e4hne mehr im Mund\u00ab, sagt Wurm. Auch k\u00f6nne nicht damit gerechnet werden, dass besonders kranke Menschen fr\u00fcher entlassen werden. \u00bbDie Strafen werden vollstreckt, bis derjenige tot umf\u00e4llt.\u00ab<\/p>\n<p>Dass viele \u00c4ltere auch im Rentenalter noch arbeiten, liegt vor allem an der sonst drohenden Langeweile. Zudem muss die eigene Haft anteilig bezahlt werden. Langfristig Inhaftierte haben h\u00e4ufig keine Aussicht auf eine ausreichende Rente. Im Gef\u00e4ngnis wird f\u00fcr Arbeitende nicht in die Rentenkasse eingezahlt.<\/p>\n<p><b>Besonders heikel ist meist die Situation der Entlassung.<\/b> Wer lange in Haft war, habe nur noch selten soziale Kontakte, sagt Wurm: \u00bbEs ist immer die Frage, wie ist das soziale Umfeld drau\u00dfen, hat er keines, dann wird es eine Katastrophe.\u00ab Viele Gefangene werden auf die Entlassung kaum vorbereitet. F\u00fcr Engels kam sie v\u00f6llig \u00fcberraschend. Er befand sich schon seit l\u00e4ngerem im offenen Vollzug in D\u00fcppel und konnte die JVA tags\u00fcber verlassen. W\u00e4hrend einer Autofahrt habe er einen Anruf bekommen. \u00bbMir wurde gesagt, ich solle sofort in die Anstalt kommen, ich solle noch am selben Tag entlassen werden.\u00ab Hilfe bekam er beim \u00bbAuszug\u00ab nicht.<\/p>\n<p>Auf die Entlassung folgt f\u00fcr viele Gefangene eine teilweise lange Phase der Orientierung mit vielen b\u00fcrokratischen H\u00fcrden. Antr\u00e4ge auf ALG II und Grundsicherung sowie die Aufnahme in die Krankenkasse, die Wohnungs- und Jobsuche oder die Feststellung von Rentenanspr\u00fcchen geh\u00f6ren zu den \u00fcblichen Aufgaben, die den Alltag zun\u00e4chst bestimmen. Freizeitaktivit\u00e4ten, von denen Gefangene in der erlebnisarmen Haftzeit getr\u00e4umt haben, werden bisweilen aufgeschoben, \u00bbbis alles Wichtige geregelt ist\u00ab. Einer der wenigen Anlaufpunkte ist das Projekt \u00bbDrinnen und Drau\u00dfen\u00ab der Berliner Stadtmission. Hier k\u00f6nnen sich Inhaftierte bereits vor ihrer Entlassung beraten lassen, manche kommen in Einrichtungen des betreuten Wohnens unter. Immer wieder landen Entlassene aber auch in der Obdachlosigkeit.<\/p>\n<p>Engels wurde mit einer Summe von 181\u00a0Euro entlassen. \u00bbDas ist doch ein Scherz\u00ab, sagt er und weist auf seine Einschr\u00e4nkungen beim Gehen hin. Ein Alltag ohne einen mit hohen Kosten verbundenen PKW sei f\u00fcr ihn undenkbar. Trotz seiner gesundheitlichen Probleme hat es fast drei Monate gedauert, bis er zum ersten Mal einen Arzt aufsuchen konnte. Die Krankenversicherung weigerte sich zun\u00e4chst, ihn aufzunehmen. Auch so etwas m\u00fcsse eigentlich bereits vor der Entlassung vorbereitet sein, betont Engels.<\/p>\n<p>Hinzu kommt die soziale Stigmatisierung als \u00bbEx-Knacki\u00ab. Wer l\u00e4nger in Haft gewesen ist, kann die eigene Vergangenheit kaum verheimlichen. Eine Wohnung und Arbeit zu finden ist f\u00fcr \u00e4ltere Menschen ohnehin eine gro\u00dfe Herausforderung, wer dann noch \u00fcber l\u00e4ngere Zeit inhaftiert gewesen ist, hat verschwindend geringe Chancen. Ein Wiedereinstieg ins selbstst\u00e4ndige Berufsleben ist f\u00fcr Engels kaum denkbar: \u00bbWenn man etwas anfangen will, wird sofort der Riegel vorgeschoben.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Wochenzeitung Jungle World erschien vor ein paar Tagen ein Artikel \u00fcber die Lebenssituation von Gefangenen im hohen Lebensalter. 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