{"id":9033,"date":"2013-06-06T22:01:17","date_gmt":"2013-06-06T21:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=9033"},"modified":"2013-06-06T22:01:17","modified_gmt":"2013-06-06T21:01:17","slug":"thomas-meyer-falk-17-jahre-knast-eine-bilanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-17-jahre-knast-eine-bilanz","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: 17 Jahre Knast &#8211; eine Bilanz"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[9033]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft\" title=\"faust-durchs-gitter\" alt=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Nachdem ich nun fast 17 Jahre ununterbrochen in Haft sitze, soll ich ab dem 08. Juli 2013 in Sicherungsverwahrung (<a title=\"Thomas Meyer-Falk: Sicherungsverwahrung verboten?\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-sicherungsverwahrung-verboten\" target=\"_blank\">\u201eSV verboten?\u201c<\/a>) untergebracht werden. Das bevorstehende Ende der Strafhaftzeit m\u00f6chte ich f\u00fcr eine Art Bilanz nutzen.<\/p>\n<p><em>Die Isohaftphase<\/em><\/p>\n<p>In den 70&#8217;er und 80&#8217;er Jahren war der Begriff der Isolationshaft pr\u00e4senter als er es heutzutage ist, und das obwohl dieses Instrument nach wie vor auch und gerade von der deutschen Justiz angewandt wird. <!--more-->So sa\u00df G\u00fcnther F. rund 15 Jahre am St\u00fcck in Isolation in der JVA Celle. Peter Wegener wiederum sa\u00df im Mai 2013, es j\u00e4hrte sich seine Inhaftierung, 18 Jahre im Isotrakt (<a title=\"Thomas Meyer-Falk: 17 Jahre Isohaft \u2013 und kein Ende?!\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-17-jahre-isohaft-und-kein-ende\" target=\"_blank\">zum \u201e17. Jahrestag\u201c im vergangenen Jahr<\/a>).<\/p>\n<p>Ich selbst verbrachte die erste Zeit nach der Inhaftierung in Stuttgart-Stammheim in Isolation, dann 1998 einige Monate in Straubing (Bayern), und nachdem ich mich erfolgreich gegen die Verlegung nach Straubing vor Gericht gewehrt hatte, bis Mai 2007 in der JVA Bruchsal (Baden-W\u00fcrttemberg). Seit Mai 2007 befinde ich mich, wie es so sch\u00f6n hei\u00dft, im \u201eNormalvollzug\u201c, kann also im Hof der Anstalt Mitgefangene treffen, oder sie im Hafthaus in ihren Zellen besuchen, wie sie auch mich.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft nun \u201eIsolationshaft\u201c? Die Betroffenen verbringen ihre Haftzeit mit sich alleine, ihnen begegnen keine Mitgefangenen. Und die W\u00e4rter sieht man nur, wenn sie einen zum Gef\u00e4ngnishof bringen oder in die Duschzelle, bzw. wenn sie einem durch eine kleine Luke in der Zellent\u00fcre das Essen durchreichen. Je nach \u00f6rtlichen Verh\u00e4ltnissen gibt es weder Radio noch Fernseher zur Ablenkung, bzw. Information. Besuche von Freunden und Familie werden nur sehr restriktiv bewilligt: Man sieht sie hinter Panzerglas (so wie man es aus US-Filmen kennt), W\u00e4rter sitzen mit dabei und h\u00f6ren genau zu. Ein- und ausgehende Briefe werden von den Beamten gelesen, mitunter auch kopiert und zu den Akten gegeben. Die Anschriften der Empf\u00e4nger und Absender in Listen notiert.<\/p>\n<p>Vor und nach den Besuchen (obwohl man ja gar keinen k\u00f6rperlichen Kontakt haben konnte und durfte) wird man komplett durchsucht, inklusive nackt ausziehen, das wird auch vor und nach dem Spaziergang im vergitterten, winzigen Knasthof so praktiziert.<\/p>\n<p>Die Betroffenen sind keine Menschen mehr, sondern ein Gefahrenherd. Mehr ein St\u00fcck Fleisch, das hierhin und dorthin transportiert wird, einer vollst\u00e4ndigen \u00dcberwachung und Kontrolle unterliegend.<\/p>\n<p>Die Isozellen sind auch keine Luxus-Suiten, sondern alles ist festgeschraubt, steril, gerne auch aus Metall. Der Besitz von Privatkleidung selbstverst\u00e4ndlich verboten, und sonstiger Privatbesitz (wie Kugelschreiber, Papier, Fotos) auf ein absolutes Minimum reduziert.<\/p>\n<p>Und so lebt mensch dann nicht \u00fcber Tage und Wochen, sondern Jahre oder Jahrzehnte. Den oben erw\u00e4hnten Fall des G\u00fcnther F. bezeichnet <a href=\"http:\/\/www.strafvollzugsarchiv.de\/\" target=\"_blank\">Professor Dr. Feest<\/a>\u00a0 in seinem Kommentar zum Strafvollzugsgesetz als \u201eskandal\u00f6s\u201c.<\/p>\n<p>Die sogenannte Deprivation, d.h. der Entzug von Reizen jeglicher Art, wie auch und gerade des Kontakts zu Menschen, hat unweigerlich sch\u00e4dliche, die k\u00f6rperliche und die seelische Gesundheit beeintr\u00e4chtigende Folgen.<\/p>\n<p>Es gibt jene Betroffenen, die psychisch vollst\u00e4ndig zusammenbrechen, bis hin zu Suizidversuchen, schlicht weil sie das Alleinsein nicht ertragen, das v\u00f6llige Fehlen eines Gegen\u00fcbers, die dann nur mit Psychopharmaka den Zustand irgendwie zu ertragen verm\u00f6gen. Andere, die resilienter, sprich widerstandsf\u00e4higer gegen\u00fcber psychischen Belastungen sind, bleiben jedoch auch nicht verschont von sch\u00e4dlichen Folgen.<\/p>\n<p>Ich selbst, obwohl nun seit sechs Jahren im \u201eNormalvollzug\u201c sitzend, d.h. die Zelle ist jeden Tag circa. 2 \u00bd Stunden (werktags) bzw. 5 \u00bd Stunden (wochenends) ge\u00f6ffnet, so dass ich Mitgefangene treffen kann, ziehe es vor, jeweils nur mit ein oder zwei Gefangenen in einer konkreten Situation zu tun zu haben, denn sobald es mehr Menschen sind, ist der Umfang der eintreffenden Signale schlicht zu gro\u00df. Wer viel und lange Zeit alleine lebt, leben muss, lernt sich damit zu arrangieren, so dass sich bestimmte Mechanismen auch verselbst\u00e4ndigen.<\/p>\n<p>Und dazu geh\u00f6rt dann auch eine reduzierte Aufnahmef\u00e4higkeit, oder die F\u00e4higkeit, sich in Gespr\u00e4chen auf ein Gegen\u00fcber zu konzentrieren.<\/p>\n<p>Wir lesen oder h\u00f6ren von Menschen, die in Isolationshaft sitzen in der Regel jedoch nur, wenn diese in der Lage sind, sich aktiv mitzuteilen (per Brief, denn eine andere M\u00f6glichkeit gibt es nicht). Das traurige ist, es gibt so viele, die noch heute ungeh\u00f6rt und ungesehen in Isolation sitzen, einfach weil ihnen die F\u00e4higkeit oder auch der Wille fehlen, sich mitzuteilen, auf ihr Los hinzuweisen.<\/p>\n<p>Abu Ghraib, das heute schon weitestgehend vergessene Foltergef\u00e4ngnis der Amerikaner wurde deshalb zum \u00f6ffentlichen Skandalon, weil es Photos gab. Im Zeitalter des Internets gewinnen Bilder immer mehr an Wirkmacht \u2013 und von Orten, von welchen es keine Bilder gibt, wird wenig oder gar nichts berichtet. Das ist die Sicherheit, in der sich die Justizangeh\u00f6rigen wiegen k\u00f6nnen, dass ihr Tun nicht in die Zeitung kommen, nicht publik werden wird.<\/p>\n<p><em>Der Vollzug<\/em><\/p>\n<p>Es mag auf den ersten Blick fortschrittlich aussehen, wenn Gefangene und Sicherungsverwahrte sich Flachbildfernseher und die Playstation-2 kaufen d\u00fcrfen. Beides mussten sie sich jedoch gerichtlich erstreiten und es d\u00fcrfte f\u00fcr die Zeit nach der Haft nicht zwingend hilfreich sein, es dann in verschiedenen Playstation-Spielen zur Meisterschaft gebracht zu haben, jedoch noch nie einen PC gesehen zu haben, oder diesen routiniert bedienen zu k\u00f6nnen. Denn PC&#8217;s (vom Internetzugang gar nicht zu reden) sind in den Haftr\u00e4umen verboten; mit der Folge, dass kein Gefangener bei der Entlassung eine eigentlich gebotene gefestigte Praxis im Umgang mit dem Computer vorweisen kann.<\/p>\n<p>Abgesehen von diesen technischen Neuerungen gibt es wenig erbauliches zu berichten, vielmehr wurde im Laufe der letzten Jahre immer mehr an der Sicherheitsschraube gedreht. Jahr f\u00fcr Jahr gibt es neue Restriktionen: Mal werden alle Glasflaschen verboten, dann folgen Tesafilm, Uhu, Besenstiele und so weiter. Die M\u00f6glichkeiten, sich innerhalb eines Gef\u00e4ngnisgeb\u00e4udes zu bewegen, wurde auch vielerorts teils erheblich eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Konnten sich noch vor wenigen Jahren in Bruchsal, Mannheim und weiteren Gef\u00e4ngnissen die Bewohner gegenseitig im gesamten Hafthaus besuchen, d\u00fcrfen sie sich heute in der Regel nur noch auf ihrer eigenen Station aufhalten und werden rigoros bestraft, wenn sie versuchen, jemand auf einer anderen Station zu besuchen.<\/p>\n<p>Wohin man sieht: Kameras! Hier findet also eine Angleichung an die Lebensverh\u00e4ltnisse in Freiheit tats\u00e4chlich statt. Kein Schritt au\u00dferhalb der Zelle, der nicht \u00fcberwacht und kontrolliert wird.<\/p>\n<p>Ganz besonders \u201ekontrolliert\u201c wird in den Gef\u00e4ngnissen zudem die Gruppe der \u201eRussland-Deutschen\u201c\/Aussiedler aus den GUS-Staaten. Auch wenn sonst wenig von Solidarit\u00e4t zwischen und unter den Gefangenen zu sp\u00fcren ist, jene Gefangenen mit Bezug zu den ehemaligen Sowjetstaaten solidarisieren sich untereinander, schotten sich teilweise auch ab, kooperieren nicht mit den Anstalten und helfen sich auch gegenseitig, z.B. mit Tabak und Kaffee. Eine Vorgehensweise und Bildung einer \u201eSubkultur\u201c, die der Justiz ein so massiver Dorn im Auge ist, dass mit strikten Sicherungs-, \u00dcberwachungs- und Kontrollma\u00dfnahmen versucht wird, die gruppeninterne Solidarit\u00e4t zu brechen. Selbst wer sich jener \u201eSubkultur\u201c nicht anschlie\u00dft, aber laut Geburtsurkunde in einem ehemaligen GUS-Staat geboren ist, wird automatisch mit Sicherungsma\u00dfnahmen belegt und ist dann angehalten, erstmal gegen\u00fcber der Anstalt zu beweisen, dass er\/sie sich von den entsprechenden Mitgefangenen distanziert.<\/p>\n<p>Nicht wenige haben im Laufe der Jahre mir gegen\u00fcber bekundet, dass sie in ihrer Kindheit in der Sowjetunion als die \u201eSchei\u00df-Nazi-Deutschen\u201c galten, nur um dann nach der Auswanderung nach Deutschland hier nun in den Gef\u00e4ngnissen als die \u201eSchei\u00df-Russen\u201c bezeichnet und als solche behandelt zu werden.<\/p>\n<p>Zu den besonders bedr\u00fcckenden Erfahrungen der Bilanz z\u00e4hlt f\u00fcr mich auch das Sterben im Gef\u00e4ngnis. Immer mal wieder habe ich \u00fcber den Tod von Gefangenen berichtet. Hier w\u00e4re dann besonders an <a title=\"Thomas Meyer-Falk: Tod eines HIV-positiven Gefangenen\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-tod-eines-hiv-positiven-gefangenen\" target=\"_blank\">Willi<\/a> zu denken, einem HIV-positiven Mitgefangenen, den die Justiz hat im Gef\u00e4ngnis sterben lassen \u2013 und das trotz aller seiner verzweifelten Versuche, die absehbar kurze Zeitspanne bis zu seinem Tod in Freiheit zubringen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Sein Tod d\u00fcrfte symptomatisch sein f\u00fcr die Entwicklung im (deutschen) Strafvollzug: Gnadenlose H\u00e4rte, bis zum Ende.<\/p>\n<p><em>Die Gutachter<\/em><\/p>\n<p>Eine Bilanz w\u00e4re unvollst\u00e4ndig, w\u00fcrde die Rolle und Macht von (psychiatrischen) GutachterInnen unerw\u00e4hnt bleiben.<\/p>\n<p>Wer vor Ende der Haftzeit, \u201eauf Bew\u00e4hrung\u201c frei kommen m\u00f6chte, wird in der Regel begutachtet. Oftmals durch Anstaltspsychologen, in vielen F\u00e4llen jedoch auch durch externe Sachverst\u00e4ndige.<\/p>\n<p>Der Auftrag des Gerichts, welches \u00fcber eine Haftentlassung zu entscheiden hat, lautet dann meist, der\/die Sachverst\u00e4ndige m\u00f6ge sich dazu \u00e4u\u00dfern, ob \u201ebei dem Verurteilten keine Gefahr mehr besteht, dass dessen durch die Tat zutage getretene Gef\u00e4hrlichkeit fort besteht\u201c (vgl. \u00a7 454 Abs. 2 Strafprozessordnung).<\/p>\n<p>Faktisch entscheiden dann diese GutachterInnen \u00fcber Freiheit oder (weiterhin) Knast, denn f\u00e4llt das Urteil des Sachverst\u00e4ndigen positiv aus, wird der\/die Betroffene entlassen, andernfalls weiter verwahrt.<\/p>\n<p>Im Mai 2013 berichtete das <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/hauptnavigation\/sendung-a-bis-z#\/beitrag\/video\/1910436\/Pflegestufe:-Kassen-gegen-Patienten\" target=\"_blank\">ZDF Polit-Magazin Frontal 21<\/a> \u00fcber die Begutachtungen im Bereich der Pflege. Die Kranken- und Pflegeversicherer beauftragen den MDK (Medizinischen Dienst der Krankenkassen) mit der Begutachtung von Pflegebed\u00fcrftigen, um festzustellen, ob eine Pflegestufe (1, 2 oder 3) zu gew\u00e4hren ist und wenn ja, welche. Dabei kommt es in zig-tausenden von F\u00e4llen \u2013 das ZDF dokumentierte die Arbeit einer unabh\u00e4ngigen Beraterin, und diese alleine hatte schon mehrere tausend Gutachten als falsch entlarvt \u2013 zu Falschbegutachtungen. Den ersichtlich pflegebed\u00fcrftigen Menschen wird die ihnen zustehende Leistung erstmal verweigert und das in einem Gro\u00dfteil der F\u00e4lle, obwohl die Notwendigkeit evident ist.<\/p>\n<p>Wenn es also schon, deshalb dieser kleine Exkurs, in einem Bereich, in welchem es prim\u00e4r um die Gutachtenerstattung im Hinblick auf k\u00f6rperliche Gebrechen und Einschr\u00e4nkungen geht, zu einem hohen Ma\u00df an schlicht falschen Gutachten kommt, weshalb sollte es im Bereich der (forensischen) Psychiatrie besser laufen? Auf einem Gebiet, auf welchem die Kriterien noch unsch\u00e4rfer sind, noch mehr der pers\u00f6nlichen Weltanschauung des Gutachters unterliegen!<\/p>\n<p>Gerade weil letztlich die psychiatrischen Sachverst\u00e4ndigen \u00fcber eine Entlassung aus der Haft zu entscheiden haben, neigen sie nicht zu \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Optimismus in ihren Expertisen, denn niemand m\u00f6chte, sollte die positive Prognose sich als falsch erweisen, am n\u00e4chsten Tag in der BILD-Zeitung stehen mit der Schlagzeile: \u201eDIESER Gutachter lie\u00df den IRREN frei!\u201c.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu der Situation f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige gibt es jedoch f\u00fcr Inhaftierte weder eine entsprechende Lobby, noch unabh\u00e4ngige Stellen, die die Gutachten pr\u00fcfen. Die Gerichte \u00fcbernehmen in der Praxis die Stellungnahmen der Sachverst\u00e4ndigen sogar w\u00f6rtlich in die eigenen Entscheidungen, ohne diese kritisch zu hinterfragen (was hingegen vorkommt, wie ganz aktuell in der JVA Bruchsal: Ein durchweg f\u00fcr den Gefangenen X. positives Gutachten wurde vom zust\u00e4ndigen Richter so lange zerpfl\u00fcckt, bis dieser die eigentlich m\u00f6gliche Haftentlassung des wegen eines Drogendeliktes inhaftierten Gefangenen ablehnen konnte). So reiht sich dann, insbesondere bei Gefangenen mit langen Strafen, ein ung\u00fcnstiges Gutachten an das n\u00e4chste.<\/p>\n<p>In meinem eigenen Fall, gerade wegen der bevorstehenden Sicherungsverwahrung (bzw. in solchen F\u00e4llen prinzipiell), m\u00fcsste, damit mich das Gericht auf freien Fu\u00df setzt, der Sachverst\u00e4ndige zu dem Ergebnis kommen, dass erneute Straff\u00e4lligkeit faktisch ausgeschlossen ist. Eine Beurteilung, die selbst bei Menschen, die noch nie mit dem Strafgesetz in Ber\u00fchrung gekommen sind, so kaum zu treffen ist, denn es soll prognostiziert werden, dass ich etwas nicht tun werde. Dabei erwarten die Gerichte von den GutachterInnen, dass sich deren Prognose auf die n\u00e4chsten Jahre erstreckt.<\/p>\n<p>Aber wie soll ein Psychiater ernsthaft und seri\u00f6s prognostizieren k\u00f6nnen, was ein Mensch in einem Monat, in einem halben Jahr oder in zwei Jahren tun oder auch nicht tun wird?<\/p>\n<p>Ich habe f\u00fcr mich aus diesen und anderen Gr\u00fcnden entschieden, mit Psychologen und Psychiatern nicht zu sprechen.<\/p>\n<p>Es gibt schon aus den 60&#8217;er Jahren Untersuchungen, die belegen, wie ma\u00dflos die \u201eGef\u00e4hrlichkeit\u201c von Inhaftierten \u00fcbersch\u00e4tzt wird \u2013 aus welchen Motiven heraus auch immer. Aus dem Jahr 2010 datiert die Dissertation von Michael Alex (\u201eNachtr\u00e4gliche Sicherungsverwahrung \u2013 ein rechtsstaatliches und kriminalpolitisches Debakel\u201c). Dr. Alex wies in seiner Untersuchung von 77 als extrem \u201egef\u00e4hrlich\u201c und in h\u00f6chstem Ma\u00dfe als R\u00fcckfall gef\u00e4hrdet eingestuften Ex-Gefangenen nach, dass 50 der 77 Betroffenen gar nicht mehr strafrechtlich in Erscheinung getreten waren. Jene 27, die doch wieder Straftaten begingen, wurden in 10 F\u00e4llen zu Geldstrafen und in 5 F\u00e4llen zu einer Bew\u00e4hrungsstrafe verurteilt. Nur 12 Ex-Gefangene erhielten eine Strafe ohne Bew\u00e4hrung, in der Regel wegen Diebstahl, Betrug oder Drogendelikten. In drei F\u00e4llen wurde die Sicherungsverwahrung verh\u00e4ngt. Mithin in lediglich drei von 77 F\u00e4llen realisierte sich die zu Anfang prognostizierte \u201eextreme Gefahr\u201c, also in weniger als 4 % der F\u00e4lle. Und dies, obwohl zuvor alle 77 Personen von Justiz und Gutachtern als so extrem gef\u00e4hrlich beurteilt wurden, dass man sie nachtr\u00e4glich in die Sicherungsverwahrung stecken wollte.<\/p>\n<p>Freilich d\u00fcrfte sich auf absehbare Zeit an der Gutachter-Problematik nichts \u00e4ndern, so dass hier aus Gefangenensicht der Ausblick mehr als pessimistisch ist.<\/p>\n<p><em>Die Sicherungsverwahrung<\/em><\/p>\n<p>Im Grunde war es f\u00fcr mich eine Erleichterung zu wissen, ich habe die SV schon. So konnte mich zu keinem Zeitpunkt die Justiz mit der Drohung, man werde die nachtr\u00e4gliche Anordnung <a title=\"Thomas Meyer-Falk: Uwe O. zu Sicherungsverwahrung verurteilt\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-uwe-o-zu-sicherungsverwahrung-verurteilt\" target=\"_blank\">pr\u00fcfen oder gar beantragen<\/a> (was rechtlich nach wie vor m\u00f6glich ist) unter Druck setzen.<\/p>\n<p>Heute vielfach nicht (mehr) bekannt ist, es waren vornehmlich die Vertreter kommunistischer und sozialdemokratischer Parteien, die w\u00e4hrend der Weimarer Zeit die damals angedachte Einf\u00fchrung der SV verhinderten. Und kein geringerer als Kurt Tucholsky, dessen Satz von \u201eSoldaten sind M\u00f6rder\u201c zum Kampfruf f\u00fcr Millionen von Menschen wurde, positionierte sich schon 1928 eindeutig gegen die SV (\u201e<a href=\"http:\/\/www.textlog.de\/tucholsky-verwahrung.html\" target=\"_blank\">Nieder mit der Sicherungsverwahrung<\/a>\u201c in: Die Weltb\u00fchne 1928, S. 838-840). Es waren dann die Nationalsozialisten, die am 23.11.1933 die SV einf\u00fchrten.<\/p>\n<p>In der Zeit nach 1949 durften Vertreter der unbarmherzigen NS-Justiz, wie ein Eduard Dreher (1943 in Innsbruck an Todesurteilen beteiligt) <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!116047\/\" target=\"_blank\">in der westdeutschen Justiz Karriere machen<\/a> und, wie erw\u00e4hnter Dreher, ma\u00dfgeblich die Kommentierung und damit auch Anwendung der Paragrafen zur Sicherungsverwahrung verantworten.<\/p>\n<p>Die DDR-Justiz entschied schon 1952, dass die SV \u201einhaltlich faschistisch\u201c (Urteil Oberstes Gericht der DDR vom 23.12.1952) und deshalb, auf dem Gebiet der DDR, verboten sei.<\/p>\n<p>Heute sind die Haftbedingungen in der SV, im Vergleich zum \u00fcbrigen Strafvollzug, sicherlich ein bisschen erfreulicher und auch entspannter (zur medialen Rezeption), jedoch bleibt selbst ein <a title=\"Thomas Meyer-Falk: SV-Knast in Freiburg\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-sv-knast-in-freiburg\" target=\"_blank\">golden angestrichener K\u00e4fig immer noch ein K\u00e4fig<\/a>!<\/p>\n<p><em>Ausblick in eigener Sache<\/em><\/p>\n<p>Da ich damit rechnen muss, die n\u00e4chsten zehn Jahre in der Sicherungsverwahrung zuzubringen, mag der Ausblick wenig erfreulich anmuten. Jedoch bin ich in der au\u00dferordentlich gl\u00fccklichen Situation, Menschen zu kennen, Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen, die mich begleiten, mir schreiben und auch zu Besuch kommen, sowie tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Es gibt zudem Gruppen, die stets solidarisch sind, wie <a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\" target=\"_blank\">ABC<\/a>, die <a href=\"http:\/\/www.rote-hilfe.de\" target=\"_blank\">Rote Hilfe e.V.<\/a> oder das <a href=\"http:\/\/www.gefangenen.info\" target=\"_blank\">Gefangenen Info<\/a>.<\/p>\n<p>Zu erw\u00e4hnen ist auch der Berliner Verein <a href=\"http:\/\/freiabos.de\/\" target=\"_blank\">Freiabonnements f\u00fcr Gefangene e.V.<\/a>, der vielen hundert Gefangenen, darunter auch mir, regelm\u00e4\u00dfig Abonnements von Zeitungen und Zeitschriften vermittelt.<\/p>\n<p>Und so bin ich guten Mutes, auch die vor mir liegende Zeit, in der ich dann nicht mehr \u201eStrafgefangener\u201c, sondern \u201eSicherungsverwahrter\u201c sein soll, einigerma\u00dfen unbeschadet zu \u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Zumindest jedoch besser, als jene, die nicht das Gl\u00fcck haben, auf so breite Unterst\u00fctzung bauen zu k\u00f6nnen. Die vergessen von der Welt in ihren Zellen ein Leben leben, das mit W\u00fcrde wenig und mit Freiheit nichts zu tun hat.<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<\/em><br \/>\n<em> c\/o JVA \u2013 Z. 3113<\/em><br \/>\n<em> Sch\u00f6nbornstr. 32<\/em><br \/>\n<em> D-76646 Bruchsal<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\" target=\"blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich nun fast 17 Jahre ununterbrochen in Haft sitze, soll ich ab dem 08. Juli 2013 in Sicherungsverwahrung (\u201eSV verboten?\u201c) untergebracht werden. Das bevorstehende Ende der Strafhaftzeit m\u00f6chte ich f\u00fcr eine Art Bilanz nutzen. 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